Dienstag, 10. Januar 2023

MTTR, Julia Friese

Dieses Buch ist schmerzhaft! Es ist authentisch, obwohl es ausgedacht ist, denn so kann Mutterschaft sein. So muss sie nicht sein, Göttin sei Dank! Aber in Aspekten dieser Geschichte werden sich viele Menschen wiedererkennen.

MTTR ist ein doppeldeutiger Titel. Er deutet natürlich das Wort MUTTER an, verweist aber auch auf die technische Abkürzung für „Mean Time To Recover“, also die mittlere Reparaturzeit nach einem Ausfall des Systems. Die Mutter als System?

Die Geschichte des Romans ist schnell erzählt: Teresa und Erk, ein unverheiratetes Paar in den Dreißigern, bekommen ein gemeinsames Kind. Aus. Das soll eine Romanhandlung sein?! Ja! Dieser simpel erscheinende Vorgang, millionenfach auf der Welt passiert, hat es in sich, wenn frau genauer hinsieht.

Genau darum geht es. Kinder bekommen ist keineswegs simpel für den einzelnen Menschen. Der Roman behandelt aus Sicht von Teresa alle möglichen Konfliktlagen, über die öffentlich kaum gesprochen wird. Zu groß ist das Tabu, im Zusammenhang mit Mutterschaft von anderem zu sprechen, als von überschwänglicher Freude über das neue Leben.

Da ist zunächst einmal die grundsätzliche Frage, ob jemand überhaupt ein Kind haben möchte. Irgendwie schon, gehört ja dazu. Aber später. Wann genau ist später? Was ist, wenn frau dann doch Muffensausen bekommt und sich umentscheidet? Und wie fühlt sich ein Mann, der letztlich nicht entscheiden kann, dass er ein Kind behalten möchte, das die Partnerin nicht bekommen will?

Die Schwangerschaft, dieser ach, so natürlich Vorgang, ist mit vielen Unsicherheiten behaftet. Sicher sehr individuell, aber schwankend irgendwo zwischen naivem „Das geht schon von allein - oder?“ bis hin zum woken „Ich will eine Hausgeburt und Stoffwindeln!“. Wie viele Gedanken soll frau sich nun machen? Wie soll frau wissen, was richtig ist, wenn sie noch nie zuvor geboren hat?

„Ich liege unter einem Gurt. Festgeschnallt auf einer Liege. Die Schuhsohlen zum Fenster, während ich mit etwas in mich hineinhöre, das auf Rollen steht. Aussieht wie ein Faxgerät. Mein Körper gibt Daten aus. Über den Menschen, der in ihm lebt. Es ist ein unbekannter Mensch. Niemand auf der Welt kennt ihn. Hat ihn je gesehen. Er ist fremd. Wildfremd, hat meine Mutter immer gesagt. Wildfremden Leuten ist nicht zu trauen.“ (S. 183)

Unsere oft einzigen Rollenvorbilder für die Elternschaft sind unsere eigenen Eltern. Es verwundert nicht, dass einer Schwangeren bei jedem Ereignis und jeder Zukunftsfrage in den Kopf kommt, wie die eigenen Eltern diese Umstände gehandhabt haben. Die Protagonistin Teresa ist geschlagen mit einer toxischen, schwierigen Beziehung zu ihren Eltern. Auch die Eltern ihres Partners machen die Sache nicht leichter. Denn alle scheinen eigene Erwartungen an diese Schwangerschaft und Teresa als Mutter zu haben, ohne auf Teresas Vorstellungen einzugehen. Die Autorin deckt die nicht unbeträchtlichen faschistischen Überbleibsel in der Erziehung auf, die sich in unserer Gesellschaft gehalten haben. Da wird erwartet, dass Kinder „parieren“, den Teller leer essen, den Erwachsenen keine Schwierigkeiten machen und das Familienleben nicht nach außen tragen. Teresa möchte eine ganz andere Mutter sein, als ihre Mutter es war. Aber das ist gar nicht so leicht. Wie macht frau es denn konkret besser? Wie verträgt sich ein weniger autoritärer Stil mit den Notwendigkeiten einer berufstätigen Mutter? Wie vermeidet frau, in Stresssituationen automatisch so zu reagieren, wie sie es von der eigenen Mutter kannte?

Die eigenwillige Sprache dieses Romans trägt wesentlich zum Verständnis bei. Die unfertigen Sätze, die Teresa sich gar nicht zu Ende zu denken traut, die Verwirrung der vielen Gefühle, die gleichzeitig auf eine Schwangere einstürzen, sie machen die extreme Zerrissenheit und Atemlosigkeit einer modernen Mutter so greifbar, dass es wehtut. Sicher erlebt nicht jede werdende Mutter diese geballte Ladung an Schwierigkeiten, aber wahrscheinlich erlebt jede einen Teil davon. Es gibt Momente, in denen ich sehr froh bin, keine eigenen Kinder zu haben.

