Sonntag, 6. Juni 2021

Die Vögel, Tarjei Vesaas

Der Roman wurde 1957 erstmals in Norwegen veröffentlicht. Karl Ove Knausgård bezeichnete ihn als „besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde“ (vgl. S. 274). Der 1970 verstorbene Autor hat auch „Das Eis-Schloss“ geschrieben, ein Buch, das mich sehr bezaubert hatte. Die deutsche Übersetzung war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert. Das angefügte Nachwort von Judith Hermann ist sehr erhellend, warum dieser Roman als so bedeutend eingestuft wird.

Die Geschichte handelt von dem Geschwisterpaar Mattis und Hege, die in einem Dorf in Norwegen leben. Seit die Eltern verstorben sind, sorgt die stille 40jährige Hege durch Strickarbeiten für den bescheidenen Lebensunterhalt der Geschwister. Der 37jährige Mattis kann dazu nichts beitragen, da er geistig behindert ist. Erzählt wird ausschließlich aus Mattis‘ Sicht. Er leidet darunter, dass die Leute im Dorf ihn den Dussel nennen. Er nimmt schmerzlich wahr, dass er trotz aller Mühen mehr Schaden als Nutzen verursacht, wenn er zu arbeiten versucht. Ob es Feldarbeit oder Holzfällen ist, seine Gedanken gehen überkreuz und verheddern sich mit seinen Händen. Auch das Reden mit anderen fällt ihm nicht leicht, da diese oft nicht verstehen, was Mattis meint oder die Worte nicht so herauskommen, wie Mattis gern möchte. Er weiß, dass andere klug und schnell sind, er aber eher nicht. Dabei wünscht er sich sehr, ein Mädchen würde ihn gernhaben oder dass er eine feste Arbeit finden könnte, für die er geeignet ist.

Mattis beobachtet seine Umwelt, vor allem die Natur sehr genau. Er sieht Zeichen, etwa wenn eine Schnepfe ihren Balzflug gerade über seinem Haus ausführt oder der Blitz an einer bestimmten Stelle einschlägt. Oft versucht er, Hege von seinen Beobachtungen und Träumen zu berichten, ist dann aber enttäuscht, wenn sie deren besondere Bedeutung nicht erkennt. Auch manche Wörter sind so bedeutsam für Mattis, dass man bei ihrer Benutzung vorsichtig sein muss. Etwa die Wörter Messer oder Blitz könnten wirklich etwas Scharfkantiges, Gefährliches hervorbringen, wenn man sie zum falschen Zeitpunkt ausspricht. Aus derartigen Zeichen liest Mattis, dass es alsbald zu einer großen Veränderung in seinem Leben kommen wird. Ob diese gut oder schlecht sein wird, ist ungewiss. Wenn nur Hege ihn nicht verlässt, denkt Mattis, denn allein könnte er nicht zurechtkommen.

„Psst, da war es. Das ruckartige Flattern, der Vogel selbst schemenhaft und rasch in der Luft direkt über dem Haus, jetzt in der entgegengesetzten Richtung. Und wieder weg, verborgen im weichen Zwielicht und den schlafenden Baumwipfeln.

Da sagte Mattis laut:

„Ja, das ist der Schnepfenstrich.“

Er wusste nicht, warum er das sagte und woher er es hatte. Weniger konnte er nicht sagen oder tun – und niemand hörte ihn dabei.

Es fühlte sich an, wie wenn nach langer, schwerer Zeit etwas überstanden war.“ (S. 27)

Die langsame, oft umständliche Erzählweise spiegelt Mattis‘ verschlungene Gedankengänge wider, in denen er sich oft im Kreis dreht. Andererseits zeigt sie Mattis‘ Sensibilität und Empfänglichkeit für das Magische im Alltäglichen, die wirklich rührend sind. Er ist ein warmherziger Mensch, der nur im Einklang mit der Welt sein möchte. Die eine Frage treibt ihn um: Warum ist alles, wie es ist? Aber niemand kann ihm eine Antwort darauf geben.

Das Erzähltempo war für meinen Geschmack zu langsam. Ich werde ungeduldig, wenn die Natur zu lange beschrieben wird. Dennoch ist die innige Geschwisterliebe zwischen der geduldigen Hege und dem etwas störrischen Mattis herzerwärmend. Ich konnte die raue norwegische Landschaft am See vor mir sehen, mit den Spuren, welche die Vögel hinterlassen. Den gleichen Zauber wie „Das Eis-Schloss“ hatte die Geschichte für mich leider nicht.

