Samstag, 30. März 2019

Deutsche Nationalbibliothek Leipzig

Anlässlich der Leipziger Buchmesse hatte ich die Gelegenheit zu einem Besuch in der Leipziger Nationalbibliothek mit Führung. Die Bibliothek besteht aus einem alten und mehreren neueren Gebäuden, da ihr Umfang täglich wächst. Sie ist wirklich wunderschön und lohnt auf jeden Fall einen Besuch!

Aufgaben und Entstehung


Die Deutsche Nationalbibliothek als Institution besteht heute aus zwei Standorten, dem in Leipzig und einem weiteren in Frankfurt am Main. (Die Frankfurter Buchmesse kommt bestimmt, so dass ich auch die zweite Bibliothek besuchen kann.) Sie beschäftigt heute ca. 650 MitarbeiterInnen an beiden Standorten zusammen. Gegründet wurde die Nationalbibliothek als „Deutsche Bücherei“ 1912 in Leipzig. Warum eigentlich dort und nicht in Berlin? Leipzig war damals schon eine bedeutende Buchstadt, in der fast 1.000 Buchhändler und Verlage angesiedelt waren, nebst vielen Druckereien, Buchbindern etc.

Aufgabe der Deutschen Nationalbibliothek ist das Sammeln und Bewahren deutschsprachiger Literatur ab dem 01.01.1913, also der in Deutschland, Österreich und der Schweiz erscheinenden Druckerzeugnisse (Bücher, Tageszeitungen, Zeitschriften, eBooks u.v.m.). Gesammelt werden darüber hinaus Übersetzungen deutscher Bücher in andere Sprachen, im Ausland erscheinende Germanica (fremdsprachige Bücher über Deutschland) und Literatur von deutschen Emigranten der Jahre 1933 bis 1945. Die Bibliothek katalogisiert die gesammelten Werke und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich (reine Präsenzbibliothek, Fernleihe nur im Ausnahmefall), wenn gleich die Archivierung an erster Stelle steht.

Deutsche Teilung und Verschlusssachen

Während der deutschen Teilung bestanden die Standorte in Ost und West nebeneinander und sammelten alle Bücher doppelt. Sie tauschten sich auch aus, so dass die im Osten erschienene Literatur im Westen und die Westliteratur im Osten ankam. Wer sie allerdings im Osten zu lesen bekam, war eine andere Frage. Große Teile wurden vor der Öffentlichkeit unter Verschluss gehalten. Auch heute noch lässt die Bibliothek eine gewisse Vorsicht walten, was die Herausgabe bestimmter Literatur an die Öffentlichkeit angeht. Werke aus den Bereichen Faschismus sowie Erotik / Pornografie können nur zu (nachgewiesenen) wissenschaftlichen Zwecken eingesehen werden. Die gesamte Bibliothek darf nur von volljährigen Personen benutzt werden. Die Benutzung – auch die Führungen sowie museumspädagogische Angebote für Kinder - ist für jedermann kostenlos.

6.000 Neueingänge pro Tag

Es ist schier überwältigend sich vorzustellen, welche Menge an Neueingängen die Bibliothek täglich zu verarbeiten, also im Katalog zu erfassen und zu archivieren hat. Täglich erreichen 1.500 Printmedien die Bibliothek, hinzu kommen 4.500 Onlinepublikationen – am Tag! Da verwundert es nicht, dass zu dem historischen Gründungsgebäude inzwischen vier Erweiterungsbauten errichtet wurden und ein fünftes bereits in Planung ist. Die Bibliothek kauft nicht den gesamten Bestand. Jeder Verleger ist gesetzlich verpflichtet, kostenlos und unaufgefordert zwei Pflichtexemplaren jeder Publikation, eins für Leipzig und eins für Frankfurt, bei der Bibliothek abzuliefern.

Architektur


Das historische Gebäude am Deutschen Platz in Leipzig grüßt den Besucher schon von außen mit goldverzierten Flügeltüren und an der Fassade angebrachten Statuen bedeutender Dichter und Denker, u.a. Goethe und Bismarck. Im Foyer befinden sich vier farbige Mosaiken von Frauen, z.B. die Lesende und die Schreibende. (Warum lesende Frauen oft nackt dargestellt werden, verstehe ich allerdings nicht.)