MTTR ist ein tabuloses Buch über Mutterschaft, das für die feministische Literatur und die gesellschaftliche Debatte über moderne Elternschaft absolut notwendig ist. Genau diese Themen mit all ihrer Körperlichkeit und den schambesetzten Gefühlen gehören nicht im Privaten versteckt, sondern öffentlich ausgesprochen. Viel zu lange haben alte weiße Männer behauptet, derartige „Frauenthemen“ könnten nicht Gegenstand ernstzunehmender Literatur sein. Der Roman macht deutlich, dass Schwangerschaft und Elternsein keine Frauenthemen, sondern Menschenthemen sind. Mehr davon!

MTTR, Julia Friese, Wallstein Verlag, Göttingen, 2022, 424 Seiten, 25,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Dienstag, 27. Dezember 2022

Zur See, Dörte Hansen

Nachdem ich bereits Dörte Hansens Romane „Altes Land“ und „Mittagsstunde“ gern gelesen hatte, war ich gespannt auf „Zur See“. Wie die beiden Vorgängerromane spielt das Buch in Norddeutschland, was mir als Hamburgerin gefiel.

Der Roman nimmt uns mit auf eine nicht benannte friesische Insel und ihren Bewohnern. Das Buch kommt ohne eine Handlung im engeren Sinne aus und ist mehr eine Panoramabeschreibung des Lebens auf der Insel. Der Sommer ist geprägt von den Feriengästen, der Winter von Einsamkeit und rauem Wetter. Jedes Kapitel widmet sich einem Insulaner oder einer Insulanerin und beschreibt „Typen“. Da gibt es die Frau eines früheren Seemanns, der jetzt als Vogelwart auf einer Nachbarinsel die Brutpaare zählt. Deren Kinder können sich auch nicht von der Heimat losreißen, der eine arbeitet auf einem Schiff, die andere im Seniorenheim der Insel, der dritte Bruder fertigt Kunstwerke aus Treibgut. Der Inselpastor hält die Seelen notdürftig zusammen.

Insgesamt ist die Erzählweise sehr langsam, aber erstaunlich rhythmisch. Der Text reimt sich nicht, liest sich aber fast wie ein Gedicht, und das durchgängig bis zur letzten Seite! Die Sätze rollen wie die Wellen an den Strand. Das ist kunstvoll gemacht, aber auch gewöhnungsbedürftig. Anders als in den anderen Büchern kommt kein Plattdeutsch vor, obwohl die „Inselsprachen“ eine Rolle spielen. Damit sind aber wohl deutlich schwerer allgemein verständliche friesische Dialekte gemeint.

Wir schauen auf das alltägliche Leben der Inselbewohner wie mit einer zufällig auf sie gerichteten Kamera. Das muss man mögen. Ich hätte mir etwas mehr Handlung und damit Spannung gewünscht, aber das ist sicher Geschmackssache. Zwar passiert hier und da eine Veränderung, aber wir sind als Leserinnen eher zufällig dabei, wie sich das Leben weiterentwickelt. Die Menschen leben nebeneinander her, die Perspektive springt von einem zum anderen. Insgesamt geht es um die Veränderungen des Insellebens, wie die Touristen es wahrnehmen möchten. Die Fischer können nicht mehr von der Fischerei leben, das Seemannsleben spielt sich nicht mehr auf Walfängern, sondern auf der Inselfähre ab, der angeschwemmte Wal fängt schnell an zu stinken und muss zerlegt werden, ehe sein Gedärm explodiert. Es ist eine sterbende Welt, in der die Trachten nur noch für die Besucher getragen werden. Dies bedingt die melancholische Grundstimmung des Buches.

„Diesmal drehte der Orkan vor Allerheiligen am Ende doch noch auf Nordost, bevor das Wasser zu hoch steigen konnte. Er riss dann nur die Kiefern aus dem Dünensand. Der Inselwald sieht aus, als hätten Riesen einmal durchgejätet.“ (S. 102)

Ein sprachlich interessantes Buch, das mir zu handlungsarm war, um mich zu fesseln. Dörte Hansens frühere Romane haben mich mehr angesprochen. Wer einen sehr ruhigen Erzählfluss schätzt, wird es mehr mögen als ich.