Der Roman lässt den Leser mit dem behinderten Mattis mitleiden, der in seiner eigenen Welt voller Geheimnisse lebt, aber an seiner Unfähigkeit im Alltag fast verzweifelt. Die Langsamkeit seiner Gedanken ist nichts für Ungeduldige.

Die Vögel, Tarjei Vesaas, aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Guggolz Verlag, Berlin 2020, 278 Seiten, 23,00 EUR

(Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag.)

Sonntag, 30. Mai 2021

Vom Aufstehen, Helga Schubert

Helga Schubert ist eine weise alte Frau, inzwischen 81 Jahre alt. Sie erlebte als Kind den 2. Weltkrieg, dann die DDR, arbeitete als Psychotherapeutin und hat ihr Leben lang geschrieben. Sie hat viel erlebt, auch viel Schweres, aber sie beschreibt das alles ohne Bitterkeit. Ihr Buch ist keine chronologische Autobiographie, sondern einzelne Geschichten zu Themen oder Episoden ihres Lebens, erzählt mit einem liebevollen Blick auf die Welt. Heute lebt Helga Schubert in einem kleinen Dorf in Mecklenburg, zusammen mit ihrem Mann. Im Alter von 80 Jahren gewann sie als älteste Teilnehmerin aller Zeiten den Ingeborg Bachmann-Preis für die Geschichte „Vom Aufstehen“, die in diesem Band enthalten ist. Das Buch war nominiert für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse.

Die erste Geschichte beschreibt Helga Schuberts Sehnsuchtsort, der ihr ein Leben lang schöne Erinnerungen schenkte. Nachdem ihr Vater im Krieg gefallen war, ohne dass sie ihn kennengelernt hatte, verbrachte sie ab 1947 viele Sommerferien in Greifswald bei ihrer Großmutter väterlicherseits. Sie hatte einen großen Obstgarten. Dort konnte man in einer Hängematte träumen und lesen. Dies erlaubte Helgas Mutter, obwohl ihr die Schwiegermutter und auch Helgas große Ähnlichkeit zu dieser verhasst war.

In vielen Geschichten taucht die schwierige Beziehung zur Mutter auf. Diese lässt in über 100 Lebensjahren keinen Zweifel daran, dass sie kein Kind haben wollte, Helga ihr fremd und unverständlich ist und sie keine wirkliche Liebe zu ihr empfinden konnte. Eine Beziehung voller Übergriffigkeiten und schlimmen Kränkungen ist die Folge. Dennoch wird Helga Schubert selbst Mutter.

Helga Schubert hat über Jahrzehnte in Ost-Berlin gelebt und gearbeitet. Als Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR genießt sie Privilegien, darf ins westliche Ausland reisen. Dennoch hat sie schon früh mit einer Übersiedlung in den Westen geliebäugelt. Aber immer kam etwas dazwischen, so dass sie bis zur friedlichen Revolution im Osten bleibt.

„Andere mussten beim Fluchtversuch sterben oder nach ihrem Ausreiseantrag Demütigungen hinnehmen, wir Schriftsteller durften uns Gründe für unsere Anträge auf ein Dienstvisum mit Rückkehrerlaubnis am selben Abend ausdenken:

Ein Kollege wollte sich genau den Ort ansehen, an dem sich Heinrich von Kleist am Wannsee erschoss, ich wollte in der Westberliner Staatsbibliothek, obwohl ich sie vielleicht auch irgendwo im Osten in einer Unibibliothek gefunden hätte, die Akten von Denunziantinnen der NS-Zeit vor den Nachkriegsgerichten lesen.“ (S. 28)

Einige ihrer Bücher dürfen nur im Westen, nicht aber in der DDR erscheinen, Preise darf sie nicht annehmen, die Stasi beobachtet sie. All das und noch viel mehr beschreibt Helga Schubert in ihren einzelnen Geschichten, die in der Zusammenschau ein Kaleidoskop ihres Lebens ergeben.

Menschlich, nachvollziehbar und sympathisch schreibt Helga Schubert. Ich bin ihr gern durch ihre Gedanken gefolgt, die manchmal mit Alltäglichem wie dem Aufstehen beginnen und dabei doch die großen Themen des Lebens miteinschließen. Unaufgeregt und leise sind die Geschichten dieses langen Lebens. Ich wünsche mir, dass ich in der letzten Phase meines Lebens so im Frieden mit mir sein werde wie die Autorin es zu sein scheint. Ich kann nur hoffen, dass ihre früheren Werke alsbald wieder aufgelegt werden. (Bei dtv ist schon etwas in Planung für den Herbst.) Von dieser weisen Frau möchte ich gern noch mehr lesen.

