Mittwoch, 16. September 2020

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen

Hast du einen Löwen in dir, ein reißendes Raubtier? Was könnte dieses Raubtier in dir wecken? Diese Frage stellt die 1982 geborene israelische Autorin.

Etan Grien ist Neurochirurg, verheiratet, Vater zweier kleiner Jungen. Er arbeitet in einem israelischen Krankenhaus und ist ein rechtschaffener Mensch, der sich nie etwas hat zuschulden kommen lassen. Doch das Fehlverhalten weniger Minuten sorgt dafür, dass in seinem Leben nichts mehr ist wie zuvor. Er überfährt in der Dunkelheit einen Menschen. Ihm ist sofort klar, dass der Mann nicht mehr zu retten ist. Etan lässt ihn liegen und fährt weiter, sagt niemandem ein  Wort. Kann das Konsequenzen haben? Der Mann ist ersichtlich ein Infiltrant, ein illegaler eritreeischer Einwanderer, von denen es so viele gibt in Israel. Zu Etans Erschrecken gibt es eine Zeugin des Unfalls. Diese macht ihm am Tag darauf ein Angebot. Auch davon berichtet Etan niemandem, nicht einmal seiner Frau Liat. Dabei fürchtet sich Etan davor, dass Liat etwas merken könnte. Schließlich ist sie Kriminalpolizeibeamtin.

Natürlich hat Etan Gewissensbisse, einerseits wegen des toten Mannes, andererseits weil er seine Frau belügt. Aber hätte seine geliebte Liat wirklich Verständnis für das Geschehene? Was, wenn nicht? Etan erfährt einiges über die schlimmen Lebensbedingungen der Eritreer und ihre Flucht. Sind diese nicht zu bedauern? Aber ist jemand automatisch ein guter, bedauernswerter Mensch, weil er ein Flüchtling ist? Etan merkt bald, dass die Dinge viel komplizierter sind. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, moralisch und unmoralisch verwischen. Der Leser muss sich fragen, wie er selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte.

„Aber die Angst war bei ihm ein ungebetener Gast, keinesfalls ein ständiger Bewohner. Seine Augen erzählten ihr das. Die Art, wie er seinen Mitmenschen direkt ins Gesicht sah. Furchtsame Menschen sahen anderen nicht direkt ins Gesicht. Damit sie mit ihrem Blick nicht etwa Unwillen oder Tadel auslösten. Furchtsame Menschen senkten die Augen, blinzelten, wagten nicht, mit ihrem Blick ein Stückchen vom Gesicht eines anderen Menschen einzufordern.“ (S. 161)

Die Geschichte könnte ebenso gut in Deutschland spielen. Auch bei uns gibt es viele illegale Einwanderer einerseits und weiße Privilegien andererseits. Migranten schlägt oft wenig Verständnis entgegen, obwohl gerade Deutschland die Schrecken von Flucht und Vertreibung selbst nach dem letzten Krieg erlebt hat. Macht es einen Unterschied, ob der Getötete ein Einheimischer oder ein illegaler Flüchtling ist? Der Roman macht deutlich, dass die schnellen Antworten, die wir versucht sind zu geben, nur scheinbar zwingend sind. Keine/r von uns ist nur gut oder nur böse. Es hängt von den Umständen ab, ob und wann wir zum reißenden Raubtier werden, das nur noch um sein eigenes Überleben kämpft.

Die Autorin, die selbst Psychologie studiert hat, lässt uns gekonnt in die Gedanken aller handelnden Personen schauen. Nach einem gelungenen ersten Teil der Geschichte gerät diese Innenschau in der Mitte des Romans für meinen Geschmack deutlich zu lang, ohne die Handlung voran zu bringen. Das Ende ist dann umso verblüffender. Der Roman hat mir Spaß gemacht, hat sich streckenweise aber zu sehr gezogen. Dennoch bin ich neugierig auf ein weiteres Buch der Autorin.

Ein gekonnter Beitrag zur weltweiten Flüchtlingsdebatte, der deutlich macht, dass wir uns nicht zu sicher sein sollten, immer das moralisch Richtige zu tun.