Zur See, Dörte Hansen, Penguin Verlag, München, 2022, 256 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 10. Dezember 2022

Prosaische Passionen, Sandra Kegel (Hrsg.)

Vor hundert Jahren gab es noch nicht so viele schreibende Frauen – das hört frau immer wieder als Antwort auf die Frage, warum der Literaturkanon so männlich (und weiß) ausfällt. Das Auswahlkriterium sei selbstverständlich nur die literarische Qualität, nicht das Geschlecht oder die Herkunft. Wirklich?

Das vorliegende Buch ist eine wunderschön gestaltete Schatzkiste, die diese Behauptungen ad absurdum führt. Es versammelt 101 Geschichten, ausschließlich von Autorinnen der Moderne, also der Geburtsjahrgänge von ca. 1845 bis 1920, aus allen Teilen der Welt. Die Werke wurden aus 25 verschiedenen Sprachen übersetzt und liegen teilweise erstmals auf Deutsch vor. Wie viel aus dem Koreanischen, Persischen oder der Sprache Urdu übersetzte Prosa kennt Ihr? Wie viele Autorinnen vom afrikanischen Kontinent oder aus Neuseeland sind Euch geläufig? Eben. Aber es gibt sie – nicht erst seit gestern - und sie sind großartig!

Ein umfangreiches Nachwort der Herausgeberin Sandra Kegel ordnet die literarische Epoche der Moderne ein und informiert über die Lebens- und Arbeitsbedingungen schreibender Frauen in aller Welt. Kegel erklärt die Herangehensweise an die vorliegende Zusammenstellung, in der große, bekannte Namen wie Agatha Christie, Virginia Woolf oder Selma Lagerlöf neben in Deutschland völlig unbekannte Autorinnen wie Tekahionwake oder im Schatten von Männern stehenden Frauen wie Sofia Tolstaja (die Ehefrau von Lew Tolstoi) gestellt werden. Um tiefer eintauchen zu können, werden im Anhang die Lebensgeschichten aller enthaltenen Autorinnen dargestellt.

Die Kurzgeschichten in dieser Sammlung sind so unterschiedlich und vielfältig wie die Frauen der Welt es sind. Da gibt es z.B. „Eine ganz überflüssige Bekanntschaft“ (S. 5 ff), in der Sofia Tolstaja die Begegnung einer Dame mit einem Musiker beschreibt, der ihr ein ungeahnt intensives Hörerlebnis beschert.

Die Waliserin Kate Roberts erzählt in „Heimkehr“ (S. 388 ff) von einer Frau, die gleichzeitig alt und doch ein junges Mädchen, verstrickt in ihre Kindheitserinnerungen zu sein scheint, übersetzt aus dem Walisischen. Einerseits als altes Weiblein verspottet von Schuljungen, spricht sie andererseits mit ihren Eltern und zitiert walisische Kinderreime wie früher.

Besonders gefallen hat mir eine Kurzgeschichte von Marlen Haushofer mit dem Titel „I’ll Be Glad When You‘re Dead…“ (S. 763 ff). Es ist das Gespräch einer geschiedenen Ehefrau mit ihrer Freundin, von dem wir nur den Part der monologisierenden Ehefrau lesen, die sich Kognak trinkend den Abend versüßt, während sie der Freundin (und sich selbst) den Grund des Scheiterns ihrer Ehe erklärt.

„Du bist also weggefahren, und ein paar Monate später hab‘ ich gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Ja, sofort hab‘ ich’s gemerkt. Karl hat nämlich angefangen zu seufzen. Ja, zuerst hab‘ ich auch gelächelt, warum sollte ein Mann, der den ganzen Tag angestrengt arbeitet, am Abend nicht seufzen? Später hab‘ ich mich geärgert über die Seufzerei. Er hat es nicht einmal gemerkt, ist nur still in seinem Sessel gesessen und hat geseufzt.

Was? Wie oft, ich hab‘ es nicht gezählt, findest du das so wichtig? Vielleicht durchschnittlich jeden Abend drei-, viermal. Das ist schon möglich, dass dein erster Mann mindestens zehnmal geseufzt hat und dein jetziger es auch tut, das gehört doch nicht zur Sache. Es ist eben ein Unterschied, wer seufzt. Und wenn Karl drei-, viermal geseufzt hat, so hat das mehr zu bedeuten, als wenn einer deiner Männer hundertmal seufzt.“ (S. 767)

Eine völlig andere Weltsicht begegnet der Leserin in der Geschichte „Eine Heidin in St. Paul’s Cathedral“ (S. 53 ff), übersetzt aus dem Onondaga-Englisch, verfasst von der indigenen Kanadierin Tekahionwake. Sie wurde als Tochter eines Mohawk-Häuptlings und einer Engländerin in einem Reservat in Ontario geboren. Anlässlich ihres ersten Besuchs in der Hauptstadt der Kolonialmacht England schildert sie ihre Eindrücke der alten Welt. Den König von England bezeichnet sie als den „Großen Weißen Vater“, der „im Hohlraum seiner Hände den Frieden zwischen den einst miteinander verfeindeten Roten und Weißen bewahrt“, der in seinem „Wigwam“ lebt, „von den Bleichgesichtern Buckingham Palace genannt“ (S. 53). Sie betritt die Kathedrale und weiß, dass sie sich in einem fremden sakralen Raum befindet.

