Dienstag, 30. August 2022

Kreatives Schreiben am Meer, Workshop im August 2022

Diesen Sommer habe ich mich zu einem Aktivurlaub der anderen Sorte entschieden und an einem 5-tägigen Gruppenworkshop für Anfänger in kreativem Schreiben teilgenommen. Der Veranstaltungsort an der Nordsee bestimmte das übergeordnete Thema, das Meer. Seit meiner Schulzeit habe ich mich dem Schreiben von fiktiven Texten nicht mehr gewidmet, jedoch viele Sachtexte (Blogrezensionen, berufliche Texte etc.) verfasst. Auch mein vieles Lesen hat das Schreiben erleichtert

Wir haben uns mit der literarischen Form der Reiseskizze beschäftigt. Dazu verbrachten wir eine Stunde still in den Dünen mit Blick aufs Meer, um Eindrücke aller fünf Sinne zu sammeln, die wir später verarbeiteten. Ebenso wurden uns sprachliche Kniffe vorgeführt, die zu einem lebendigen Ausdruck verhelfen, der nicht abgedroschen klingt, z.B. die Transposition, bei der Adjektive in Verben oder Nomen in Verben verwandelt werden.

Meine Reiseskizze zum Thema Meer (allerdings in Australien) lest Ihr hier.

Nordsee-Feeling
 

Zum Schluss des Kurses sollte jede/r eine Kurzgeschichte verfassen, deren Aufhänger wir im Alltag unserer Umgebung suchen sollten. Mein Aufhänger war das Betreten der lieblosesten Buchhandlung, die ich je gesehen habe in dem kleinen Ort am Meer. Den Eindruck dieses Ladens habe ich in meiner Geschichte weiter verschlimmert und nenne daher nicht ihren Standort, zeige aber Fotos der Gegebenheiten, um die Geschichte zu illustrieren. Meine Buchladen-Kurzgeschichte verlinke ich hier.

Als hilfreich erwiesen sich die vom Dozenten gestellt Fragen, die wir uns als Vorarbeit für die Geschichte beantworten sollten:

-        Was passierte vorher?

-        Welche Figuren haben damit zu tun?

-        Was will die Figur, als die Geschichte beginnt? (Bedürfnis, Motivation)

-        Was kann meine Figur aktiv daran hindern, ihr aktives Bedürfnis zu erfüllen?

 

Zur Dramaturgie der Geschichte wurde uns das RDBD-Schema erläutert:

Auf ein äußeres Ereignis erfolgt eine Reaktion (R), darauf folgt eine Diskussion (D) mit sich selbst oder anderen Figuren, ein Beschluss (B) wird gefasst, der sodann in die Durchführung (D) mündet, etwa eine Handlung. Dieses Schema kann beliebig oft wiederholt werden, je nachdem, auf wie viele Hindernisse die Figur trifft.

 

Kursraum

Ich habe an den fünf Tagen einiges gelernt, ein paar kleine Texte geschrieben und festgestellt, dass mir fiktionales Schreiben Spaß macht. Ich würde wieder an einem solchen Workshop teilnehmen, da es mir gefallen hat, die handwerkliche Seite des Schreibens besser kennenzulernen. Aber den großen Drang einen Roman zu schreiben, verspüre ich nicht (anders als andere Teilnehmer:innen).

Inselzauber, Anka Willamowius

Als Undine nach der Türklinke des weißen Hauses greifen wollte, prallte sie zurück. Beiderseits der Tür starrten ihr zwei leere Fratzen entgegen, die sie aufspießen zu wollen schienen. Abschreckend, diese mannshohen Nixenfiguren, die dem Namen der Buchhandlung Hohn lachten – Inselzauber. Oder hatte sie sich in der Adresse geirrt? Nein, vor ihrer Abreise auf die kleine Insel hatte Undine sich versichert, dass es dort zumindest diesen einen Buchladen gab, eine Voraussetzung für ihre Wahl des Urlaubsorts. Sie schob ihre Brille zurecht und drückte beherzt die Klinke. Die Tür schien verschlossen.

