Samstag, 6. Juli 2019

All das zu verlieren, Leïla Slimani

Von diesem Buch hatte ich viel gehört und mich ein bisschen davor gefürchtet. Ein Buch über eine Frau, die immerzu Sex mit Fremden hat? Mag ich sowas lesen? Das Buch hat mich fasziniert – es ist gut geschrieben, die Sexszenen finde ich teilweise ekelhaft. Aber es geht nicht in erster Linie um Sex. Es geht um Selbstverletzung. Das macht das Buch so erschütternd.


Adèle ist Mitte dreißig und lebt mit ihrem Mann und ihrem dreijährigen Sohn in Paris. Ihr Mann ist Arzt in einem Krankenhaus und verdient gut, sie selbst ist Journalistin bei einer Zeitung. Nach außen hin führt sie ein perfektes bürgerliches Leben, das sie um keinen Preis verlieren will. Ihre Bekannten würden sie als eher schüchtern beschreiben. Daneben aber führt sie ein Doppelleben, lebt ihr wahres Ich aus, wie sie es empfindet. Sie ist angeödet von ihrem langweiligen, spießigen Leben. Ihre Ehe war eine Vernunftheirat, ebenso wie das Kind. Dazugehören und Beachtung finden wollte sie, damit alles gut wird. Also hat sie wahllosen und brutalen Sex mit Fremden. Es können äußerlich abstoßende Männer sein, eine schnelle Nummer an einer Hausecke oder in einer Toilette, Journalisten, die sie zufällig und betrunken bei Auslandsreportagen kennenlernt oder sogar Bekannte, die auch ihr Mann kennt. Unbekannt muss es sein, schmierig, wild, animalisch, sie will gezwungen werden. Danach verliert sie schnell das Interesse an den Männern.

„(…) eingezwängt zwischen ihrer Mutter und dem Mann, die sich schlüpfrige Blicke zuwarfen, empfand Adèle zum ersten Mal diese Mischung aus Angst und Lust, aus Abscheu und sexueller Erregung. (…) Niemals, weder in den Armen der Männer noch bei ihren Spaziergängen auf demselben Boulevard Jahre später, hatte sie je wieder dieses magische Gefühl, das Niedere und das Obszöne, die bourgeoise Perversion und das menschliche Elend so mit der Hand greifen zu können.“ (S. 68)

Im Laufe des Romans erfährt der Leser ein wenig davon, was zu Adèles Verhalten geführt haben mag. Dies soll hier nicht vorweg genommen werden. Es wird deutlich, dass Adèle alle möglichen Arten von Suchtverhalten hat und daraus jeweils den Kick sucht, nur um sich selbst zu spüren, das Alte abzuschütteln, der Realität zu entfliehen. Sie trinkt zu viel, raucht ständig, lebt am Rande der Magersucht und ist sexsüchtig. In den Süchten erlebt sie den Kontrollverlust, den ihr bürgerliches Leben nicht erlaubt. Sie fühlt sich einsam und scheint sich durch das Verlangen nach sexueller Gewalt selbst bestrafen zu wollen.

Wer nun meint, Adèle sei damit eine Ausnahmeerscheinung unter den Frauen, sollte nicht zu schnell urteilen. Denn Adèles Gefühle haben viele Frauen – sicher auch Männer -, leben diese aber in anderer Form aus. Manche Menschen ritzen sich, andere nehmen Drogen, um sich zu betäuben, und Süchte gibt es viele, etwa Spielen, Internet oder Essen. Manche davon sind leichter zu verbergen als Adèles Sexeskapaden. Die Frage dahinter ist schwer zu beantworten: Wie lebt man denn echt? Wie kann ich gesellschaftlich akzeptiert und trotzdem wirklich ich sein? Wie gehe ich mit schlimmen Erfahrungen und negativen Gefühlen um, ohne mir selbst zu schaden? Adèle und ihr Mann sind sprachlos. Und so stellt sich die Frage, ob sich je etwas ändern kann.

Ein mitreißendes Buch, verstörend, das der Gesellschaft und ihren Normen einen Spiegel vorhält. Der Roman fordert uns auf, Wege aus der Sprachlosigkeit hin zu uns selbst zu finden.

All das zu verlieren, Leïla Slimani, aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand Literaturverlag, München 2019, 224 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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