Sonntag, 27. September 2020

Das Buch eines Sommers, Bas Kast

Bas Kast ist den meisten sicher bekannt durch seinen überaus erfolgreichen „Ernährungskompass“. Er ist Wissenschaftsjournalist und hat bislang Sachbücher geschrieben. Nun hat er seinen ersten Roman veröffentlicht. Auf der Bezeichnung „Roman“ beruhte meine Erwartung an das Buch, die sich aber als falsch herausstellte. Ich würde das Werk ein Sach- bzw. Ratgeberbuch in Romanform nennen, vom Ansatz her ähnlich wie John Streleckys „Das Café am Rande der Welt“.

Nicolas, ein Mann um die vierzig, verheiratet mit Valerie, hat die Pharmafirma seines Vaters geerbt. Dort verbringt er den größten Teil seiner Zeit und entfremdet sich damit mehr und mehr von seiner Frau und dem ca. 6jährigen Sohn Julian. Er meint, das müsse so sein, da er schließlich Verantwortung für die Firma trage und seine Familie versorgen müsse. Nicolas‘ großes Idol ist sein Onkel Valentin, der ein erfolgreicher Schriftsteller und Lebemann ist. Als dieser stirbt, setzt sich Nicolas mit der eigenen Endlichkeit auseinander und damit, was in seinem Leben Priorität haben sollte, was er wirklich will.

„Das Bewusstsein des Todes ist das perfekte Heilmittel gegen diese ewige Aufschieberitis. Soweit ich weiß, lässt sich ja auch der Tod nicht aufschieben. In der Hinsicht war er ebenfalls anders, dein Onkel, meinst du nicht auch? Er war keiner dieser Menschen, die am Ende ihres Lebens verzweifelt um noch etwas Aufschub betteln müssen, weil sie nicht zum Leben gekommen sind. Nein, wenigstens konnte er sagen: Es ist gut, ihr Lieben, ich habe meine Sache hier auf Erden getan!“ (S. 119/120)

Die Geschichte ist nicht besonders neu. Ganz amüsant ist die gewählte Form, in der Nicolas immer wieder Geschichten erzählt, da sein eigentlicher Wunsch ist, ein Schriftsteller wie sein Onkel Valentin zu sein. Weitere Geschichten in der Geschichte tauchen durch Traumsequenzen auf, in denen Nicolas bedeutungsschwere Gespräche mit einer Romanfigur seines Onkels führt. Natürlich geht alles gut aus.

Als Roman ist dieses Buch nicht überzeugend. Die Figuren bleiben holzschnittartig, die Geschichte ist mehr als vorhersehbar und das ganze Buch wirkt auf mich unterschwellig belehrend. Die Gespräche sind konstruiert und die Botschaft wird der Leserin mit dem Löffel eingetrichtert. Der Schreibstil würde besser zu einem Sachbuch passen (was es ja auch letztlich ist), denn die Geschichte bleibt sehr blutleer. Mich konnte das Buch nicht berühren, auch wenn die Ausdrucksweise erfreulicherweise nicht ganz so amerikanisch-pathetisch daherkommt wie bei Strelecky. (Man merkt, ich bin auch kein Fan von letzterem, habe aber die beiden Café-Bücher gelesen.) Als Lebenshilfebuch ist es ok, liest sich leicht weg, ist von der Thematik her aber bereits sehr abgegriffen und liefert hierzu keine neuen Aspekte. Arbeite weniger, verbringe mehr Zeit mit der Familie, genieße den Augenblick und tu, was dein innerer Drang ist. Das ist alles inhaltlich richtig und auch ganz nett erzählt, aber ich habe es alles schon tausendmal gelesen.

Lieber Bas, deine Sachbücher sind klasse. Bitte bleib bei ihnen. Die Lebensweisheiten sind alle schon erzählt worden. Von mir leider keine Empfehlung.

Das Buch eines Sommers, Bas Kast, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 26. September 2020

Herzfaden, Thomas Hettche

Ich habe meinen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gefunden! Thomas Hettches Roman über die Anfänge der Augsburger Puppenkiste ist nicht nur inhaltlich überraschend und spannend, sondern auch äußerlich ausgesprochen schön gestaltet.

