Donnerstag, 28. Februar 2019

Hippie, Paulo Coelho

Paulo Coelho nimmt uns mit zurück in die Zeit der Flower Power und Hippies. Er verarbeitet teilweise autobiografische Inhalte zu einem Roadtrip im Jahr 1970. Wir begleiten den jungen Brasilianer Paulo, der gern Schriftsteller werden möchte, zunächst durch verschiedene Länder Südamerikas, bis dieser schließlich im drogengeschwängerten Amsterdam anlangt. Dort schließt er sich einer Gruppe Abenteurer an, die sich mit dem „Magic Bus“ auf eine Fahrt Richtung Kathmandu in Nepal aufmacht. Der Bus erscheint als eine Mischung aus „Magical Mystery Tour“ (dem Beatles-Film aus dieser Zeit) und Rainbow Tours (wegen des geringen Komforts des umgebauten Schulbusses), und das für den Spottpreis von 70 Dollar.

Auf die Idee zu dieser Reise ist Paulo eher zufällig gekommen, nämlich als er die hübsche Holländerin Karla in Amsterdam kennenlernt. Die Frau fasziniert ihn, was unter anderem daran liegt, dass er sonst niemanden in der fremden Stadt kennt. Er ahnt nicht, wie dringend Karla einen Reisegefährten für die weite Fahrt sucht. Jeder der Mitreisenden aus aller Welt hat seinen eigenen Grund für diese Tour, sein ganz eigenes Ziel. Die einen sind von Zuhause ausgerissen, die anderen sind auf einem inneren Weg zu Erleuchtung, Selbsterkenntnis oder neuem Sinn. Nepal steht für Meditation, asiatische Weisheit, Bewusstseinserweiterung und einfaches Mönchsleben. Angetrieben von Vorbildern wie den Beatles, die 1968 zum Maharishi nach Indien geflogen waren, um transzendentale Meditation zu lernen, wollen auch die Hippies im Magic Bus den Buddhismus kennenlernen, freie Liebe und einfaches Leben in Frieden ohne die Restriktionen der Elterngeneration verwirklichen, sich selbst finden. Dass dabei auch Drogen wie LSD zu Hilfe genommen werden, versteht sich. Die selbstbewusste, aber kühle Karla ist ferner auf der Suche nach der Liebe, der Liebe zu einem Mann, zu sich selbst und der kosmischen Liebe zu allen Menschen auf der Welt.
„Sie lauschte angestrengt in sich hinein, für den Fall, dass Gott sich an sie wandte, um mit ihr zu reden. Nachdem sie sich von der christlichen Kirche entfernt hatte, machte sie sich daran, nacheinander im Hinduismus, Taoismus, Buddhismus, in afrikanischen Kulturen und bestimmten Yogaschulen nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Ein Dichter hatte vor vielen Jahrhunderten gesagt: ‚Das Licht des Lebens erfüllt das ganze Universum. Das Feuer der Liebe brennt und ermöglicht Erkenntnis.‘“ (S. 63)

Authentisch und nahegehend schildert Coelho in seinem Roman, wie der Protagonist Paulo in Südamerika unschuldig von der Polizei festgenommen, verhört und gefoltert wird. Dies beruht auf eigenen ähnlichen Erlebnissen, wie aus der Nachbemerkung des Autors zu erfahren ist, so dass der Schrecken sich echt anfühlt. Insgesamt schildert Coelho, der 1947 in Brasilien geboren wurde, seine eigene Jugend. 1970 war er selbst 23 Jahre alt. 

Weniger gelungen erscheint mir allerdings der Rest des Roadtrips. Die einzelnen Stationen erscheinen wahllos aneinander gereiht, es passiert – mit Ausnahme der Verhaftung – äußerlich nicht viel, so dass es zu Längen kommt. Die Geschichte legt den Fokus auf die inneren Vorgänge der Personen. Hier scheint aber eine deutliche Verklärung der Vergangenheit in der Erinnerung des Autors eingesetzt zu haben. Die Sinnsuche der Hippies, die zu ihrer Zeit mit großer Berechtigung und Vehemenz aus bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen heraus entstanden ist, etwa der Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg, verkümmert zu abgedroschenen Phrasen, die ich an anderer Stelle schon deutlich besser gelesen habe. Wie ein LSD-Trip sich anfühlt, haben wir alle schon hundertmal an anderer Stelle erzählt bekommen, das ist nicht neu. Mitgerissen hat mich der Roman nicht, obwohl ich sehr vertraut bin mit der Musik von Woodstock, den Beatles und den Themen dieser Zeit.
„Wer aus Liebe handelt, der wird auf allen seinen Wegen einen unsichtbaren, wohlwollenden Schutz genießen und in schwierigen Augenblicken Ruhe bewahren können. Wer wirklich liebt, wird alles geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, sich nur die Anwesenheit des geliebten Menschen an seiner Seite wünschen, das Gefäß des Lichts, die Schale der Fruchtbarkeit, den Schein, der den Weg erhellt.“ (S. 264)

Vielleicht kommt dieses Buch zu spät. Die Hippie-Bewegung ist vorbei. Die Erinnerung an sie ist 50 Jahre später zu rosarot gefärbt, um die Leidenschaft dieser Zeit wieder auferstehen zu lassen. Was bleibt, sind Poesiealbumsprüche. Was in Coelhos berühmtem Buch „Der Alchimist“ noch mystisch und bezaubernd als Lebensweisheit einer fernen Welt rüber kommt, wirkt hier erstarrt und blutleer. Schade.