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen, aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, Zürich - Berlin 2015/2016, 432 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 7. September 2020

Alte Sorten, Ewald Arenz

Es ist Herbst - hier bei uns und ebenso in diesem Buch, das an einem 1. September beginnt, Erntezeit. Doch ganz so romantisch, wie das Cover mit den altmodisch anmutenden Birnen vermuten lässt, geht es im Roman nicht zu.

Sally heißt eigentlich Sarah. Genauso wie ihren Namen möchte die 17jährige am liebsten auch den Rest ihres bisherigen Lebens ablegen, denn es ist unerträglich. So unerträglich, dass ihre Eltern sie für krank halten und in eine Klinik gebracht haben. Aber dort will Sally ebenso wenig bleiben wie zuhause. Sie haut ab. Außerhalb eines kleinen Dorfes auf einem Weinberg begegnet ihr Liss, die dort ganz allein arbeitet. Liss ist anders als andere Erwachsene, findet Sally, denn sie stellt keine unnötigen Fragen. Sie fragt nur das, was jetzt im Augenblick gerade wichtig ist, z.B. ob Sally ihr kurz helfen könnte. Das tut Liss ohne Erwartungen. Sally merkt, dass sie ohne weiteres nein sagen könnte. Es ist eine echte Frage, auf die sie antworten kann wie sie will. Das ist neu.

Wenn man nicht weiß wohin, zählt nur der Augenblick. Einen Moment nach dem anderen nehmen Sally und Liss diesen Herbsttag, dann den nächsten und wieder den nächsten. Eine Verbindung im Schweigen entsteht. Auch Liss möchte keine unnötigen Fragen gestellt bekommen. Sie ist ruhig und handelt, arbeitet, erntet, versorgt einen Hof. Das erdet. Liss scheint ohne Worte zu verstehen. Ist das nun gut oder schlecht? Sally weiß es nicht so recht. Ganz allmählich beginnen die beiden ungleichen Frauen zu sprechen - nachdenklich, verletzt, misstrauisch.

„Sie hatte nie Heimweh gehabt, wenn sie im Schullandheim oder auf Freizeit oder im Sommercamp war. Es war wahrscheinlich Heimweh nach dem Ort, wo man eigentlich sein sollte. Nach einem Zuhause, das man noch gar nicht kannte, aber das auf einen wartete. Sally hatte Angst, dass es nicht für immer warten würde und sie irgendwann kaputtging, weil es so stark an ihr zog, dass sie irgendwann umgestülpt sein würde, und dann wäre ihr ganzes empfindliches Inneres außen, und dann würde es zu spät sein, weil man nicht leben konnte, wenn man umgestülpt war.“ (S. 80)

Sally und Liss sind innerlich unbehaust, stehen außen vor, fühlen sich unverstanden. Beide fühlen sich vereinnahmt von einer Welt, die nicht die richtige für sie ist, in der sie nicht gedeihen können. Beide sehnen sich nach innerlicher und äußerlicher Freiheit, die beiden unerreichbar erscheint. Zwar verstehen sie einander zunächst nicht, weil sie nichts voneinander wissen. Sie verstehen aber, wie unglücklich die andere sein muss, und das ist bereits mehr als alle anderen verstehen.

Es ist ein nachdenklicher Roman in seinem ganz eigenen Rhythmus. Leise und doch auch voller explosiver Emotionen begleiten wir die beiden Frauen durch Tage, die von der landwirtschaftlichen Arbeit geprägt sind, von Handgriffen, die schon viele Generationen auf Höfen vor ihnen getan haben. Routine kann vieles verdecken. Aber einmal holt einen die Realität doch ein. Beide Frauen wissen noch nicht, ob sie den Mut haben werden, ihr ins Auge zu sehen. Es könnte zu schmerzlich und zu sinnlos sein.

Ich habe die Geschichte gern gelesen. Sie fragt den Leser, wie man wohl zu sich selbst finden kann. Wie findet man den Platz, an den man gehört und wirklich gern ist, nicht nur zufällig. Der Roman zeigt, wie wichtig es ist, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einen versteht.

Eine wunderbare Freundschaft, die mehr aus Gesten besteht als aus Worten und doch so kraftvoll ist. Ein wirklich schönes Herbstbuch.

