Samstag, 16. November 2019

Die Schneeschwester, Maja Lunde

Bestimmt kennt Ihr die Romane für Erwachsene von Maja Lunde, z.B. „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Letzten ihrer Art“ (siehe meine Rezension). Aber wusstet Ihr, dass die norwegische Autorin auch Kinderbücher schreibt? „Die Schneeschwester“ ist ein Buch, das verzaubert, eine Weihnachtsgeschichte mit schillernden Illustrationen, einem warmherzigen Ton und einer tiefgehenden Geschichte.

Das reich illustrierte Buch ist groß und dicker, als man bei einem Kinderbuch vermuten würde, ganze 200 Seiten. Die Aufmachung ist fulminant, die Farben sprühend. Ein rundum gelungenes Gesamtpaket, ein richtiges Schatzkästlein.

Die Geschichte hat es in sich. Der Erzähler Julian lebt mit seiner Familie in Norwegen und ist fast 10 Jahre alt. Er hat am 24. Dezember Geburtstag. Deshalb haben ihn seine Eltern Julian genannt, weil Weihnachten auf Norwegisch Jul heißt. Könnt Ihr erraten, in welchem Monat seine kleine Schwester Augusta geboren wurde? Eigentlich hat Julian noch eine Schwester, eine ältere. Aber Juni ist vor einem halben Jahr ganz plötzlich gestorben. Seitdem ist in Julians Familie nichts mehr wie es vorher war. Weihnachten steht vor der Tür, aber das Haus der Familie ist genauso grau wie die Gesichter von Julians Eltern. Die einst quirlige Familie ist still geworden. Julian beginnt sich zu fragen, ob Weihnachten vielleicht dieses Jahr ausfallen wird.

Eines Tages begegnet Julian Hedvig. Sie hat rote Haare und viele lustige Sommersprossen, ihre Augen leuchten und ihr Lachen ist einfach ansteckend. Wie ein roter Wirbelwind schneit sie in Julians Leben in ihrem roten Mantel. Und wenn sie redet, hört sie so bald nicht mehr damit auf. Sie lädt Julian sogar zu sich nach Hause ein, wo alles so gemütlich, warm und weihnachtlich geschmückt ist. Aber irgendetwas ist sonderbar an Hedvig und ihrem Haus, der Villa Mistel. Auch schleicht manchmal ein unheimlich aussehender Mann durch den Garten, über den Hedvig aber nicht reden mag.

„Sie hätte bestimmt so breit gelächelt, dass man die Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen sehen konnte, und die Nase mit den vielen Sommersprossen ein wenig gerümpft, und dann hätte sie gesagt … genau, jetzt wusste ich es … Wunderbar, hätte sie gesagt, das ist doch wunderbar, dass so etwas passieren kann, obwohl es ja eigentlich gar nicht geht, denn es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als du und ich erklären können, und das ist doch nun wirklich ein Grund zur Freude, nicht wahr, dass die Welt voller unerklärlicher, fanstatischer Dinge ist, die wir nicht begreifen, das ist es doch, was das Leben lebenswert macht, Julian, findest du nicht, das sind doch die Dinge, die das Leben so spannend machen!“ (S. 145)

Dieses Buch steht in der Tradition norwegischer Kinderliteratur, die Tabuthemen nicht ausspart. Es geht um den Tod und das Umgehen damit in der Jahreszeit, in der das am schwersten fällt. Es ist voller positiver Energie und wärmender Bilder. Allerdings ist es vor allem am Schluss auch herzzerreißend traurig und berührend. Selten habe ich bei einem Buch so sehr geweint. Die Geschichte ist in 24 Kapitel unterteilt. Dennoch würde ich nicht empfehlen, es Kindern als literarischen Adventskalender vorzulesen. Dazu ist das Thema zu schwer. Liest man es mit Kindern, werden sicher Gespräche über Tod, Einsamkeit und die elementaren Fragen des Lebens folgen. Maja Lundes Geschichte ist ein Meisterwerk des Erzählens. Die lebendigen Illustrationen von Lisa Asiato könnten schöner und passender nicht sein.

Ein Meisterwerk in einer atemberaubend schönen Ausgabe! So schön, so berührend und so traurig wie das Leben selbst.

