Dienstag, 18. Mai 2021

Richtung Süden, Nils Trede

Was ist los mit dieser Welt? Das fragt sich der namenlose Erzähler dieses kurzen Romans. Er betrachtet den alltäglichen Wahnsinn um sich herum und kann diesen nicht normal finden. Der Vater zweier Kinder fühlt Unheil heraufziehen, blickt besorgt auf die Rolle Russlands, auf die im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge, aber auch auf die mangelnde Chancengleichheit der Kinder und die wachsende Aggressivität der Menschen. Stehen manche nicht schon am Rande? Hat sich der Blick des Fleischers nicht irgendwie verändert? Und die Kassiererin im Supermarkt – hat sie sich vielleicht auch schon aufgegeben? Sind diese Menschen suizidal und benötigen seine Hilfe?

Wir lauschen dem Gedankenfluss des Erzählers 80 Seiten lang, unterbrochen nur von kurzen Dialogen, denn er kann sich nur seiner Ehefrau wirklich mitteilen. Er berichtet ihr und schließlich einem Arzt von seinen Befürchtungen, aber sie nehmen ihn nicht ernst. Er spricht von der moralischen Verpflichtung, die uns alle trifft, in das Weltgeschehen einzugreifen – und tut es selbst doch nicht.

„Die Kinder dort: Sie sind alle gleich. Sie sind von der Natur alle gleich gut gemacht. Und das denken die auch von sich selbst, gegenseitig: Wir sind alle gleich. (…) Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Weil ich weiß, welche Eltern zu welchem Kind gehören. Und deshalb weiß ich auch, wer von denen einmal in den Chefetagen ein- und ausgehen und wer von ihnen öffentliche Toiletten reinigen wird. (…) Und es treibt mich um. (…) Höre auf, deshalb gleich von Sozialismus zu sprechen! (…) Kannst du das nicht einfach mal so stehenlassen? Als Abfolge von Wörtern so stehenlassen, ohne sie sogleich unter dem Schutt deiner Lebensgeschichte wieder verschwinden zu lassen? Hör zu: Da braut sich was zusammen.“ (S. 16)

Zu Anfang dieses sehr handlungsarmen Romans legt der Erzähler den Finger in manche gesellschaftliche Wunde. Uns alle sollte das Schicksal anderer Menschen mehr kümmern, unserer Nachbarn im Haus genauso wie das der Mitmenschen in anderen Erdteilen. Aber mehr und mehr scheint der Erzähler irre zu werden an sich selbst. Er formuliert Handlungspflichten, möchte andere auf die Misere aufmerksam machen, und hält sich doch immer wieder selbst zurück mit dem Gedanken, was denn die Leute denken sollen, wenn man als Fremder sie einfach anspräche. Schlimme Dinge geschehen, manchmal im direkten Umfeld des Erzählers, manchmal in den Nachrichten. Er ringt mit sich, gerät dabei aber immer mehr in redundante Gedankenschleifen. Das ist manchmal anstrengend zu lesen.

Der Text regt zum Nachdenken an, aber die Sorgen des Erzählers ernst zu nehmen, fiel mir zunehmend schwer. Von Anfang an war ich nicht sicher, ob hier ein Verrückter zu mir spricht. Das möge jeder Leser selbst entscheiden. Sicher ist aber, dass es uns allen in diesen Zeiten immer schwerer fällt, am komplizierten globalen Alltag mit seinen massiven Widersprüchen nicht irre zu werden. Dieses Zeitgefühl spiegelt der Roman eindrücklich wider.

Ein Roman, der den Stream of Conciousness dieser Tage widerspiegelt, den alltäglichen Wahnsinn, den wir alle jeden Tag hinnehmen.