Alte Sorten, Ewald Arenz, DuMont Verlag, Köln 2020, 256 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Dienstag, 1. September 2020

Rose Royal, Nicolas Mathieu

Dieses Buch wird an vielen Stellen gefeiert und gelobt. Ich finde es fürchterlich! Warum? Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Die Novelle handelt von Gewalt gegen Frauen. Ich möchte zu Gunsten des Autors unterstellen, dass er einen positiven Beitrag zur MeToo-Debatte leisten und Gewalt gegen Frauen verurteilen wollte. Aus meiner Sicht verharmlost er sie und zeigt, dass er als männlicher Autor Teil des Problems ist und das nicht einmal bemerkt. Viele RezensentInnen scheinen es ebenfalls nicht zu bemerken. Das ärgert mich maßlos!

Zunächst zum Inhalt: Es geht um Rose, eine Frau von fast fünfzig, die allein in einer Stadt lebt. Ihre Ehe ist geschieden, ihre beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Sie arbeitet als Sekretärin. Oft geht sie abends in das Lokal „Royal“ und trinkt dort zu viel. Sie hat es satt vor Männern Angst haben zu müssen und hat sich deshalb über das Internet einen Revolver mit scharfer Munition gekauft, den sie nun in der Handtasche bei sich trägt. Eines Tages lernt sie Luc im „Royal“ kennen, die beiden werden ein Paar. Dann wiederholt sich, was sie schon kennt: Luc wird gewalttätig - mit Worten, mit Schlägen und auch sexuell.

Nicolas Mathieu schreibt die Geschichte aus der Perspektive von Rose. Zu Anfang des Buches stellt er seine Hauptperson vor und suggeriert dabei, dass es sich bei der Beschreibung um die Selbstsicht von Rose handele. Schon das ist meiner Meinung nach gründlich misslungen. Was der Autor beschreibt, ist die Sicht eines Mannes auf eine Frau, nicht ihre eigene.

„Sie trug an diesem Tag einen hellen Baumwollrock und ein hübsches, schulterfreies Oberteil. Über ihrer Handtasche hing eine schwarze Jacke, ihre kirschroten Pumps stachen ins Auge. Von Weitem war ihr Alter schwer einzuschätzen, aber ihre schlanke Statur und die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen verliehen ihr ein jugendliches Aussehen. Vor allem ihre Beine waren toll.“ (S. 9)

Ihre Beine waren toll?? Es ist in etwa das, was ein vorbeigehender Mann über Rose denken würde. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass eine Frau sich in dieser Weise selbst sehen und beschreiben würde.

Immer noch zu Beginn der Geschichte erfahren wir, wie Roses Erfahrungen mit den Männern begonnen haben, als sie jung war. Sie hat bereits in frühen Jahren Gewalt erlebt, durch den Vater, grapschende Cousins und erste Männerbekanntschaften. Die Beschreibung der ersten Freunde verschlägt mir die Sprache.

„Und Riesenarschlöcher, die nicht verstehen wollten, wenn sie nein sagte. Damals hatte sie geglaubt, es sei ihre eigene Schuld. Weil sie es darauf anlegte, musste sie Lust mit Risiko bezahlen. Zweimal endete es mit einer Ohrfeige, ihr Höschen wurde heruntergerissen, und der Typ hatte sich geholt, was er haben wollte, es war schnell vorbei, flüchtig, unangenehm. (…) Als sie in ihrem Zimmer war, dachte Rose nicht, dass sie gerade vergewaltigt worden war. Sie dachte gar nichts. Sie weinte in ihr Kissen und schlief mit schwerem Kopf ein, ohne sich abzuschminken. Eine Woche später machte sie sich darüber schon keine Gedanken mehr. Aber es war immer da, wie ein Tinnitus, ein unaufhörliches Summen.“ (S.21/22)