Ärgerlich, dachte Undine, die das einzige von ihr mitgeführte Buch bereits auf der Anreise ausgelesen hatte. Das Einladen neuer Bücher in ihre geliebte Sammlung stellte stets einen Höhepunkt jedes Urlaubs dar, da das Entdecken neuer Buchschätze in unbekannten Läden fern von Zuhause ihr stets besondere Freude machte. Empfehlungen örtlicher Buchhändlerinnen folgte sie gern. Einen Tag gänzlich ohne Lesen zu verbringen, kam für Undine nicht in Frage und war seit ihrem fünften Lebensjahr nicht vorgekommen.

Eine Bewegung im Inneren des Ladens veranlasste Undine zu einem erneuten Versuch an der Tür, die sich nach kräftigem Rütteln schließlich knarrend öffnete. Erleichtert betrat Undine das Geschäft. Ihr erwartungsvolles Lächeln erlosch jedoch schlagartig, als sie die Buchhändlerin hinter dem eine Barriere bildenden Kassentresen erblickte. Die blasse Frau undefinierbaren Alters mit strähnigen mausblonden Haaren lehnte gelangweilt an einem unordentlichen Regal. Ihr Blick war so leer, als sei sie halb erblindet. Sie reagierte nicht auf das Eintreten ihrer Kundin. Das sollte eine Buchhändlerin sein?! Verwundert erinnerte Undine sich an die vor Lesefreude sprühenden Augen und eifrig auf Gedrucktes weisenden Hände anderer Büchermenschen, denen sie sonst in den Geschäften begegnete. Verlegen räuspernd grüße sie und wollte gerade zu einer höflichen Frage ansetzen, da krächzte die Frau hinter dem Tresen „Nehmen Sie das hier. Das nehmen alle.“ und schob ihr ein zerfleddertes Taschenbuch mit grellbuntem Einband hin, dessen Buchrücken bereits Rillen aufwies. Ihren angewiderten Blick mühsam verbergend bat Undine, sich im Laden einmal umsehen zu dürfen. Die Frau hinter der Kasse zuckte kaum sichtbar die Achseln.


Zwar war der Laden alles andere als einladend, schien im hinteren Teil aber einige unordentliche Bücherstapel zu enthalten. Undine war es gewöhnt, auch im größten Buch-Chaos noch Schätze zu finden. Staub wirbelte durch den ungelüfteten Raum, als sie sich zu einem seltsam geformten Buchpodest vortastete. Die lieblos darauf geworfenen Druckwerke schienen schon länger ein klägliches, ungelesenes Dasein zu fristen.

Langsam wurde Undine mulmig. Die Aussicht, diesen ungepflegten Ort ohne neuen Lesestoff verlassen zu müssen, beängstigte sie. Was sollte sie ohne Buch machen, wie ihre einsamen Tage füllen? Sie war für mindestens eine Woche auf dieser Insel gestrandet, bis das nächste Schiff zum Festland ging. Nicht einmal eine Bibliothek gab es in diesem intellektuellen Ödland!

Auf der Suche nach lesenswerter Lektüre, von der sie die aufgestapelten Groschenromane ausschloss, umrundete sie das weiße halbhohe Podest und stellte fest, dass es die Form einer liegenden Sanduhr hatte. Ganz oben auf der schimmernden Oberfläche lag kein einziges Buch. Beim Darüberbeugen erschrak sie, als sie in ihr eigenes Spiegelbild sah. Hinter dem Bild ihrer selbst erkannte sie, dass das Podest hohl war und den Zugang zum wassergefüllten Untergeschoss des merkwürdigen Hauses darstellte. Undine schüttelte sich. Wasser und Bücher passten nun wirklich nicht zusammen! Kein Wunder, dass manches Exemplar schon ganz wellige Seiten aufwies.

