Dienstag, 16. April 2019

Alte weiße Männer, Sophie Passmann


Wer ist eigentlich der alte weiße Mann? Der an allem schuld ist? Wegen dem die Welt nicht vorwärts geht, Frauen keine Chefsessel besetzen und weniger verdienen als Männer? Gibt es den überhaupt? Sophie Passmann hat sich einen Sommer lang auf die Suche gemacht nach diesem „Feindbild“. Sie hat 16 erfolgreiche Männer besucht und ihnen auf den Zahn gefühlt mit der provozierenden Frage, ob sie sich denn dazu zählen, zu diesen alten weißen Männern. So richtig zugeben mochte das niemand. Aber unter den sechzehn ist schon der eine oder andere…

Sophie Passmann hat sich umgehört bei Medienschaffenden wie Kai Diekmann (Ex-Bild-Chefredakteur) und Ulf Poschardt (Chefredakteur der Welt), bei Politikern wie Robert Habeck (Bundesvorsitzender der Grünen) und Juso-Chef Kevin Kühnert, bei IT-Spezialist Sascha Lobo und Alt-68er Rainer Langhans, sogar vor ihrem Vater machte die 25jährige Feministin nicht Halt („Wer mich zur Tochter hat, braucht auch keine Feinde mehr.“, S. 152). Und wozu das? Der Untertitel des Buches heißt „Ein Schlichtungsversuch“. Auch wenn es mancher nicht glauben mag, aber der Feminismus ist ja kein Selbstzweck. Sophie Passmann versucht herauszufinden, wie man den Geschlechterkampf beenden könnte. Und miteinander ins Gespräch zu kommen, hilft immer, findet sie. Sie ist losgezogen um zuzuhören. Und um herauszufinden, wie man den alten weißen Mann (wenn es ihn denn gibt) überzeugen könnte und zum Wandel motivieren. Die Idee ist schon im Ansatz lobenswert, denn Passmann schont dabei weder die Männer, noch sich selbst.

Sophie Passmann hat Interviews mit einflussreichen Männern verschiedener Branchen und Altersgruppen geführt. Mit ihrer frechen, scharfen Zunge hat sie Fragen gestellt, den Interviewten aber nicht zu viel Feedback zugemutet (der Mann an sich ist ja sensibel), sondern sich dieses für das Niederschreiben der Interviews aufgehoben. So darf die Leserin teilhaben an Passmanns Gedanken, ihren Beobachtungen des Umfelds (des Büros, der Wohnung oder des Lieblingscafes der Interviewten). Und diese sind zum Schreien komisch. Manche Antworten der Herren strahlen schon für sich eine gewisse Komik, wenn nicht gar Tragik aus – wenn auch zuweilen unbeabsichtigt. So etwa wenn Rainer Langhans den Opfern der MeToo-Debatte vorschlägt sich zu fragen, „Wieso kann der mich eigentlich immer zum Opfer machen?“ und meint, das Opfer müsse lernen „für das Verantwortung zu übernehmen, was es mit seinem Verhalten die ganze Zeit über hervorgebracht hat“. (S. 278)

Das Schönste an diesem Buch ist aber, dass Sophie Passmann auch sich selbst stets kritisch hinterfragt und über sich selbst lachen kann. Etwa wenn das Gespräch in eine ihr nicht ganz genehme Richtung läuft und Männer von ihrer Benachteiligung in der Erziehungsarbeit sprechen, oder ihr eigene Klischees und blinde Flecken auffallen. Sie bleibt fröhlich, auch wenn sie sich einiges anhören muss. Da werden ihr Begriffe wie „Opfer-Feminismus“ angeboten, die Frauenquote finden fast alle doof und schon das Wort „Feminismus“ scheint vielen Übelkeit zu erzeugen. Da schon das Wort so unsexy ist, schlägt Kai Diekmann ein „Rebranding“ vor. Micky Beisenherz erklärt, dass der „Feminismus für die Gesellschaft das (ist), was das Rauchverbot für Kneipen war“ (S. 114). Man muss sich eben erst daran gewöhnen. Wir lernen im Gespräch mit Sascha Lobo, dass die „Werkeinstellung“ im Leben für einen weißen Mann die beste ist. Er dringt schnell zum Kern der Sache vor, indem er reflektiert:

„Wenn man solch einen Startvorteil hat, ist es ganz schwer zu abstrahieren, dass deine Leistung nicht nur deine Leistung ist, sondern auch deinem Status geschuldet ist, den du nicht selbst verschuldet hast.“ (S. 23)