Richtung Süden, Nils Trede, Secession Verlag, Zürich 2021, 80 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Montag, 17. Mai 2021

Der große Sommer, Ewald Arenz

Bereits Ewald Arenz‘ letztes Buch „Alte Sorten“ habe ich sehr gemocht. Deshalb habe ich mich sehr gern an einer Leserunde des Verlags auf Instagram zu seinem aktuellen Roman beteiligt. „Der große Sommer“ ist ein Coming of age-Roman, der offensichtlich autobiografische Züge trägt. Wie der Autor ist die Hauptfigur Friedrich Jahrgang 1965. Der Roman spielt ca. 1980 und nimmt uns mit in die Zeit, als man noch vom Münztelefon aus anrief und eine Adresse auf dem Stadtplan statt im Handy nachschlagen musste.

Friedrich stammt aus einer großen Familie, darf jedoch nicht mit Eltern und Geschwistern in den Sommerurlaub fahren, sondern wird bei den Großeltern einquartiert, um für seine Nachprüfungen in Mathe und Latein zu lernen. Was wie die Hölle klingt, entwickelt sich dennoch zu einem bemerkenswerten Sommer. Zusammen mit seiner Schwester Alma und seinem besten Freund Johann kann Friedrich schwimmen gehen oder den Sonnenuntergang bewundern. Beate, die Friedrich im Schwimmbad kennenlernt, wird seine erste große Liebe.

Es sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren, die diese Geschichte besonders machen. Da ist zum einen die Freundschaft zwischen Friedrich und Johann. Beide lehnen sich gegen spießige Erwachsene und spätfaschistische Lehrer auf. Johann erlebt im Sommer einen Schicksalsschlag. Die Geschwisterbeziehung zwischen Frieder und Alma ist ausgesprochen eng und herzlich. Die beiden verstehen sich ohne Worte. Das kann ein Einzelkind manchmal kaum nachvollziehen.

Von besonderem Schlag sind Frieders Großeltern. Die Großmutter ist Künstlerin und eine warmherzige, verständnisvolle Frau. So eine Oma hätte jeder gerne! Ihr Mann ist nicht der Vater von Frieders Mutter, sondern der Stiefvater. Für seine strenge, verschlossene Art wird er von vielen Familienmitgliedern gefürchtet. Er ist ein Ausbund an Pflichtbewusstsein und Bildungsbürgertum. Beiden Großeltern kommt Frieder durch seinen Ferienaufenthalt näher und erfährt dabei viel Neues über die Familiengeschichte.

Der Roman ist geprägt von der Sehnsucht, die so typisch ist für die Teenagerjahre. Frieders Gedanken kreisen um die Themen Brasilien, Beate und Berühmtheit. Brasilien steht für die große weite Welt, die Frieder bereisen möchte. Von Beate möchte er geliebt und begehrt werden, erlebt aber die Unsicherheit, die mit allen ersten Malen verbunden ist. Und wer würde nicht gern berühmt werden, z.B. als Rocksänger?

„Das Sri Sri der Mauersegler schnitt das Licht dieses Sommertags in hellgelbe, aufregend saure Zitronenscheiben und ich dachte, man müsste draußen sein und nicht hier drin neben dem Fenster sitzen. Draußen, jenseits des Flusses sein, und dann würde man nach Norden gehen, wo das Meer lag und man sich nach Südamerika einschiffen konnte.“ (S. 5)

Wie schon der Vorgängerroman überzeugt auch dieser durch seine atmosphärische Sprache. Originelle Naturbeschreibungen und Hinweise auf das Alltagsgefühl der 1980er Jahre lassen die Leserin eintauchen in Frieders Welt. Meine eigene Schulzeit in den 80ern stand mir sofort wieder vor Augen. Ich hatte den leicht muffigen Geruch von Telefonbüchern aus der gelben Zelle in der Nase. Feinfühlich beschreibt Ewald Arenz seine Figuren, die er alle sehr gern zu haben scheint, und gibt ihnen dadurch viel Tiefe und Authentizität. Es ist ein Wohlfühlbuch über den Sommer, dessen Handlung aber weder vorhersehbar, noch platt ist. Ich würde gerne noch viele weitere Bücher dieses sensiblen Autors lesen!

Ein Sommerroman für alle Jahreszeiten mit sympathischen Charakteren, Liebe und Lebensweisheit, erzählt in wunderschönen Worten, die einen beim Lesen streicheln wie ein Sommerwind.