Sinnsuche der 68er Generation in abgedroschenen Phrasen, rosarote Erinnerung an die vergangene Jugendzeit des Autors. Das hat Coelho schon mal deutlich besser gemacht.

Hippie, Paulo Coelho, aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann, Diogenes Verlag Zürich 2018, 297 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Mittwoch, 27. Februar 2019

Vorab-Publikation: Der ungefähre Arsch, Judith Gavenny

Im Regenwald

Wenn Frau Borgfeld aus dem ersten Stock nicht wäre, wäre es still in der Wohnung. Fast still. So still jedenfalls, dass man die Küchenuhr ticken hören könnte. Hören könnte, wie die Zeit vergeht, seit Mascha Jan geschrieben und keine Antwort erhalten hat und wahrscheinlich auch keine Antwort mehr erhalten wird.

Aber bei Frau Borgfeld unten geht viel zu laut der Fernseher: In der Spielshow werden Wörter geraten, von denen immer neue Konsonanten erscheinen. Mascha kennt das Spiel: Das Rad mit den Geldbeträgen dreht sich, bis es bei einem Betrag stehenbleibt. Jemand nennt einen Konsonanten dazu, und die entsprechenden Felder leuchten auf: ping! Konsonant für Konsonant wird immer deutlicher, welches Wort gesucht wird. Irgendwann wird klar sein, um welchen Begriff es sich handelt, irgendwann wird jeder erkennen müssen, was Sache ist.

Mascha ist allein, niemand sonst ist da. Pauli nicht, Paulis Freund nicht, niemand. Jan auch nicht. Vor allem Jan ist nicht da. Jan ist so sehr nicht da, dass er den ganzen Raum füllt, den die anderen frei gelassen haben in der Wohnung und in Maschas Kopf.

Jans Nuss-Nougatcreme im Kühlschrank. Die Messerspuren darin. Wer stellt bitte Nuss-Nougatcreme in den Kühlschrank? hat Pauli gesagt, die die Nuss-Nougatcreme gar nicht erst kauft, wegen des Palmöls darin, das die Regenwälder zerstört. Am liebsten hätte Pauli die Nuss-Nougat-Creme weggeworfen, aber das hat sie nicht gedurft, weil Jan sie gekauft hat. Also ist die Nuss-Nougatcreme im Kühlschrank geblieben; von ganz hinten links schaut sie über die Margarine hinweg, den Scheibenkäse, die vegetarischen Aufstriche und ist schuld daran, dass die Regenwälder in Malaysia abgeholzt werden und die in Indonesien auch. Man öffnet den Kühlschrank, man sieht die Nuss-Nougatcreme, und man hört das Dröhnen der Motorsäge, wie sie sich in das edle tropische Holz frisst. Man hört es und man kneift die Augen zusammen, weil es so unendlich wehtut. Jedes Mal, wenn man den Kühlschrank öffnet, tut es so unendlich – ver-dammt – noch – mal – weh.

Jans Buch auf dem Beistelltisch. Das Kartenspiel von Jan zu Weihnachten. Jans zerknülltes Taschentuch unter dem Bett neben den Wollmäusen. Miteinander einzuschlafen, denkt Mascha. Das ist ganz anders als miteinander zu schlafen.

Schmeiß den Scheiß weg, hat Pauli gesagt. Alles. Nur so kann das gehen. Das Glas mit der Nuss-Nougat-Creme. Die Taschentücher, das Buch, das Kartenspiel. Fahr nicht mehr durch die Straße, in der er wohnt; was hast du da zu suchen? Lies nicht mehr seine alten E-Mails. Lösch sie am besten. Ruf nicht mehr seine Homepage auf.
Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten.
Mascha fährt den Computer hoch. 
Jans Homepage lädt. Mit allen Kategorien: Mathematik. Programmieren. Fotografie. Projekte. Forschung. Musik. Seine Interessen und Fähigkeiten. Jan weiß so viel, Jan kann so viel.
Ganz unten der kleine Bereich: „Und das bin ich – Jan.“

Das Bild darunter ist neu. Ganz langsam baut es sich auf: Jans dunkles Haar, die hohe Stirn. Pixel für Pixel. Die Verbindung ist schlecht. Aber die wird wieder besser, denkt Mascha. Ganz bestimmt wird die Verbindung wieder besser, irgendwann. Jans linke Augenbraue, er hält den Kopf schräg. Das Bild ist breit, viel breiter als Jans Kopf. Jans Kopf ist ziemlich schmal, eigentlich.
Warum ist das Bild so breit?
Als Nächstes: Jans Wimpern. Jan hat schöne Wimpern, lang und dicht. Ein braunes Auge. Ein zweites dazu.