So, die Frau, die sich mit Ende Vierzig aus Angst einen Revolver zur Verteidigung gegen die Männer kaufen muss, hat nach einer Woche bereits nicht mehr an ihre Vergewaltigung im Jugendalter gedacht, ja? Es war „unangenehm“ und die Tatsache, dass sie sich abends nicht abgeschminkt hatte, machte ihr mehr Gedanken als die gerade erlebte Misshandlung. War ja auch „schnell vorbei“ – ist klar! Realistisch an der Beschreibung ist, dass die meisten jungen Mädchen glauben, sie seien selbst schuld an der Misshandlung, weil die Täter einerseits und die Gesellschaft andererseits es so darstellen. Das Wort Vergewaltigung bringen die meisten nicht über die Lippen. Dennoch oder gerade deswegen ist das Leiden aber erheblich. Es ist mitnichten nach einer Woche vergessen und nur noch ein Summen im Hinterkopf! Zumal Rose es zweimal erlebt hat und ihr spätestens da klar werden musste, dass es immer wieder passieren kann. Die Verunsicherung, die mit diesem Erleben einhergeht, ist eine Traumatisierung, die hier aus meiner Sicht massiv bagatellisiert wird. Das reale Erleben einer Frau fühlt sich deutlich anders an, selbst wenn sie das Geschehen als eigene Schuld einstuft.

Realistisch am weiteren Verlauf der Geschichte ist, dass Rose den Kreislauf der wiederkehrenden Gewalt nicht durchbrechen kann. Sie gerät wieder und wieder an solche Typen, kann sich im Vorwege nicht schützen und oft den Mann auch nicht direkt danach zum Teufel schicken. Ansonsten ist die Schilderung dieser Frauenfigur jedoch schräg.

Es gibt eine Szene, in der jemand einen angefahrenen, schwer verletzten Hund ins „Royal“ bringt. Es ist klar, dass dem Hund nicht mehr zu helfen ist, dass er sterben wird und sich gerade sehr quält. Der Autor lässt Rose ihren Revolver aus der Handtasche holen und mitten im Lokal dem Hund den Gnadenschuss geben. Das passt aus meiner Sicht gar nicht zu dieser Figur. Eine Frau mit Angst würde ihren Revolver nicht mitten in der Kneipe herausholen und damit aller Welt zeigen, dass sie eine Schusswaffe hat. Der wesentliche Vorteil einer Waffe (wenn es denn ein Vorteil ist, was ich bezweifle) ist der Überraschungseffekt. Damit geht man nicht hausieren. Und das Bild einer Frau auf roten Stöckelschuhen mit einer Knarre in der Hand, die sie scheinbar eiskalt auch noch benutzt, ist eine Männerphantasie! Es gibt eine Sorte Mann, der es besonderen Spaß macht, eine solche scheinbar toughe Frau zu unterwerfen. (Was in der Geschichte dann ja auch geschieht.)

Ich frage mich, warum ich diese Kritik auch in Rezensionen von Frauen bisher nicht gelesen habe. Haben wir Frauen uns schon so sehr daran gewöhnt, uns wie durch die Augen von Männern selbst zu sehen? Uns nach unserem „Marktwert“ im Rennen um einen Partner zu beurteilen, um Männer, die sich im Alter von fünfzig meist deutlich weniger Mühe machen als wir, um halbwegs passabel und gepflegt auszusehen? Ja, Gewalt gegen Frauen ist Alltag, jede von uns kennt das Catcalling an der Baustelle, den nächtlichen Heimweg mit dem Schlüsselbund in der Faust und die ungebetenen Hände an allen möglichen Körperstellen. Und die drängenden Männer, die sagen, wir sollten uns „nicht so anstellen“, es sei doch „nichts dabei“, Männer, von denen wir dachten, wir könnten ihnen vertrauen. Aber ist das alles schon so normal, dass wir derart schräge Beschreibungen nicht mehr bemerken und kritisch kommentieren können?

Wieso schreibt ein männlicher Autor dieses Buch aus der Perspektive einer Frau? Ich will nicht sagen, dass ein Mann das grundsätzlich nicht könnte oder sollte. Bevor er es tut, sollte er dann aber vielleicht eine größere Anzahl von Frauen dazu befragen, wie sie diese Situationen erleben, das eigene Älterwerden und ihren Körper wahrnehmen. Das scheint mir hier nicht in ausreichendem Maße geschehen zu sein. Interessant hätte dieses Buch sein können, wenn es aus der Perspektive eines Mannes geschrieben worden wäre. Denn was ich schon immer einmal wissen wollte ist: Was denken sich die Kerle eigentlich dabei?!