Aus der Tiefe des Wassers stieg ein schwacher Lichtschein herauf, der von der Stehlampe einer alten Frau im Untergeschoß ausging, die dort zwischen Bücherregalen saß und las. Undine begann an ihrer Wahrnehmung zu zweifeln, berührte die feuchte Oberfläche vorsichtig mit der Hand und wurde augenblicklich in das Bassin hineingesogen. Perplex, jedoch völlig trocken, kam sie auf ihren wackligen Stöckelschuhen neben der alten Frau im Untergeschoß zum Stehen. Die Greisin sah mit weisen, freundlichen Augen von ihrer Lektüre auf.

„Ich – ich suche ein Buch…“; stotterte Undine verwirrt, „Zum Lesen. Es ist wichtig!“

„Ja, natürlich ist es das.“ Die weißhaarige Dame lächelte wissend. „Wir lesen, um uns selbst zu finden.“

Gespannt erwiderte Undine deren Blick und meinte für einen Moment, ihr eigenes Gesicht in dem der alten Frau wiederzuerkennen. Auf die Regale weisend gestattete die Frau Undine sich umzusehen. Interessiert zog Undine Band um Band heraus, nur um festzustellen, dass alle Bücher von derselben Autorin verfasst worden waren und es sich ausnahmslos um Romane handelte, die von derselben weiblichen Hauptfigur erzählten, allerdings in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen. Interessant und lesenswert erschienen sie alle, doch zog es Undine zu keinem Exemplar im Speziellen. Das hatte sie noch nie erlebt. Ratlos blickte sie umher.

Hinter sich hörte Undine die weise alte Frau sprechen: „Alles was du brauchst, ist in dir.“

Die Worte klangen nicht nur in Undines Ohren, sondern formten sich nun auch vor ihren Augen, wie in die Luft projiziert. Verwundert fuhr sich Undine mit dem Ärmel über die Brille, als könne sie die Buchstaben wegwischen. Sogleich konnte sie auch diese Handlung vor ihren Augen schwebend in Worten beschrieben sehen. Eine Sekunde noch zauderte sie, suchte den Blick der Alten und nickte ihr dankbar zu. Dann kickte sie entschlossen die Pumps von ihren Füßen und setzte barfüßig einen Schritt auf das letzte Wort vor sich. Auf bunt bedruckten Linien spazierte sie nach oben durch den wässrigen Vorhang, an den Bücherstapeln vorbei aus dem Laden in Richtung Meer und blätterte ihre eigene Geschichte auf.

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Anka Willamowius, geschrieben im August 2022 im Rahmen eines Workshops zum kreativen Schreiben, Fotos von der Autorin

The Gap – Eine Reiseskizze, Anka Willamowius

The Gap nennt man diesen schmalen Streifen Land, der die silberne Skyline von Sydney vom offenen Meer trennt. Die Lücke, wie ein letztes Atemholen, bevor die unwirtliche Welt beginnt. Schroffe, bräunliche Klippen, eine Straße, die plötzlich im Kiesknirschen unter meinen Schuhen endet. Tief ist der Abgrund vor mir, der meinen Blick hart auf einem Felsplateau aufschlagen lässt. Mit jeder Woge atmet die Gewalt des Wassers aus und überzieht die Felsbank mit schäumender Flut, bevor sie an der Wand direkt unter mir zerschellt und meterhoch zerspringt in tausend Regenbogentropfen. Salzgeruch, Grassamen und jahrtausendealter Staub liegen in der Luft. An der Klippe neben mir das farbig-verblasste Wappen der „Dunbar“ deren Schiffbruch Unzählige ins nasse Grab hinunterriss. Hinter mir sticht ein oranger Metallpylon wie ein fremdartiges Gewächs aus dem Boden und ins Auge. Er bietet Hilfe an, die Fernsprechleitung, die Lebensmüde aufhalten soll.

Mein Atem folgt dem rollenden Rhythmus der Wellen, der meine Gedanken längst davongetragen hat. So viele zieht es hierher. Versunken verweilen, müde versinken in ewigen Schlaf oder nur schnell Teil der Fototapete im Hintergrund werden wollen die Besucher. Was alle eint ist die Sehnsucht nach Ewigkeit. Verbunden mit allen Wassern der Welt, dem ewigen Kreislauf des Meeres zusehen, das seit Menschengedenken an die Ufer brandet und Seefahrer aus der alten Welt in die neue spült. Wen wundert es, dass mancher gerade diesen Ort wählt, um für immer Teil der Unendlichkeit zu werden mit dem Wunsch, gedankenlos wie die Wogen zu rollen.

