Montag, 31. Dezember 2018

Meistererzählungen, Irène Némirovsky

Von Irène Némirovsky hatte ich gehört, sie sei eine Meistererzählerin – daher auch der Titel dieser Sammlung von 9 Kurzgeschichten. Sie ist jüdisch-ukrainischer Abstammung, hat lange in Paris gelebt und ist schließlich in Auschwitz ermordet worden. Ihre zunächst verschollenen Erzählungen sind erst spät wieder aufgetaucht.

Die Sammlung beginnt mit „Rausch“, aus meiner Sicht die Beste der Erzählungen. Dem Titel nach hätte es sich um rauschende Pariser Nächte in den goldenen Zwanzigerjahren handeln können – tut es aber nicht. Es geht um den Alkoholrausch der Revolutionäre und ihrer Feinde, die aus Russland in das benachbarte Finnland gekommen sind. Um Offiziere, die sich verstecken und von Orgien mit Zigeunerinnen träumen, um Männer, die das Leben ohne Alkohol – welcher verboten ist – nicht ertragen können. Sie plündern, saufen, huren und töten. Das alles berichtet eine junge Frau, die ein langweiliges Leben an der Seite eines viel älteren Ehemannes führt und ihren Bruder versteckt, ihn jedoch schlussendlich nicht retten kann.

Hier zeigt sich das Morbide, das allen Erzählungen Némirovskys anhaftet. Leidenschaftlich erzählt sie über menschliches Leid, über dramatische Ereignisse, die auch Tod, Verrat und Gewalt einschließen, zumeist im Umfeld von Paris zwischen den beiden Weltkriegen. Es gibt verhärmte alte Jungfern, viel unglückliche Liebe, vom Krieg gezeichnete Soldaten und gleichgültige alte Männer, die dem Leben nur noch als Zuschauer beiwohnen. Erstmals sind die Erzählungen in Zeitschriften in der Zeit von 1934 bis 1941 erschienen. Die späteren Geschichten sind vom ausbrechenden Krieg gezeichnet. So heißt es in „Der Zuschauer“:
„Europa hat den Zauber von Geschöpfen, die bald sterben werden. (…) Das ist sein größter Reiz.“ (S. 162)

Als ob ihn das alles nichts anginge, da er einer neutralen Nation angehört, überlegt der Protagonist zynisch:
„Dabei wäre es interessant gewesen, den Beginn dieses Krieges zu beobachten! Was würden alle diese Leute empfinden? Welcher Aufruhr in Ihrem Innern!“ (S. 168)

Leider konnten die Erzählungen mich nicht wirklich fesseln, vielleicht weil der Zynismus und die Leidenschaft für meinen Geschmack etwas zu theatralisch, zu dramatisch ausgefallen sind. Die Erzählungen sind sicher ein wertvolles Zeitdokument. Die großen Gefühle und menschlichen Abgründe bleiben jedoch plakativ, die Handlung schleppt dahin, trotz der Kürze der Geschichten. Die Sprache Nemirovskys ist durchaus abwechslungsreich, der Grundton aber sehr dunkel, pessimistisch und morbide.

Als Lesevergnügen nur bedingt geeignet.

Meistererzählungen, Irène Némirovsky, aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, btb-Verlag, Verlagsgruppe Random House GmbH München 2013, 224 Seiten, 9,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 26. Dezember 2018

The All Night Bookshop, David Belbin


Es ist nur ein kleines Heftchen, und doch macht diese Geschichte schon beim Betrachten des Coverbilds Spaß. Liebevoll wird die Geschichte eines ungewöhnlichen Buchladens für Nachteulen erzählt. Am liebsten würde frau sofort des Nachts dorthin gehen, die ungewöhnlichen Besucher und die erstaunlichen Bestände dieser Buchhandlung mit eigenen Augen sehen. Wer hätte gedacht, dass zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens vor allem Werke übers Gärtnern, Chinesische Architektur und Ornithologie gefragt sind?

Wir lernen Zelda, die Hauptangestellte und ihren namenslosen Assistenten kennen, die den Laden am Laufen halten. Und wir hören von der kleinen Schwärmerei für Zelda, die unser Erzähler hegt. Nur der eigenartigen Eigentümer bleibt verborgen. Zurück bleibt die Frage, ob man Bücher eigentlich besitzen kann. Oder besitzen die Bücher uns?