Der große Sommer, Ewald Arenz, DuMont Verlag, Köln 2021, 320 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Freitag, 14. Mai 2021

Marie, Steven Uhly

Gestern habe ich Euch die Geschichte vom „Glückskind“ vorgestellt, dem Baby, das von einem älteren Mann im Müll gefunden wurde. Das Glückskind hieß Chiara. Und natürlich ist sie älter geworden. Wie ist es ihr ergangen?

Die sechsjährige Chiara lebt bei ihrer Mama, zusammen mit ihren älteren Geschwistern Frido und Mira. Ihr Papa hat eine neue Frau und ein Baby. Chiaras Mutter fühlt sich oft überfordert von ihrer Arbeit in einer Arztpraxis und den drei Kindern. Was hat das Leben für einen Sinn, wenn es nur aus Arbeit besteht? So ist es oft der zwölfjährige Frido, der sich um die beiden kleinen Schwestern kümmern muss. Damit Chiara einschlafen kann, erzählt Frido ihr abends manchmal Geschichten. Eines Tages erzählt Frido von einem kleinen Mädchen namens Marie, das von jemandem in einen Müllcontainer geworfen wurde. Aber Marie hat überlebt, weil da dieser alte Mann war. Der Mann sieht so aus, wie der Mann, der im Lotto-Toto-Laden arbeitet, an dem Frido auf seinem Schulweg vorbeikommt. Chiara ist fasziniert von dieser Geschichte. Als sie ihren Bruder fragt, woher er die Geschichte hat, sagt Frido schnell, sie habe in der Zeitung gestanden. Das stimmt – und ist doch nicht ganz wahr.

„Sie erzählt von der großen Pause, als sie mit den Jungen Nachlaufen gespielt haben, und weiß immer noch genau, welcher Junge welches Mädchen gefangen hat. Sie hört gar nicht auf zu erzählen und fühlt sich sehr wohl. Plötzlich aber brüllt Veronika Kelber ihr aus nächster Nähe ins Ohr: „Jetzt halt doch mal den Mund!“ Chiara ist so verdutzt, dass sie zunächst gehorcht. Dann beginnt sie leise zu weinen. Als Veronika das sieht, schmeißt sie den Waschlappen wütend auf den Boden und verlässt das Bad. (S. 50)

Die Geschichte, die dieser Roman erzählt, spielt sich jeden Tag in vielen deutschen Haushalten ab. Nicht der Teil mit der Mülltonne, aber der Alltag überforderter Eltern, die die Grundbedürfnisse ihrer Kinder nicht im Ansatz erfüllen können. Manchmal sehen sie diese Bedürfnisse sogar, aber ihre Kraft reicht einfach nicht aus. Alltägliche kleine und auch größere Katastrophen passieren, die Kinder allein gewältigen müssen. Aber da erweist sich in diesem Roman die Vorgeschichte mit dem Baby im Müll als Glücksfall, denn schließlich ist Chiara ein Glückskind. Sie kommt der Vergangenheit nicht wirklich auf die Spur, aber sie kommt ihr doch so nahe, dass sie ein zweites Mal „gefunden“ wird. Und so ist auch diese Geschichte nicht ausschließlich trostlos, sondern auch hoffnungsvoll. Sie erzählt von rührender Geschwisterliebe und den unglaublichen Kräften, die in Kindern stecken, sowie von Hilfe, die irgendwann doch kommt. Ich fand diesen Roman schmerzvoller als den ersten, leider sehr realistisch, aber auch sehr spannend. Und am Ende habe ich mich mit den drei Kindern gefreut und konnte sie gut gehen lassen.

Ein Familiendrama von Vernachlässigung und Überforderung, wie es jeden Tag passiert und dadurch sehr anrührt. Manches ist harter Tobak, aber zum Glück sind so viel Liebe und Hoffnung dabei, dass man das Buch vom sechsjährigen Glückskind gut lesen kann.

Marie, Steven Uhly, Secession Verlag, Zürich 2016, 272 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...