Kevin Kühnert fragt sich zur paritätischen Besetzung von Parteigremien kritisch:
„Habe ich das jetzt eigentlich nur wegen der Quote gemacht oder hätte ich das ohne eine Quote aus meinem Menschenbild heraus gemacht? Und ich möchte gerne, dass ich es aus meinem Menschenbild heraus gemacht hätte, aber ich kann es dir nicht beantworten, weil ich immer nur Politik in einer Partei gemacht habe, die mit Quoten arbeitet.“ (S. 261)
Es sind gewichtige gesellschaftliche Fragen, die in Sophie Passmanns Buch klug beleuchtet werden. Dennoch liest sich der Text locker-flockig und unheimlich witzig durch den wunderbaren Humor der Autorin und manches Interviewten.

So macht Feminismus Spaß! Lesen, lachen und mehr davon!

Alte weiße Männer, Sophie Passmann, Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln 2019, 304 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Samstag, 13. April 2019

Mit der Faust in die Welt schlagen, Lukas Rietzschel

Wie kommt es eigentlich, dass es im Osten Deutschlands immer mehr Rechtsradikale zu geben scheint? Dass es nach dem 2. Weltkrieg überhaupt noch Leute gibt, die Rechtsradikalismus für erstrebenswert halten? Gibt es eine besondere Situation in den neuen Bundesländern, die ja gar nicht mehr so neu sind, 30 Jahre nach dem Mauerfall? Wieso haben manche – zumeist junge Männer -, anscheinend nichts anderes zu tun, als mal so richtig mit der Faust in die Welt zu schlagen?


Mit diesen Fragen befasst sich sehr kompetent der Roman von Lukas Rietzschel. Er beschreibt die Familie Zschornack mit ihren beiden Söhnen, Philipp und Tobias, die in dem kleinen Ort Neschwitz in der Lausitz, in der Nähe von Bautzen aufwachsen. Der Vater ist Elektriker, obwohl er in der DDR etwas ganz anderes gemacht hat, die Mutter Krankenschwester. Die Geschichte beginnt im Jahr 2000, als die Zschornacks ein Eigenheim bauen. Tobi geht noch in den Kindergarten, Philipp geht schon zur Schule. In der Nachbarschaft wohnt ein „Offizier“, der einen aus dem Fenster anstarrt. Es gibt auch „Bonzen“, die einen dicken Dienstwagen fahren. In der Nähe gibt es ein altes Schamottewerk und alte Bergbaugruben, die alle nicht mehr genutzt werden. Eines Tages wird der Schornstein eines alten Werks gesprengt, eine Sensation für die ganze Gegend, in der es sonst nicht mehr viel zu kucken gibt.

Manchmal machen die Großeltern mit den Jungen einen Ausflug nach Hoyerswerda. Da gibt es im Einkaufszentrum ein Eis bei McDonalds. Die „Männer“ bleiben sitzen, während Oma durchs Einkaufszentrum bummelt, vorbei an vielen geschlossenen Läden, und mal bei Deichmann oder C&A reingeht. Und dann gibt’s da noch den Balkon, an dem sie im Auto vorbei fahren, der schwarz ist vom Ruß. Die Jungen fragen, was dort passiert sei. Aber Opa fährt schnell weiter und Oma kuckt weg. Die Jungen hätten noch mehr Fragen, z.B. als im Fernsehen zu sehen ist, wie zwei Flugzeuge in zwei Hochhaustürme fliegen. Ist das jetzt Krieg? Aber auch darauf bekommen sie keine Antwort.

Die Erwachsenen haben ihre eigenen Probleme. Der eine darf nicht mehr zur Arbeit, weil er immer seine Bierflaschen hinter den Kabeltrommeln versteckt. Einem ist die Frau weggelaufen, in den Westen. Ob es stimmt, dass der bei der Stasi war? Gleichgültigkeit ist verbreitet, Sprachlosigkeit. Kein Wunder, wenn es nicht mal für eine Woche Urlaub an der Ostsee im Jahr reicht. Argwöhnisch schaut man auf die Sorben in der Gegend. Die sind katholisch und sprechen eine andere Sprache. Noch schlimmer sind die Polaken, die nur Drogen-Dreck ins Land bringen. Dann kommen Asylanten. Dafür ist plötzlich Geld da, und für Griechenland.

