Mittwoch, 17. Juli 2019

Und es schmilzt, Lize Spit

Der Debütroman der jungen Belgierin Lize Spit hat es in sich! Er wurde mir sehr empfohlen, hat mich eingesogen, mitgerissen und durchgeschüttelt. Sieht man genau hin, so erkennt man, dass die Buchstaben auf dem Buchcover aus Eis bestehen mit darin eingeschlossenen Blumen. Eiskalt kann einem bei diesem Roman durchaus werden.

Das Mädchen Eva erzählt uns in wechselnden Zeitperspektiven von ihrem Leben und ihrer Familie in einem kleinen flämischen Kaff. Sie hat zwei Geschwister, den älteren Bruder Jolan und die jüngere Schwester Tesje. Der erste Schock ereilt den Leser, als sie berichtet, dass ihr älterer Bruder die Hälfte eines Zwillingspaars war. Die Zwillingsschwester wurde tot geboren. Ansonsten geht der Roman los wie eine normale Familiengeschichte, unaufgeregt erzählt. Es ist gerade dieser Erzählton, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Denn nach und nach berichtet Eva von schrecklichen Details ihres Lebens, so als wären sie ganz normal. Denn sie sind für Eva normal. Es war schon immer so.
 
Eva ist inzwischen Ende zwanzig und kehrt nach neun Jahren Abwesenheit in ihr Heimatdorf zurück, nachdem sie nach Brüssel gezogen ist. Anlass ist eine Gedenkfeier für Jan, der 30 Jahre alt geworden wäre - wenn er denn noch leben würde. Zu Anfang gibt es nur Andeutungen. Erst zum Schluss des Romans erfährt der Leser, wie Jan zu Tode gekommen ist und warum. Während Eva uns den Ablauf dieses Tages der Heimkehr minutiös schildert, gibt es Rückblenden in den denkwürdigen Sommer 2002, den Sommer nach Jans Tod, in dem Eva etwa 13 Jahre alt war. Sie berichtet von den „Drei Musketieren“, die aus ihr selbst und den beiden gleichaltrigen Jungen Pim und Laurens bestanden. Die Dorfschule war so klein, dass die drei Kinder die einzigen Schüler ihres Jahrgangs waren und in einer „Zustellklasse“, also im gleichen Klassenraum wie ein anderer Jahrgang unterrichtet wurden. Das schweißt natürlich zusammen. Aber im Laufe der Geschichte erfährt der Leser, dass aus Freunden manchmal Feinde werden können. Das geschah im Sommer 2002.

Eine dritte Erzählebene wird durch weitere Rückblenden aufgemacht, in denen Eva von ihrer Familie erzählt, von ihrer Kindheit und auch späteren Erlebnissen mit den Familienmitgliedern. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr Details lassen den Leser spüren, dass mit dieser Familie irgendetwas nicht stimmt. Aber was? Erschreckend wird der Alltag einer dysfunktionalen Familie geschildert, die den drei Kindern keinerlei Schutz bietet. Jeder der drei Geschwister geht damit anders um, aber bei allen hinterlässt die Familie schmerzhafte Spuren.
„Wäre vor zwanzig Jahren eine dreißigjährige Version meiner selbst plötzlich aufgetaucht und hätte gesagt: „Ich weiß, was passieren wird, mach, dass du hier wegkommst“, dann hätte ich mich keinen Zentimeter bewegt. Dann wären Tesje und ich einfach sitzen geblieben, nicht, weil wir glücklich waren, sondern weil Dinge erst geschehen müssen, bevor man sie bereuen kann, und auch weil die Tüte Chips Pickles noch nicht leer war.“ (S. 329)
Der Sog dieses Romans entsteht durch Andeutungen und kleine Details, deren Wichtigkeit man erst viel später begreift. Wir wissen, dass Jan tot ist. Aber wie ist er gestorben? Wir wissen, dass in Evas Familie etwas Ungeheuerliches passiert sein muss. Aber was? Auch die drei Freunde sprechen nicht mehr miteinander. Wie konnte dies geschehen, nachdem sie lange so eng verbunden schienen? Und was schmilzt nun eigentlich? Es entsteht eine ungeheure Spannung beim Lesen. Man muss einfach wissen, wie das alles zusammen hängt! Dabei fällt man spätestens in der zweiten Hälfte des Romans von einer Ohnmacht in die nächste angesichts der Dinge, die Eva erlebt. Es erfordert Mut, über diese Tabus zu schreiben, aber auch Mut, sich ihnen beim Lesen zu stellen. Harter Tobak. Ich kann nur vermuten, dass auch autobiografische Elemente von der Autorin verarbeitet worden sein müssen. Anders ist die schmerzhaft realistische Schilderung von Evas Gefühlen und Gedanken kaum zu erklären. Die Erzählung ist so dicht, dass ich sie körperlich spüren konnte.