Mit den Filmen der Augsburger Puppenkiste bin ich groß geworden. Jim Knopf war mein großer Liebling, aber auch Urmel, Die Katze mit Hut und Die Dschungeldetektive fand ich großartig. Allerdings hatte ich nicht vermutet, dass die Entstehung der Puppenkiste so eng mit dem Krieg zusammenhängt. Der Roman erzählt zwei Geschichten abwechselnd. Die eine ist rot, die andere blau gedruckt, so dass das Buch mich stark an meine alte Ausgabe von Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“ erinnert. Das ist sicher kein Zufall.

Ein namenloses 12jähriges Mädchen gelangt auf den Dachboden der Augsburger Puppenkiste und begegnet dort den Marionetten, die plötzlich zum Leben erwachen. Ferner trifft sie dort auf Hatü, die bereits verstorbene Hannelore Marschall-Oehmichen, welche die meisten der bekannten Marionetten selbst geschnitzt und gespielt hat. Durch Hatü erfährt das Mädchen von den Anfängen des Marionettentheaters, aber auch von den Nachwehen dieser Anfänge, die mit der Schuld des 2. Weltkriegs verknüpft sind.

Blau gedruckt sind sodann die Rückblenden auf Hatüs Kindheit, den Krieg und Hatüs Vater Walter Oehmichen. Hannelores Eltern waren beide Schauspieler. So verwundert es nicht, dass der Vater schon im Krieg mit einem Brett im Türrahmen für einige Leute (nicht nur für Kinder!) ein wenig Puppentheater gespielt hat, um die dunklen Zeiten heller zu machen. Hatüs Mutter Rose fertigte die Kostüme. Der Roman berichtet, warum Walter Oehmichen nach dem Krieg gerade das Marionettentheater für eine so notwendige Form des Erzählens hielt. Hatü war von Anfang an als Puppenspielerin dabei und war maßgeblich daran beteiligt, dass die Puppenkiste irgendwann nicht nur Märchen, sondern auch modernere Inhalte spielte, etwa „Der Kleine Prinz“.

„Das ist der Herzfaden“, sagt er und zieht mit dem Zeigefinger eine unsichtbare Linie in die Luft von dem armen Hänsel zu ihnen.

„Der Herzfaden?“ fragt Hatü.

„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ (S. 64)

Dieser Herzfaden hat mich bereits auf den ersten Seiten in diesen zauberhaften Roman hineingezogen, der bevölkert ist von den liebevoll gestalteten Figuren. Urmel und Kalle Wirsch reden ein Wort mit in der Geschichte, der Kasperl lässt sich schon gar nicht den Mund verbieten und alle paar Seiten springt eine aus wenigen Linien sparsam gestaltete Zeichnung hervor, die aber sofort die prägnanten „Gesichtszüge“ von Prinzessin Li-Si oder die Umrisse der Lokomotive Emma erkennen lassen. So ist der teilweise ernste Stoff gut eingebettet. Ganz nebenbei steuert der Roman auch eine mir ganz neue Deutung zur Geschichte von Jim Knopf bei. Dass es sich dabei um einen Gegenentwurf zum Faschismus und zum Töten der Bösen handelt, war mir nie aufgefallen. Meine Kindheitsträume wurden dabei nicht entzaubert, sondern angereichert.

Es ist eine Kunst, eine Kriegs- und Nachkriegsgeschichte so zauberhaft zu erzählen, dass es sich dennoch um ein Wohlfühlbuch handelt, ohne zu trivialisieren. Ich kann dieses Buch nur von Herzen empfehlen!

Herzfaden, Thomas Hettche, Zeichnungen von Matthias Beckmann, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 288 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Freitag, 25. September 2020

Der Halbbart, Charles Lewinsky

Auf diesen Wälzer eines Schweizer Autors wäre ich nie aufmerksam geworden, wenn er nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gelandet wäre. Selbst dieser Umstand hätte mich wahrscheinlich nicht zum Lesen verleitet, wenn ich das Buch nicht in einem Gewinnspiel gewonnen hätte. Die Schweiz im Mittelalter? Kann das interessant sein? Es kann! Ich wollte nur mal kurz reinlesen, und schwups! gefiel es mir einfach großartig.

