Sonntag, 8. Dezember 2019

Leseparadiese, Rainer Moritz

Mir als Hamburgerin ist Rainer Moritz natürlich ein Begriff, er ist der Leiter des hiesigen Literaturhauses. Als solcher ist er in Buchhandlungen quasi zuhause, so dass es nicht überrascht, dass er eine Liebeserklärung an eben diese Institution verfasst hat. In diesem launigen Erzählbändchen, das sich locker weglesen lässt, erzählt uns der Autor zunächst vom Beginn seiner Leseleidenschaft in der Kindheit. Er stellt uns die ersten ihm erinnerlichen Buchläden und ihre Verkäuferinnen (!) vor, seinen Auftritt in einem Vorlesewettbewerb, bei dem die Wahl seiner Lektüre auf wenig Gegenliebe stieß und geht dann über zu den Besonderheiten von Buchhandlungen und –händlern.


Rainer Moritz sinniert über die ideale Buchhandlung, den passenden Moment, in dem er als Buchkäufer von der Buchhändlerin angesprochen oder in Ruhe gelassen werden möchte, und die Kunst in einem noch so kleinen und verwinkelten Raum einen Buchladen mit Atmosphäre zu betreiben. Sodann besuchen wir im Geiste einige außergewöhnliche Buchhandlungen in der Welt, etwa die in Porto mit der Harry Potter-artigen Treppe, die inzwischen Eintritt nehmen muss, die einzige deutsche Buchhandlung in Paris oder den Laden in Maastricht, der in einer ehemaligen Kirche untergebracht ist. Immer wieder werden auch deutsche Buchhandlungen in Stadt und Land konkret genannt und der Leser mit Anekdoten aus diesen versorgt. Etwa dieser Geschichte über Clemens Bellut in Heidelberg, wie es zur Gründung einer Buchhandlung kommen kann:

„Ich hatte das zufällige Glück, fast ohne irgendeine Suche eine wahrlich traumschöne Wohnung am Kornmarkt beziehen zu dürfen – was ich damals eher noch für eine kostenintensive Urlaubssituation hielt. Als es aber um die Frage ging, welche Einrichtungen künftig in ‚unserem‘ schönen Haus in die noch unvermieteten Ladengeschäfte einziehen würden, traf sich diese gelinde Sorge mit der entbehrenden ersten Erfahrung, dass ich eine Art Buchladen, wie ich ihn in allen ‚meinen Städten‘ (Bonn, Tübingen, Frankfurt, Zürich) gefunden und seither unbedacht für selbstverständlich gehalten hatte, in Heidelberg nicht mehr finden konnte. Und so bin ich auf die verwegene Idee verfallen, selbst als völlig unausgebildeter und unkaufmännischer, alternder Zeitgenosse für Abhilfe zu sorgen.“ (S. 118)

Nett ist das Kapitel über die oft totgesagte Wasserglaslesung – habe ich mir in einer solchen doch genau dieses Buch von Rainer Moritz in einer Hamburger Buchhandlung vorlesen und signieren lassen. Wurde das Buch etwa zu dem Zwecke verfasst, das Überleben der Lesung als Format zu sichern?! Das ist sicher gar nicht nötig, die deutschsprachige Leserin ist sehr geduldig und hört Autoren stundenlang gerne zu, was ausländische Autoren anscheinend außerordentlich verwundert. Das mag daran liegen, dass im Deutschen sogar Literatur darüber verfügbar ist, was eine perfekte Lesung ausmacht.

Das Thema des Buches ist an sich schon ein angenehmes für den bibliophilen Leser. Es wird von Rainer Moritz in schönsten Formulierungen besprochen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich die ansprechende Gestaltung des Buches. Das Papier fasst sich wunderbar weich an, der Druck ist zweifarbig, so dass Überschriften und Seitenzahlen rötlich abgesetzt sind, ein Lesebändchen gibt ihm Stil – und nicht zuletzt darf ich sagen, dass das Buch einen ausgesprochen angenehmen und anhaltenden Duft verströmt. Der Einband lässt ein erhebendes Knacken vernehmen, denn das Buch ist als Hardcover gebunden und trotz des nicht ausufernden Umfangs eben nicht bloß ein schnödes Taschenbuch. (Angeblich soll es Autoren geben, die das Signieren von Taschenbüchern verweigern.)