Lesesaal von 1916
Besonders sehenswert sind die beiden älteren Lesesäle des historischen Altbaus. Die Säle sind nach Sachgebieten aufgeteilt. Der älteste Saal stammt von 1916 und beeindruckt durch wunderschöne dunkle Holztische und –stühle. An jedem Leseplatz sorgt eine grüne Bibliotheksleuchte für genügend Licht. Der Buchbestand ist in Regalen an den Wänden und auf einer herrlich knarzigen Galerie mit Holzaufgängen und –geländern aufgestellt. Einmal in diesem Saal über Nacht eingeschlossen werden und ihn ganz für sich haben … das wäre ein Traum!

Bauhaus-Lesesaal von 1937
Ebenfalls wunderschön, aber von ganz anderem Charme ist der Bauhaus-Lesesaal von 1937 in Weiß, Schwarz und Chrom. Historische Freischwinger stehen vor schlichten hellen Tischen mit Chrombeinen, dazu eine schwarze Leuchte an jedem Platz. Auch hier erhebt sich eine Galerie über den Saal, abgegrenzt mit Chromgeländer und Regalbeschriftungen aus Metallbuchstaben. Sogar einen alten Zettelkastenkatalog hat man aus historischen Gründen darin stehen lassen, obwohl der Bibliotheksbestand natürlich längst digital katalogisiert ist. Einfach schön!

Ganz nüchtern und funktional nimmt sich dagegen der dritte Lesesaal aus den 1960er Jahren, also der DDR-Zeit aus. Er erinnert eher an ein Klassenzimmer mit sehr einfachen Tischen und Stühlen ohne schmückendes Beiwerk oder Leseleuchten. Er erfreut sich deutlich geringerer Leserzahlen, die sich durch den nachträglichen Einbau von Steckdosen an den Leseplätzen für Laptops auch nur geringfügig erhöhten. Kein Wunder, wenn zwei solche Schmuckstücke von Lesesälen gleich nebenan zur Verfügung stehen.

Vierter Erweiterungsbau
Ausgeklügelt erscheint der vierte Erweiterungsbau der Bibliothek. Er sieht passenderweise von außen aus wie ein liegendes Buch! Die Fenster sind in verschiedenen Schattierungen gefärbt. Ordnet man jeder Farbe einen Ton zu, ergibt sich aus der Abfolge die vierte Goldberg-Variation von Bach. Die Stadt ehrt damit das Wirken Bachs in Leipzig und weist mit der Zahl vier auf den vierten Erweiterungsbau der Bibliothek hin.

Die Bibliotheksbauten sind unterkellert, um weiteren Archivraum zu schaffen und durch unterirdische Gänge miteinander verbunden. Eine elektrische Buchförderanlage transportiert Wannen mit Büchern vom Magazin zur Buchausgabe. Der Keller birgt außer Büchern noch andere Schätze, etwa alte Druckmaschinen, Schreibmaschinen oder Maschinen zur Herstellung von Drucklettern. Diese werden zu besonderen Gelegenheiten sogar in Betrieb genommen.

Deutsches Musikarchiv

Inzwischen ist das Deutsche Musikarchiv Teil der Nationalbibliothek, so dass auch Schallplatten, CDs, Noten und dergleichen gesammelt werden. Es gibt einen hoch modernen Musiklesesaal, in dem vier Plätze mit Digitalklavieren vorhanden sind, an denen über Kopfhörer die angeforderten Noten direkt gespielt werden können. Natürlich gibt es auch Hörkabinen, in denen man alle Tonträger anhören kann. Das Archiv verfügt über alte Grammophone, mit denen man sogar Schellackplatten anhören kann. Allerdings darf man diese nicht selbst auflegen, sondern sie werden von Mitarbeitern in die Kabine eingespielt.

Deutsches Buch- und Schriftmuseum

An die Bibliothek angeschlossen und im vierten Erweiterungsbau beheimatet ist das Deutsche Buch- und Schriftmuseum. In diesem kann der geneigte Besucher – ebenfalls kostenlos - verfolgen, wie aus Keilschrift und in Stein gehauenen Buchstaben langsam Schriftrollen, Inkunabeln und schließlich gedruckte Bücher entstanden, und wie sich die Entwicklung seitdem weiter vollzog bis hin zum eBook. Das Museum verfügt damit über deutlich ältere Exponate als die von der Bibliothek seit 1913 gesammelten Werke. Wie schade, dass der Messetag schon lang gewesen und Kopf und Füße langsam müde waren. Im Museum hätte es noch so viel zu sehen gegeben. Ich muss wiederkommen!


Ich danke der Deutschen Nationalbibliothek für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung meiner Fotos, sowie für die kurzweilige und informative Führung, bei der unsere Führerin unermüdlich sämtliche Fragen so kompetent und nett beantwortet hat. Es hat viel Spaß gemacht!