Die Geschichte wird erzählt vom Sebi, einem zu Beginn etwa 12jährigen Jungen, der eigentlich Eusebius heißt. Er ist der jüngste von drei Brüdern, die mit ihrer Mutter im Jahr 1313 in einem Dorf in der Schweizer Talschaft Schwyz leben. Seine kindlich einfache Ausdrucksweise ist bestechend, zumal der Sebi ausgesprochen klug ist. Er beschreibt die Dinge unbeschönigt, hinterfragt sie und entlarvt manchen Erwachsenen, Kindermund eben. Den Sebi habe ich gleich ins Herz geschlossen. Er hat das Herz am rechten Fleck.

„Ich will nicht, dass der Geni stirbt, ich will es einfach nicht. Man muss doch etwas machen können, und wenn es ein Wunder braucht, dann muss eben ein Wunder passieren, wozu hat man sonst eine Religion?“ (S. 39/40)

Die Titelfigur, der „Halbbart“, ist ein Fremder, der sich eines Tages im Dorf niederlässt. Komplizierte Namen sind die Sache der Dorfbewohner nicht, und so nennt man ihn nach seinem Aussehen. Sein Bart ist nur zur Hälfte zu sehen, wie der Rest seines Gesichts auch, denn die andere Hälfte ist schwarz und verkrustet von Brandnarben. Wo er herkommt und was ihm geschehen ist, weiß niemand. Wir erfahren es bröckchenweise im Laufe des Romans. Der Halbbart ist bescheiden, lebt zurückgezogen, kennt seinen Platz als Außenseiter im Dorf. Aber Sebi findet ihn sogleich interessant und bemerkt, dass er ein kluger Mann sein muss, der womöglich sogar lesen kann, obwohl er gar kein Mönch ist. Von ihm lernt Sebi ein kompliziertes Spiel namens Schachzabel, dessen Figuren (darunter Elefanten!) der Halbbart selbst hergestellt hat. Darüber hinaus kann der Halbbart Leute gesund machen. Das ist sehr praktisch, da es im Dorf keinen Arzt gibt.

Überhaupt erfahren wir in der Geschichte, dass das Mittelalter nichts für schwache Nerven ist. Wenn man des nachts auf einem Strohsack schlafen darf, ist das schon eine Wohltat. Dauernd frieren und hungern die Leute. Es gibt schlimme Unfälle, Schlachten und Hinrichtungen nebst Folter. Die Ungleichheit in der Gesellschaft und die überragende Bedeutung von Kirche und Aberglauben werden beschrieben, all dies aufrecht erhalten durch mangelnde Bildung und fehlende Sozialsysteme. Die Machtpolitik der Fürstenhäuser mit ihren Söldnern bekommen die Menschen ebenfalls zu spüren.

Der Roman besteht aus vielen kleinen Geschichten über einen Zeitraum von mehreren Jahren, durch die das Dorfleben geschildert wird. Ein roter Faden ist die Geschichte des Halbbarts und dessen Herkunft. Zusammengehalten wird jedoch alles durch Sebis eigenes Erwachsenwerden. Er ist nicht so klug wie sein Bruder Geni und nicht so rabiat und streitsüchtig wie sein Bruder Poli, der Soldat werden will. Selbst für die Feldarbeit ist Sebi nicht kräftig genug. So muss er für sich einen anderen Platz im Leben suchen. Ob er wohl ins Kloster gehen sollte? Sebi findet, er sei ein „Finöggel“, ein Weichei, das zu harter Arbeit nicht taugt und auch nicht mutig ist. Sebi flicht viele dieser Schweizer Ausdrücke in seine Erzählung ein, die meinen Lesefluss nicht gestört, sondern mich sehr erfreut haben.

Es gibt nicht den einen großen Spannungsbogen in diesem Buch. Dennoch empfand ich den Roman als äußerst kurzweilig. Die kindlich kluge Sprache federt die Grausamkeiten des Mittelalters etwas ab. Am Schluss der Lektüre bin ich dankbar im 21. Jahrhundert zu leben und kann die Errungenschaften von Gleichheit und Bildung noch mehr schätzen als zuvor.

Der Roman verdient die Aufmerksamkeit, die mehrere Preisjurys ihm gegeben haben. Ich bin sehr froh, mal außerhalb meines Genres gelesen und diese Perle entdeckt zu haben.

Der Halbbart, Charles Lewinsky, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 688 Seiten, 26,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das im Rahmen eines Gewinnspiels kostenlos zur Verfügung gestellte Exemplar.)