Die Schneeschwester, Maja Lunde, aus dem Norwegischen von Paul Berf, Illustrationen von Lisa Aisato, btb Verlag, Verlagsgruppe Random House, München 2018, 200 Seiten, 15,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 14. November 2019

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme eine Schickse, Thomas Meyer

Mottis Leben ist schwarz-weiß. Jeden Tag trägt er – wie auch sein Vater – schwarze Hosen und ein weißes Hemd. Auch sein Alltag ist mehr oder weniger schwarz-weiß, nämlich gleichförmig und vorhersehbar, in vorgegebenen festen Bahnen. Motti – eigentlich Mordechai Wolkenbruch – ist ein orthodoxer Jude in Zürich. Im Alter von 25 Jahren studiert er und lebt bei seinen Eltern, der Mame und dem Tate. In dieser Welt, wie auch im Buch, wird Jiddisch gesprochen. Am allermeisten wird vom Heiraten gesprochen, denn im Gegensatz zu den beiden älteren Brüdern ist Motti noch nicht unter der Haube. Genaugenommen hat er noch gar keine Erfahrung mit dem anderen Geschlecht. In seinem Fall bedingt das eine das andere. In der orthodoxen Welt gehört derlei Erfahrung in eine Ehe mit einer anständigen jüdischen Frau und sonst nirgendwohin.


Mottis Mame weiß, was eine gute jüdische Mutter zu tun hat. Sie muss Schidech machen. (Was das bedeutet, kann man im jiddischen Glossar am Ende des Buches nachschlagen.) Motti liebt seine Mame. Also ist es für die Mame eindeutig, dass er als Ehefrau eine Dame vom gleichen Schlage gutheißen würde. Und so sorgt sie „ganz unauffällig“ dafür, dass Motti mit vielen ledigen Töchtern ihrer Freunde und Bekannten zusammenkommt. Damit nichts schief geht, erledigt sie das eine oder andere Telefonat, taucht an Treffpunkten auf, damit das Jingele diese auch findet und erwartet umgehenden Bericht, ob die Hochzeitsplanung nun beginnen könne.

Was amüsant klingt – und es für den Leser auch ist! – goutiert Motti gar nicht sehr. Außerdem ist ihm bereits aufgefallen, dass der Tuches einer bestimmten Dame in seinem Hörsaal an der Uniwersitejt viel hübscher ist als der von jüdischen Mädchen, die er kennt. Das Dumme ist, dass der hübsche Tuches einer Schickse gehört. Ein frommer Jid darf ihn weder ansehen noch sonstige Gedanken über diesen haben.

Dieser überaus vergnügliche Roman, der schon durch die Schreibweise der jiddischen Worte sehr erheitert, ist ein später Coming-of-Age-Roman. Ganz klassisch geht es um die erste Liebe, die Abnabelung von den Eltern und darum, den eigenen Weg im Leben zu finden. Verschärft wird dieser innere Prozess jedoch durch das besonders enge Korsett des orthodoxen jüdischen Lebens, die soziale Kontrolle durch die Gemeinde und den Rabbiner, die jede alltägliche Kleinigkeit bestimmen, vom koscheren Essen über die traditionelle Kleidung bis hin zur Frage, welche Brillengestelle man beim jüdischen Optiker kaufen kann. Aus religiöser Sicht stellt sich die Frage nach einem vorbestimmten Schicksal.

„Und da erkannte ich das Geheimnis: Die Geschichten sind tatsächlich schon geschrieben, aber wir können sie verraten und uns mit dazu. Wir können so leben, wie wir glauben, leben zu müssen oder nicht anders leben zu können, doch es wird immer ein lebn geben, wie es für uns gemeint ist; es ist jenes, das uns am glücklichsten macht und das uns zu unserer wahren Größe erhebt; was auch immer der prajs dafür sein möge und wie viel auch immer wir dafür auf uns nehmen müssen.
Ich beschloss, jenes lebn zu suchen und zu finden.“ (S. 170)

