Sonntag, 18. Juli 2021

Übernachtung in der Buchhandlung Schwarz auf Weiß, Juli 2021

Es war schon lange mein Traum, einmal eine ganze Nacht in einer Buchhandlung zu verbringen. Endlos stöbern zu können ohne Rücksicht auf Ladenschluss, mich unbeobachtet hinfläzen beim Lesen und alles, alles erkunden und anlesen zu können, das war mein Wunsch. Lange habe ich nach einer passenden Buchhandlung gesucht, habe mit dem Einschließen für ein paar Stunden begonnen (siehe mein Artikel „Nachts in der Buchhandlung“), und nun endlich meinen Traum leben können. Dieses Wochenende habe ich in der Buchhandlung Schwarz auf Weiß in Buxtehude übernachtet!!

Es war ein Gesamterlebnis, bei dem von Anfang bis Ende alles gestimmt hat. Ich hatte bei der Inhaberin Tanja Drecke vorsichtig telefonisch angefragt, ob Übernachtungen wegen der derzeit geringen Coronainzidenz vielleicht wieder möglich wären. Sodann erklärte sie mir in unserem vergnüglichen Telefonat, dass die Buchhandlung bereits seit 15 Jahren diese Übernachtungen anbiete. Die Termine von Samstag auf Sonntag seien immer mindestens ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Oh je, muss ich jetzt so lange warten? Nein, sagte sie, ich könne auch an einem anderen Wochentag kommen. Und so konnte ich mit nur zwei Wochen Vorlauf von Freitag auf Samstag übernachten. Toll, wie flexibel das geht! Wer klein anfangen will, kann sich auch nur am Sonntag tagsüber in der Buchhandlung vergnügen ohne Übernachtung.

Die Buchhandlung Schwarz auf Weiß ist ideal ausgestattet fürs Übernachten, das Team ausgesprochen unkompliziert. Am Freitagabend holte ich den Ladenschlüssel kurz vor Geschäftsschluss ab, setzte mich in eines der nahegelegenen Restaurants zum Abendessen, damit das Team in Ruhe die Kasse abrechnen und aufräumen konnte, und betrat dann kurz vor halb acht allein die leere und dunkle Buchhandlung. Schon das Aufsperren mit dem „Schlüssel zum Paradies“ hatte was. Die Schaufenster waren von innen mit einem Vorhang zugehängt, so dass niemand von außen hereinsehen konnte. Ich machte die Festtagsbeleuchtung an und dachte: „Alles meins! Nur für mich!“

Ich fand im hinteren Teil des Ladens eine bezogene Matratze auf dem Boden vor (Decke und Kissen ist selbst mitzubringen), dazu ein frisches Handtuch, einen Willkommensgruß mit einer Notfalltelefonnummer, Wasser war bereitgestellt am Lesetisch mit zwei Sesseln nebst Leselampe und sogar die Klimaanlage mit Fernbedienung stand zu meiner Verfügung (wunderbar, denn es war heiß). Im Hinterzimmer befindet sich eine voll ausgestattete Küche, wo ich mir als erstes eine Tasse Tee machte, sowie ein kleines Bad mit WC und Waschbecken. Was braucht man mehr?

Wie ein kleiner, schnüffelnder Hund begann ich jeden Winkel des Ladens zu erkunden, von links nach rechts, ganz systematisch, um ja nichts zu verpassen. Neben Büchern und Hörbüchern gibt es ein großes non-book Sortiment, insbesondere Geschirr und Gläser in der Kochbuchabteilung, aber natürlich auch schöne Postkarten, Lesezeichen und Notizbücher. Das Besondere an dieser Buchhandlung ist, dass es so gut wie keine Regale gibt, in denen die Bücher nur mit dem Buchrücken zum Kunden stehen. Es ist stets das ganze Cover zu sehen. Das macht die Auswahl etwas kleiner, bringt die vorhandenen Bücher aber voll zur Geltung. Schon beim Betreten des Ladens bemerkt man den Geruch, den die Esoterikabteilung ausströmt. Dort gibt es Räucherstäbchen, die zwar im Laden nie angezündet werden, wie mir versichert wurde, die aber auch verpackt einen leichten Duft abgeben.

Nach einem Überblicksrundgang griff ich zu den Büchern, die mir gleich ins Auge gefallen waren, Querbeet, vom Kochbuch für Afternoon Tea im Stil der 1940er Jahre über ein süßes Buch mit Geschichten, Gedichten und Cartoons für Katzenliebhaber bis hin zu einem Bildband mit schönen Buchplakaten. Dann ging es in die Sachbuchabteilung, in einer Essaysammlung las ich mich das erste Mal richtig fest. Dann kamen die Romane dran. Von vielen Büchern hatte ich schon gehört, nun konnte ich sie alle einmal in die Hand nehmen und anlesen. Manche legte ich rasch beiseite – doch nicht mein Geschmack. Andere fand ich ganz toll, las längere Passagen bei einer Tasse Tee und setzte sie gedanklich auf die Wunschliste. Im Preis der Übernachtung ist ein Buchgutschein von 20 EUR enthalten, so dass ich wusste, dass ich wenigstens ein paar Bücher mit nach Hause nehmen würde. Wunderbar war das unbeobachtete Lesen. Manches Buch musste ich gleich im Stehen aufschlagen, andere las ich auf dem Tritthocker sitzend, manche nahm ich mit zum Tisch und setzte mich in einen Sessel, andere nahm ich mit ins Bett und naschte beim Lesen meine mitgebrachten Pralinen. Einfach schön! Natürlich stöberte ich auch im Abholfach im Hinterzimmer. Die Bücher der anderen sind ja immer die interessantesten…