Und dann, ein Stück weiter links, ganz am Bildrand: etwas Helles. Haare. Blonde Haare. Ein geschlossenes Auge, das nicht zu Jan gehört. Eine Nase, die Jans rechte Schläfe berührt. Lippen, die Jans rechte Wangen berühren. Haut an Haut. Jans Mund, der lächelt. Jans geöffnete Augen, die geweiteten Pupillen.
Die Bildunterschrift dazu: Mein schönstes Hobby – Lena!

Kaffee, der Mascha in den Schoß läuft, aus der umgekippten Tasse heraus. Der sich in den Jeansstoff saugt.
Maschas Atem, der stockt. Ihr Herz, das stillsteht.
Der Kaffee, der weiterläuft und auf den Dielenboden tropft.

Das Rad mit den Konsonanten, das sich immer weiterdreht. Gleich dreimal leuchten bei Frau Borgfeld die Buchstabenfelder auf: ping – ping – ping.
Die Welt steht nicht still, das Glücksrad steht nicht still, nicht mal Maschas Herz steht mehr still: Das hat jetzt auch wieder eingesetzt, ebenso wie ihr Atem. Es stirbt sich nicht so leicht mal eben. Die Regenwälder in Malaysia und in Indonesien, die sind ja auch nicht von jetzt auf gleich weg. Selbst wenn hundert Waldarbeiter gleichzeitig mit hundert Motorsägen die Stämme bearbeiten, dass es einem das Trommelfell zerreißt und alles andere noch dazu – die Regenwälder sind groß, das dauert noch. Jahrelang, jahrzehntelang werden die Motorsägen heulen, was kann man da bloß machen? Nichts kann man da machen, außer sich ins Bett zu legen und sich das Kissen über den Kopf zu ziehen und daran zu denken, dass es unendlich viele Primzahlen geben muss.

Denn wenn das nicht so wäre, dann gäbe es eine Primzahl, die die größte und letzte aller Primzahlen wäre auf der Welt. Und die könnte man dann multiplizieren mit allen anderen Primzahlen, die es sonst noch so gibt. Ausnahmslos mit allen. Und dann könnte man eins dazuzählen und hätte somit eine Zahl, die durch keine dieser Primzahlen teilbar wäre und deswegen wiederum eine Primzahl sein muss, die noch größer ist als die bisher größte Primzahl. Und damit hätte man dann festgestellt, dass das ja alles gar nicht sein kann.

Das kann ja alles gar nicht sein, denkt Mascha. Wir sind doch ein ganzes Stück zusammen gegangen, Jan und ich. Aber dann bin ich falsch abgebogen. Wo bin ich bloß falsch abgebogen?

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Buch-Lady.de veröffentlicht exklusiv erstmalig diesen Ausschnitt aus dem noch nicht publizierten Roman "Der ungefähre Arsch". Alle Rechte an obigem Text liegen bei der Autorin Judith Gavenny (Pseudonym von Meike Stewen).

Kurz-Bio der Autorin: Meike Stewen, geboren 1970, liebt die fremden Stimmen in Bussen und Cafés und die eigenen Stimmen im Kopf. Da zu sitzen und zu lauschen und dabei zu stricken: Pullis und Chamäleons aus Wolle. Oder dabei zu schreiben: Kurzgeschichten und Romanfetzen aus Wörtern, am liebsten bei einem Milchkaffee. Ihr Geld für Kaffee, Wolle und Stricknadeln verdient sie als Texterin und Übersetzerin und als Redakteurin für eine Teppich-Fachzeitschrift, in der es auch oft um Wolle geht. Mit ihrem Mann lebt sie in Hamburg.
Kontakt zur Autorin: mascha(at)hamburg.de

Dienstag, 26. Februar 2019

National Novel Writing Month - Interview mit Autorin Meike Stewen aus Hamburg

Meike Stewen im NaNoWriMo-Shirt
Der National Novel Writing Month - kurz NaNoWriMo - ist eine 1999 in den USA gegründete Autoren-Challenge. Der Wettbewerb findet alljährlich im November statt. Mitmachen kann jede/r weltweit, kostenlos und in diversen Sprachen über die Website www.nanowrimo.org. Ziel ist es, in nur einem Monat, also vom 1. bis zum 30. November eines Jahres, einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern Länge zu schreiben. Meike Stewen, Autorin und Übersetzerin aus Hamburg, hat im November 2018 mitgemacht und den Wettbewerb gewonnen. Buch-Lady.de hat sie dazu interviewt.

Buch-Lady: Liebe Meike, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu deinem Erfolg beim National Novel Writing Month 2018! Eine tolle Leistung. Wie bist du darauf gekommen, bei dieser Challenge mitzumachen? Einen Roman kann man ja auch zu anderer Zeit schreiben als ausgerechnet im November.