Donnerstag, 28. März 2019

Asymmetrie, Lisa Halliday

Der Debütroman von Lisa Halliday hat viele Ebenen, die sich wohl erst nach mehrmaligem Lesen voll erschließen lassen. Da ist zunächst einmal die vordergründige Ebene der Geschichten. Das Buch besteht aus drei sehr ungleichen Abschnitten.

Im 1. Teil „Verrücktheit“ erzählt Halliday die teilweise autobiografische Geschichte einer ungleichen Liebesaffäre. Mitten in New York lernt die Anfang Zwanzigjährige Alice den berühmten jüdischen Schriftsteller Ezra Blazer von Ende Sechzig kennen. Sie arbeitet in einer großen Literaturagentur, erkennt ihn sofort, und lässt sich auf eine Beziehung ein, in der er stets den Ton angibt. Seine Initiative bestimmt, wann ein Treffen stattfindet und wie lange es dauert. Seine zunehmenden körperlichen Gebrechen bestimmen, was sexuell möglich ist. Die Geschichte basiert auf der – im amerikanischen Literaturmilieu seit einiger Zeit bekannten – Tatsache, dass Halliday eine Affäre mit dem gefeierten Schriftsteller Philip Roth hatte, welcher im Mai 2018 im Alter von 85 Jahren verstorben ist.

Dann folgt unvermittelt Teil 2 des Romans, „Wahnsinn“, mit völlig anderen Schauplätzen und Personen. Wir lernen den jungen Kurden Amar kennen, der in einem Flugzeug zwischen dem Irak und den USA geboren wurde und mit seiner im Irak lebenden Familie als Teenager in die USA emigriert ist. Sein Leben und Aufwachsen zwischen zwei Kulturen wird in Rückblenden geschildert, während er auf der Durchreise auf dem Weg in den Irak am Londoner Flughafen Heathrow viele Stunden lang festgehalten und an der Einreise nach London gehindert wird. Er hat erlebt, wie stark sich der Irak nach dem Einmarsch der Amerikaner und dem Irakkrieg verändert hat. Er lebt außerhalb, hat aber Kenntnisse vom Leben innerhalb des Irak, da sein Bruder nach wenigen Jahren ohne seine Familie in den Irak zurückgekehrt war, um dauerhaft dort zu bleiben.

„Das musste man sich im befreiten Bagdad unter Optimismus vorstellen: den leicht morbiden Gedanken, dass es ja nicht bis in alle Ewigkeit so entsetzlich weitergehen konnte.“ (S. 262)

Wieder folgt ein Bruch hin zum kurzen 3. Teil des Romans, „Ezra Blazer bei Desert Island Discs“. Desert Island Discs ist eine populäre Radiosendung der BBC, in der ein Prominenter sieben Platten bzw. Musikstücke spielen darf, die er als Schiffbrüchiger mit auf eine einsame Insel nehmen würde. Hierbei schildert der Gast, wie ihn die ausgewählten Stücke in seinem Leben geprägt haben. In diesem Fall wird ein fiktives Interview mit dem Schriftsteller Ezra Blazer wiedergegeben, den wir aus dem ersten Teil des Romans kennen.

Zwischen den drei Teilen des Romans gibt es Verbindungen auf einer tiefer liegenden Ebene. Die junge Frau Alice möchte gern Schriftstellerin werden und bespricht dies auch mit dem großen Literaten Ezra Blazer. Der ist – etwas selbstverliebt – der Meinung, dass die Beziehung zwischen Alice und ihm doch einen geeigneten Stoff abgeben würde. Aber das ist Alice zu wenig. Sie lernt gern von dem erfahrenen Autor, der ihr Bücher der Weltliteratur zu lesen gibt, will aber über eine Klatschgeschichte über ihre Beziehung hinaus wachsen. Ebenso wie Lisa Halliday.

„Alice für ihren Teil begann ziemlich ernsthaft darüber nachzudenken, ob ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts wohl in der Lage wäre, sich in die Gedankenwelt eines männlichen Muslims hineinzuversetzen, als sich Ezra wieder an sie wandte und sagte: ‚Mach dir um wichtig oder unwichtig keine Gedanken. Wenn etwas gut gemacht ist, gewinnt es ganz von allein Bedeutung. (…)‘“ (S. 86)

Und siehe da, offenbar ist eine junge Frau dazu in der Lage, das Weltgeschehen, den Irakkrieg und die Globalisierung aus Sicht eines jungen muslimischen Mannes zu schildern, was im zweiten Teil des Romans geschieht und aus meiner Sicht sehr authentisch gelingt.

