Freitag, 14. Mai 2021

Marie, Steven Uhly

Gestern habe ich Euch die Geschichte vom „Glückskind“ vorgestellt, dem Baby, das von einem älteren Mann im Müll gefunden wurde. Das Glückskind hieß Chiara. Und natürlich ist sie älter geworden. Wie ist es ihr ergangen?

Die sechsjährige Chiara lebt bei ihrer Mama, zusammen mit ihren älteren Geschwistern Frido und Mira. Ihr Papa hat eine neue Frau und ein Baby. Chiaras Mutter fühlt sich oft überfordert von ihrer Arbeit in einer Arztpraxis und den drei Kindern. Was hat das Leben für einen Sinn, wenn es nur aus Arbeit besteht? So ist es oft der zwölfjährige Frido, der sich um die beiden kleinen Schwestern kümmern muss. Damit Chiara einschlafen kann, erzählt Frido ihr abends manchmal Geschichten. Eines Tages erzählt Frido von einem kleinen Mädchen namens Marie, das von jemandem in einen Müllcontainer geworfen wurde. Aber Marie hat überlebt, weil da dieser alte Mann war. Der Mann sieht so aus, wie der Mann, der im Lotto-Toto-Laden arbeitet, an dem Frido auf seinem Schulweg vorbeikommt. Chiara ist fasziniert von dieser Geschichte. Als sie ihren Bruder fragt, woher er die Geschichte hat, sagt Frido schnell, sie habe in der Zeitung gestanden. Das stimmt – und ist doch nicht ganz wahr.

„Sie erzählt von der großen Pause, als sie mit den Jungen Nachlaufen gespielt haben, und weiß immer noch genau, welcher Junge welches Mädchen gefangen hat. Sie hört gar nicht auf zu erzählen und fühlt sich sehr wohl. Plötzlich aber brüllt Veronika Kelber ihr aus nächster Nähe ins Ohr: „Jetzt halt doch mal den Mund!“ Chiara ist so verdutzt, dass sie zunächst gehorcht. Dann beginnt sie leise zu weinen. Als Veronika das sieht, schmeißt sie den Waschlappen wütend auf den Boden und verlässt das Bad. (S. 50)

Die Geschichte, die dieser Roman erzählt, spielt sich jeden Tag in vielen deutschen Haushalten ab. Nicht der Teil mit der Mülltonne, aber der Alltag überforderter Eltern, die die Grundbedürfnisse ihrer Kinder nicht im Ansatz erfüllen können. Manchmal sehen sie diese Bedürfnisse sogar, aber ihre Kraft reicht einfach nicht aus. Alltägliche kleine und auch größere Katastrophen passieren, die Kinder allein gewältigen müssen. Aber da erweist sich in diesem Roman die Vorgeschichte mit dem Baby im Müll als Glücksfall, denn schließlich ist Chiara ein Glückskind. Sie kommt der Vergangenheit nicht wirklich auf die Spur, aber sie kommt ihr doch so nahe, dass sie ein zweites Mal „gefunden“ wird. Und so ist auch diese Geschichte nicht ausschließlich trostlos, sondern auch hoffnungsvoll. Sie erzählt von rührender Geschwisterliebe und den unglaublichen Kräften, die in Kindern stecken, sowie von Hilfe, die irgendwann doch kommt. Ich fand diesen Roman schmerzvoller als den ersten, leider sehr realistisch, aber auch sehr spannend. Und am Ende habe ich mich mit den drei Kindern gefreut und konnte sie gut gehen lassen.

Ein Familiendrama von Vernachlässigung und Überforderung, wie es jeden Tag passiert und dadurch sehr anrührt. Manches ist harter Tobak, aber zum Glück sind so viel Liebe und Hoffnung dabei, dass man das Buch vom sechsjährigen Glückskind gut lesen kann.

Marie, Steven Uhly, Secession Verlag, Zürich 2016, 272 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 13. Mai 2021

Glückskind, Steven Uhly

Hans ist geschieden. Seine Kinder sind längst erwachsen. Seit der Trennung von seiner Frau hat er sie nicht mehr gesehen. Aber das ist schon lange her. Seine Tage sind eintönig. Zur Arbeit geht er schon lange nicht mehr. Schon die Verlängerung für seinen Hartz IV-Antrag auszufüllen, ist eine unglaubliche Anstrengung für Hans. Er ist ein behauster Obdachloser, denn eine Wohnung hat er noch. Auch wenn darin eine Menge Müll liegt und die Schmutzwäsche sich türmt. Das Rasieren hat Hans schon lange aufgegeben.