Ein literarisches Meisterwerk, das starker Nerven bedarf. Die Handlung ist tief und organisch konstruiert, der Erzählstil ist phänomenal!

Und es schmilzt, Lize Spit, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2018, 512 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 13. Juli 2019

Washington Black, Esi Edugyan


Barbados, 1830, ist eine britische Kolonie. Auf einer Zuckerrohrplantage wird die Arbeit unter brutalsten Bedingungen von schwarzen Sklaven getan. Einer von ihnen ist der etwa elfjährige Erzähler der Geschichte, der vom Plantagenbesitzer den Namen George Washington Black erhalten hat. Wash weiß nicht genau wie alt er ist, wo er geboren wurde und wer seine Eltern sind. Seit er sich erinnern kann, hat er schwerste Feldarbeit geleistet und auf dem Boden in einer der Hütten geschlafen, so wie alle. Die Sklaven werden von den weißen Aufsehern so schlecht behandelt und willkürlich umgebracht, dass Selbstmorde an der Tagesordnung sind.

Eines Tages taucht der Bruder des Plantagenbesitzers auf, genannt Titch. Er macht wissenschaftliche Experimente und will einen Flugapparat bauen, mit dem man sogar den Atlantik überqueren kann. Titch bittet seinen Bruder um Zuteilung einiger Sklaven, die ihm beim Bau dieses Luftschiffs helfen sollen. Darunter ist auch Wash, den Titch aufgrund seines Gewichts und seiner Größe aussucht, als Ballast für den „Cloud-Cutter“. Wash wird Titchs Assistent. Er ist zunächst erschreckt von dessen Freundlichkeit ihm gegenüber. So etwas kennt er nicht, es macht ihn misstrauisch. Ein furchtbarer Unfall geschieht. Und ein Selbstmord. Titch setzt mit Wash und dem Cloud-Cutter zum großen Flug an.

All das ist nur der Anfang dieser sehr komplexen Geschichte, die ständig neue, überraschende Wendungen nimmt. Von Barbados aus gelangt Washington nach Nordamerika, in die Arktis, nach England und diverse andere Orte. Er ist ein Kind ohne Wurzeln, der das Leben nehmen muss, wie es gerade kommt. Er hat sich anzupassen an immer neue, unbekannte Welten und Menschen, muss dankbar sein, dass er überlebt. Er nutzt seine Talente und wachen Sinne, die er trotz fehlender Bildung hat. Vor allem kann er zeichnen, die Natur lebensnah abbilden. Als er ein junger Mann geworden ist, treibt ihn die Frage nach seiner Herkunft um. Er hat Fragen darüber, wieso bestimmte Dinge so gekommen sind und geht ihnen nach. Denn ohne Antworten kann er keine Wurzeln schlagen, sich nirgendwo zuhause fühlen.

„Do it frighten you? she whispered, where we lay in the hut, “To be dying?”
“Not if it don’t frighten you,” I said bravely. I could feel her arm draped protectively over me in the dark.
She grunted, a long rumble in her chest. “If you dead, you wake up again in your homeland. You wake up free.” (…)
“What it like, Kit? Free?“ (…)
„Oh, child, it like nothing in this world. When you free, you can do anything.“
“You go wherever it is you wanting?”
“You go wherever it is you wanting. You wake up any time you wanting. When you free,” she whispered, “someone ask you a question, you ain’t got to answer. You ain’t got to finish no job you don’t want to finish. You just leave it.” (S. 8/9)