Zum Abschluss, nach den ersthaften Themen von Krieg und Identität, plaudert der alternde Schriftsteller Blazer mit einer jungen Radiomoderatorin über sein Leben und Lieben, und verpasst es nicht, diese – ähnlich wie Alice zu Beginn des Buchs – während laufender Sendung flirtend zu umwerben, einfach weil er es kann. Er scheint eine neue junge Muse ins Auge gefasst zu haben, der er die Welt erklären will.

Der Roman zeichnet sich durch eine Vielfalt von Sprachstilen aus und lebt von seinen Perspektivwechseln. Die Geschichte um die junge, unbekümmerte Alice spielt ganz in der Gegenwart, sprudelt in witzigen Dialogen und Situationen hervor, als würde die junge Frau im Sonnenschein durch den Central Park hüpfen. Insider sagen, dass sie dabei viel intime Kenntnis über Philip Roth hervorblitzen lässt. Letzterer hat das Manuskript dieses Romans wohl vor der Veröffentlichung amüsiert gelesen und für gut befunden.

Ganz anders kommt der zweite Teil daher, in dem der Erzähler in Ich-Form berichtet und zwischen Gegenwart und Rückblende wechselt. Ein ernsthafter Student, der sich Gedanken um seine Herkunft, seine Zukunft und seine Rolle im Konflikt zwischen West und Ost macht, begegnet uns. Die politische Entwicklung im Irak bildet sich in seinem persönlichen Leben ab. Er erlebt das Verschwinden Familienangehöriger, den Rassismus am Flughafen Heathrow und bei Besuchen das bedrückende Umfeld des kriegszerstörten, unsicher gewordenen Iraks, der einmal seine Heimat war. Genau wie Alice wird Amar von Literatur beeinflusst. In beiden Romanteilen werden Zitate berühmter Autoren diskutiert und überdacht.

Im dritten Teil dann folgt die Interview-Form, also fast reiner Dialog. Kenner von Philip Roth meinen, sein Tonfall sei von der Autorin sehr gut getroffen worden. Nachdem man den zweiten Teil des Romans gelesen hat, merkt man, dass Alice offenbar über den Status der Muse deutlich hinausgewachsen ist.

Ein sehr lohnender Roman, der von heiter bis nachdenklich alle Facetten bietet.

Asymmetrie, Lisa Halliday, aus dem Englischen von Stefanie Jacobs, Carl Hanser Verlag München 2018, 320 Seiten, 23,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Sonntag, 24. März 2019

Leipziger Buchmesse 2019, Tag 4


Sonntag war Familientag bei der Buchmesse. Kinder unter 12 Jahren hatten freien Eintritt, was auch rege genutzt wurde. Allerdings war der Besucherzenit bereits überschritten. So voll wie am Samstag wurde es (zum Glück) nicht noch einmal.

Für mich stand der Sonntag ganz im Zeichen der "Blogger Sessions", dem Programm für Blogger, Bookstagrammer und BookTuber, die sich mit Buchthemen im Online-Bereich und in sozialen Netzwerken beschäftigen.

Buchauswahl im Titel-Dschungel 

Insgesamt wurde die Bedeutung von Bloggern und Co. für die Buchbranche als groß eingeschätzt. Bücher und Buchthemen kommen in den klassischen Medien wie Fernsehen und Tageszeitungen eher weniger zur Sprache, insbesondere angesichts der Vielfalt des Marktes.

In Deutschland erscheinen jährlich ca. 70.000 bis 90.000 neue Bücher - wie sich auf der Messe eindrucksvoll an den Verlagsständen erleben ließ. Aber wie trifft man eine Auswahl unter so vielen Titeln und lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Bücher? Dies tun neben den klassischen Feuilletons der Zeitungen eben Blogger. Offenbar ist beim Blog nicht in erster Linie dessen Reichweite entscheidend, die sich auch künstlich aufblähen lässt, sondern vor allem die Glaubwürdigkeit des einzelnen Bloggers innerhalb seiner Zielgruppe.


Vorträge (zumeist von erfahrenen Bloggern gehalten) und Diskussionen beschäftigten sich mit Fragen der Monetarisierung des Blogs, also der Möglichkeit mit Blogs Geld zu verdienen oder Ideen, wie man einen Blog über das Veröffentlichen von Rezensionen hinaus interessanter gestalten kann.