Eines Tages entschließt Hans sich, wenigstens einmal den Müll zur Tonne hinunter zu bringen. Als er den Müllcontainer öffnet, liegt obenauf eine Puppe. Eine Babypuppe, denkt Hans. Aber sie atmet ja! Mitten im Müll findet Hans ein Baby. Er tut, was jeder Mensch instinktiv tun würde: Er nimmt es hoch, weil es wimmert, nimmt es mit in seine Wohnung. Doch was nun? Wo soll er hin mit einem Baby in seiner verdreckten Wohnung? Zu wem gehört das Kind? In den Nachrichten kommt etwas von einer Mutter, die ihr Kind umgebracht haben soll. Einfach weggeworfen. Zu so einer Mutter kann man das Kind doch nicht zurückgeben, denkt Hans.

„Hans nimmt eine Flasche heraus, spült sie heiß aus, schüttet die Babymilch hinein. Das Mundstück passt drauf, aber er muss es abdichten. Er nimmt Tesafilm und umwickelt Flaschenhals und Schnuller so oft, bis er glaubt, dass es halten wird. Dann nimmt er vorsichtig das Baby und hält ihm die Flasche hin. Das Baby schreit, es reagiert nicht auf den Kontakt. „Du rechnest gar nicht mehr damit, nicht wahr, Kleiner?“, sagt Hans. „Das versteh ich gut“, sagt er, „aber jetzt ist alles anders, du wirst schon sehen.“ (S. 17)

Durch das hilflose, hungrige Baby wird etwas angerührt in Hans, der sich schon vor Jahren aufgegeben hatte. Da braucht ihn jemand. Er macht Platz, sucht Lösungen, schafft Babymilch heran. So ganz geheim halten kann er es nicht, dass er plötzlich ein Baby bei sich hat. Die Nachbarn bekommen etwas mit und freuen sich. Und plötzlich passieren jeden Tag erstaunliche Dinge in Hans‘ Leben. Aber wie lange kann das gutgehen?

Ich habe diese Geschichte sehr gern gelesen. Es ist so schön mitzuerleben, wie jemand sich allein wieder hochrappelt, der sich schon aufgegeben hatte. Und das nicht, weil ihm jemand hilft, sondern weil er jemandem helfen kann. Die Bedürfnisse eines Säuglings sind einfach zu verstehen: Essen, Schlafen, Kuscheln. Ein Baby trifft uns mit seiner Hilflosigkeit mitten ins Herz. Hans geht erfrischend anders mit der Situation um, als ich es getan hätte, mit seiner ganz eigenen Logik. Dadurch wurde mir Hans sofort sympathisch. Die Geschichte zeigt, wie leicht es ist abzurutschen und aus der Gesellschaft herauszufallen. Aber auch wie das Festhalten an den basalen Bedürfnissen eines Menschen und ein bisschen Hoffnung alles verändern kann.

Mir ging das Herz auf bei diesem schönen Buch. Es ist vielleicht nicht alles realistisch in der Geschichte, aber voller Wärme und Hoffnung ist sie, und das macht richtig Spaß.

Glückskind, Steven Uhly, Secession Verlag, Zürich 2012, 256 Seiten, 19,95 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 12. Mai 2021

The Bee and the Orange Tree, Melissa Ashley

Die Australierin Melissa Ashley hat ihren Roman im Paris des Jahres 1699 angesiedelt. Basierend auf dem Leben der Baroness Marie Catherine d’Aulnoy, einer französischen Autorin im Zeitalter Ludwigs des XIV., erzählt sie eine fiktive Geschichte im Schriftstellermilieu und zugleich ein Gesellschaftspanorama dieser Zeit. Insbesondere im Zeitraum zwischen 1690 und 1725 gab es in der französischen Literatur eine Blütezeit der Märchen für Erwachsene. Um der Zensur des Hofes zu entgehen, verpackten die Autor:innen der Zeit – unter ihnen eine große Anzahl von Frauen – ihre Gesellschaftskritik in Märchen.