„Als ich durch seinen Eingang trat, war mir, als sei es die immerwährende Siedlungsstätte des Großen Geistes vom weißen Mann.

Musik nistete überall. Sie dröhnte mir in den Ohren wie die fernen Kadenzen der Sault-Ste.-Marie-Stromschnellen, die aufsteigen und emporspringen und hochbranden – wie ein Sturm, der Tannenwald durchtost -, wie das ferne Anschwellen eines indianischen Schlachtgesangs; (…)“ (S. 54)

Ich kann dieser Zusammenstellung mit meiner Rezension nicht annähernd gerecht werden. Jede einzelne Geschichte wäre der Erwähnung wert. Das Buch ist ein Geschenk, das seine Leserinnen und Leser lange Zeit erfreuen wird.

Dieses faszinierende Buch soll auf meinem Lesetisch noch lange liegen bleiben, so dass ich es immer wieder an anderer Stelle aufschlagen und etwas Neues entdecken kann. Viele, viele Männer und Frauen sollen sich an diesen schönen Worten und Geschichten erfreuen, von denen uns etliche so lange gefehlt haben, ohne dass wir es wussten. Und dann wollen wir noch eine und noch eine und noch eine solche schöne Sammlung mit verschütteten Perlen haben. Warum sollten wir auf so großartige Literatur weiterhin verzichten?

Prosaische Passionen – Die weibliche Moderne in 101 Short Storys, Sandra Kegel (Hrsg.), Manesse Verlag, München, 2022, 928 Seiten, 40,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 3. Dezember 2022

Wenn ich mich in die Weihnachtsgeschichte hineinbeamen könnte, wäre ich…

… gern der Stern von Bethlehem. Dann wäre ich von Gott beauftragt, ein ganz besonderes Ereignis zu beleuchten. Licht in die Dunkelheit zu bringen, ist als Stern ja sowieso meine Aufgabe, das kann ich gut. Aber Gott hat mich gebeten, zu einer bestimmten Zeit ganz genau über Bethlehem stehen zu bleiben. Normalerweise ziehe ich im Laufe der Nacht meine Runde und bleibe nicht stehen, aber in diesem Dezember vor langer Zeit habe ich eine Ausnahme gemacht, weil Gott es so wollte. Er sagte, es solle ein Kind geboren werden.

Es war schon spät am Abend, da sah ich eine müde Frau mit rundem Bauch und ihren Mann von Haus zu Haus ziehen, aber niemand ließ sie ein. Ich strengte mich mächtig an und leuchtete über dem Eingang einer Höhle, die als Stall für Tiere benutzt wurde. Hier müsst ihr schauen, hier ist noch ein trockenes, geschütztes Plätzchen! Unter meinem freundlichen Schein traten sie ein. Ich konnte von draußen nichts sehen, aber auf einmal hörte ich außer dem Schnauben und Muhen der Tiere ein kleines Baby schreien. Es ist da! Es ist geboren!

Ich wusste, ich darf jetzt nicht nachlassen. Alle brauchen Licht in dieser besonderen Nacht. Die Hirten schauen in jeder Nacht zu mir auf, das weiß ich. Sie orientieren sich an mir. Aber jetzt schien ich besonders hell und zwinkerte ihnen zu, was ich sonst nie mache. Sie verstanden und liefen mir entgegen. Ich führte sie zum Stall und zu dem besonderen kleinen Jungen. Man kann arme Leute so kurz nach einer Geburt in der Fremde ja nicht einfach allein lassen, sie brauchen vielleicht Hilfe, auch das verstanden die Hirten sofort.