Rechtsfragen im Internet 

Mit die größte Aufmerksamkeit erzielte der Vortrag eines Fachanwalts für Urheber- und Medienrecht zu aktuellen Rechtsfragen eines Internetauftritts. Viele Blogger kämpfen mit wettbewerbsrechtlichen Abmahnungen. Neue Rechtsprechung hat Verwirrung darüber geschaffen, wann ein Post als Werbung oder Anzeige zu kennzeichnen ist. Rechtssicherheit gibt es in diesem Bereich derzeit nicht. Unklar ist, ob Posts auch dann als Werbung zu kennzeichnen sind, wenn sie ohne Gegenleistung ins Netz gestellt werden, wann aus den Umständen auch ohne Kennzeichnung für jeden offensichtlich ist, dass es sich um einen kommerziellen, also werbenden Auftritt handelt und wie genau eine erforderliche Kennzeichnung zu erfolgen hat.

Durch die im letzten Jahr in Kraft getretene Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) wird das Leben von Bloggern deutlich komplizierter. Es wurden Tipps gegeben zu Datenschutzerklärungen und Nachrichtenverschlüsselung. Beklagt wurde, dass sich offenbar im letzten Jahr bereits viele Blogger aus dem Netz zurückgezogen haben, weil sie sich mit den Datenschutzanforderungen überfordert fühlten.

Sensitivity Reading 

Vorgestellt wurde eine besondere Form des Lektorats, das Sensitivity Reading. Es handelt sich um ein besonderes Durchsehen eines Manuskripts (z.B. eines Romans) im Hinblick auf Stereotype und diskriminierende Darstellungen von Personengruppen, z.B. bestimmter Ethnien, religiöser Zugehörigkeit oder sexueller Orientierung. Ziel ist es mehr Diversität (oder Political Correctness) in der Literatur zu schaffen und Verletzungen zu vermeiden, indem eine Person, die einer bestimmten marginalisierten Gruppe angehört, bei der Überarbeitung eines Textes hilft. Beispielhaft wurde der viel kritisierte Roman "Stella" von Takis Würger genannt, der von einer deutschen Jüdin in der NS-Zeit handelt, die (unter Druck) andere Juden bei den Nazis denunziert hat. Der Autor ist ein nichtjüdischer Deutscher. Es wurde die These vertreten, dass dieser besser nicht über das Thema hätte schreiben sollen. Kritisch diskutiert wurde die Grenze zur (Selbst-)Zensur der Autoren, wenn Sensitivity Reader diesen empfehlen, ein ganzes Thema fallen zu lassen.

Gastland Tschechien 

Bei Ende der Messe stelle ich fest, dass ich keine Zeit dazu hatte, mich mit dem Gastland der Buchmesse - Tschechien - zu beschäftigen. Anlass der Auswahl dieses Landes war das 30jährige Jubiläum der "samtenen Revolution" in Osteuropa, die zum Fall des Eisernen Vorhangs geführt hat. Zur Buchmesse sind besonders viele tschechische Titel ins Deutsche übersetzt worden. Das wäre sicher spannend gewesen, aber auch in vier Tagen kann frau nicht alles sehen.

Nach der Messe ist vor der Messe. Der Besuch hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Samstag, 23. März 2019

Leipziger Buchmesse 2019, Tag 3


Jeden Tag wird die Messe voller. Und da sage noch jemand, die Leute interessierten sich nicht mehr fürs Lesen! Vom Gegenteil konnte sich heute jeder in Leipzig überzeugen.

Autoren

Bei den Signierstunden einzelner Autoren bildeten sich Schlangen bis aus der Messehalle hinaus (!), Menschen haben stundenlang angestanden, um ihren Lieblingsautor ein paar Sekunden lang zu sehen. Großes Aufsehen erregten heute z.B. die Auftritte von Sebastian Fitzek.

Bas Kast stellte das Ernährungskompass Kochbuch vor und sprach hauptsächlich über die Erkenntnisse des Ernährungskompass-Buchs, weniger über das Kochbuch selbst. Das nährt die These, dass das Rezeptbuch hauptsächlich den Absatz des Ernährungskompass-Buchs erhöhen soll. Das könnte erklären, dass auf die Rezepte nicht die erforderliche Sorgfalt verwandt wurde (siehe meine Rezension dazu).

