Montag, 17. Mai 2021

Der große Sommer, Ewald Arenz

Bereits Ewald Arenz‘ letztes Buch „Alte Sorten“ habe ich sehr gemocht. Deshalb habe ich mich sehr gern an einer Leserunde des Verlags auf Instagram zu seinem aktuellen Roman beteiligt. „Der große Sommer“ ist ein Coming of age-Roman, der offensichtlich autobiografische Züge trägt. Wie der Autor ist die Hauptfigur Friedrich Jahrgang 1965. Der Roman spielt ca. 1980 und nimmt uns mit in die Zeit, als man noch vom Münztelefon aus anrief und eine Adresse auf dem Stadtplan statt im Handy nachschlagen musste.

Friedrich stammt aus einer großen Familie, darf jedoch nicht mit Eltern und Geschwistern in den Sommerurlaub fahren, sondern wird bei den Großeltern einquartiert, um für seine Nachprüfungen in Mathe und Latein zu lernen. Was wie die Hölle klingt, entwickelt sich dennoch zu einem bemerkenswerten Sommer. Zusammen mit seiner Schwester Alma und seinem besten Freund Johann kann Friedrich schwimmen gehen oder den Sonnenuntergang bewundern. Beate, die Friedrich im Schwimmbad kennenlernt, wird seine erste große Liebe.

Es sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Charakteren, die diese Geschichte besonders machen. Da ist zum einen die Freundschaft zwischen Friedrich und Johann. Beide lehnen sich gegen spießige Erwachsene und spätfaschistische Lehrer auf. Johann erlebt im Sommer einen Schicksalsschlag. Die Geschwisterbeziehung zwischen Frieder und Alma ist ausgesprochen eng und herzlich. Die beiden verstehen sich ohne Worte. Das kann ein Einzelkind manchmal kaum nachvollziehen.

Von besonderem Schlag sind Frieders Großeltern. Die Großmutter ist Künstlerin und eine warmherzige, verständnisvolle Frau. So eine Oma hätte jeder gerne! Ihr Mann ist nicht der Vater von Frieders Mutter, sondern der Stiefvater. Für seine strenge, verschlossene Art wird er von vielen Familienmitgliedern gefürchtet. Er ist ein Ausbund an Pflichtbewusstsein und Bildungsbürgertum. Beiden Großeltern kommt Frieder durch seinen Ferienaufenthalt näher und erfährt dabei viel Neues über die Familiengeschichte.

Der Roman ist geprägt von der Sehnsucht, die so typisch ist für die Teenagerjahre. Frieders Gedanken kreisen um die Themen Brasilien, Beate und Berühmtheit. Brasilien steht für die große weite Welt, die Frieder bereisen möchte. Von Beate möchte er geliebt und begehrt werden, erlebt aber die Unsicherheit, die mit allen ersten Malen verbunden ist. Und wer würde nicht gern berühmt werden, z.B. als Rocksänger?

„Das Sri Sri der Mauersegler schnitt das Licht dieses Sommertags in hellgelbe, aufregend saure Zitronenscheiben und ich dachte, man müsste draußen sein und nicht hier drin neben dem Fenster sitzen. Draußen, jenseits des Flusses sein, und dann würde man nach Norden gehen, wo das Meer lag und man sich nach Südamerika einschiffen konnte.“ (S. 5)

Wie schon der Vorgängerroman überzeugt auch dieser durch seine atmosphärische Sprache. Originelle Naturbeschreibungen und Hinweise auf das Alltagsgefühl der 1980er Jahre lassen die Leserin eintauchen in Frieders Welt. Meine eigene Schulzeit in den 80ern stand mir sofort wieder vor Augen. Ich hatte den leicht muffigen Geruch von Telefonbüchern aus der gelben Zelle in der Nase. Feinfühlich beschreibt Ewald Arenz seine Figuren, die er alle sehr gern zu haben scheint, und gibt ihnen dadurch viel Tiefe und Authentizität. Es ist ein Wohlfühlbuch über den Sommer, dessen Handlung aber weder vorhersehbar, noch platt ist. Ich würde gerne noch viele weitere Bücher dieses sensiblen Autors lesen!

Ein Sommerroman für alle Jahreszeiten mit sympathischen Charakteren, Liebe und Lebensweisheit, erzählt in wunderschönen Worten, die einen beim Lesen streicheln wie ein Sommerwind.