Meike Stewen: Ganz herzlichen Dank! Ja, ich bin auch sehr stolz auf mich. Tatsächlich habe ich schon mehrere Male beim NaNoWriMo mitgemacht, allerdings ohne die magischen 50.000 Wörter zu knacken. Schreibfreunde hatten mir vor etwa zehn Jahren von dem Projekt erzählt. Erst war ich skeptisch, weil ja niemand wirklich überprüft, ob ich die Wörter, die ich in meinem NaNoWriMo-Profil angebe, auch tatsächlich geschrieben habe. Ich habe mich gefragt, ob ich ohne „Kontroll-Instanz“ überhaupt am Ball bleiben würde. Aber dann habe ich gemerkt, dass mich das Wissen darum, dass auf der ganzen Welt Menschen genau wie ich an ihren Romanen tippen, sehr beflügelt hat. Die Gemeinschaft motiviert mich enorm, und auf der NaNoWriMo-Seite gibt es Foren, in denen wir uns austauschen, gegenseitig inspirieren, Schreibfrust ablassen können. Wer will, kann sich lokal sogar live mit anderen Schreibenden treffen. Ich selbst schreibe lieber für mich allein, meistens jedenfalls. Und der November ist ein wunderbarer Monat dafür, wie ich finde. Nasskalt (jedenfalls in Hamburg) und düster – die perfekte Voraussetzung, mich nach der Arbeit mit dem Laptop in mein Lieblingscafé zu setzen.

Buch-Lady: Für alle, denen NaNoWriMo kein Begriff ist, könntest du kurz erklären, wie das Projekt abläuft. Man geht auf die Website und registriert sich. Wie geht es dann weiter? Was macht man auf dieser Website und wie funktioniert das genau mit dem Wörter zählen?

Meike Stewen: Man registriert sich und stellt sich sein NaNoWriMo-Autorenprofil zusammen – mit seinem Pseudonym, vielleicht auch persönlichen Interessen, musikalischen Vorlieben und einem Profilbild. Ab Oktober kann man auch den Roman genauer spezifizieren, an dem man im November arbeiten will: den Titel, ein (vorläufiges) Cover dazu, eine kurze Zusammenfassung und eine Leseprobe. Das ist so ein bisschen Spielkram, aber der Spielkram ist nicht zu unterschätzen: Erstens macht es Spaß, zweitens ist es kommunikativ, und drittens führt es dazu, dass ich mich als Autorin ein bisschen ernster nehme.

Am 1. November um 0 Uhr fällt dann der Startschuss, und man darf offiziell losschreiben. Die bisher erreichte Wortzahl trägt man in ein Fenster auf seinem Profil ein. Daraufhin zeigt dann ein Balken, wie man im Rennen liegt. Ist der Balken grün, hat man den nötigen Tagesdurchschnitt von 1.667 Wörtern erreicht oder übertroffen. Seine Wörter lässt man entweder vom Textverarbeitungsprogramm zählen, oder man nutzt ein NaNoWriMo-Tool, in das man seinen Text hineinlädt. Im Grunde basiert diese Angabe auf Ehrlichkeit, und natürlich kann ich statt eines selbstgeschriebenen Textes auch ein paar aus Wikipedia kopierte Artikel hochladen oder eine Fatasiewortzahl angeben, aber was hätte ich davon?

Buch-Lady: Die Website hilft einem also dabei, dran zu bleiben am eigenen Schreibziel, verstehe. Damit man mal einen Eindruck von der Textmenge bekommt: Schreibt man in einem gängigen Textverarbeitungsprogramm in Schriftgröße 12 Punkt, passen - je nach Randgröße und verwendeter Schrift - ca. 250 (Normseite) bis 400 Wörter auf eine DIN A 4-Seite. Wie schwierig ist es, diesen Tagesdurchschnitt von 1.667 Wörtern - entsprechend mindestens vier DIN A 4-Seiten - zu erreichen? Du gehst daneben ja auch noch anderen beruflichen Tätigkeiten nach und hast einen Partner.

Meike Stewen: Das ist für mich tatsächlich nicht ganz leicht, beziehungsweise: sauschwer sogar, gerade zu Beginn. Weil ich eine sehr mäkelige Schreiberin bin und es nicht aushalten kann, einen unglücklichen Satz aus meiner Tastatur erst mal einfach so stehen zu lassen. Obwohl gerade *das* das Prinzip des NaNoWriMo ist und ich mir immer wieder gesagt hatte: Schreib weiter, mäkeln und redigieren kannst du später noch! Die ersten ein, zwei Tage war ich vielleicht noch beflügelt von meinem "guten Vorsatz", der allgemeinen NaNoWriMo-Stimmung und der Tatsache, dass ich mein Gewinner-T-Shirt einfach schon mal ganz frech bestellt hatte ... aber dann bin ich eingeknickt. Ich fand alles, was ich geschrieben hatte, doof. So doof. Und dann bin ich schnell ins Hintertreffen geraten mit meinen Wörtern.