Bei „Best of Druckfrisch“ plauderte Denis Scheck über seine Lieblingsautoren aller Zeiten und empfahl u.a. Michel Houellebecq („Serotonin“) und die Essaysammlung von David Foster Wallace („Der Spaß an der Sache“). „Ich bin Schwabe, ich würde Ihnen den Kauf eines Buchs für 36 Euro nicht nahelegen, wenn ich nicht wüsste, dass sich das für Sie rentiert.“

Ferner berichtete Scheck, dass er eine Zeit lang mit Philip Roth bekannt gewesen sei und ihm dieser im gemeinsamen Urlaub seine „Nichte“ vorgestellt habe. Die sogenannte Nichte Lisa Halliday hat nach Roths Tod den Roman „Asymmetrie“ veröffentlicht über die Beziehung einer Frau aus der Buchbranche in den Zwanzigern mit einem berühmten Schriftsteller von Ende 60. Noch bevor ich Schecks Empfehlung kannte, habe ich angefangen das Buch zu lesen. Es wird das nächste sein, das auf Buch-Lady.de rezensiert werden wird.


Bloggerrelations

Die Beziehung zwischen Bloggern, BookTubern und anderen Influenzern einseits sowie Autoren, Buchhändlern und Verlagen andererseits ist auf der Messe ein vieldiskutiertes Thema. Insbesondere Selfpublisher wenden sich derzeit verstärkt an Blogger, um ihre Bücher zu promoten. Innerhalb der verschiedenen Social Media Kanäle wird eine Verschiebung hin zu Instagram beschrieben, da viele User offenbar besonders kurze Texte mit Bild schätzen und nicht die Zeit zum Lesen einer ganzen Rezension aufbringen wollen. Ich hoffe nur, dass die Leser von Buch-Lady.de diesem Trend widerstehen. ;-)

Manga-Comic-Con und Cosplay

Nachdem es vormittags aufgrund des enormen Andrangs unmöglich war hinein zu kommen, ist es mir heute Nachmittag gelungen, einen Blick in die Halle der Manga-Fans und Cosplayer zu werfen. Sie ist vollgestopft vor allem mit Verkaufsständen für Zubehör wie Sammlerfiguren, Kostümen und Videospielen. Die Cosplayer in ihren fantasievollen und ausladenden Kostümen sorgen auf jeder Buchmesse für fröhliche Farbtupfer und gelegentliche Staus. (Habt Ihr schon mal versucht Euch in der Straßenbahn hinzusetzen, ohne dabei den nach hinten ragenden Fellschwanz zu beschädigen, der an der Hose befestigt ist?) Im Rahmen der Manga-Comic-Con finden Wettbewerbe für Cosplayer statt, so dass kein Aufwand und keine Unbequemlichkeit gescheut wird, mit teilweise selbstgenähten Kostümen und Gesichtsbemalung zu punkten.

Ich freue mich auf den letzten Messetag morgen, bei dem es eine Schwerpunktveranstaltung für Blogger geben wird.

Freitag, 22. März 2019

Leipziger Buchmesse 2019, Tag 2


Antiquitäten und Kunst


Den zweiten Messetag habe ich auf der Antiquariatsmesse begonnen, welche Teil der Leipziger Buchmesse ist. Dort gibt es nicht nur antiquarische Bücher zu kaufen, sondern auch dekorative Drucke, Graphiken und Kunstgegenstände.

Besonders angetan haben es mir die „Bücherblumen“ von Martin Schwarz. Der Schweizer Künstler fertigt die unterschiedlichsten Wunderwerke aus Büchern an. Wer den Preis eines Originals (ab 500 EUR) scheut, kann sich die farbenfrohen blühenden Seiten im gleichnamigen Bildband (Eigenart-Verlag Winterthur/Schweiz 2019, 19,80 EUR) nach Hause holen. In diesem finden sich neben Fotos auch poetische Texte zum Kontext der Werke, etwa „Ein Blumennamen-Garten“.

Eine Antiquität ist auch die Gießmaschine für Druckzeilen aus Blei, die das Museum für Druckkunst Leipzig auf der Messe in Betrieb hat. Wie auf einer Schreibmaschine werden die Buchstaben des zu druckenden Wortes eingegeben. Die Maschine lässt die metallenen Matrizen für jeden einzelnen Buchstaben in die Reihe gleiten. Sodann wird flüssiges Blei in die Form gegossen und es wird die Druckzeile – noch ganz heiß – ausgeworfen, wie etwa das von mir gewünschte „Lieblingsbuch“.