Plötzlich leuchtete außer mir noch etwas ganz anderes, etwas viel Helleres in dieser Nacht. Gottes Engel, ganze himmlische Heerscharen kamen auf die Erde herab und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie. Da begriffen die Hirten, dass sie Zeuge eines Wunders geworden waren. Weit, weit entfernt begriffen das auch andere Menschen, weise Männer, die sich als Sterndeuter auskannten und wussten, wenn ich von meiner Nachtrunde abweiche und zwinkere, dann hat das etwas zu bedeuten. Dann ist das ein Zeichen Gottes, das ich weitergebe. Ich blieb noch viele Tage direkt über dem Stall stehen und leuchtete, so sehr ich konnte. Denn Gott wollte, dass alle Menschen von seinem Wunder um das kleine Kind erfahren sollten. Ich blieb so lange, bis drei heilige Könige in Bethlehem ankamen und dem göttlichen Kind Geschenke brachten. Das größte Geschenk aber war das Kind selbst, das Gott der Welt gegeben hatte. Und ich bin sehr stolz, dass ich mein kleines Licht neben dem großen Licht Jesus leuchten lassen durfte, das in dieser Nacht für immer in die Welt kam.

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Ein Gedankenexperiment der Buch-Lady (Anka Willamowius) im Dezember 2022.

 

Dienstag, 29. November 2022

Ein kleines, feines Leben – Heilung durch Traumatherapie, Sarah Frischke

Dieses Sachbuch über Traumatherapie ist ganz erstaunlich. Es wurde nicht von einer Ärztin oder Therapeutin verfasst und doch von einer sehr kompetenten Expertin, nämlich einer Betroffenen. Sarah Frischke hat in ihrer Kindheit und Jugend eine komplexe Traumatisierung durch Gewalt und Missbrauch erlebt und leidet unter diversen Traumafolgestörungen, psychischen und körperlichen (wenn sich das überhaupt trennen lässt). In ihrem Buch erklärt sie umfassend, was man über das Thema Trauma und Traumatherapie wissen muss. Zu den fundierten Sachinformationen stellt sie eigene Erfahrungen mit den einzelnen Symptomen und Therapieformen. Herauskommt ein „Handbuch für Überlebende“ (so der Untertitel), das es in dieser Form noch nicht auf dem Markt gibt. Die Kombination aus Information und Erlebtem stellt einen großen Mehrwert dar. Die Trennung beider Komponenten erfolgt immer sauber durch das Druckbild, indem alle persönlichen Erfahrungen kursiv erscheinen und so nie mit dem objektiven Informationsgehalt verwechselt werden können.

Das Buch beschäftigt sich zunächst allgemein mit der Frage, was ein Trauma eigentlich ist, welche Folgen es hat und welche Ausprägungen eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) haben kann. Sodann folgt die Struktur des Buches dem Ablauf, dem sich Betroffene stellen müssen, wenn sie sich als traumatisiert einstufen.

Zuerst gilt es auf die schwierige Suche nach einer Therapeutin oder einer passenden Klinik zu gehen. Die verschiedenen Therapiearten werden genauso erläutert wie die Frage der Finanzierung durch Krankenkassen oder Rentenversicherungsträger. Hier gibt die Autorin handfeste praktische Tipps nebst Musterschreiben und Hinweisen für ein Begutachtungsverfahren.

Die Traumatherapie selbst gliedert sich in verschiedene Phasen, die einzeln und detailliert beschrieben werden. Großen Raum nimmt die Stabilisierung als erste Phase ein. Sie dürfte für Betroffene auch das Hauptziel der Therapie sein, also sich wieder sicher (bzw. sicherer) zu fühlen und den Alltag wieder bewältigen zu können.

Zur Stabilisierung gehören Themen wie Selbstachtung und Selbstfürsorge, das Erlernen von Skills (also Techniken zur Symptomkontrolle) sowie die Identifikation der eigenen Ressourcen. In diesem Zusammenhang werden die einzelnen möglichen Symptome und die hierzu einsetzbaren Therapiemethoden wie Imaginationsübungen und Körpertherapien erläutert. Detailreich werden z.B. „Der sichere Ort“ oder die „Tresor-Übung“ beschrieben, und zwar nicht, um sie aus diesem Buch zu lernen, sondern um deren Sinn deutlich zu machen und die Angst vor den Übungen zu nehmen.

Als zweite Therapiephase folgt die Traumaexposition, also die Konfrontation mit den eigenen traumatischen Erlebnissen und Erinnerungen. Die Autorin erklärt das Für und Wider, überhaupt eine Exposition vorzunehmen sowie die verschiedenen Techniken der Exposition (z.B. EMDR) nebst ihrer Risiken. Zuletzt folgt die Phase der Traumaintegration und die Frage, ob es eine Heilung insbesondere von einer komplexen PTBS geben kann.