Mittwoch, 16. September 2020

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen

Hast du einen Löwen in dir, ein reißendes Raubtier? Was könnte dieses Raubtier in dir wecken? Diese Frage stellt die 1982 geborene israelische Autorin.

Etan Grien ist Neurochirurg, verheiratet, Vater zweier kleiner Jungen. Er arbeitet in einem israelischen Krankenhaus und ist ein rechtschaffener Mensch, der sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen. Doch das Fehlverhalten weniger Minuten sorgt dafür, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie zuvor. Er überfährt in der Dunkelheit einen Menschen. Ihm ist sofort klar, dass der Mann nicht mehr zu retten ist. Etan lässt ihn liegen und fährt weiter, sagt niemandem ein  Wort. Kann das Konsequenzen haben? Der Mann ist ersichtlich ein Infiltrant, ein illegaler eritreeischer Einwanderer, von denen es so viele gibt in Israel. Zu Etans Erschrecken gibt es eine Zeugin des Unfalls. Diese macht ihm am Tag darauf ein Angebot. Auch davon berichtet Etan niemandem, nicht einmal seiner Frau Liat. Dabei fürchtet sich Etan davor, dass Liat etwas merken könnte. Schließlich ist sie Kriminalpolizeibeamtin.

Natürlich hat Etan Gewissensbisse, einerseits wegen des toten Mannes, andererseits weil er seine Frau belügt. Aber hätte seine geliebte Liat wirklich Verständnis für das Geschehene? Was, wenn nicht? Etan erfährt einiges über die schlimmen Lebensbedingungen der Eritreer und ihre Flucht. Sind diese nicht zu bedauern? Aber ist jemand automatisch ein guter, bedauernswerter Mensch, weil er ein Flüchtling ist? Etan merkt bald, dass die Dinge viel komplizierter sind. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, moralisch und unmoralisch verwischen. Der Leser muss sich fragen, wie er selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte.

„Aber die Angst war bei ihm ein ungebetener Gast, keinesfalls ein ständiger Bewohner. Seine Augen erzählten ihr das. Die Art, wie er seinen Mitmenschen direkt ins Gesicht sah. Furchtsame Menschen sahen anderen nicht direkt ins Gesicht. Damit sie mit ihrem Blick nicht etwa Unwillen oder Tadel auslösten. Furchtsame Menschen senkten die Augen, blinzelten, wagten nicht, mit ihrem Blick ein Stückchen vom Gesicht eines anderen Menschen einzufordern.“ (S. 161)

Die Geschichte könnte ebenso gut in Deutschland spielen. Auch bei uns gibt es viele illegale Einwanderer einerseits und weiße Privilegien andererseits. Migranten schlägt oft wenig Verständnis entgegen, obwohl gerade Deutschland die Schrecken von Flucht und Vertreibung selbst nach dem letzten Krieg erlebt hat. Macht es einen Unterschied, ob der Getötete ein Einheimischer oder ein illegaler Flüchtling ist? Der Roman macht deutlich, dass die schnellen Antworten, die wir versucht sind zu geben, nur scheinbar zwingend sind. Keine/r von uns ist nur gut oder nur böse. Es hängt von den Umständen ab, ob und wann wir zum reißenden Raubtier werden, das nur noch um sein eigenes Überleben kämpft.

Die Autorin, die selbst Psychologie studiert hat, lässt uns gekonnt in die Gedanken aller handelnden Personen schauen. Nach einem gelungenen ersten Teil der Geschichte gerät diese Innenschau in der Mitte des Romans für meinen Geschmack deutlich zu lang, ohne die Handlung voran zu bringen. Das Ende ist dann umso verblüffender. Der Roman hat mir Spaß gemacht, hat sich streckenweise aber zu sehr gezogen. Dennoch bin ich neugierig auf ein weiteres Buch der Autorin.

Ein gekonnter Beitrag zur weltweiten Flüchtlingsdebatte, der deutlich macht, dass wir uns nicht zu sicher sein sollten, immer das moralisch Richtige zu tun.

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen, aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, Zürich - Berlin 2015/2016, 432 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 7. September 2020

Alte Sorten, Ewald Arenz

Es ist Herbst - hier bei uns und ebenso in diesem Buch, das an einem 1. September beginnt, Erntezeit. Doch ganz so romantisch, wie das Cover mit den altmodisch anmutenden Birnen vermuten lässt, geht es im Roman nicht zu.