Und ja, ich hatte zum Schreiben nur die Abende und das Wochenende. Insbesondere abends hätte ich mich zunächst lieber faul vor den Fernseher gesetzt und gestrickt. Aber verdammt noch mal, ich hatte ja schon das T-Shirt bestellt. Und mir so sehr gewünscht, dass es diesmal endlich klappt. So sehr! Also habe ich mich ganz konsequent fast jeden Abend kurz nach der Arbeit in ein Café gesetzt, allein mit meinem Laptop. Na ja, und mit einem Milchkaffee. Und einem Stück Torte. Und einer großen Mangoschorle. Oft noch einem zweiten Milchkaffee. Mit dieser freundlichen Unterstützung habe ich es geschafft, nicht noch mehr zurückzufallen. Und ganz am Ende hat mich dann der Deadline-Druck über die Zielgerade geschubst. Mein Mann war von der ganzen Aktion (Meike wochentags erst spät zu Hause) nur mäßig begeistert. "Es ist ja nur für einen Monat", habe ich gesagt. Und ihm dabei verschwiegen, dass ich gerade ernsthaft darüber nachgedacht habe, diese Routine fest in mein Leben zu integrieren, weil sie irgendwie auch ... na ja, süchtig gemacht hat.

Buch-Lady: Und wurde es kurz vor dem Ende am 30. November noch richtig knapp? Hast du Nachtschichten gemacht?

Meike Stewen: Ich bin eine wandelnde Nachtschicht ... Und ja, gegen Ende wurde es ganz schön knapp. Seltsamerweise gab's weder Fanfaren noch Blumenregen, als ich meine über 50.000 Wörter um kurz vor zwölf auf der NaNoWriMo-Seite eingetragen habe. Und dann teilte mir ein Schreibfreund mit, dass ich den ganzen Text noch mal irgendwo hätte hochladen müssen, um ein echter "Winner" zu sein, mit "Winner"-Schriftzug. Leider war es da aber schon weit nach Mitternacht. Zum Glück sind mir irgendwann die Azoren eingefallen, diese Inselgruppe im Atlantik, von der schon einige Freunde geschwärmt haben. Also bin ich schnell dorthin – rein virtuell natürlich (in meinem NaNoWriMo-Profil). Es hat mir dort auch ganz wunderbar gefallen: In meiner neuen Zeitzone hatte ich nämlich noch über eine Stunde, um meinen Roman zu validieren ...

Buch-Lady: Nun bin ich natürlich gespannt zu hören, was für einen Roman du mit so viel Anspannung, Disziplin und Power im letzten November geschrieben hast. Worum geht es in deinem Buch?

Meike Stewen: Grob gesprochen, geht es um soziale Ängste, große Sehnsüchte, Enttäuschungen, Stalking, jede Menge "Psycho" ... und um Freundschaft. Und ganz konkret geht es um die Mathematikstudentin Mascha, die sich in einen Kommilitonen verliebt, Jan. Der knutscht ein bisschen mit ihr herum, dann wird ihm das aber zu viel und zu heikel. Also zieht er sich wieder zurück. Und Mascha zieht ihm hinterher, ganz heimlich und hintenrum. Weil sie meint, dass nur Jan sie erlösen kann von ... irgendwie allem. Am meisten aber von sich selbst. Und während sie ihm heimlich hinterherzieht, entstehen lauter neue Persönlichkeiten, die Mascha bei ihrer Hinterherzieherei zur Seite stehen. Persönlichkeiten, die es in Wirklichkeiten gar nicht gibt. Oder doch? Das ist schwer zu sagen, weil am Ende auch schwer zu sagen ist, was überhaupt wirklich ist und was nicht.

Buch-Lady: Das klingt sehr spannend und vielversprechend, Meike! Dein Roman, den du unter dem Pseudonym Judith Gavenny schreibst, hat den Arbeitstitel "Der ungefähre Arsch". Buch-Lady.de ist stolz, eine exklusive Leseprobe des Romans auf diesem Blog erstmals veröffentliche zu dürfen, und zwar im Anschluss an dieses Interview.

Dein Roman ist bisher nicht veröffentlicht worden. Du hast letzten November mehr als 50.000 Wörter geschrieben. Das entspricht immerhin schon einem Taschenbuch mit ca. 225 Seiten. Aber ist dein Roman dabei fertig in dem Sinne geworden, dass von Anfang bis Schluss alle Kapitel da sind? Oder soll er deutlich länger als 50.000 Wörter werden? Redigierst du nur noch oder schreibst du die Geschichte derzeit noch weiter?

Meike Stewen: Nein, mein Roman ist noch lange nicht fertig. Ich bin mit dem Plot gerade mal bis zur Hälfte meiner provisorischen Planung gekommen. Wobei ich nicht alles hundertprozentig durchgeplant habe; die Handlung ergibt sich bei mir zum Teil während des Schreibens. Aber ich habe festgestellt, dass das Schreiben unter Zeitdruck das Denken und bewusste Planen herunterregelt und dafür das Unbewusste stärker zum Vorschein bringt. Dabei entstehen ganz spannende Dinge, die ich nie hätte planen können ... gleichzeitig aber auch eine Menge Wortmüll. Im Moment merke ich, dass es mir ohne Zeitdruck und ohne die gefühlte NaNoWriMo-Gemeinschaft wirklich schwer fällt, den Text weiterzuschreiben. Also halte ich mich erst mal ans Bearbeiten und Entrümpeln des bisher Geschriebenen – bei langsamerem Tempo und größtenteils eingeschaltetem Denkapparat.