Thomas Meyer ist selbst Jude und in Zürich geboren. Die größte Anzahl der Schweizer Juden lebt derzeit in Zürich. Es ist anzunehmen, dass der Autor eigene Kenntnisse aus dieser Gemeinschaft eingebracht hat, die trotz aller Ironie einen realistischen Eindruck machen. Meyer wirft die Frage auf, was Jüdischsein im heutigen Europa heißt. Im Roman kontrastiert er die orthodoxe Zürcher Welt mit der liberalen in Tel Aviv. Er zeigt auf, dass Jüdischsein viele Schattierungen hat, für die sich der Einzelne entscheiden kann. Auch spielt er mit den Vorurteilen der nichtjüdischen Welt, die zu glauben scheint, alle Juden seien ähnlich, lebten und glaubten gleich. Dabei nimmt er seine Hauptfigur herrlich auf die Schippe, ohne es jedoch an Tiefsinn fehlen zu lassen.

Wer seine Kenntnisse der jiddischen Sprache erweitern möchte, dem sei Thomas Meyers fünfteilige YouTube-Serie „Wolkenbruchs Jiddisch-Kurs“ ans Herz gelegt. Diese ist besonders lustig, weil der Autor darin die jiddischen Begriffe auf Schweizerdeutsch erklärt. (YouTube-Kanal von Thomas Meyer) Ferner finden sich auf YouTube mehrere Sequenzen „Mit Thomas Meyer durch Zürich“, in denen der Autor einige Schauplätze seiner Bücher in Zürich zeigt. (YouTube-Kanal des Diogenes Verlags)
  
Ein herrlich komischer Roman über das Erwachsenwerden, Jüdischsein und den eigenen Weg. Fünf Sterne!

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme eine Schickse, Thomas Meyer, Diogenes Verlag, Zürich 2014, 288 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Zusatz-Info:
Gerade ist die Fortsetzung dieses Romans im Diogenes Verlag erschienen unter dem Titel „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“.

Mittwoch, 6. November 2019

Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt am Main

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, im Oktober 2019 an einer Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek teilzunehmen. Das Frankfurter Haus ist die westdeutsche Dependance der Bibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig hatte ich bereits in einem eigenen Beitrag vorgestellt. Da beide Bibliothekszweige einen einheitlichen Sammelauftrag haben, verweise ich insoweit auf meinen früheren Artikel und berichte an dieser Stelle nur über die Besonderheiten in Frankfurt.

Das Gebäude
Als erstes fällt auf, dass das Frankfurter Gebäude sehr viel jünger ist als der schöne Altbau in Leipzig. Während die Leipziger Bibliothek bereits 1913 mit dem Sammeln begann, wurde das Frankfurter Haus erst als Folge des 2. Weltkriegs (Leipzig lag in der sowjetischen Besatzungszone) im Jahr 1946 gegründet und sammelt Werke ab 1945. Das jetzige Gebäude in der Adickesallee 1 wurde 1997 eröffnet. Zuvor war die Nationalbibliothek ein Teil der Frankfurter Universitätsbibliothek.

Beim Betreten der Bibliothek fällt zuerst die Eingangshalle mit Glaskuppel auf. Der starke Hall im Foyer war architektonisch nicht geplant und entstand erst durch die nachträglich geplante Abflachung der Glaskuppel. In der Mitte des Raumes, direkt unter der Kuppel, steht eine Skulptur von Georg Baselitz mit dem Namen „AMARLAMOR“. Geschaffen wurde sie mit Axt und Säge, sodann wurde sie mit Stoff bezogen. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben anderer Bildhauer zusammen. (Aus Gründen des Urheberrechts kann ich die Skulptur hier leider nicht zeigen.)

Auf den neun Etagen des Gebäudes, sechs oberirdischen und drei unterirdischen, arbeiten ca. 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine ähnlich große Zahl arbeitet am Leipziger Standort. Neben dem Lesesaal, den Büros der MitarbeiterInnen und den (unterirdischen) Archiven befinden sich im Gebäude noch das Deutsche Exilarchiv 1933 - 1945, ein Veranstaltungssaal, ein Konferenzraum sowie ein Café. Zum Schutz vor Wassereinbruch ist das ganze Gebäude in ein Wannensystem mit Abflusskanälen eingebettet. Eine Schicht Eisenerz unter der Bodenplatte dient als zusätzlicher Schutz.