Ein angenehmes Wohlfühlbuch, in dem mancher sich oder seine Lieblingsbuchhandlung wiederfinden wird. Auch haptisch, optisch und olfaktorisch ein echter Genuss!

Leseparadiese – Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung, Rainer Moritz, Sanssouci in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München/Wien 2019, 160 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Freitag, 6. Dezember 2019

Lagerfeld your life, Anna Basener

Karl Lagerfeld, einer der berühmtesten Deutschen der Gegenwart, ist seit fast 10 Monaten tot und doch ist es, als sei er immer noch unter uns. Wenn wir ihn noch mehr in unser Leben integrieren wollen, sollten wir ihm nacheifern. Wer bis zum 85. Lebensjahr gearbeitet hat und ein Idol war, ist nachahmenswert, oder? Dieses Buch ist eine Hommage an ihn und seine Kodderschnauze, seine provokanten Bonmots und spürt (mit viel Augenzwinkern) den Ingredienzien seines Ruhms nach. Was machte Lagerfeld aus? Was muss man / frau tun, um genau so groß zu wirken wie der Meister selbst?


Natürlich beginnt das Buch mit einem der bekanntesten Zitate, von dem sich nicht wenige persönlich beleidigt fühlten. „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ (S. 8) Die Autorin, die sich zu den Beleidigten zählte, erläutert zunächst, dass Karl wohl kein solches Kleidungsstück benötigte, weil er seine Leute hatte, die solche Dinge für ihn erledigten, für die der Normalsterbliche das bequeme Ding anzieht. Muss man sich sowas eigentlich anhören von einem Mann, der stets den halben Tag im Nachthemd herumgelaufen ist?! Eigentlich, so lernen wir, geht es gar nicht um Jogginghosen, sondern um die Haltung, die diese verhindert. Die innere natürlich. Lagerfeld war für seine Disziplin bekannt. Schlampigkeit und Maßlosigkeit waren ihm zuwider. Das bewies er unter anderem damit, dass er vom Moppelchen zur Slimline abmagerte, 42 kg in 13 Monaten abnahm.

Der nicht ganz ernst gemeinte Ratgeber geleitet uns von einem Merkmal zum nächsten, vom exzentrischen Halten einer Luxuskatze mit eigener Kammerjungfer über den steifen Vatermörder bis hin zum Wiedererkennungswert des Zopfes, der zur Marke „Lagerfeld“ gehörte. Dabei geht es natürlich nicht darum, ein Abziehbild von Karl zu werden, sondern um die Essenz dieser Merkmale, etwa das geschickte Zitieren von Vintageaspekten der Mode und der Tatsache, dass Berühmtheit nur zu 10% Können und zum Rest Selbstvermarktung ist. Dabei werden Karls Talente natürlich angemessen gewürdigt, etwa seine Leistung das quasi tote Modehaus Chanel wieder auferweckt zu haben.

Höchst amüsant spart auch die Autorin nicht mit eigenen Bonmots, etwa wenn sie konstatiert „Dabei ist Andy Warhol doch auch nur ein Linienbus.“ (S. 23, Eine von vielen Gelegenheiten, denen man nicht nachlaufen sollte, da bald die nächste kommt.) Stilberatung ist bei der Lektüre ebenfalls inklusive, etwa der großartige Tipp „Wenn es irgendwie geht, nageln Sie was an ihrem Kopf fest.“ (S. 126, Man sollte ein gesichtsnahes Merkmal als das eigene Markenzeichen wählen, nicht gerade die Schuhe.)

Das Beste an diesem Buch sind zweifellos die Aussprüche von King Karl selbst. Für seine Fans ist das Buch eine vergnügliche Gelegenheit, in seiner Wirkung zu schwelgen und seine vielen liebenswerten Marotten einzeln unter die Lupe zu nehmen. Unterstützt wird der Text durch flotte Zeichnungen in pink-schwarz. Das hätte Karl gefallen.

König Karl ist unsterblich. Das Buch nimmt ein Stück seiner Ironie auf und macht Lust darauf, sich näher mit dieser schillernden Persönlichkeit zu beschäftigen. Kein Stress – nur Strass!

Lagerfeld your life, Anna Basener, Illustrationen von Evelyn Neuss, Bastei Lübbe Verlag, Köln 2019, 192 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Dienstag, 3. Dezember 2019

Das All und das Nichts – Von der Schönheit des Universums, Stefan Klein

Wir leben auf dieser kleinen Erde und sie ist uns alles, die ganze Welt. Dabei ist sie nur einer von Milliarden Planeten in einem sich stetig weiter ausdehnenden Universum. Oder gibt es gar das Multiversum? Sicher ist, dass wir nur einen Bruchteil dessen sehen, was existiert im weiten All.