Sally heißt eigentlich Sarah. Genauso wie ihren Namen möchte die 17jährige am liebsten auch den Rest ihres bisherigen Lebens ablegen, denn es ist unerträglich. So unerträglich, dass ihre Eltern sie für krank halten und in eine Klinik gebracht haben. Aber dort will Sally ebenso wenig bleiben wie zuhause. Sie haut ab. Außerhalb eines kleinen Dorfes auf einem Weinberg begegnet ihr Liss, die dort ganz allein arbeitet. Liss ist anders als andere Erwachsene, findet Sally, denn sie stellt keine unnötigen Fragen. Sie fragt nur das, was jetzt im Augenblick gerade wichtig ist, z.B. ob Sally ihr kurz helfen könnte. Das tut Liss ohne Erwartungen. Sally merkt, dass sie ohne weiteres nein sagen könnte. Es ist eine echte Frage, auf die sie antworten kann wie sie will. Das ist neu.

Wenn man nicht weiß wohin, zählt nur der Augenblick. Einen Moment nach dem anderen nehmen Sally und Liss diesen Herbsttag, dann den nächsten und wieder den nächsten. Eine Verbindung im Schweigen entsteht. Auch Liss möchte keine unnötigen Fragen gestellt bekommen. Sie ist ruhig und handelt, arbeitet, erntet, versorgt einen Hof. Das erdet. Liss scheint ohne Worte zu verstehen. Ist das nun gut oder schlecht? Sally weiß es nicht so recht. Ganz allmählich beginnen die beiden ungleichen Frauen zu sprechen - nachdenklich, verletzt, misstrauisch.

„Sie hatte nie Heimweh gehabt, wenn sie im Schullandheim oder auf Freizeit oder im Sommercamp war. Es war wahrscheinlich Heimweh nach dem Ort, wo man eigentlich sein sollte. Nach einem Zuhause, das man noch gar nicht kannte, aber das auf einen wartete. Sally hatte Angst, dass es nicht für immer warten würde und sie irgendwann kaputtging, weil es so stark an ihr zog, dass sie irgendwann umgestülpt sein würde, und dann wäre ihr ganzes empfindliches Inneres außen, und dann würde es zu spät sein, weil man nicht leben konnte, wenn man umgestülpt war.“ (S. 80)

Sally und Liss sind innerlich unbehaust, stehen außen vor, fühlen sich unverstanden. Beide fühlen sich vereinnahmt von einer Welt, die nicht die richtige für sie ist, in der sie nicht gedeihen können. Beide sehnen sich nach innerlicher und äußerlicher Freiheit, die beiden unerreichbar erscheint. Zwar verstehen sie einander zunächst nicht, weil sie nichts voneinander wissen. Sie verstehen aber, wie unglücklich die andere sein muss, und das ist bereits mehr als alle anderen verstehen.

Es ist ein nachdenklicher Roman in seinem ganz eigenen Rhythmus. Leise und doch auch voller explosiver Emotionen begleiten wir die beiden Frauen durch Tage, die von der landwirtschaftlichen Arbeit geprägt sind, von Handgriffen, die schon viele Generationen auf Höfen vor ihnen getan haben. Routine kann vieles verdecken. Aber einmal holt einen die Realität doch ein. Beide Frauen wissen noch nicht, ob sie den Mut haben werden, ihr ins Auge zu sehen. Es könnte zu schmerzlich und zu sinnlos sein.

Ich habe die Geschichte gern gelesen. Sie fragt den Leser, wie man wohl zu sich selbst finden kann. Wie findet man den Platz, an den man gehört und wirklich gern ist, nicht nur zufällig. Der Roman zeigt, wie wichtig es ist, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einen versteht.

Eine wunderbare Freundschaft, die mehr aus Gesten besteht als aus Worten und doch so kraftvoll ist. Ein wirklich schönes Herbstbuch.