Ich rate ausdrücklich von der Lektüre dieses Buches ab! Geschichten über Gewalt gegen Frauen gibt es bereits genug, und zwar solche, die das wirkliche Erleben und Leiden der Frauen realistisch darstellen. Diese Männerphantasie hier hat die Welt nicht gebraucht!

Rose Royal, Nicolas Mathieu, aus dem Französischen übersetzt von Lena Müller und André Hansen, Verlag Hanser Berlin, München 2020, 96 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 31. August 2020

Achtsam Morden, Karsten Dusse

Eigentlich lese ich gar keine Krimis. Aber ich verstehe was von Achtsamkeit. Und ehe ich mich versah, war ich in dieses heiter-achtsame Buch eingetaucht. Einige der Achtsamkeitstipps, die jedem Kapitel vorangestellt sind, kannte ich schon. Die konkrete Anwendung war mir jedoch neu.

Björn ist als Rechtsanwalt angestellt in einer großen Kanzlei, wo er sich mit Wirtschaftsstrafrecht befasst. Genauer gesagt betreut er vor allem einen Mandanten, der mit einem Syndikat für Prostitution, Drogen- und Waffenhandel seinen Lebensunterhalt verdient. Kein Wunder, dass es da mal spät werden kann und Björn wenig Zeit hat, sich um Frau und Tochter zu kümmern. Schließlich reißt seiner Frau der Geduldsfaden. Sie meldet Björn bei einem Achtsamkeitscoach an. Björn lernt dort mehr als er zunächst glaubt. Wer hätte gedacht, dass man auch die Anspannung bei der Beseitigung einer Leiche wunderbar achtsam wegatmen kann?

Björn beherzigt fortan auch die Empfehlung seines Coachs, dass niemand etwas tun muss, das er nicht tun will. Achtsamkeit bedeutet, sich auf das zu konzentrieren, was man tun will. Also krempelt Björn sein Leben nach und nach um, verbringt mehr Zeit mit Tochter Emily und hält sich fern von Menschen, die ihm Stress bereiten. Wenn diese einer vernünftigen Diskussion nicht zugänglich sind, kommt es schon mal vor, dass man sie umbringen muss. Ganz achtsam natürlich und entspannt!

„Als ich wieder im Zelt stand, bemerkte ich also ganz bewusst meine Absicht, dass ich Dragan zunächst den Kopf absägen wollte. Ich atmete tief ein … was ein Fehler war. Ich musste umgehend würgen, atmete instinktiv noch mehr von der stinkenden Luft ein und war kurz davor einen Hustenanfall zu bekommen. Tief einatmen in dem Zelt war undenkbar. Ich hob die obere Plane ein wenig an, atmete die frische, feuchte Luft des Bootshauses ein und beruhigte zunächst einmal meine Lunge und meinen Geruchssinn. Und sägte dann ruhig und zentriert Dragans Kopf ab. Es funktionierte!“ (S. 135/136)

Die schnodderig leichte Sprache, in der die ungeheuerlichsten Dinge geschildert werden, als handele es sich um ein Kochrezept, hat mir gefallen. Der Roman ist witzig und nimmt ganz nebenbei ein paar gesellschaftliche Missstände aufs Korn. Wisst Ihr, was die Droge ist, von der heute so viele abhängig sind? Kindergartenplätze! Für die Zusage eines Kitaplatzes würden manche sogar töten. Aber auch dieses Problem bewältigt Björn ganz achtsam.

Ein lustiger Krimi, der sich schnell wegliest. Auch für Nichtkrimileser geeignet!

Achtsam Morden, Karsten Dusse, Wilhelm Heyne Verlag, München 2019, 416 Seiten, 10,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Löwen wecken, Ayelet Gundar-Goshen

Hast du einen Löwen in dir, ein reißendes Raubtier? Was könnte dieses Raubtier in dir wecken? Diese Frage stellt die 1982 geborene israelis...