Stefan Klein nimmt uns mit auf Entdeckungsreise zur Frage der Anfänge unseres Seins. Wie ist das Universum entstanden und wann? Was war vor dem Urknall? Gibt es überhaupt ein Davor? Woraus bestehen wir und alles, was uns umgibt? Jeder weiß heute, dass alles aus Atomen besteht. Aber die Forschung ist schon viel weiter vorgedrungen, bis in den Atomkern, der wiederum aus Teilchen besteht. Und einer Menge Nichts. Wobei – ist ein Nichts überhaupt denkbar? Ist nicht alles Etwas, auch wenn wir vielleicht noch nicht wissen, worum es sich handelt?

Wir begegnen Einstein, seiner Relativitätstheorie und der Quantenphysik, aber natürlich auch den modernsten Erkenntnissen der Forschung mitsamt ihren Weltraumteleskopen. Wer in diesen Gebieten nicht zuhause ist, wird in diesem Buch dennoch viel verstehen. Nicht alles – so ging es mir zumindest. Aber genug, um die Faszination zu erkennen. Die schwindelerregenden Zahlen, die das Ausmaß des Universums beschreiben, kann sich ohnehin niemand bildlich vorstellen.

Besonders gefallen hat mir an dem Buch, dass der Autor stets von etwas Alltäglichem ausgeht, um die wissenschaftlichen Dinge zu erklären. Anhand einer blühenden Rose geht er auf die Entstehung des Lebens auf der Erde ein. Ein Kriminalfall dient der Erläuterung von Zufall, Wahrscheinlichkeit und der Verbindung von Teilchen in großer Entfernung. Der Urknall wird zur conditio sine qua non der eigenen Geburt.

Ich bin zum zweiten Mal in kurzer Zeit der Theorie begegnet, es gäbe die Zeit gar nicht. Sie sei nur eine menschliche Illusion, in Wahrheit sei es Veränderung, die wir wahrnehmen. Um diese These dreht sich Martin Suters Roman „Die Zeit, die Zeit“ (vgl. meine Rezension). Stefan Klein reicht wissenschaftliche Belege dazu her.
„Boltzmanns geniale Leistung war es, den Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft anhand unseres Wissens und der Wahrscheinlichkeit zu erklären. Über die Gegenwart wissen wir mehr als über die Zukunft. Das Brot ist jetzt frisch, wir können es mit allen Sinnen erfahren. Sobald wir über die Zukunft nachdenken, verlieren wir dieses Wissen, weil unbekannt ist, wie sich die Atome bewegen. Für das Unwissen (…) fand Boltzmann ein Maß – eine Größe, die darüber Auskunft gibt, wie viel Information über einen Vorgang uns fehlt. Diese Größe heißt Entropie. Auch wenn wir die Entropie nicht direkt wahrnehmen können, spielt sie doch eine vielleicht noch wichtigere Rolle als die Energie. Denn die Entropie erklärt, warum sich die Welt bleibend verändert.“ (S. 162/163)
Das wirklich Tröstliche an dem Buch ist, dass es trotz aller wissenschaftlicher Fortschritte und der Entschlüsselung der Naturgesetze dem Menschen wohl nie gelingen wird, menschliches Verhalten genau zu berechnen, ja nicht einmal das Wetter genau vorherzusagen. Die Datenmenge, die dazu nötig wäre, ist schlicht so groß, dass das ganze Universum nicht ausreichen würde, um sie zu nutzen.

Astrophysik für Anfänger, vergnüglich und spannend verpackt, dabei philosophisch reizvoll. So macht Physik Spaß!

Das All und das Nichts – Von der Schönheit des Universums, Stefan Klein, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2017, 240 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 30. November 2019

Irgendwann wird es gut, Joey Goebel

Joey Goebel stammt aus einer Kleinstadt in Kentucky. Es dürfte kein Zufall sein, dass er die zehn Geschichten in diesem Band Mitte der 1990er Jahre in Moberly spielen lässt, ebenfalls einer Kleinstadt in Kentucky. Man kann jede einzelne Episode als eine in sich abgeschlossene Kurzgeschichte lesen. Als Ganzes ergibt sich aber eher ein Roman aus Kurzgeschichten. Manche der Personen tauchen in mehreren der Geschichten auf, zumindest am Rande, so dass sich ein Gesamtbild der Gesellschaft in dieser Ortschaft ergibt. Vielleicht nicht der gesamten Gesellschaft, denn Goebel portraitiert eher die Außenseiter. Sie sind nicht alle Loser oder Underdogs, manche haben sogar VIP-Status. Aber eines ist ihnen gemeinsam: Sie alle sind einsam.