Der Roman erzählt die Geschichte der Sklaverei auf sehr unmittelbare Weise. An Washs Schicksal wird erkennbar, welche schrecklichen Wirkungen die Sklaverei auf den einzelnen Menschen hat, und zwar auch dann noch, als Wash schon nicht mehr unter der Herrschaft des grausamen Plantagenbesitzers lebt. Er bewegt sich in einer Welt von Weißen, die ihn nie als ein gleichwertiges Gegenüber sehen, selbst wenn sie freundlich zu ihm sind, was selten genug vorkommt. Die Erzählweise ist sehr sinnlich. Wash beschreibt, was er unter seinen nackten Füßen spürt und vor allem die Gerüche der seltsamen Orte, an die es ihn verschlägt. Seine Erinnerungen bestehen aus lebendigen Bildern, die ihm immer wieder vor Augen stehen, manchmal qualvoll deutlich. Es ist eine Geschichte über Herkunft und Identität. Wash glaubt, dass diese Fragen für die Weißen mit ihren Herrenhäusern und Familien in der alten Heimat England so viel leichter zu beantworten sein müssten. Ob das wirklich so ist, erforscht er nach und nach.

Das wunderschön gestaltete Buchcover mit dem Cloud-Cutter inmitten goldener Wolken gibt einen Eindruck davon, dass die Weißen sich manchmal Luftschlösser bauen und nicht ganz auf dem Boden der Realität wandeln, wie Washington sie erlebt.

Ein faszinierender Roman, der einen mitnimmt. In wenigen Jahren scheint Washington gleich mehrere Leben durchzumachen.

Washington Black, Esi Edugyan, englischsprachige Ausgabe, Serpent’s Tail Verlag, London 2018, 419 Seiten

Samstag, 6. Juli 2019

All das zu verlieren, Leïla Slimani

Von diesem Buch hatte ich viel gehört und mich ein bisschen davor gefürchtet. Ein Buch über eine Frau, die immerzu Sex mit Fremden hat? Mag ich sowas lesen? Das Buch hat mich fasziniert – es ist gut geschrieben, die Sexszenen finde ich teilweise ekelhaft. Aber es geht nicht in erster Linie um Sex. Es geht um Selbstverletzung. Das macht das Buch so erschütternd.


Adèle ist Mitte dreißig und lebt mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn in Paris. Ihr Mann ist Arzt in einem Krankenhaus und verdient gut, sie selbst ist Journalistin bei einer Zeitung. Nach außen hin führt sie ein perfektes bürgerliches Leben, das sie um keinen Preis verlieren will. Ihre Bekannten würden sie als eher schüchtern beschreiben. Daneben aber führt sie ein Doppelleben, lebt ihr wahres Ich aus, wie sie es empfindet. Sie ist angeödet von ihrem langweiligen, spießigen Leben. Ihre Ehe war eine Vernunftheirat, ebenso wie das Kind. Dazugehören und Beachtung finden wollte sie, damit alles gut wird. Also hat sie wahllosen und brutalen Sex mit Fremden. Es können äußerlich abstoßende Männer sein, eine schnelle Nummer an einer Hausecke oder in einer Toilette, Journalisten, die sie zufällig und betrunken bei Auslandsreportagen kennenlernt oder sogar Bekannte, die auch ihr Mann kennt. Unbekannt muss es sein, schmierig, wild, animalisch, sie will gezwungen werden. Danach verliert sie schnell das Interesse an den Männern.

„(…) eingezwängt zwischen ihrer Mutter und dem Mann, die sich schlüpfrige Blicke zuwarfen, empfand Adèle zum ersten Mal diese Mischung aus Angst und Lust, aus Abscheu und sexueller Erregung. (…) Niemals, weder in den Armen der Männer noch bei ihren Spaziergängen auf demselben Boulevard Jahre später, hatte sie je wieder dieses magische Gefühl, das Niedere und das Obszöne, die bourgeoise Perversion und das menschliche Elend so mit der Hand greifen zu können.“ (S. 68)

Im Laufe des Romans erfährt der Leser ein wenig davon, was zu Adèles Verhalten geführt haben mag. Dies soll hier nicht vorweg genommen werden. Es wird deutlich, dass Adèle alle möglichen Arten von Suchtverhalten hat und daraus jeweils den Kick sucht, nur um sich selbst zu spüren, das Alte abzuschütteln, der Realität zu entfliehen. Sie trinkt zu viel, raucht ständig, lebt am Rande der Magersucht und ist sexsüchtig. In den Süchten erlebt sie den Kontrollverlust, den ihr bürgerliches Leben nicht erlaubt. Sie fühlt sich einsam und scheint sich durch das Verlangen nach sexueller Gewalt selbst bestrafen zu wollen.