Die Sammlung
Lesesaal
Die beiden Bibliotheksstandorte leisten keine Doppelarbeit. Medienwerke aus den neuen Bundesländern sowie Nordrhein-Westphalen werden nach Leipzig abgeliefert, Werke aus allen anderen Bundesländern gehen nach Frankfurt. Seit 2006 sind Netzpublikationen in den Sammelauftrag der Bibliothek eingeschlossen. Welche Werke zu sammeln sind, bestimmt das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) vom 22.06.2006. Darin geregelt ist auch die Ablieferungspflicht für Medienwerke. Jede gedruckte oder online veröffentlichte Publikation (sowie weitere im Gesetz definierte Medienwerke wie Musiknoten etc.) ab einer Auflage von 25 Stück sind abzuliefern. Diese Pflicht trifft z.B. auch Selfpublisher.

Wichtig ist, dass die Bibliothek Medienwerke ohne Wertung ihrer inhaltlichen Qualität sammelt. Gesammelt wird alles, was erscheint, z.B. auch Comics. Die Bewertung einzelner Werke ist einem ständigen Wandel unterworfen. Wurden Comics früher oft belächelt und nicht als Literatur eingestuft, gibt es heute wissenschaftliche Kreise, die sich nur damit befassen.

Archiv
Die Bibliothek umfasst in Frankfurt und Leipzig zusammen ca. 38 Mio. Medienwerke. Pro Jahr kommen ca. 2 Mio. gedruckte Medien dazu. Pro Tag verarbeiten die Bibliotheken ca. 7.000 Neueingänge, darunter auch eine große Anzahl digitaler Veröffentlichungen. Wie die Leipziger Bibliothek ist auch das Frankfurter Haus eine reine Präsenzbibliothek ohne Ausleihmöglichkeit. Man muss hierzu das gewünschte Werk aus dem Archiv in den Lesesaal bestellen, um damit zu arbeiten. Frankfurt verzeichnet täglich 744 Bestellungen dieser Art, wird also rege genutzt.

Derzeit erscheinen Medienwerke häufig inhaltsgleich als physisches Buch sowie in digitaler Form. Sofern es keine digitale Veröffentlichung gibt, werden die Printwerke in der Bibliothek nicht digitalisiert. Dies geschieht nur, wenn ein gedrucktes Werk bereits Verfallserscheinungen zeigt, die Digitalisierung also für den Erhalt des Werkes notwendig ist. Digitalisiert wird jedoch das Inhaltsverzeichnis jedes einzelnen Werkes. Durch die digitale Verfügbarkeit soll die Katalogsuche erleichtert werden. Oft stellt sich erst bei Einsicht in das Inhaltsverzeichnisses heraus, ob ein Werk nützlich für die eigene Recherche ist und erspart so unnötige Archivbestellungen des körperlichen Werks.

Das Archiv
Besonders interessant fand ich die Begehung der unterirdischen Archivräume. Dort wird die Sammlung bei 50 % Luftfeuchtigkeit und 18˚ C gelagert. Um diese Bedingungen zu erhalten, gibt es Schleusen an den Eingängen zu den Archivräumen. Eine elektrische Buchtransportanlage transportiert Kunststoffwannen, in die die Bücher gelegt werden, über die verschiedenen Ebenen des Gebäudes.

Das Archiv ist natürlich mit Bücherregalen gefüllt. Diese darf man sich jedoch nicht vorstellen wie in einer Leihbibliothek, wo die Bücher nach Themengruppen geordnet sind. Die Lagerung erfolgt in einer sog. chaotischen Aufstellung. Damit ist keine Unordnung gemeint, sondern die Aufstellung nach Jahrgängen und Einlieferungsnummern. Das erste im Jahr 2019 eingelieferte Buch erhält die Nummer 2019/1 usw. So kann es passieren, dass ein Roman von Konsalik neben einem medizinischen Fachbuch zu stehen kommt. Die einzelnen Bücher sind nur über das Katalogsystem auffindbar.