„Vor einiger Zeit hatte Vater einen polnischen Arbeitskollegen gehabt, der Granit aus Polen verkaufte. Kaum ein Abend, an dem Vater nicht über ihn geredet hatte. ‚Wenn du da nicht aufpasst, zieht der dich gnadenlos über den Tisch. Die wissen, wie sie dich ausnehmen.‘ (…) ‚Warum sprechen nicht alle Menschen Deutsch?‘, fragte Tobi. ‚Das ist doch die einfachste Sprache. Da sind die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge.‘ Philipp sah ihn von der Seite an. Mutter sagte nichts. Der Pole hatte eindeutig gegrinst. Vater wusste das. Elendiger Bastard.“ (S. 97)

Die Jungen orientieren sich im Kreis anderer Jugendlicher, vor allem unter den älteren, die immer mit dem Auto vor der Schule stehen. Bier trinken, rauchen, auch wenn einem zuerst mal schlecht wird davon. Mal „Sieg Heil“ rufen und sich darüber kaputt lachen. Nur dabei sein dürfen, ein bisschen Beachtung finden, damit endlich mal was passiert in diesem Scheißleben.

Die Geschichte ist unaufgeregt, besteht aus vielen Details, die zeigen, dass es nicht die eine Ursache des Problems gibt. Es ist ein schleichender Prozess, der nicht nur Jugendliche betrifft, sondern auch viel mit den Erwachsenen zu tun hat. Die großen Fragen des Lebens tun sich auf, nach Identität, Heimat, Werten, Verantwortung. Wer hat sich denn um uns gekümmert?! Neid, Wut, Enttäuschung und Perspektivlosigkeit, das Problem ist vielschichtig.

Lukas Rietzschel, der selbst aus der Lausitz  und der Generation seiner Protagonisten entstammt, gelingt in seinem Debütroman eine sensible Darstellung dieser ganz normalen Familie, dieser netten Jungs von nebenan, die wir in der Geschichte aufwachsen sehen. Denen fehlt es doch an nichts. Haben ein eigenes Haus, die Eltern arbeiten, die Jungen gehen zur Schule, haben genug zu essen, etwas anzuziehen, können auf den Rummel gehen, bekommen einen Ausbildungsplatz. Also, was fehlt denen? Eine Menge. Mut, Selbstvertrauen und Sinn, Anerkennung, Unterstützung und Vorbilder. Der Roman bietet keine Lösungen an. Aber er macht das Problem deutlich. Für Lösungen sind wir alle verantwortlich in diesem Land.

Ein großartiges Buch über ein drängendes Problem. Radikalisierung, ob nach rechts oder in religiöser Richtung, entsteht nicht über Nacht. Unbedingt lesen!

Mit der Faust in die Welt schlagen, Lukas Rietzschel, Ullstein Verlag Berlin 2018, 320 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Dienstag, 9. April 2019

John, Paul, George und Richard, Klaus Metzger


Titel und Umschlagbild sind eindeutig: Es geht um die Beatles. Ein Roman soll es sein, also nicht unbedingt streng an der Realität entlang, soviel ist klar. Leider waren die Namen der Protagonisten fast das Einzige, das wirklich an die Fab Four erinnerte.

Die Geschichte wird als Roadtrip beschrieben. Sie spielt ausschließlich an einem verlassenen Örtchen mitten in den USA. Paul ist auf Hochzeitsreise mit seiner neuen Frau und fährt mit ihr in einem 62er Chevy von New York nach Los Angeles. Der Wagen hat eine Panne. Die beiden suchen das nächstgelegene Haus auf, in dem sie Einlass finden. Hier lebt Grandma mit ihren beiden Enkelsöhnen John und George. Mit von der Partie ist immer deren Freund Richard sowie die Tochter des örtlichen Pfarrers, Linda. Bei seiner Ankunft hört Paul bereits, dass im Keller des Hauses Musik gemacht wird. Die vier Jugendlichen haben sich zu einer Band zusammengetan. Im Laufe der Geschichte tauchen weitere Personen auf, real oder in Erzählungen der anderen, die alle die Namen berühmter Musiker oder Personen aus dem Musikgeschäft tragen, etwa Rod Stewart, Eric Clapton, Phil Spector und Janis Joplin. Diese weiteren Personen sind alle aus dem Umfeld dieses kleinen Ortes, sind Automechaniker, arbeiten für die Telefongesellschaft oder sind die Ehefrau eines Nachbarn.