Wer nun meint, Adèle sei damit eine Ausnahmeerscheinung unter den Frauen, sollte nicht zu schnell urteilen. Denn Adèles Gefühle haben viele Frauen – sicher auch Männer -, leben diese aber in anderer Form aus. Manche Menschen ritzen sich, andere nehmen Drogen, um sich zu betäuben, und Süchte gibt es viele, etwa Spielen, Internet oder Essen. Manche davon sind leichter zu verbergen als Adèles Sexeskapaden. Die Frage dahinter ist schwer zu beantworten: Wie lebt man denn echt? Wie kann ich gesellschaftlich akzeptiert und trotzdem wirklich ich sein? Wie gehe ich mit schlimmen Erfahrungen und negativen Gefühlen um, ohne mir selbst zu schaden? Adèle und ihr Mann sind sprachlos. Und so stellt sich die Frage, ob sich je etwas ändern kann.

Ein mitreißendes Buch, verstörend, das der Gesellschaft und ihren Normen einen Spiegel vorhält. Der Roman fordert uns auf, Wege aus der Sprachlosigkeit hin zu uns selbst zu finden.

All das zu verlieren, Leïla Slimani, aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand Literaturverlag, München 2019, 224 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Freitag, 5. Juli 2019

Der Dieb, Fuminori Nakamura


„Bei dieser Geschichte machen Sie kein Auge zu.“, verspricht der schneeweiße Umschlag. Ein weiterer Band aus der „Diogenes under cover“- Serie. Dahinter verbirgt sich ein japanischer Thriller, der in der Tokioter Unterwelt spielt. Eigentlich ist der Erzähler ein einfacher Taschendieb. Von Kindheit an hat er seine Greiftechnik perfektioniert. Er genießt das Prickeln und Kribbeln, das Stehlen gibt ihm jedes Mal einen Kick. Und er ist gut. Geld spielt für ihn keine Rolle. Er kann davon besorgen so viel er will.

Leider war er in der Vergangenheit in eine Sache verwickelt mit Leuten, denen er jetzt ungewollt wieder begegnet. Und lieber niemals begegnet wäre. Es geht um die Macht der Mafiosi. Wenn sie jemanden sterben lassen wollen, dann tun sie es. Die Macht über ein Menschenleben nach Laune entscheiden zu können, scheint manchen Menschen den gleichen Kick zu geben wie dem Erzähler ein Taschendiebstahl. Es ist ein einsames Leben. Denn wer Familie hat oder auch nur Menschen, die ihm nicht total gleichgültig sind, wird erpressbar. Und dummerweise taucht die Vergangenheit gleichzeitig aus der Versenkung auf wie ein kleiner, verwahrloster Junge, der von seiner Mutter zum Stehlen von Lebensmitteln in den Supermarkt geschickt wird.

„Ich sagte zu ihm: „Du bist ziemlich geschickt, aber… man macht das so, schau mal!“
Von der Liste war nur noch Joghurt übrig geblieben. Vor dem Kühlregal mit den aufgestapelten Bechern streckte ich meine Hand aus, als überlegte ich mir, welche Sorte es sein sollte. Ich blinzelte nach links und rechts, legte den Mittelfinger an den Rand des Deckels und krümmte ihn blitzartig, so dass der Joghurt nach vorne kippte, direkt in meinen Ärmel. (…) Der Junge verfolgte mit ernster Miene jede meiner Bewegungen und schaute mich dann lange an, als ob ein Wunder geschehen wäre. Er schien auch sehr beeindruckt, als ich den Arm senkte und die Joghurts nicht herausfielen.“ (S. 87)

Nach und nach erfährt der Leser, an was für einer Tat der Erzähler in der Vergangenheit beteiligt gewesen ist und was mit seinem ehemaligen Lehrmeister geschehen ist. Zum Schluss werden auch die Motive derjenigen klar, die ihn zwingen, für sie zu arbeiten. Mich hat diese Ganovengeschichte nicht wirklich fesseln können, allerdings bin ich auch kein Thriller-Fan. Die Skrupellosigkeit der Mafiosi ist vorhersehbar. Interessant sind die Beschreibungen der Emotionen des Erzählers. Was ihn antreibt, was er verabscheut und vor allem sein Interesse an dem kleinen, fremden Jungen. Die Einsamkeit und Kraft des verwahrlosten Kindes sind beeindruckend, abstoßend dagegen die Kälte seiner Mutter, die sich als Prostituierte durchschlägt. Gut fand ich, dass zwar Morde geschehen, aber der Roman keine blutrünstigen Gewaltszenen schildert.