So ist diese Lücke der Übergang von einer alten Existenz in eine neue, jeder Besucher wie durch eine salzige Taufe befähigt, seine Welt mit neuen Augen zu sehen auf dieser Insel, die einen ganzen Kontinent umfasst.


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Anka Willamowius, geschrieben im August 2022 im Rahmen eines Workshops zum kreativen Schreiben, Fotos von der Autorin

Montag, 4. Juli 2022

Was wir in uns tragen / Call us what we carry, Amanda Gorman

Amanda Gorman war nach ihrem eindrucksvollen Vortrag bei der Amtseinführung Joe Bidens in aller Munde. Nun zeigt sie, dass sie weit mehr als das eine Gedicht erschaffen hat, das über die Fernsehschirme flimmerte. Jetzt liegt eine zweisprachige Ausgabe aktueller Gedichte vor.

Die Sammlung ist geprägt von der Coronapandemie, den Erlebnissen von Angst und Isolierung. Die jetzige Pandemie setzt die Dichterin in Beziehung zur Grippeepidemie 1918 und weist auf den Zusammenhang von Krieg und Virus(-verbreitung) sowie die besondere Betroffenheit indigener Menschen hin. Auch Hass und Ausgrenzung verbreiten sich so schnell wie eine Viruserkrankung. Amanda Gorman bewegt sich philosophisch durch die großen Zusammenhänge des Lebens. Natürlich spielt Rassismus eine Rolle in ihrem Werk. Aber auch die Politik, wenn sie etwa den Sturm auf das Kapitol 2021 thematisiert.

Die Gestaltung des Gedichtbandes trägt sehr zum angenehmen, abwechslungsreichen Lesen bei. Es wird stets links der Originaltext in Englisch, rechts die Übersetzung in Deutsch abgedruckt. Jedoch sind manche Seiten im Querformat gedruckt oder das Gedicht nicht in gleichlangen Zeilen gesetzt, sondern etwa in der Form eines Fisches oder der Kuppel des Kapitols in Washington. Amanda Gorman findet vielfältige Formen, sich auszudrücken.

„Es stimmt, dass Poesie

eine leergeschürfte Zeit erhellen kann,

ein Jahr, das zu verwinden kaum gelang.

In Freude liegt Gerechtigkeit,

sternklar gegen alles, was

wir beendeten, bestanden &

begannen.“

(Aus dem Gedicht „Entschieden“, S. 385)

Was mich am meisten freut ist, dass die deutsche Übersetzung in diesem Band deutlich gelungener ist als in der Einzelausgabe von „The hill we climb“. Schien beim Inaugurationsgedicht die political correctness sehr überbetont, hat die vorliegende Übersetzung den besonderen Ton der Dichterin getroffen. Liest man Gormans Gedichte im Englischen laut, haben sie eine eigene Melodie, die man sogar wahrnimmt, wenn man die Sprache nicht spricht. Eine solche Melodie ist auch der deutschen Übersetzung gelungen, ohne dass die Feinfühligkeit für Rassen- und Genderfragen dabei vernachlässigt wurde. Man kann den deutschen Text auch für sich allein mit großem Genuss lesen.

Wer moderne Lyrik mit Tiefgang und melodiösen Sprachbildern sucht, ist bei Amanda Gorman genau richtig. Und in diesem Band wird sich die Schönheit von Gormans Poesie auch denen erschließen, die des Englischen nicht mächtig sind.

 

Was wir in uns tragen / Call us what we carry, Amanda Gorman, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Marion Kraft und Daniela Seel, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 2022, 432 Seiten, 28,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Kreatives Schreiben am Meer, Workshop im August 2022

Diesen Sommer habe ich mich zu einem Aktivurlaub der anderen Sorte entschieden und an einem 5-tägigen Gruppenworkshop für Anfänger in kreati...