Olivia ist Nachrichtensprecherin beim Fernsehen und eigentlich viel zu hübsch für das kleine Kaff. Sie ist der Traum vieler Männer, die ihr jeden Abend von ihren Wohnzimmern aus zusehen. Elena und ihr Sohn Paul verlassen nur selten das Haus, seit sie beide einen Nervenzusammenbruch erlitten haben. Luke sucht Ablenkung in der Musik und gründet mit Freunden eine Punk Band. Stephanie ist Lehrerin am Community College. Sie möchte ihr Bestes für die Studenten geben, obwohl sie seit langem keine feste Stelle bekommt. Und das sind nur einige der Charaktere, die wir im Verlauf des Buches kennenlernen. Alkohol spielt eine Rolle in dem Städtchen. Denn es gibt zu viel Langeweile. So richtig viel passiert dort nicht. Aber ist das nicht überall auf der Welt so?

Alle Figuren wirken realistisch, so verschroben manche auch sind. Wir hören ein Stückchen ihrer Geschichte. Ihnen sind Dinge passiert, die vielen Menschen passieren. Sie sind enttäuscht oder verlassen worden, haben einen lieben Menschen verloren oder sind bei schlechter Gesundheit. Das Leben hat sie eben zu denen gemacht, die sie jetzt sind. Der Zustand zu Beginn der Geschichten ist oft ein bisschen deprimierend. Aber alle Charaktere rütteln an den Gitterstäben ihres Gefängnisses, das meist in ihnen selbst steckt. Sie finden sich nicht ab mit ihrer Situation, sondern wagen Gehversuche außerhalb ihrer Komfortzone. Zuweilen scheitern sie. Aber zumindest versuchen sie etwas. Das macht sie so interessant.

„Die Straßen waren mittlerweile so vereist, dass Matt in einem Hotel würde übernachten müssen. Schon sein ganzes Erwachsenenleben lang hatte er irgendwann irgendeine Nacht in irgendeinem Hotel verbringen wollen. (…)
Als er zu seinem Zimmer im zweiten Stock kam, betrachtete er das breite Doppelbett und fragte sich, was bis zum Ende der Nacht dort wohl passieren würde.“ (Eine Nacht im Ramada Inn, S. 164/165)

Weshalb werden gerade diese schrulligen Typen in der amerikanischen Provinz beschrieben? Dazu sagt der Autor:

„Wenn ich es recht bedenke, verkörpern diese Figuren entweder Aspekte von mir, die ich gern verbergen möchte, oder Aspekte von mir, die mir im Laufe der Jahre abhandengekommen sind und die ich gern zurückhaben würde.“ (S. 310)

Die Geschichten sind gut erzählt, lesen sich flüssig und unterhaltsam. Manche Charaktere sind rührend, weil ihr Anspruch an das Glück im Leben so bescheiden und gleichzeitig so unerreichbar scheint. Sie wünschen sich das, was wir uns alle wünschen: ein bisschen Beachtung, Spaß und einen sinnvollen Tag. Was sie alle noch haben, ist ein Fünkchen Hoffnung, aus dem sie das Beste machen. Und gerade das macht den Reiz dieses Buches aus.

Das alltägliche Streben nach ein bisschen Glück in einer x-beliebigen Kleinstadt wird auf anrührende Weise erzählt. Der Leser kann sich an jeder Stelle fragen, ob es sich nicht lohnen würde, selbst auch einen Schritt nach draußen zu wagen. Was traust Du Dich heute?

Irgendwann wird es gut, Joey Goebel, aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog, Diogenes Verlag, Zürich 2019, 320 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Freitag, 29. November 2019

Bundesweiter Vorlesetag 2019


Ich erzähle furchtbar gern Geschichten und lese gerne vor. Ich wurde auf eine wunderbare Vorlese-Aktion aufmerksam: An jedem dritten Freitag im November findet seit 2004 der Bundesweite Vorlesetag statt. Er wird veranstaltet von der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutsche Bahn Stiftung. Dieses Jahr, am 15. November 2019 haben fast 700.000 Menschen mitgemacht als Lesende oder Zuhörende. Das Jahresmotto war dieses Mal „Sport und Bewegung“.