Buch-Lady: Der nächste November kommt bestimmt. Vielleicht schreibst du die zweite Hälfte des Romans ja während des nächsten NaNoWriMo? Für die weitere Arbeit an deinem Buch wünsche ich dir alles Gute und danke dir für dieses Interview!
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Das Interview wurde im Februar 2019 geführt. Kontakt zur Autorin: Mascha(at)hamburg.de

Nach Angaben des Veranstalters haben im Jahr 2017 ganze 394.507 Menschen von 6 Kontinenten am National Novel Writing Month teilgenommen, von denen mehr als 58.000 die Challenge gewonnen haben (vgl. Pressemitteilung vom 21.09.2018 auf https://nanowrimo.org/press, abgerufen am 23.02.2019, 21.27 h). Gewinner ist jede/r, welche/r die 50.000 Wörter im Zeitlimit zu schreiben schafft. Eine inhaltliche Bewertung der Romane findet nicht statt.

Buch-Lady.de steht in keiner Verbindung zum NaNoWriMo und hat keinen Einfluss auf den Inhalt der verlinkten Websites.

Freitag, 22. Februar 2019

Des Lebens fünfter Akt, Volker Hage


Arthur Schnitzler war ein österreichisch jüdischer Schriftsteller und Dramatiker, dessen Werke zu seinen Lebzeiten zu den meistgespielten Stücken auf deutschsprachigen Bühnen gehörten. Aus einer Arztfamilie stammend war auch er Mediziner, gab seine Praxis aber schließlich zu Gunsten der Schriftstellerei auf. Dem fünften und letzten Akt seines Lebens in Wien, nämlich den Jahren 1928 bis 1931 widmet sich dieser biografische Roman.

Die Erzählung setzt an einem Wendepunkt in Schnitzlers Leben ein. Das einschneidendste Ereignis seiner letzten Lebensjahre war der tragische Selbstmord seiner erst 19jährigen, frisch verheirateten Tochter Lili, den er nie hat verwinden können. Besonders dieser schmerzliche Verlust – aber nicht nur dieser – ließ ihn die Nähe zu seiner geschiedenen Frau Olga suchen. Diese drängte bis zum Lebensende Schnitzlers darauf, wieder mit ihm zusammen zu leben, was Schnitzler jedoch ablehnte.

Im Alter von Ende Sechzig wiederholte Schnitzler noch immer das ewig gleiche Beziehungsmuster, welches sich durch sein Leben zog. Er fühlte sich stets von vielen Frauen erotisch angezogen, besonders von solchen, die deutlich jünger waren als er, ihn bewunderten und anschwärmten. Klug sollten sie sein, so dass sie sein schriftstellerisches Werk beurteilen konnten. Er gab ihnen seine Entwürfe zu lesen, baute auf ihre Ermutigung und ihren Rat. Verbindlichkeit war jedoch seine Sache nicht. Auch wenn er eine langjährige Ehefrau bzw. Lebensgefährtin gehabt hat, gab es daneben stets Affären, dauerhafte und kurzlebige. Eine Einschränkung seiner Freiheit konnte er nicht ertragen. Erwartungen wollte er nicht erfüllen, verlangte umgekehrt jedoch Treue und Hingabe von seinen Partnerinnen. Stets hielt er seine Affären vor den anderen Frauen geheim, schreckte auch vor Lügen und falschen Liebesschwüren nicht zurück, um die Frauen zu halten.

Tragisch an dieser Lebensweise war, dass sie sowohl Schnitzler als auch die betroffenen Frauen zuweilen sehr unglücklich gemacht hat. Manche der Frauen hätten sich auch auf eine offene Beziehung eingelassen, aber nur unter der Bedingung absoluter Offenheit. Gerade das wollte Schnitzler jedoch nicht. Wollten sich die Frauen von ihm trennen, weil er sie lieblos behandelte, geistig abwesend und stets in seine Arbeit vertieft war und sie ständig hinterging, so konnte er dies nie geschehen lassen. Er war abhängig von ihrer (von ihm meist nicht erwiderten) Liebe, ihrer ständigen Verfügbarkeit und der Selbstbestätigung, die sie ihm gaben. Zu groß waren seine Selbstzweifel, Einsamkeit und Depression, vor allem nach dem Tod der geliebten Tochter.