Buchhändler/innen

Am heutigen „Karrieretag Buch + Medien“ warb die Branche um Auszubildende, Studierende und Berufseinsteiger. Eine der bekanntesten Buchhändlerinnen des deutschsprachigen Raums dürfte derzeit Petra Hartlieb aus Wien sein. Sie las heute aus ihrem bereits 2014 erschienenen Dauerbrenner „Meine wundervolle Buchhandlung“, in der sie den Erwerb und Aufbau ihrer eigenen Buchhandlung schildert, sehr zur Freude der Azubis zum/r Buchhändler/in. Auf die Frage, was ihr am Beruf der Buchhändlerin am meisten gefalle, erklärte sie, sie liebe es Geschichten zu erzählen, etwa die Handlung eines Romans zwecks Empfehlung an den Kunden. Wenn dann Menschen ihr zurückmeldeten, ein Buch habe „ihr Leben verändert“, mache sie das glücklich. Aber es sei auch ein Knochenjob. „Wir sind immer hart am Kunden, das ist wie Sozialarbeit manchmal.“

Literatur

Während der Buchmesse werden natürlich auch Literaturpreise verliehen. Den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Belletristik hat dieses Jahr Anke Stelling für den Roman „Schäfchen im Trockenen“ gewonnen. In der eigens eingerichteten Leseecke in der Glashalle stehen alle nominierten Bücher „angekettet“ zum Anlesen zur Verfügung. Nach anfänglicher Skepsis hat mich der sehr direkte Schreibstil von Anke Stelling angesprochen. Die Erzählerin Resi warnt ihre Kinder in schonungsloser Weise vor den Verhältnissen dieser Welt, die sie sich früher so ganz anders vorgestellt hatte. Das könnte sich lohnen zu lesen.

Das Gewinnerbuch ist im Verbrecher Verlag, einem unabhängigen Verlag erschienen. Die unabhängigen Verlage, die nicht zu einer großen Verlagsgruppe gehören, sind auf dieser Messe sehr präsent. Interessant war heute z.B. die Veranstaltung zum Beginn der „Hotlist 2019“. Als im Jahr 2009 bei den Nominierten für den Deutschen Buchpreis kein einziges Buch aus einem unabhängigen Verlag gewesen war, schalteten diese Verlage sofort und riefen einen eigenen Preis, die sog. „Hotlist“ ins Leben. Im ersten Jahr wurde dieser Wettbewerb der unabhängigen Verlage binnen kürzester Zeit aus dem Boden gestampft, so dass nicht einmal Zeit für die Berufung einer Jury zur Auswahl der Nominierten blieb. Zehn Jahre später geht es professioneller zu. Eine Jury trifft eine Vorauswahl von 30 Büchern, aus denen dann durch eine Internetwahl die Hotlist der 10 besten Bücher des Jahres aus unabhängigen Verlagen bestimmt wird. Wer also abseits von Bestsellerlisten und Mainstream lesen will, kann sich dort umschauen.

Donnerstag, 21. März 2019

Leipziger Buchmesse 2019, Tag 1


Müde, aber glücklich blicke ich auf den ersten Messetag zurück. Bei strahlendem Sonnenschein und Frühlingswetter war es nicht so schlimm, dass sich bei Messebeginn an allen Eingängen enorme Warteschlangen bildeten. Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse ist die Leipziger viel kleiner (es werden dennoch über eine halbe Million Besucher erwartet) und auch eher eine Publikumsmesse. Dies ist leicht bemerkbar an den Massen von Schulklassen und dem umfangreichen Begleitprogramm in der ganzen Stadt.

Überall – in Möbelgeschäften, Kneipen, Theatern und natürlich Buchhandlungen - finden Lesungen statt unter dem Motto „Leipzig liest“. Lesebegeisterung zu wecken, vor allem bei Kindern, ist das erklärte Ziel, das mit viel Liebe verfolgt wird. Aber auch in den Messehallen scheint mir das Angebot an Lesungen größer zu sein als in Frankfurt. Frau weiß gar nicht, wo sie zuerst zuhören soll. Gehört habe ich z.B. Jan Drees, dessen Buch ich kürzlich besprochen habe, sowie Katja Frixe, eine großartige Kinderbuchautorin, deren Reihe „Der zauberhafte Wunschbuchladen“ ich sehr liebe.

Käuferschwundstudie

Dass Leseförderung dringend Not tut, hat auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bemerkt, insbesondere nachdem im letzten Jahr die von ihm durchgeführte Studie zum Käuferverhalten veröffentlicht worden ist. Ergebnis war, dass der Buchhandel in den vergangenen fünf Jahren ca. 6 Millionen Buchkäufer verloren hat, insbesondere in der Gruppe der 20- bis 49-jährigen. In einer hochkarätig besetzten Runde wurde nun die Situation ein Jahr danach diskutiert.