Die besondere Stärke des Buches besteht darin, dass es aus Sicht einer Betroffenen alle auftretenden Fragen anspricht, und zwar in der Reihenfolge, in der sie sich stellen. Alle Kapitel sind aber auch unabhängig voneinander lesbar, so dass man keinesfalls das ganze Buch im Zusammenhang lesen muss. Realistisch werden die praktischen Probleme bei der Therapeutinnensuche beleuchtet sowie die Schwierigkeit, dass gerade bei Traumatisierung diverse Krankheitsbilder nebeneinander vorliegen können (insb. Depression und Sucht spielen neben der PTBS eine Rolle). Schon die Entscheidung für eine bestimmte Therapierichtung kann überfordernd sein. Die Autorin nimmt die Leserin an jeder Stelle an die Hand, berichtet von ihren eigenen Schwierigkeiten und zeigt auf, dass diese Überforderung völlig normal ist. Gleiches gilt für die Zeit während der Therapie. Sarah Frischke weiß aus eigener Erfahrung, wie überfordernd Therapie, ja sogar das bloße Spüren des eigenen Körpers sein kann.

Etwa zur Übung „Erfolge würdigen“, schreibt die Autorin:

„Mir half diese Übung vor allem bei der Selbstfürsorge. Gerade hier hatte ich noch viel nachzuholen und zu üben, was mich teilweise sehr große Überwindung kostete. Gleichzeitig konnte ich über diese Themen mit kaum jemanden in meinem privaten Umfeld reden. Denn für die meisten meiner Bekannten und Freunde war und ist meist nicht zu verstehen, wie viele Dinge im Alltag für mich eine Riesenhürde darstellten. Sie können nicht begreifen, welche Schuldgefühle z.B. eine warme Wärmeflasche früher bei mir auslösen konnte. Sie ahnen auch nicht, mit welchem inneren Kampf ich die eine oder andere warme Mahlzeit zu mir nahm. Aber gerade diese – nach außen vermeintlich kleinen und nebensächlichen – Erfolgserlebnisse erhielten durch diese Übung ihre Würdigung und gerieten bei mir damit nicht mehr in Vergessenheit.“ (S. 179)

Das Credo des ganzen Buches ist, dass Betroffene auf sich selbst vertrauen und Expertinnen für sich und ihre Erkrankung werden sollten, da jede PTBS sehr individuell ist. Jede Betroffene sollte in ihrem eigenen Tempo vorgehen, um eine Verschlimmerung der Erkrankung zu vermeiden und sich trauen, therapeutische Interventionen oder Behandlerinnen abzulehnen, die ihr nicht geheuer sind. Die Leserin weiß die Autorin zu jeder Zeit an ihrer Seite wie eine erfahrene Mitpatientin mit den gleichen Ängsten und Nöten, die ihr den Rücken stärkt.

An der fachlichen Richtigkeit der Ausführungen in diesem Buch besteht aus meiner Sicht kein Zweifel. Die Ausführungen werden in Fußnoten ausführlich mit Quellen der Fachliteratur belegt. Ein umfassendes Literaturverzeichnis im Anhang enthält sämtliche anerkannte Standardliteratur zum Thema (z.B. von Luise Reddemann und Michaela Huber), darüber hinaus aber auch Internetlinks zu Informationsquellen von Selbsthilfeorganisationen und Kliniken. Das Buch ist sprachlich präzise und nutzt Fachbegriffe, erklärt diese aber stets so, dass jeder Laie sie gut verstehen dürfte. Natürlich besteht für jede Betroffene das Risiko, durch das Lesen des Buches getriggert zu werden. Auf diese Gefahr wird im ersten Teil des Werks ausdrücklich hingewiesen. Jede Leserin ist dazu aufgerufen, sich selbstfürsorglich nur so viel Lektüre am Stück zuzumuten, wie es ihr guttut.

Dieses Traumahandbuch informiert Betroffene fundiert und empathisch wie ein Gespräch mit einer erfahrenen Mitpatientin. Diese Form ist in der Fachliteratur bislang einzigartig und ausgesprochen gelungen. Warum ein solches Buch im Selbstverlag erscheinen muss, ist mir unbegreiflich, da es einfach fehlt!