Der Roman zeichnet das Bild eines innerlich zerrissenen Mannes mit starkem Kontrollbedürfnis, der ständig zwischen mehreren Frauen steht und sich vollends darüber bewusst ist, was er ihnen mit seinem Verhalten antut. Er bemerkt sogar, dass sein Festhalten an längst quälend gewordenen Beziehungen voller gegenseitiger Vorwürfe und Leid ihm selbst schadet. Dennoch schafft er es meist nicht, sich zu trennen oder eine Frau gehen zu lassen, weder seine geschiedene Ehefrau Olga, noch seine langjährige Lebensgefährtin Clara. Er findet stets Entschuldigungen für sein Verhalten, nicht zuletzt dass er seine Beziehungserfahrungen in seinen Novellen und Dramen verarbeitet.
„Die Verbindung mit Clara hatte er sich leicht vorgestellt, frei von Konflikten, als ‚verantwortungslos und bequem‘, wenn er seinem damaligen Tagebuch trauen durfte. ‚Man könnte sich eine angenehmere Beziehung kaum denken‘, stand da. Freilich auch: ‚Aber in der Tiefe ist sie ziemlich hart, egoistisch, und ein bisschen snob.‘ Das war lange her.“ (S. 129)
„Aber war, fragte er sich insgeheim, seine Haltung wirklich so eindeutig? Wenn Clara ganz offen von ihrer Eifersucht sprach, hörte er es zumindest nicht ungern. Er musste sich eingestehen, dass er auf ihre Liebe weiterhin baute. Er wollte Clara loswerden, aber nicht loslassen.“ (S. 214)

Diese stark psychologische Auseinandersetzung mit Schnitzlers schwieriger Persönlichkeit wird erzählt vor dem Hintergrund des Wiens zwischen den Weltkriegen. Die Schilderung von Zeppelinflügen oder der neuartigen Möglichkeit zu telefonieren macht die Erzählung sehr plastisch. Natürlich spielt auch der erstarkende Faschismus eine Rolle sowie die in den 1920er Jahren aufkeimende neue Unabhängigkeit der Frauen. Schön ist, dass wir im Roman auch den Zeitgenossen Schnitzlers begegnen, mit denen er verkehrte, etwa Hugo von Hofmannsthal oder Siegmund Freud.

Beachtlich ist die immense Rechercheleistung des Autors. Große Teile des Buches zitieren Briefe und Tagebücher Schnitzlers sowie auch dessen Werke und binden diese in die Dialoge ein. So wirkt das Bild Schnitzlers sehr glaubhaft und authentisch.

Erschütternd ist die Egozentrik und Rücksichtslosigkeit Schnitzlers, der es in jüngeren Jahren selbst als Arzt in seiner Praxis nicht unterlassen hat, Patientinnen „zu verführen“, man würde heute sagen zu missbrauchen. Die Vehemenz seiner Lügen den Frauen gegenüber, deren völlige Selbstaufgabe und Zerstörung bis hin zum Selbstmord er in Kauf genommen hat, von Frauen, die leicht seine Töchter hätten sein können, stimmt nachdenklich – zumal auch die Frauen offenbar nicht die Kraft gefunden haben, ihrem Leiden ein Ende zu machen und den charmanten, aber eifersüchtigen und fordernden Geliebten zu verlassen. Erstaunlich ist, dass Schnitzler dieses Lebensmodell Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Wiener Gesellschaft leben konnte. Bedenkenswert ist, dass auch heute dieses Muster alles andere als ausgestorben ist.

Ein nachdenklich stimmendes, facettenreiches Portrait eines berühmten Mannes, das sich gut liest und beeindruckend recherchiert ist.

Des Lebens fünfter Akt, Volker Hage, Luchterhand Literaturverlag München 2018, 318 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Zusatz-Info: Wer sich auf heitere Weise mit der Welt Schnitzlers ab ca. 1910 beschäftigen möchte, dem seien die Romane von Petra Hartlieb ans Herz gelegt, in denen sie diese aus Sicht eines fiktiven Kindermädchens im Haushalt der Schnitzlers schildert. Erschienen sind bislang „Ein Winter in Wien“ (Rowohlt Verlag Reinbek 2016) und „Wenn es Frühling wird in Wien“ (DuMont Buchverlag Köln 2018). Am 17. Mai 2019 wird der 3. Band „Sommer in Wien“ (DuMont Buchverlag Köln) erscheinen. Petra Hartlieb und Volker Hage kennen sich und haben sich über ihre Recherchen zum Thema Schnitzler ausgetauscht.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Was man von hier aus sehen kann, Mariana Leky


Luise, die Ich-Erzählerin,  lebt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Dort lebt auch ihr bester Freund Martin, der am selben Tag wie sie geboren wurde. Das Dorf ist unspektakulär, ja provinziell. Es gibt einen Einzelhändler, einen Optiker, Bauern und einige andere Dorfbewohner mit ihren Macken. Mittelpunkt und ruhender Pol von Luises Leben und dem der meisten Dorfbewohner ist Selma, Luises Großmutter. Sie ist nicht so abergläubisch wie ihre Schwägerin Elsbeth, sondern eher skeptisch und bodenständig. Sie überblickt die Lage, z.B. dass man ein Auge auf Martins Vater Palm haben muss, der zu viel trinkt, seit Martins Mutter nicht mehr da ist. Oder dass einer sich besser um Luise kümmern sollte, da ihre Eltern nur mit sich selbst beschäftigt sind. Sie nimmt sogar den übergroßen Hund Alaska immer wieder in Pflege, den Luises Vater zur „Externalisierung seines Schmerzes“ angeschafft hat.