Erfreulich ist, dass der seit Jahren anhaltende Abwärtstrend gestoppt werden konnte und es im letzten Jahr sogar einen Zuwachs von ca. 300.000 Käufern zu verzeichnen gab. Insgesamt war sich die Runde aus Börsenverein, Marketing und Verlegern einig, dass es mehr Transparenz und Zugehen auf die Leser bedarf. Es wurde darauf hingewiesen, dass es Märkte gibt, die der deutsche Buchhandel in keiner Weise bedient, etwa dass Menschen mit Migrationshintergrund oft keine Möglichkeit haben, Bücher in ihren Heimatsprachen über den deutschen Handel zu erwerben, nicht einmal im besonders starken Segment der Kinder- und Jugendbücher. Eine Anfrage beim größten türkischen Kinder- und Jugendbuchverlag habe ergeben, dass dieser keinerlei Export seiner Bücher nach Deutschland betreibe, da es bislang nicht einmal einen Großhändler gebe, der den Transfer übernimmt. Ähnlich schwer sei es, Bücher in arabischer oder polnischer Sprache in Deutschland zu erwerben.

Ein neu gegründeter deutscher Manga-Verlag geht neue Wege in Sachen Transparenz und zeigte auf YouTube, wie der Verlag entstand, die ersten Titel in der Druckerei hergestellt wurden etc., mit dem Ergebnis, dass Kaufanfragen (auch von einem großen Filialisten) kamen, noch bevor das Verlagsprogramm stand. Dieser Verlag berichtet über große Nachfrage gerade aus dem Käufersegment der ab 20jährigen, und zwar keinesfalls im eBook- sondern im Printbereich der Bücher.

Ferner wurde bemängelt, dass es im Buchhandel kaum Angebote im Preissegment unter 5 EUR gebe. Netflix und Co. würden das Entertainment in diesem Preisbereich allein besetzen. Gerade das Online-Freizeitangebot konkurriert aber mit dem Buch um die begrenzte Freizeit der Leute, so die Studie.
Ideen, die zur Trendwende am Buchmarkt beitragen könnten, gibt es also genug.

Künstliche Intelligenz

Im Fachprogramm vertreten waren IT-Experten, welche der Medien- und Literaturbranche den Einsatz künstlicher Intelligenz schmackhaft machen möchten. Und zwar – ernsthaft – unter dem Motto: Sammeln Sie alle Daten, auch wenn Sie (noch) nicht wissen, wozu Sie diese gebrauchen können (etwa mit welchem Browser Kunden auf die Website zugreifen o.ä.). Und das in Zeiten der Datenschutzverordnung…

Es ist erstaunlich, was im Bereich des Online-Handels bereits möglich ist, etwa durch das Zeigen personalisierter Cover, je nachdem, wer nach einem Artikel sucht. Es wird also von Algorithmen nicht nur die Ware selbst ausgesucht, die dem Kunden vorgeschlagen wird, sondern sogar derselbe Artikel in unterschiedlicher Aufmachung gezeigt, um den Käufer zu gewinnen.

Dieser Vortrag war kaum literaturspezifisch, dafür aber umso gespenstischer in der Auswirkung. Da wird einem wieder bewusst, welche enormen Datenspuren man im Internet hinterlässt und wie diese von Händlern (meist vom Kunden unbemerkt) genutzt werden.

Literatur

Ansonsten sind natürlich die großen Publikumsverlage, die kleinen unabhängigen Verlage und natürlich die Selfpublisher mit Ständen vertreten. Da kann frau mal in Ruhe schmökern und sich aussuchen, was als nächstes gelesen werden könnte. Die Zukunft dieses Blogs ist also gesichert. ;-)

Deutsche Nationalbibliothek

Ein besonderes Highlight heute war eine Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig. Engagiert und kurzweilig berichtete unsere Führerin über die Geschichte und Arbeit der 1912 gegründeten Bibliothek. Diese ist so interessant, dass ich ihr einen eigenen Post widmen möchte, den ich erst nach der Buchmesse werde schreiben können. Ich freue mich vor allem über die Veröffentlichungserlaubnis für meine zahlreichen Fotos. Die alten und neuen Gebäude sind wunderschön!

Das Abendprogramm von „Leipzig liest“ muss ohne mich stattfinden. Morgen früh um 10 h startet Tag 2 der Messe. Dafür muss die Buch-Lady ausgeschlafen sein.

Die Schneeschwester, Maja Lunde

Bestimmt kennt Ihr die Romane für Erwachsene von Maja Lunde, z.B. „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Letzten ihrer Art“ (siehe meine Re...