Aus Platzgründen sind nicht alle Regale jederzeit zugänglich, sondern werden auf einem Schienensystem mittels eines Drehrads bewegt, so dass an der gewünschten Stelle ein Abstand zwischen zwei Regalen geschaffen wird, der den Zutritt ermöglicht. Derzeit werden die Bücher zusätzlich teilweise nach Größen geordnet. Dies dient einerseits dem Platzsparen, andererseits der Konservierung der Bücher und der Minimierung der Brandgefahr. Stehen die Bücher aufgrund ihrer ähnlichen Größe eng aneinander, befindet sich zwischen ihnen weniger Sauerstoff, was im Falle eines Feuers günstig ist. Die Verwendung von Metallregalen mit geschlossenen Seitenteilen verringert neben dem Einstauben natürlich auch die Brandgefahr.

Lesesaal

Ich danke der Nationalbibliothek Frankfurt am Main für die interessante Führung sowie die Erlaubnis zur Veröffentlichung meiner Fotos.

Dienstag, 5. November 2019

Vaterschaftstest, Markus Behr

Fabian, Mitte dreißig und Lehrer, ist schon ein bisschen verklemmt. Und schüchtern. So schüchtern, dass er in seinem Alter noch Jungfrau ist. Er macht sich immer viele Gedanken, über alles und jedes. Oft führt das dazu, dass er das, worüber er nachdenkt dann lieber doch nicht tut. Zu peinlich, zu unsicher. Mit Hilfe seiner Therapeutin versucht Fabian nachzuspüren, welche Aktivitäten angenehm und welche unangenehm sind. Das ist manchmal gar nicht so leicht. Körperkontakt zum Beispiel ist ja gar nicht so einfach, da muss Fabian erst mal auf einer Kuschelparty üben gehen.
„Sie setzten sich hin, ohne zu reden oder sich anzusehen.
„Darf ich dich berühren?, fragte Fabian. Er sprach leise, als würde das die Verfänglichkeit der Frage verringern.
„Vielleicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ach nein. Also, ich meine: Ja.“ (…)
Sie legten sich nebeneinander auf die Seite. Die Frau lächelte nicht, aber sie sah auch nicht widerwillig aus. Fabian begann, ihr über den rechten Arm zu streicheln, von der Schulter zur Hand und wieder zurück. Sie hielt die Augen geschlossen. Versuchte sie sich vorzustellen, er wäre jemand anders? Fabian strich über ihren Bauch. Wie lang blieb man bei einem Körperteil? Wenn er zu lange streichelte, fand sie ihn dann aufdringlich? Wenn er zu kurz streichelte, war es dann beleidigend?“ (S. 110)

Aus heiterem Himmel bekommt Fabian einen Anruf von zwei kichernden 16-jährigen Mädchen, Zwillingen. Sie wollen ihn treffen, sie hätten ihm etwas zu sagen. Und ehe er sich’s versieht, ist er mit den beiden zum Eis essen verabredet, obwohl er keine Ahnung hat, wer sie sind. Fabian ist sehr erstaunt, als die Mädchen ihm einen Zettel zuschieben mit der Aufschrift „Sie sind unser Vater“. Wie soll das denn zugegangen sein?! Er kann sich an nichts erinnern! Aber wenn es ihre Mutter doch sagt? An die kann Fabian sich auch nicht erinnern. Aber so ganz auszuschließen ist ja wenig im Leben…

Die Zwillinge sind ja irgendwie ganz nett. Und Fabian ist ein bisschen einsam. Wäre es nicht vielleicht sogar ganz schön, wenn er vielleicht ihr Vater …? Erstmal weiter zuhören, fragen, nachforschen, denkt sich Fabian, man hat ja Verantwortung. Oder sollen sie einen DNA-Test machen?

Fabian ist so ängstlich, verschroben und fast schon sozial phobisch, dass ich mich besonders am Anfang des Buches ständig fremdgeschämt habe. Interessant ist, wie er es im Laufe der Geschichte schafft, immer wieder über seine sozialen Ängste hinwegzukommen. Schließlich will er die Dinge klären, und das geht nur im Kontakt mit Menschen. Natürlich möchte man ihm ständig zurufen, „frag endlich!“ oder „tu das!“. Aber es ist auch ganz rührend, wie er seine Sehnsucht nach einer eigenen Familie in dieser seltsamen Konstellation zu verwirklichen sucht. Ist es denn wirklich so wichtig, ob er wirklich der Vater ist, wenn man sich doch gegenseitig mag?

Ein verrückter Plot für eine klemmige Geschichte, vor allem in der zweiten Hälfte ganz amüsant.