Nicht schlecht, aber ich werde dennoch nachts gut schlafen, da ich das Buch nur mäßig spannend fand.

Der Dieb, Fuminori Nakamura, aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 224 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 4. Juli 2019

Der Koch, Martin Suter


Unschuldig verhüllt kommt dieses Buch daher, in einem blütenweißen Umschlag mit der Frage: „Wann wurden Sie das letzte Mal verführt?“. Der Diogenes-Verlag hat zehn seiner Backlist-Titel unter derartigen Tarnumschlägen versteckt und nennt dies „Diogenes under cover“. Ich gebe zu, dass ich vor dem Kauf nach dem Titel geluschert habe.

Darunter verbirgt sich ein Roman über einen ungewöhnlichen tamilischen Koch, Maravan, der wegen des Bürgerkriegs in seiner Heimat Sri Lanka 2008 in der Schweiz Asyl gesucht hat. Obwohl er schon als Kind alles über die Kunst des Kochens von seiner Großtante Nangay gelernt und später in seiner Heimat auch als Koch gearbeitet hat, kann er aufgrund der Asylgesetze im Gastland nur als Küchenhilfe niedere Arbeiten zu einem Hungerlohn verrichten. Sein überlegenes Wissen wird ihm zum Verhängnis. Er verliert seinen Job.

Durch Zufall wird eine ehemalige Kollegin darauf aufmerksam, dass Maravan nicht nur besonders wohlschmeckend kochen kann, sondern dass seine Speisen nach alten ayurvedischen Rezepten aphrodisierend wirken. Eine Geschäftsidee entsteht.

„Anstatt das ganze Püree aus in gezuckerter Milch eingelegten Urd-Linsen portionenweise im Backofen zu trocknen, vermischte er die Hälfte mit Agar-Agar. Beide Hälften strich er auf Silikonmatten, schnitt sie in Streifen. Die Hälfte ohne Agar-Agar trocknete er im Backofen und drehte sie noch warm zu Spiralen. Die andere Hälfte ließ er erkalten und wand die elastischen Blätter in die inzwischen knusprig gewordenen Spiralen. (…) Er würde sie zusammen mit süßem Safranghee reichen, den er auf dünne, mit Safranfäden belegte Honig-Gel-Streifen strich und rollte. Mit diesen hellgelben Zylindern, durch deren opake Wände dunkelgelb die Safranfäden schimmerten, umstellte er die Sphären.“ (S. 43)

Welcher Menschenschlag nimmt die Dienste eines Catering Services mit Namen „Love Food“ in Anspruch? Sicher, da sind langjährige Ehepaare, die ihrer Beziehung neuen Schwung geben wollen. Aber es gibt auch Geschäftsleute, die lieber mit anderen Damen als der eigenen Frau tafeln möchten. Maravan möchte gar nichts wissen über die Art von Geschäften, die diese Kunden machen, sondern am liebsten nur verheiratete Paare bekochen. Schließlich ist er gläubiger Hindu. Aber Kunst geht eben auch nach Brot, zumal die Familie in der Heimat dringend finanzieller Unterstützung bedarf. Auf einmal wird das Wegsehen jedoch sehr schwer.

Martin Suter erzählt diese Geschichte glänzend leichtfüßig und beschreibt detailreich die Zubereitung der exotischen Speisen. Liebevoll werden Essenzen destilliert, Gewürze geröstet und feine Schäume kreiert – man kann die Düfte förmlich erschnuppern und spürt das sanfte Zergehen der Köstlichkeiten auf der Zunge. (Im Anhang befinden sich sogar die Rezepte zum Nachkochen!) Fein versponnen mit den sinnlichen Genüssen gibt es eine sanfte Liebesgeschichte und ein paar politische Verwicklungen im Rahmen der Bankenpleiten und Wirtschaftskrise von 2008.

Eine herrliche Verführung zum sinnlichen Lesen!