Ein Leben in Geschichten lasse ich mit gern von Helga Schubert erzählen, die so reflektiert und nachdenklich ist. Weder die lieblose Mutter, noch zwei Diktaturen haben diese weise Frau brechen können. Wunderschön.

Vom Aufstehen, Helga Schubert, dtv Verlag, München 2021, 224 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Dienstag, 18. Mai 2021

Richtung Süden, Nils Trede

Was ist los mit dieser Welt? Das fragt sich der namenlose Erzähler dieses kurzen Romans. Er betrachtet den alltäglichen Wahnsinn um sich herum und kann diesen nicht normal finden. Der Vater zweier Kinder fühlt Unheil heraufziehen, blickt besorgt auf die Rolle Russlands, auf die im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlinge, aber auch auf die mangelnde Chancengleichheit der Kinder und die wachsende Aggressivität der Menschen. Stehen manche nicht schon am Rande? Hat sich der Blick des Fleischers nicht irgendwie verändert? Und die Kassiererin im Supermarkt – hat sie sich vielleicht auch schon aufgegeben? Sind diese Menschen suizidal und benötigen seine Hilfe?

Wir lauschen dem Gedankenfluss des Erzählers 80 Seiten lang, unterbrochen nur von kurzen Dialogen, denn er kann sich nur seiner Ehefrau wirklich mitteilen. Er berichtet ihr und schließlich einem Arzt von seinen Befürchtungen, aber sie nehmen ihn nicht ernst. Er spricht von der moralischen Verpflichtung, die uns alle trifft, in das Weltgeschehen einzugreifen – und tut es selbst doch nicht.

„Die Kinder dort: Sie sind alle gleich. Sie sind von der Natur alle gleich gut gemacht. Und das denken die auch von sich selbst, gegenseitig: Wir sind alle gleich. (…) Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Weil ich weiß, welche Eltern zu welchem Kind gehören. Und deshalb weiß ich auch, wer von denen einmal in den Chefetagen ein- und ausgehen und wer von ihnen öffentliche Toiletten reinigen wird. (…) Und es treibt mich um. (…) Höre auf, deshalb gleich von Sozialismus zu sprechen! (…) Kannst du das nicht einfach mal so stehenlassen? Als Abfolge von Wörtern so stehenlassen, ohne sie sogleich unter dem Schutt deiner Lebensgeschichte wieder verschwinden zu lassen? Hör zu: Da braut sich was zusammen.“ (S. 16)

Zu Anfang dieses sehr handlungsarmen Romans legt der Erzähler den Finger in manche gesellschaftliche Wunde. Uns alle sollte das Schicksal anderer Menschen mehr kümmern, unserer Nachbarn im Haus genauso wie das der Mitmenschen in anderen Erdteilen. Aber mehr und mehr scheint der Erzähler irre zu werden an sich selbst. Er formuliert Handlungspflichten, möchte andere auf die Misere aufmerksam machen, und hält sich doch immer wieder selbst zurück mit dem Gedanken, was denn die Leute denken sollen, wenn man als Fremder sie einfach anspräche. Schlimme Dinge geschehen, manchmal im direkten Umfeld des Erzählers, manchmal in den Nachrichten. Er ringt mit sich, gerät dabei aber immer mehr in redundante Gedankenschleifen. Das ist manchmal anstrengend zu lesen.

Der Text regt zum Nachdenken an, aber die Sorgen des Erzählers ernst zu nehmen, fiel mir zunehmend schwer. Von Anfang an war ich nicht sicher, ob hier ein Verrückter zu mir spricht. Das möge jeder Leser selbst entscheiden. Sicher ist aber, dass es uns allen in diesen Zeiten immer schwerer fällt, am komplizierten globalen Alltag mit seinen massiven Widersprüchen nicht irre zu werden. Dieses Zeitgefühl spiegelt der Roman eindrücklich wider.

Ein Roman, der den Stream of Conciousness dieser Tage widerspiegelt, den alltäglichen Wahnsinn, den wir alle jeden Tag hinnehmen.

Richtung Süden, Nils Trede, Secession Verlag, Zürich 2021, 80 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Die Vögel, Tarjei Vesaas

Der Roman wurde 1957 erstmals in Norwegen veröffentlicht. Karl Ove Knausg å rd bezeichnete ihn als „besten norwegischen Roman, der je gesch...