Alte Sorten, Ewald Arenz, DuMont Verlag, Köln 2020, 256 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Dienstag, 1. September 2020

Rose Royal, Nicolas Mathieu

Dieses Buch wird an vielen Stellen gefeiert und gelobt. Ich finde es fürchterlich! Warum? Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Die Novelle handelt von Gewalt gegen Frauen. Ich möchte zu Gunsten des Autors unterstellen, dass er einen positiven Beitrag zur MeToo-Debatte leisten und Gewalt gegen Frauen verurteilen wollte. Aus meiner Sicht verharmlost er sie und zeigt, dass er als männlicher Autor Teil des Problems ist und das nicht einmal bemerkt. Viele RezensentInnen scheinen es ebenfalls nicht zu bemerken. Das ärgert mich maßlos!

Zunächst zum Inhalt: Es geht um Rose, eine Frau von fast fünfzig, die allein in einer Stadt lebt. Ihre Ehe ist geschieden, ihre beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Sie arbeitet als Sekretärin. Oft geht sie abends in das Lokal „Royal“ und trinkt dort zu viel. Sie hat es satt vor Männern Angst haben zu müssen und hat sich deshalb über das Internet einen Revolver mit scharfer Munition gekauft, den sie nun in der Handtasche bei sich trägt. Eines Tages lernt sie Luc im „Royal“ kennen, die beiden werden ein Paar. Dann wiederholt sich, was sie schon kennt: Luc wird gewalttätig - mit Worten, mit Schlägen und auch sexuell.

Nicolas Mathieu schreibt die Geschichte aus der Perspektive von Rose. Zu Anfang des Buches stellt er seine Hauptperson vor und suggeriert dabei, dass es sich bei der Beschreibung um die Selbstsicht von Rose handele. Schon das ist meiner Meinung nach gründlich misslungen. Was der Autor beschreibt, ist die Sicht eines Mannes auf eine Frau, nicht ihre eigene.

„Sie trug an diesem Tag einen hellen Baumwollrock und ein hübsches, schulterfreies Oberteil. Über ihrer Handtasche hing eine schwarze Jacke, ihre kirschroten Pumps stachen ins Auge. Von Weitem war ihr Alter schwer einzuschätzen, aber ihre schlanke Statur und die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen verliehen ihr ein jugendliches Aussehen. Vor allem ihre Beine waren toll.“ (S. 9)

Ihre Beine waren toll?? Es ist in etwa das, was ein vorbeigehender Mann über Rose denken würde. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass eine Frau sich in dieser Weise selbst sehen und beschreiben würde.

Immer noch zu Beginn der Geschichte erfahren wir, wie Roses Erfahrungen mit den Männern begonnen haben, als sie jung war. Sie hat bereits in frühen Jahren Gewalt erlebt, durch den Vater, grapschende Cousins und erste Männerbekanntschaften. Die Beschreibung der ersten Freunde verschlägt mir die Sprache.

„Und Riesenarschlöcher, die nicht verstehen wollten, wenn sie nein sagte. Damals hatte sie geglaubt, es sei ihre eigene Schuld. Weil sie es darauf anlegte, musste sie Lust mit Risiko bezahlen. Zweimal endete es mit einer Ohrfeige, ihr Höschen wurde heruntergerissen, und der Typ hatte sich geholt, was er haben wollte, es war schnell vorbei, flüchtig, unangenehm. (…) Als sie in ihrem Zimmer war, dachte Rose nicht, dass sie gerade vergewaltigt worden war. Sie dachte gar nichts. Sie weinte in ihr Kissen und schlief mit schwerem Kopf ein, ohne sich abzuschminken. Eine Woche später machte sie sich darüber schon keine Gedanken mehr. Aber es war immer da, wie ein Tinnitus, ein unaufhörliches Summen.“ (S.21/22)

So, die Frau, die sich mit Ende Vierzig aus Angst einen Revolver zur Verteidigung gegen die Männer kaufen muss, hat nach einer Woche bereits nicht mehr an ihre Vergewaltigung im Jugendalter gedacht, ja? Es war „unangenehm“ und die Tatsache, dass sie sich abends nicht abgeschminkt hatte, machte ihr mehr Gedanken als die gerade erlebte Misshandlung. War ja auch „schnell vorbei“ – ist klar! Realistisch an der Beschreibung ist, dass die meisten jungen Mädchen glauben, sie seien selbst schuld an der Misshandlung, weil die Täter einerseits und die Gesellschaft andererseits es so darstellen. Das Wort Vergewaltigung bringen die meisten nicht über die Lippen. Dennoch oder gerade deswegen ist das Leiden aber erheblich. Es ist mitnichten nach einer Woche vergessen und nur noch ein Summen im Hinterkopf! Zumal Rose es zweimal erlebt hat und ihr spätestens da klar werden musste, dass es immer wieder passieren kann. Die Verunsicherung, die mit diesem Erleben einhergeht, ist eine Traumatisierung, die hier aus meiner Sicht massiv bagatellisiert wird. Das reale Erleben einer Frau fühlt sich deutlich anders an, selbst wenn sie das Geschehen als eigene Schuld einstuft.