Der Koch, Martin Suter, Diogenes Verlag, Zürich 2011, 320 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 3. Juli 2019

Junger Mann, Wolf Haas

Wenn er an der Tankstelle „junger Mann“ genannt wird, ist das schon ein Gewinn. Besser als wenn man ihn „Fräulein“ ruft, auch wenn er dann für das Scheibenputzen meistens mehr Trinkgeld bekommt. Unser Antiheld ist noch keine vierzehn Jahre alt, etwas pummelig und wohnt in den 1970er Jahren in einem österreichischen Kaff nahe des deutschen Ecks. Sein Vater ist in der Hauptstadt in der Irrenanstalt, weil er säuft und alles Geld verspielt. Seine Mutter ist auch irgendwie verrückt und geht dem Erzähler erheblich auf die Nerven. In den Internatsferien verdient er, der einzig Normale in der Familie, sich an der Tankstelle ein Taschengeld.

Seine Welt verändert sich, als er beim Scheibenputzen auf diese wahnsinnig schöne Frau auf dem Beifahrersitz aufmerksam wird. Sie sitzt im Auto von Tscho, einem örtlichen Lkw-Fahrer. Unser Held beschließt, dass er eine Abmagerungskur machen wird, bevor er sich ernsthaft um die Elsa bemühen kann. Dann wird es wohl nicht mehr so ins Gewicht fallen, dass sie ein bisschen zu alt und ein bisschen zu verheiratet für ihn ist, oder?

Im nächsten Moment fand ich meinen Lebensmut wieder. Ich sagte mir, mit der Waage müsse etwas nicht stimmen. Vielleicht war sie verstellt. (…) Einer war aus dem Internat geschmissen worden, weil er ein interessantes Buch namens Kamasutra eingeschmuggelt und nicht gut genug versteckt hatte. Ähnlich komplizierte Stellungen nahm ich auf der Badezimmerwaage ein. (…), bis ich bei immer akrobatischeren Schräglagen schließlich von der Waage fiel. Doch mein gesamtes Badezimmerwaagenkamasutra brachte nichts. Am ehesten noch 94 Kilo. (S. 20/21)

Mit eiserner Disziplin schiebt der Erzähler Kohldampf, schwingt sich aufs Rad und lernt Kalorientabellen auswendig. In herrlichem Dialekt lässt er uns teilhaben an seinen Gedanken, die ständig um Elsa kreisen und um das Erwachsenwerden. Obwohl Tscho eigentlich sein Rivale ist, kommt er diesem näher, als der ihn mit auf eine Fahrt mit dem Lkw nach Thessaloniki nimmt. Tscho ist schweigsam beim Fahren. Umso erstaunlicher ist es, welche bedeutenden Dinge die beiden dennoch während der Fahrt austauschen. Kann es sein, dass der Erzähler doch nicht nur wegen seiner Englischkenntnisse mitfahren sollte?

Der namenlose Erzähler ist ein nachdenklicher, gescheiter und feinfühliger Junge, dabei ein Pechvogel. Er macht sich über seine Popularität bei Frauen keine Illusionen. Aber er hat einen Traum: Er will abnehmen und die Elsa für sich begeistern. Deshalb hat er auch viel Verständnis für die Träume der anderen. Er möchte niemanden bloßstellen, versucht hilfreich zu sein und seine Mutter so gut es geht zu ertragen. Etwa ab der Hälfte des Buches geht er auf einen Roadtrip mit Tscho, der ihm die Welt öffnet, eine Coming-of-age-Story.

Die wohl teilweise autobiografisch gefärbte Geschichte hat einen lockeren Tonfall, ist unterhaltsam und nötigt dem Leser Respekt ab für diesen Jungen, der es irgendwie schafft in diesem langweiligen, nervtötenden und peinlichen Leben in der Provinz. Ich habe diesen Antihelden jedenfalls sofort ins Herz geschlossen. Der Roman hat mir sehr gefallen.

Eine mutmachende Geschichte vom Erwachsenwerden und davon, seinen Traum zu leben.

Junger Mann, Wolf Haas, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Und es schmilzt, Lize Spit

Der Debütroman der jungen Belgierin Lize Spit hat es in sich! Er wurde mir sehr empfohlen, hat mich eingesogen, mitgerissen und durchge...