Nach etwa drei Stunden setzten erste Ermüdungserscheinungen ein. „Nein“, dachte ich, „es ist doch noch so viel zu lesen da! Ich will nicht schlafen, ich will durchmachen!“ Aber es nützte nichts, aus dem Alter des Nächte-Durchmachens bin ich eindeutig raus. Ich schaltete die Deckenbeleuchtung aus und kuschelte mich auf der Matratze ein. Umgeben von all den Bücherregalen lag es sich wunderbar. Leise knackten im Dunkeln die gestapelten Gläser und die Regale, draußen liefen die Nachschwärmer durch die Altstadt von Buxtehude. Das Schaufensterlicht gab dem Laden einen Lichtschimmer. So schlief ich ein. Nach wenigen Stunden erwachte ich zum Glück, denn ich wollte doch unbedingt das neben mir liegenden Buch weiterlesen! Ich bediente mich sodann in der direkt neben mir befindlichen Kinder- und Jugendbuchabteilung. Ein großformatiges Sachbuch mit tollen Zeichnungen, in dem Albert Einsteins Relativitätstheorie für Kinder erklärt wird, gefiel mir ausnehmend gut. Aber irgendwie habe ich es nachts um 3 h dann doch nicht alles so ganz verstanden. Ich schlief erneut ein.

Gegen 5.30 h kam, wie angekündigt, kurz der Bücherwagenfahrer herein und brachte die großen grauen Wannen mit neuen Büchern. Er hat einen Schlüssel und stellt die Kisten im Eingang ab, bevor er wieder abschließt. Ich lag gut versteckt hinter mehreren Büchertischen und blinzelte nur kurz. Um 7h stand ich auf, machte mich frisch und ging in die letzte Runde. Ein Comicband der Mumins wollte noch gelesen werden. Außerdem habe ich mich ins Gästebuch eingetragen. Da waren manche ja sogar schon mehrmals zum Übernachten hier… Kurz nach 8 h kamen die Buchhändlerinnen, um den Laden für die Samstagsöffnung vorzubereiten. Nach einem kurzen Schwatz und einer herzlichen Verabschiedung ging ich die Straße hinunter zum Café „Süße Sünde“, wo bereits ein Tisch zum Frühstück für mich reserviert war (auch das ist im Übernachtungspreis inbegriffen). Bei strahlendem Sonnenschein nahm ich in einem Strandkorb Platz und ließ mir die Brötchen schmecken. Nun aber schnell nach Hause fahren, ehe mir noch die Augen zufallen. Den Samstag habe ich größtenteils zuhause verschlafen.

Ich habe die Nacht in der Buchhandlung sehr genossen! Es ist doch etwas ganz anderes, als während der Öffnungszeiten zu stöbern. Die besondere Atmosphäre zwischen so vielen Büchern war auch zum Schlafen wirklich schön. Ich kann dieses Erlebnis nur jeder/m Buchbegeisterten empfehlen und würde mir wünschen, dass noch mehr Buchhandlungen in Deutschland es anbieten. Natürlich erfordert es viel Vertrauen, einer/m Fremden den Ladenschlüssel zu überlassen. Aber ich denke, dass nur echte Bücherfreundinnen und -freunde sich für eine Buchung entscheiden, die so viel Respekt vor Büchern und Buchläden haben, dass sie nichts kaputt machen oder stehlen würden. Jedenfalls möchte ich das glauben, angesichts der vielen netten Buchmenschen, die ich so kenne. Mein Traum ist jedenfalls in Erfüllung gegangen und ich kann nicht ausschließen, dass ich zur Wiederholungstäterin werde.

Übernachtungs-/Buchgutschein mit Maskottchen

Ich danke ganz herzlich der Buchhandlung Schwarz auf Weiß, der Inhaberin Tanja Drecke und der lieben Frau Alberts, die mich in Empfang genommen hat, für das schöne Erlebnis und die Fotoerlaubnis. Die Buchhandlung befindet sich in der Ritterstraße 9 in Buxtehude/Niedersachsen. Die Übernachtung kostet derzeit 80 EUR inklusive Büchergutschein und Frühstück. Folgekosten durch Buchkäufe sind nicht auszuschließen. Die Übernachtung habe ich selbst bezahlt und gebe meine Empfehlung unabhängig und nicht auf Wunsch der Buchhandlung ab.

1 Kommentar:

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