Realistisch am weiteren Verlauf der Geschichte ist, dass Rose den Kreislauf der wiederkehrenden Gewalt nicht durchbrechen kann. Sie gerät wieder und wieder an solche Typen, kann sich im Vorwege nicht schützen und oft den Mann auch nicht direkt danach zum Teufel schicken. Ansonsten ist die Schilderung dieser Frauenfigur jedoch schräg.

Es gibt eine Szene, in der jemand einen angefahrenen, schwer verletzten Hund ins „Royal“ bringt. Es ist klar, dass dem Hund nicht mehr zu helfen ist, dass er sterben wird und sich gerade sehr quält. Der Autor lässt Rose ihren Revolver aus der Handtasche holen und mitten im Lokal dem Hund den Gnadenschuss geben. Das passt aus meiner Sicht gar nicht zu dieser Figur. Eine Frau mit Angst würde ihren Revolver nicht mitten in der Kneipe herausholen und damit aller Welt zeigen, dass sie eine Schusswaffe hat. Der wesentliche Vorteil einer Waffe (wenn es denn ein Vorteil ist, was ich bezweifle) ist der Überraschungseffekt. Damit geht man nicht hausieren. Und das Bild einer Frau auf roten Stöckelschuhen mit einer Knarre in der Hand, die sie scheinbar eiskalt auch noch benutzt, ist eine Männerphantasie! Es gibt eine Sorte Mann, der es besonderen Spaß macht, eine solche scheinbar toughe Frau zu unterwerfen. (Was in der Geschichte dann ja auch geschieht.)

Ich frage mich, warum ich diese Kritik auch in Rezensionen von Frauen bisher nicht gelesen habe. Haben wir Frauen uns schon so sehr daran gewöhnt, uns wie durch die Augen von Männern selbst zu sehen? Uns nach unserem „Marktwert“ im Rennen um einen Partner zu beurteilen, um Männer, die sich im Alter von fünfzig meist deutlich weniger Mühe machen als wir, um halbwegs passabel und gepflegt auszusehen? Ja, Gewalt gegen Frauen ist Alltag, jede von uns kennt das Catcalling an der Baustelle, den nächtlichen Heimweg mit dem Schlüsselbund in der Faust und die ungebetenen Hände an allen möglichen Körperstellen. Und die drängenden Männer, die sagen, wir sollten uns „nicht so anstellen“, es sei doch „nichts dabei“, Männer, von denen wir dachten, wir könnten ihnen vertrauen. Aber ist das alles schon so normal, dass wir derart schräge Beschreibungen nicht mehr bemerken und kritisch kommentieren können?

Wieso schreibt ein männlicher Autor dieses Buch aus der Perspektive einer Frau? Ich will nicht sagen, dass ein Mann das grundsätzlich nicht könnte oder sollte. Bevor er es tut, sollte er dann aber vielleicht eine größere Anzahl von Frauen dazu befragen, wie sie diese Situationen erleben, das eigene Älterwerden und ihren Körper wahrnehmen. Das scheint mir hier nicht in ausreichendem Maße geschehen zu sein. Interessant hätte dieses Buch sein können, wenn es aus der Perspektive eines Mannes geschrieben worden wäre. Denn was ich schon immer einmal wissen wollte ist: Was denken sich die Kerle eigentlich dabei?!

Ich rate ausdrücklich von der Lektüre dieses Buches ab! Geschichten über Gewalt gegen Frauen gibt es bereits genug, und zwar solche, die das wirkliche Erleben und Leiden der Frauen realistisch darstellen. Diese Männerphantasie hier hat die Welt nicht gebraucht!

Rose Royal, Nicolas Mathieu, aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller und André Hansen, Verlag Hanser Berlin, München 2020, 96 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Streulicht, Deniz Ohde

Dieser sehr gelungene Debütroman hat es dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und den Aspekte-Literaturpreis gew...