Ein kleines, feines Leben – Heilung durch Traumatherapie: Ein Handbuch für Überlebende, Sarah Frischke, Selbstverlag (Books on Demand), 2022, 336 Seiten, 15,99 EUR, ISBN 9783756213535

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis der Autorin. Ich danke der Autorin für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 19. November 2022

Wir verstehen nicht, was geschieht, Viktor Funk

Die meisten von uns haben viel gelesen über die Schrecken in deutschen Konzentrationslagern. Lager, in denen Menschen unter erbärmlichen Bedingungen leben mussten und an der Zwangsarbeit starben, gab es aber nicht nur im Deutschen Reich, sondern auch in der Sowjetunion. Viktor Funk, den ich auf der Frankfurter Buchmesse hören konnte, hat ein Herzensbuch geschrieben über die Überlebenden des Gulag. Unter Gulag versteht man nicht nur die Lager selbst, sondern im weitesten Sinne das sowjetische System von Verfolgung, Verbannung und Zwangsarbeit in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst. Unter Stalin erlebte dieses System seinen Höhepunkt.

Der Autor ist studierter Historiker und hat sich wissenschaftlich mit dem Gulag beschäftigt. Nun legt er einen Roman vor, der zwar fiktiv ist, jedoch eine wahre Geschichte zum Vorbild hat. Er beschreibt exemplarisch die Grausamkeit dieses Systems, unter dem die Menschen in der Sowjetunion noch nach Ende des 2. Weltkriegs zu leiden hatten. Es geht um Lew und Swetlana, die sich als Studenten kennen- und lieben lernten. Lew wird im 2. Weltkrieg eingezogen und landet zunächst in deutscher Gefangenschaft. Kaum befreit, wird er von sowjetischen Truppen verhaftet. Wer nicht bis zum Tode kämpfte, sondern lebend in Gefangenschaft geriet, galt unter Stalin als Vaterlandsverräter. Lew wird zu neun Jahren Zwangsarbeit im Lager Petschora in Sibirien verurteilt. Insgesamt 14 Jahre warten Lew und Swetlana aufeinander und halten sich mit ihrer Liebe und Hoffnung am Leben. Sie schreiben einander Briefe unter Umgehung der Zensur und Swetlana schafft es, Lew illegal im Lager zu besuchen.

Der Roman geht der Frage nach, wie Menschen es geschafft haben, unter den widrigsten Bedingungen zu überleben und wie das Lager sie für ihr weiteres Leben geprägt hat. Dabei spielen Befragungen der betagten Überlebenden ebenso eine Rolle, wie die aus der Haft geschriebenen Briefe und Aufzeichnungen.

Anrührend sind besonders Lews Lebensbetrachtungen, die trotz allem voller Dankbarkeit sind. Er weigert sich, wie viele andere Überlebende, seine Haftzeit als verschwendete Jahre anzusehen. Er schätzt seine dort gemachten Erfahrungen und die ihm entgegengebrachte Freundlichkeit, so selten sie auch gewesen sein mag. Die im Lager geschlossenen lebenslangen Freundschaften bedeuten Lew viel. Und mit seiner geliebten Sweta verbringt er den Rest seines Lebens, insgesamt 70 Jahre. Lew zeigt, dass der Mensch sich den Sinn in seinem Leben selbst suchen muss, um nicht zugrunde zu gehen.

Manche Überlebenden können von ihren Erinnerungen berichten, anderen ist das zu schmerzhaft. Viele sind bei der harten Arbeit als „Menschenmaterial“ verbraucht und getötet worden. Worüber aber die wenigsten von ihnen erzählen können, sind die Gefühle von damals. Fakten über die Gebäude und Arbeitsbedingungen im Lager oder die Aufseher, ja, das geht. Aber wer hatte damals schon die Kraft sich zu fragen, wie er sich fühlt?

„‘Entweder Sie leben in dem Moment, oder Sie denken über ihre Angst, Hoffnung und Verzweiflung nach. Und damals hatte ich keine Zeit zum Nachdenken. (…) Nicht, dass ich nichts fühlte. Im Gegenteil. Die Gefühle waren so intensiv, dass ich nicht über sie nachdenken konnte‘, erklärte Lew.“ (S. 44/45)

Die Geschichte von Lew und Sweta, die auf ein gelungenes Leben zurückblicken, ist berührend und lehrreich zugleich. Sie gibt Einblick in das Leben im Gulag, aber auch das Leben der draußen auf die Internierten Wartenden. Die unglaubliche Kraft der Betroffenen beeindruckt in diesem Buch, das ohne Bitterkeit auskommt. Ich kann es sehr empfehlen.