Zu Beginn des Romans ist Baroness d’Aulnoy bereits in den mittleren Jahren, Mutter von drei erwachsenen Töchtern und eine erfolgreiche Schriftstellerin. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht und veranstaltet regelmäßig literarische Salons in ihrem Haus. Dort trifft sich die Pariser Literaturszene, junge Autor:innen tragen ihre neusten Entwürfe vor und testen deren Qualität vor Publikum, auch um Aufmerksamkeit für eine mögliche Publikation zu erhaschen. Es werden Spiele gespielt, beispielsweise muss ad hoc ein Text einer bestimmten Gattung fabriziert werden, gut gegessen und die neuste Garderobe zur Schau getragen. Und natürlich wird jungen Autoren Ratschlag zum Schreiben erteilt.

‚You must be flexible. Try every form. Verse is all very well‘, she glanced at Angelina, ‚but hardly a way to earn one’s living. Unless the King takes an interest. But you‘ll have to court his favour. And that, dear boy, is a career in itself.‘ (S. 72)

Marie Catherine d’Aulnoy lebt getrennt von ihrem Ehemann und ist froh darüber. Wie so viele Frauen ihrer Zeit lebt sie in einer unglücklichen arrangierten Ehe, in die sie in jungen Jahren gedrängt wurde. Sie nimmt ihre jüngste Tochter Angelina in ihren Haushalt auf, die bislang in einem Kloster gelebt hat, damit diese die Stelle ihrer Sekretärin einnimmt. Angelina hatte bereits zuvor im Briefkontakt als Erstleserin ihrer Mutter bei der Abfassung ihrer Texte zur Seite gestanden.

Eine weitere unglückliche Ehe bereitet der Baroness Kopfzerbrechen. Ihre Freundin Nicola Tiquet wird von ihrem eifersüchtigen Ehemann jede Nacht eingeschlossen. Er ist gewalttätig und vor allem mit dem Vermögen seiner Frau verschwenderisch. Nachdem ein Anschlag auf den Ehemann verübt wurde, wird Nicola Tiquet wegen Mordverdachts verhaftet. Jeder in Paris weiß, dass es auf Schuld oder Unschuld der Ehefrau kaum ankommt. Krone und Kirche haben ein Interesse daran, Frauen am Aufbegehren gegen ihre Männer und die Gesellschaftsstrukturen zu hindern und wollen ein Exempel statuieren. Frauen sollen in ihre Schranken gewiesen werden.

Der Roman beleuchtet Frauen in unterschiedlichen Situationen, jüngere und ältere, verheiratete und unverheiratete, allerdings nur aus dem Adel. Sie alle müssen in einer extrem patriarchalen, hierarchischen Gesellschaft zurechtkommen und finden unterschiedliche Wege dazu. Liebschaften, Homosexualität, hohe Kindersterblichkeit oder die Flucht ins Kloster, um der Heirat zu entgehen, werden thematisiert. Das alles wird eingebettet in die Welt der Literatur, in der die Frauen eine Ausdrucksmöglichkeit jenseits von Haushalt und Mutterschaft finden. Die Geschichte um Madame Tiquet gleicht fast einem Justizkrimi.

Mir war die Zeit um 1700 literarisch bislang kein Begriff. Die wahren Umstände weiblicher Autoren der Zeit fand ich sehr interessant. Allerdings hat das Buch einige Längen, da sehr viel Zeit auf die Beschreibung der pompösen Umgebung (oder deren Vortäuschung), die gepuderten Frisuren und andere Details verwendet wird. Eingearbeitet sind auch Märchen, wie sie in der damaligen Zeit entstanden sind. Diese sind für den heutigen Lesegeschmack sehr blumig. Das Buch ist eine Art Kostümfilm in Romanform, aufgrund des realen Hintergrunds aber durchaus reizvoll.

Wer eintauchen möchte in die gepuderte Welt Ludwig des XIV. und die märchenhafte Schriftstellerinnenszene, ist hier genau richtig. Ein zutiefst feministischer Roman über eine Zeit, in der man dies kaum vermutet hätte.

The Bee and the Orange Tree, Melissa Ashley, Affirm Press, Melbourne 2019, 372 Seiten

(Die Coverrechte liegen beim Verlag.)

Marie, Steven Uhly

Gestern habe ich Euch die Geschichte vom „ Glückskind “ vorgestellt, dem Baby, das von einem älteren Mann im Müll gefunden wurde. Das Glück...