Bei so einer tollen Veranstaltung wollte ich auch gern mitmachen und habe in meiner Kirchengemeinde angefragt, ob Interesse an einem Vorlesenachmittag besteht. Die Evangelisch –lutherische Kirchengemeinde Hamburg-Stellingen war angetan von der Idee, das Team der Familienkirche verlegte kurzerhand ihren sonst samstags stattfindenden Termin auf Freitag vor und unterstützte die Aktion nicht nur durch zahlreiches Erscheinen, sondern auch durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer am großen Tag. An dieser Stelle sage ich ganz herzlichen Dank an alle aus dem Team und unsere Pastorin Gabriele Voigt für ihre Begeisterung und Unterstützung dieser schönen Aktion.

Um 15 h ging unser Programm los, zunächst für die Kleinsten, nämlich Kinder bis zu 6 Jahren. Eine Gruppe von ca. 10 Kindern mit ihren Eltern, Omas oder Paten versammelte sich auf Sitzkissen im Altarraum der durch Kerzen erhellten Kreuzkirche in Hamburg-Stellingen. Dieser Gruppe habe ich das Bilderbuch „Na klar, Lotta kann Rad fahren“ von Astrid Lindgren (erschienen im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg) vorgelesen. Eine Helferin hielt das Bilderbuch hoch, so dass alle die schönen Illustrationen von Ilon Wikland sehen konnten, während ich las. Als ich zur Einstimmung auf das Buch fragte, welche Erfahrungen die Kinder mit dem Radfahren-Lernen gemacht hätten, berichteten sie begeistert. Fast alle hatten schon selbst erlebt, dass man zu Anfang noch Hilfe braucht, manchmal umfällt mit dem Rad und sich sogar ein bisschen wehtun kann. Da verwunderte es nicht, dass die Kinder mit viel Emotion der Geschichte folgten. An ihren Gesichtern war abzulesen, wie sie mit Lotta mitlitten, als diese vom viel zu großen gemopsten Fahrrad fiel und ihr neues Armband im Rosenstrauch verlor. Ein Kind musste sich eng an seine Mama kuscheln bei so viel Aufregung. Die Lesezeit von gut einer Viertelstunde verbrachten die Kleinen sehr konzentriert.

Danach war Bewegung angesagt. Ich zeigte den Kindern anhand einiger mitgebrachter Beispiele, wie unterschiedlich Bücher sein können. Groß und dünn wie ein Bilderbuch, klein und dick wie ein Geschichtenbuch für Größere, im Miniformat in der Größe einer Streichholzschachtel oder als modernes ebook. Die Kinder gingen in der Kirche auf Entdeckungstour, um alle Bücher zu finden, die es in der Kirche gibt. Wir schauten uns gemeinsam die Bibel mit Goldschnitt auf dem Altar an, fanden ein Gesangbuch in den Sitzreihen und endeten vor dem großen Schaukasten, in dem die Gemeinde eine ca. 300 Jahre alte großformatige Bibel ausstellt. Das Gedränge um den Hocker vor der Vitrine war groß, alle wollten das kostbare schwere Buch aus der Nähe sehen.
Zu einer kleinen Stärkung sammelten wir uns im Gemeindesaal und veranstalteten danach einen Büchertausch. Einige Besucherinnen und Besucher hatten ausgelesene Bücher zum Tauschen mitgebracht, aufgestockt wurde das Angebot durch Bücher, die der Gemeinde gestiftet worden waren. So wechselten viele Bände die Besitzer, leuchtende Kinderaugen besahen sich die neuen Buchschätze.

Gegen 16 h gingen wir in die nächste Vorleserunde, die für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren gedacht war. Da es einigen aus der ersten Gruppe so gut gefallen hatte, blieben sie auch zur zweiten Lesung da. Ich las Auszüge aus dem 2. Band der Reihe „Der zauberhafte Wunschbuchladen“ von Katja Frixe (erschienen im Dressler Verlag, Hamburg) vor, mit dem Untertitel „Der hamsterstarke Harry“. Das kleine Fellknäuel ist ein tierischer Zirkusartist, der aus seinem Buch im zauberhaften Wunschbuchladen gefallen ist. Eine Gruppe von wiederum ca. 10 Kindern schloss den Kreis um mich. Die Spannung war bereits nach wenigen Minuten so groß, dass die Kinder sich um mich drängten, um einen Blick ins Buch zu erhaschen (herrliche Bilder von Florentine Prechtel!) und vielleicht auch, um beim Kuscheln ein bisschen Aufregung loslassen zu können.