Wir verstehen nicht, was geschieht, Viktor Funk, Verbrecher Verlag, Berlin, 2022, 158 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Dienstag, 15. November 2022

Dry, Christine Koschmieder

„‘Dein Thema ist gar nicht der Alkohol, kann das sein?‘, hat Ida am Telefon gefragt. Alkohol ist nie das Thema, antworte ich ihr, bei keinem hier.“ (S. 224)

So könnte man auch den Inhalt dieses autofiktionalen Romans beschreiben. Der Titel weist auf eine Verbindung zu Alkohol hin, aber in Wirklichkeit geht es um alles andere. So erfahren wir zwar schon zu Beginn, dass Christine sich in einer Suchtklinik befindet, aber was sich dort ereignet, wird erst im dritten Abschnitt des Buches geschildert. Zuvor nehmen wir an Christines turbulentem Leben teil, in dem sie studiert, drei Kinder von drei Männern bekommt, mit dem frühen Tod eines geliebten Mannes klarkommen muss und ihre Eltern versterben.

Alkohol spielt in dieser Lebensbeschreibung nur eine marginale Rolle. Ohne den Buchtitel würde es der Leserin vielleicht gar nicht auffallen, dass immer mal eine Flasche Wein geleert wird. Was mir aber auffiel, war, dass mich diese Beschreibung trotz der teilweise dramatischen Umstände nicht emotional gepackt hat. Wieso erzählt sie mir das? Wieso berührt mich das nicht? Worauf will sie hinaus? Genau darauf, auf die fehlende Emotion. Natürlich leidet Christine unter der Erkrankung ihres Mannes und dessen Tod. Natürlich ist es schwierig, allein die Kinder aufzuziehen. Aber Christine funktioniert. Irgendwie gibt es ein Leben, eine Wohnung und Fröhlichkeit. Erst ganz zum Schluss merkt man, dass es sich um eine spiegelnde Oberfläche handelt, in der etwas fehlt: Tiefe und Reflexion.

Im zweiten Abschnitt erfahren wir von Christines Kindheit, die sie mit zwei sehr gebildeten, aber trinkenden Elternteilen erlebt hat. Die Kindheit bleibt bruchstückhaft in der Erzählung. Ja, da war nicht alles schön, aber der „typische“ Trinkerhaushalt wird auch nicht geschildert mit Verwahrlosung und Schlägen. Gibt es einen typischen Trinkerhaushalt überhaupt? Ist der Alkoholismus der Eltern schon die Erklärung für den der Tochter? Nein, das wäre viel zu einfach. Denn Alkohol ist – wie gesagt - nie das Thema. Beziehungen, Gefühle und Bedürfnisse sind das Thema. Denn Sucht ist wie ein Eisberg, erfährt Christine in der Klinik. Sieben Achtel befinden sich unter der Oberfläche und müssen erst trockengelegt werden, um sie zu sehen.

„Während ich trotz Schmerz und Chardonnay alles hinzukriegen scheine und mich das immer verzweifelter macht, wird mir etwas klar. Dass ich nämlich gar nicht trinke, weil ich einen Anlass habe. Sondern dass ich der Anlass bin.“ (S. 218)

Am interessantesten fand ich den dritten Abschnitt des Buches, in dem der gesamte Rest einen Sinn bekommt. Christine bemerkt die fehlende Nähe in ihren Beziehungen zu Eltern, Männern und Kindern. Und zu sich selbst. Sie stellt sich ihren unaushaltbaren Gefühlen, die der Alkohol stets gedämpft hat. Schwierig fand ich bei der Lektüre, dass ich lange Zeit eher unberührt und ohne einen roten Faden zu sehen, durch die Lebensereignisse der Erzählerin gedümpelt bin. Da muss die Leserin diszipliniert dranbleiben an der Lektüre.

Was mich dranbleiben ließ, war der Auftritt von Christine Koschmieder auf der Frankfurter Buchmesse. Sie sprach so fesselnd und offen von ihrem Leben und davon, dass niemand sie von außen als Alkoholikerin erkannt oder benannt hatte. Sie räumt auf mit dem Klischee, dass Alkoholiker „die anderen“ sind, die besoffen auf Parkbänken vegetieren. Ich hätte mir gewünscht, mehr von dieser heute so charismatischen Frau in dem Roman vorzufinden. Aber vielleicht ist sie erst durch die Auseinandersetzung mit sich selbst zu dieser authentischen Frau geworden?

Ein interessantes Buch, das Alkoholismus mal ganz anders schildert, abseits prekärer Verhältnisse. Ein bisschen mehr Führung der Leserin, ein bisschen mehr roter Faden in den ersten beiden Teilen hätten dem Roman gutgetan, ändern aber nichts am erkennbaren Mut und der Hingabe der Autorin.

Dry, Christine Koschmieder, Kanon Verlag, Berlin, 2022, 256 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

MTTR, Julia Friese

Dieses Buch ist schmerzhaft! Es ist authentisch, obwohl es ausgedacht ist, denn so kann Mutterschaft sein. So muss sie nicht sein, Göttin se...