Die Geschichte besteht hauptsächlich aus Dialogen, die offenbar bewusst grotesk gestaltet wurden. Paul und seine Frau versuchen den Wagen repariert zu bekommen oder anders Hilfe zu holen, es gibt jedoch kein Telefon oder Handyempfang. Auch vollzieht sich das Gespräch mit Grandma und den Jugendlichen eher skurril. Es ist geprägt von der Wiederholung diverser Floskeln. Keiner scheint so recht zum anderen durchzudringen mit seinen Worten und bleibt in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen. Gelegentlich werden Songzeilen aus Beatlessongs oder anderen Liedern eingestreut. Linda meint, in dem fremden Engländer John Lennon zu erkennen. Daraufhin antwortet ihr Grandma beständig, dass dies nicht sein könne, da John Lennon vor vielen Jahren in New York erschossen worden sei. Die Sequenz wiederholt sich gefühlte dreißigmal während der Geschichte.

Ich bin seit über dreißig Jahren Beatlesfan und denke, ich habe viele der im Text gemachten Andeutungen über Bezüge zur Geschichte der Beatles verstanden. Auch die genannten Personen sind mir hinlänglich bekannt. Dennoch konnte ich mit diesem Buch so gar nichts anfangen. Ich fand es weder lustig noch tiefsinnig, sondern langweilig. Für einen Roadtrip hat es sehr wenig Fortbewegung. Äußere Handlung hat die Geschichte kaum. Es verändern sich Dinge in den Köpfen der Beteiligten, man erfährt in Andeutungen etwas über deren Leben und wie unerträglich sie es finden. Insgesamt fand ich jedoch die pausenlosen gebetsmühlenartigen Wiederholungen der immer gleichen kurzen Phrasen schon nach 20 Seiten enervierend. Deshalb kommt die Handlung auch nicht voran. Jeder dreht sich permanent im Kreis, die Dialoge sind sinnlos. Die Wiederholungen muten schon dadaistisch grotesk an. Richard verwahrt sich dagegen, dass man ihn Ringo nennt. Die Kinder sollen auf ihre Sprache achten und nur in der einfachen Gegenwartsform sprechen, nicht über die Vergangenheit, sagt Grandma.

„Und in Hamburg, fragt George.
Rock and Roll, sagt Paul.
Junger Mann, sagt Grandma, bitte nicht bei Tisch.
Paul entschuldigt sich und weiß nicht wofür.
Rock and Roll ist nur eine bestimmte Art, Musik zu machen, Grandma, Missis, sagt Richard. Richard betont das Nur.
Als ob. Auf den ersten Blick vielleicht, sagt Linda, aber beim zweiten Hinsehen kann man mit etwas gutem Willen und Verstand schon das eine oder andere.
Grandma wird im Ton schärfer. Linda soll gefälligst auf ihre Sprache achten.“ (S. 15/16)

Was ich am wenigsten verstehe an dem Buch ist, dass nur die Namen der Beatles und deren Umfelds gebraucht werden, die Buchcharaktere aber in der Persönlichkeit in meinen Augen nichts mit ihren Namensvettern gemein haben. Paul wird als Mann im gesetzten Alter dargestellt, die anderen drei Jungen als Teenager. Paul ist Engländer, die anderen drei Amerikaner. Paul wird als Geldsack dargestellt, der andere für sich machen lässt. Die anderen drei sind dumme Jungs, die alle bei Linda landen wollen. John ist noch der Ausgeflipteste, George etwas ruhiger. Das ist das Einzige, das oberflächlich an John Lennon und George Harrison erinnert. Gegen Eric (Clapton) wird ausgeteilt. Er trinkt Kamillentee aus einer Tasse mit der Aufschrift „Clapton is God“ und ist schon zu doof zum Autofahren. Natürlich hat er vom Musikmachen keinen Schimmer. Was daran unterhaltsam sein soll, erschließt sich mir nicht.

Ich kann dieses Buch leider nicht empfehlen, nicht einmal – oder schon gar nicht – einem eingefleischten Beatlesfan.

John, Paul, George und Richard, Klaus Metzger, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2018, 224 Seiten, 19,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Alte weiße Männer, Sophie Passmann

Wer ist eigentlich der alte weiße Mann? Der an allem schuld ist? Wegen dem die Welt nicht vorwärts geht, Frauen keine Chefsessel beset...