Das Bedürfnis nach einem Buch kann dringend sein und keinerlei Aufschub gestatten, wie der junge Buchverkäufer berichtet:
„Some customers phone first to see whether we have a particular book in stock. People have been known to travel a hundred miles wearing just slippers and a dressing gown. The urge to own a book can be a particularly powerful one, and the intensity of those phone calls is a testament to the importance of the service we provide.” (S. 6)

Das Sortiment der Buchhandlung glänzt nicht mit Aktualität. Es scheint der Charme des Etablissements zu sein, der ein bestimmtes Publikum anzieht:
„'Best sellers' we leave to the mainstream bookshops, supermarkets and Amazon. We are not in competition with anyone. The bookshop’s turnover is so slow that much of our stock is old and otherwise out of print. Luckily, our customers like this aspect. They say they find surprises on every shelf.” (S. 6)

Abgerundet wird das Heft durch zwei Gedichte an Anfang und Schluss. Dem Fazit des Dichters Jim Burns im Gedicht "Bookshops" ist nichts hinzuzufügen:
“It’s easier on the internet,“ someone says.
„But not as much fun,“ I reply. (S. 3)

Unbedingt lesen!!

The All Night Bookshop, David Belbin, Candlestick Press Nottingham/GB 2018, 12 Seiten, englischsprachige Ausgabe

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Leseglück - Lektüre zwischen den Jahren 2018

Dieses kleinformatige gebundene Bändchen ist genau richtig, um es unter dem Tannenbaum zu lesen, etwa während frau sich überlegt, welchen der zu Weihnachten geschenkten Romane sie zuerst lesen soll. Es handelt sich um eine Sammlung von Geschichten und wenigen Gedichten zum Thema Lesen und Bücher, verfasst von zumeist bekannten Autoren/innen aus diversen Jahrzehnten. Wer Bücher, Bibliotheken und Buchhandlungen mag, dem wird das Herz aufgehen bei dieser bunten Zusammenstellung, zumeist Ausschnitten aus längeren Werken.

Carlos Ruiz Zafons Friedhof der vergessenen Bücher (aus „Der Schatten des Windes“) findet Platz neben dem Briefwechsel einer Buchkäuferin und ihrer Buchhandlung aus Helene Hanffs „84, Charring Cross Road“. Es finden sich jedoch auch weniger offensichtliche Auszüge, z.B. Robert Walsers verschrobener Besuch einer Buchhandlung, in der er den Verkäufer – eine Kaufabsicht vortäuschend – um „das Gediegenste und Ernsthafteste und damit selbstverständlich zugleich auch das Meistgelesene und am raschesten Anerkannte und Gekaufte“ Buch des Ladens bittet.

Buchliebhaber werden das Gefühl „In Büchern zu Hause sein“ kennen, wie von Wilhelm Schmid beschrieben:
„Die Bücherwand in der Wohnung lädt dazu ein, in ihrem Schutz Platz zu nehmen. Als regelrechte Fluchtburg aus der alltäglichen Enge erscheint zuweilen die öffentliche Bibliothek. Und Buchhandlungen werden zu Lebensorten, wenn sie es ermöglichen, sich in eine Ecke zu setzen und nach Herzenslust zu schmökern.“ (S. 51)

Die Autorinnen und Autoren beschreiben auf ca. 150 (kleinen) Seiten in sehr unterschiedlicher Sprache das vielschichtige und doch universelle Gefühl, ohne Bücher nicht sein zu wollen und zu können, die alle Sinne ansprechende Lesefreude durch Geruch, Haptik, Aussehen und natürlich Inhalt eines Buches, das kein eBook je erreichen wird. Oder auch die an Wahnsinn grenzende Jagd auf seltene Bücher, die der Protagonist in Gustave Flauberts „Bibliomanie“ erlebt. Die Lektüre von Ernest Hemingway sei gar mit einer Sucht vergleichbar, die man kaum wieder ablegen kann, meint Hanns-Josef Ortheil nach der Lektüre von „Die Wahrheit im Morgenlicht“.

Ich kann Wilhelm Schmid nur zustimmen:
„Schon das bloße Denken daran (an Bücher) lässt die Welt der Möglichkeiten lebendig werden, so dass im Umfeld von Büchern die Welt reicher und vielfältiger als irgendwo sonst erscheint.“ (S. 51)

Das für den Spottpreis von 5 EUR zu erwerbende Buch macht Lust auf Mehr, aufs Lesen, Eröffnen einer Buchhandlung oder einen Bibliotheksbesuch. Nur ein Lesebändchen fehlt. Nun ja, Details.

Insgesamt eine klare Leseempfehlung.

Leseglück - Lektüre zwischen den Jahren 2018, Insel Verlag Berlin 2018, 154 Seiten, 5,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Und es schmilzt, Lize Spit

Der Debütroman der jungen Belgierin Lize Spit hat es in sich! Er wurde mir sehr empfohlen, hat mich eingesogen, mitgerissen und durchge...