Manchmal träumt Selma von einem Okapi. Sie steht dann im Traum im Nachthemd neben dem Tier auf der Uhlheck in der Nähe des Dorfes. Zum Glück träumt Selma das nicht sehr oft. Denn wenn das Okapi auftaucht, bedeutet es, dass jemand sterben wird. Selbst die nicht abergläubischen Leute im Dorf wissen, dass das stimmt. Nur wen es treffen wird, das weiß niemand.
„‘Luise‘, rief Frederik, ‚was ist eigentlich ein Okapi? ‘Ich drehte mich um. ‚Das Okapi ist ein abwegiges Tier, das im Regenwald lebt‘, rief ich, ‚es ist das letzte große Säugetier, das der Mensch entdeckt hat. Es sieht aus wie eine Mischung aus Zebra, Tapir, Reh, Maus und Giraffe.‘“ (S. 139)

Unter Selmas Fittichen mit ihrer Lebensklugheit und unerschütterlichen Wärme lässt sich Luises Leben ganz gut aushalten, auch wenn das Schicksal manchmal schwer zuschlägt. Auch der Optiker ist immer parat, wenn jemand gebraucht wird. Überhaupt kümmern sich die Dorfbewohner recht gut umeinander, ertragen geduldig die Macken des anderen und ziehen einander durchs Leben, auch wenn sie manchmal so genervt sind, dass sie einander buchstäblich umbringen könnten.

Dieses Leben plätschert hinterwäldlerisch vor sich hin, die Dinge ergeben sich eben. Man geht in der Kreisstadt zur Schule, verkehrt mit den Dorfbewohnern, findet einen Arbeitsplatz in der Nähe und bleibt natürlich im Dorf wohnen. Und Luise „hatte selten einer Sache dazwischengefunkt, die sich so ergeben hatte“ (S.260). Genau das ist aber das Problem. Luises Vater findet schon lange, dass alle mal „mehr Welt hereinlassen“ (S. 14) müssten – und macht sich in selbige aus dem Staub. Aber ob das besser ist?

Selbst wenn mancher sich vornimmt, heute endlich alles anders zu machen, gegen den Strom zu schwimmen und endlich alles auszusprechen, - insbesondere angesichts eines geträumten Okapis - ist der Gegenwind des Alltagstrotts doch nicht zu unterschätzen.
„Der Optiker hatte in sich eine ganze Wohngemeinschaft voller Stimmen. Es waren die schlimmsten Mitbewohner, die man sich vorstellen konnte. Sie waren immer zu laut, vor allem nach zweiundzwanzig Uhr, sie verwüsteten die Inneneinrichtung des Optikers, sie waren viele, sie zahlten nie, sie waren unkündbar.“ (S. 34) „Der Optiker wusste, dass er torkelte, weil die inneren Stimmen ihn anrempelten. ‚Klappe halten‘, sagte der Optiker (…).“ (S. 35)

Treffend bildhaft und mit viel Humor betrachtet Luise ihr Leben und das der anderen, hat Verständnis für die Schwächen der verschrobenen, aber durchweg liebenswerten Menschen um sich herum und wird erwachsen. Genau wie Selma spürt sie, wenn das Leben im Begriff ist, sich total zu wandeln. Ein sehr eigenartiger Mann in schwarzer Kutte taucht auf. Kommt der nun aus Hessen oder aus Japan? Oder beides? Wohin gehört Luise und wo findet das wirkliche Leben eigentlich statt, im Dorf oder auf den sieben Weltmeeren? Sind innere Verstocktheit und Verschwommenheit heilbar? Und ist „Heimliche Liebe“ nur ein Eisbecher in Albertos Eisdiele?

Dieser Roman ist gleichermaßen tiefsinnig und komisch, die wunderbaren, fantasievollen Formulierungen haben mich durch ihren leisen Humor zum Lachen gebracht. Die Geschichte ist unspektakulär und gleichzeitig anrührend, die Charaktere authentisch gerade durch ihre Schwächen, in denen sich jeder ein bisschen wiedererkennen kann. Nicht umsonst ist dieser Roman in seinem Erscheinungsjahr 2017 zum „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ gewählt worden, einer Initiative von unabhängigen, inhabergeführten Buchhandlungen.

Dieser humorvolle, leise und doch schwungvolle Roman hat absolutes Lieblingsbuch-Potenzial! Verschlingen!

Was man von hier aus sehen kann, Mariana Leky, DuMont Buchverlag Köln 2017, 319 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Die Schneeschwester, Maja Lunde

Bestimmt kennt Ihr die Romane für Erwachsene von Maja Lunde, z.B. „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Letzten ihrer Art“ (siehe meine Re...