Meine geplante Lesezeit habe ich um das Doppelte überschritten, denn die begeisterten Zuhörer hatten (gefühlt alle 2 Minuten) jede Menge aufgeregte Fragen und Ideen, die unbedingt mitgeteilt werden mussten. An einer Stelle balanciert der Hamster auf einer Wäscheleine im Garten. Da wurde dann diskutiert wie genau der Hamster so hoch hinauf geklettert sein konnte. Zuvor war er aus einem alten Puppenhaus entwischt. Die Kinder hatten die tollsten Ideen, wie er es geschafft hatte, aus der Tür oder dem Fenster hinauszugelangen. Auch das generelle Schicksal von Tieren, die in Zirkussen auftreten, wurde von den Kindern angesprochen. Alle waren sich einig, dass Tiere dort nicht zum Vergnügen der Menschen gequält werden dürfen und waren sehr froh, dass der besondere Hamster in der Geschichte sehr gern und aus eigenem Antrieb Kunststücke machte, auch wenn ihm niemand zusah. Ich hatte das Gefühl, meine Zuhörerinnen und Zuhörer wären am liebsten in das Buch hineingekrochen, mit solchem Feuereifer verfolgten sie das Schicksal des kleinen Hamsters. So leuchtende Kinderaugen beim Vorlesen sind das Schönste, was ich mir als Vorlesende wünschen konnte.

Als ich nach ca. 45 Minuten die Lesung trotz Protest beendete, wurde ich mit Fragen nach dem Fortgang des Buches bestürmt. Ich hoffe, einige der Kinder werden das Buch selbst lesen oder vorgelesen bekommen. Ich konnte die kleine Bande dann aber recht bald ablenken durch den nächsten Programmpunkt: Bücher basteln.

Aus einem YouTube-Video hatte ich mir abgeschaut, wie man mit Origamitechnik Minibücher aus Papier falten kann. Außen ist ein bunter Buchumschlag, innen weiße Seiten (so dass man es als Notizbuch verwenden kann) und oben kann eine Schlaufe aus Geschenkband angeklebt werden, so dass man das Buch als Deko aufhängen oder als Geschenkanhänger benutzen kann. Die Kinder falteten begeistert mit – manche mit einiger Unterstützung durch Eltern und Helferinnen – und waren sehr stolz auf unsere fertigen Werke.

Ich persönlich bin der Meinung, dass Vorlesen nicht nur etwas für Kinder ist, sondern auch Erwachsenen Freude macht. Nicht umsonst gibt es ein großes Angebot an Autorenlesungen. Diese Meinung scheinen nicht alle Großen zu teilen, denn zu der für 17 h geplanten Lesung für Erwachsene erschien leider – niemand. Die freie Zeit nutzten wir unverdrossen zum Bücher falten, nachdem die Lesung ja deutlich länger als geplant gewesen war. Und so war es ein wunderschöner, runder Nachmittag, der mir unendlich viel Freude gemacht hat. Nächstes Jahr wollen wir wieder mitmachen beim Bundesweiten Vorlesetag. Ihr auch?

Zusatz-Info:
Mitmachen darf jeder beim Bundesweiten Vorlesetag. Jede/r Vorlesende darf den Ort der Lesung selbst bestimmen, etwa in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, Turnhallen, Privatwohnungen oder Plätzen im Freien. Die Lesung darf öffentlich oder für einen begrenzten Personenkreis nichtöffentlich stattfinden. Alle Teilnehmenden können ihre Veranstaltung anmelden unter www.vorlesetag.de, so dass andere in der Region davon erfahren. Auf der Website gibt es weitere Informationen, Tipps zur Buchauswahl und bundeseinheitliche Werbeplakate zum kostenlosen Download.

Leseparadiese, Rainer Moritz

Mir als Hamburgerin ist Rainer Moritz natürlich ein Begriff, er ist der Leiter des hiesigen Literaturhauses. Als solcher ist er in Buchhan...