Vaterschaftstest, Markus Behr, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 192 Seiten, 12,90 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Montag, 4. November 2019

Hertzmann’s Coffee, Vanessa F. Fogel

Wir befinden uns in New York City, in einem vornehmen Apartmenthaus mit Blick auf den Central Park. Yankele und Dora Hertzmann, beide Mitte achtzig, sitzen dort und lesen die Zeitung. Yankele kauft jeden Morgen zwei Exemplare, für jeden eine. Ihr Leben könnte wunderschön sein. Sie haben in ihrem Leben eine gutgehende Kaffeefirma aufgebaut und verkaufen in alle Welt. Ihre vier Kinder sind längst Teilhaber.

Aber die Idylle trügt. Es gibt Streit in der jüdischen Familie. Yankele überlegt verzweifelt, was er falsch gemacht hat, da er es nicht hat verhindern können. Hat er die Kinder falsch erzogen, ihnen nicht den Wert der Familie beigebracht? Und hat er ihnen nicht alles gegeben, was sie für ein sorgenfreies Leben brauchen? Die Firma, die er mit Dora aufgebaut hat, könnte sie alle gut ernähren. Warum nur? Und was ist zu tun?


Yankele und Dora sind seit über sechzig Jahren verheiratet und einander von Herzen gut. Früher lebten sie noch in Berlin. Nach dem schrecklichen Krieg haben sie sich kennengelernt. Sie wollten eine Familie gründen, denn ihre bisherigen Familien waren ausgelöscht worden. Darüber wollen sie nie wieder sprechen. Nur die Zukunft ist wichtig. Während einer Familienfeier kommt es zum Eklat. Yankele weiß nicht warum. Ein Gespräch scheint nicht möglich. Schließlich kommt er auf eine sehr moderne Idee, nachdem er ein Elektronikfachgeschäft aufgesucht hat. Ob das hilft?

„Ich holte tief Luft und murmelte: Gam zu le'toyveh. Auch das wird zum Guten sein. Gam zu le'toyveh. Es muss so sein, dachte ich und spürte, wie neue Hoffnung aufkam und sich in mir ausbreitete wie Milch, die man in eine Tasse Kaffee gießt. Sanft und vielversprechend.“ (S. 119)

Dieser spannende und ergreifende Roman schildert familiäre Beziehungen auf allen Ebenen, die zwischen Geschwistern, Eltern und Kindern und zwischen Eheleuten. Die Konflikte betreffen alle Generationen. Gerade mit denen, die einem am nächsten stehen, gelingen Gespräch, Nähe und Versöhnung oft am wenigsten. Jeder hat Verletzungen und hat seinen Weg gefunden, damit umzugehen, damit zu leben. Der Weg ist nicht für alle der gleiche.

Die Geschichte setzt sich nach und nach aus Bruchstücken zusammen. Vieles bleibt zunächst unverständlich, viele Antworten bleibt der Roman bis zum Schluss schuldig. Liebevoll werden die Charaktere Yankele und Dora ausgearbeitet, mit ihren Schrullen, Wünschen und Ansichten. Der Duft des Kaffeeimperiums ist allgegenwärtig und steigt aus den Seiten empor. Er vermischt sich mit dem Geruch des alten Europa, auch wenn niemand dies ausspricht. Viel bleibt der Phantasie des Lesers überlassen, gerade an dem – für mich unbefriedigenden – Ende. Der Roman ist an einigen Stellen atmosphärisch dicht, an anderen episodenhaft brüchig, eine spannende Mischung aus unterschiedlichen Erzählweisen.

Ein anrührender Familienroman, in dem jeder sich erkennen wird, der eine Familie hat oder aus einer stammt. Große, generationenübergreifende Konflikte, auf knappem Raum erzählt. Ein tolles Buch!

Hertzmann’s Coffee, Vanessa F. Fogel, aus dem Amerikanischen von Eva Bonné unter Mitarbeit von Vanessa F. Fogel, btb Verlag, Random House Gruppe, München 2015, 320 Seiten, 10,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Die Schneeschwester, Maja Lunde

Bestimmt kennt Ihr die Romane für Erwachsene von Maja Lunde, z.B. „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Letzten ihrer Art“ (siehe meine Re...