Der große Sommer, Ewald Arenz, DuMont Verlag, Köln 2021, 320 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Freitag, 14. Mai 2021

Marie, Steven Uhly

Gestern habe ich Euch die Geschichte vom „Glückskind“ vorgestellt, dem Baby, das von einem älteren Mann im Müll gefunden wurde. Das Glückskind hieß Chiara. Und natürlich ist sie älter geworden. Wie ist es ihr ergangen?

Die sechsjährige Chiara lebt bei ihrer Mama, zusammen mit ihren älteren Geschwistern Frido und Mira. Ihr Papa hat eine neue Frau und ein Baby. Chiaras Mutter fühlt sich oft überfordert von ihrer Arbeit in einer Arztpraxis und den drei Kindern. Was hat das Leben für einen Sinn, wenn es nur aus Arbeit besteht? So ist es oft der zwölfjährige Frido, der sich um die beiden kleinen Schwestern kümmern muss. Damit Chiara einschlafen kann, erzählt Frido ihr abends manchmal Geschichten. Eines Tages erzählt Frido von einem kleinen Mädchen namens Marie, das von jemandem in einen Müllcontainer geworfen wurde. Aber Marie hat überlebt, weil da dieser alte Mann war. Der Mann sieht so aus, wie der Mann, der im Lotto-Toto-Laden arbeitet, an dem Frido auf seinem Schulweg vorbeikommt. Chiara ist fasziniert von dieser Geschichte. Als sie ihren Bruder fragt, woher er die Geschichte hat, sagt Frido schnell, sie habe in der Zeitung gestanden. Das stimmt – und ist doch nicht ganz wahr.

„Sie erzählt von der großen Pause, als sie mit den Jungen Nachlaufen gespielt haben, und weiß immer noch genau, welcher Junge welches Mädchen gefangen hat. Sie hört gar nicht auf zu erzählen und fühlt sich sehr wohl. Plötzlich aber brüllt Veronika Kelber ihr aus nächster Nähe ins Ohr: „Jetzt halt doch mal den Mund!“ Chiara ist so verdutzt, dass sie zunächst gehorcht. Dann beginnt sie leise zu weinen. Als Veronika das sieht, schmeißt sie den Waschlappen wütend auf den Boden und verlässt das Bad. (S. 50)

Die Geschichte, die dieser Roman erzählt, spielt sich jeden Tag in vielen deutschen Haushalten ab. Nicht der Teil mit der Mülltonne, aber der Alltag überforderter Eltern, die die Grundbedürfnisse ihrer Kinder nicht im Ansatz erfüllen können. Manchmal sehen sie diese Bedürfnisse sogar, aber ihre Kraft reicht einfach nicht aus. Alltägliche kleine und auch größere Katastrophen passieren, die Kinder allein gewältigen müssen. Aber da erweist sich in diesem Roman die Vorgeschichte mit dem Baby im Müll als Glücksfall, denn schließlich ist Chiara ein Glückskind. Sie kommt der Vergangenheit nicht wirklich auf die Spur, aber sie kommt ihr doch so nahe, dass sie ein zweites Mal „gefunden“ wird. Und so ist auch diese Geschichte nicht ausschließlich trostlos, sondern auch hoffnungsvoll. Sie erzählt von rührender Geschwisterliebe und den unglaublichen Kräften, die in Kindern stecken, sowie von Hilfe, die irgendwann doch kommt. Ich fand diesen Roman schmerzvoller als den ersten, leider sehr realistisch, aber auch sehr spannend. Und am Ende habe ich mich mit den drei Kindern gefreut und konnte sie gut gehen lassen.

Ein Familiendrama von Vernachlässigung und Überforderung, wie es jeden Tag passiert und dadurch sehr anrührt. Manches ist harter Tobak, aber zum Glück sind so viel Liebe und Hoffnung dabei, dass man das Buch vom sechsjährigen Glückskind gut lesen kann.

Marie, Steven Uhly, Secession Verlag, Zürich 2016, 272 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 13. Mai 2021

Glückskind, Steven Uhly

Hans ist geschieden. Seine Kinder sind längst erwachsen. Seit der Trennung von seiner Frau hat er sie nicht mehr gesehen. Aber das ist schon lange her. Seine Tage sind eintönig. Zur Arbeit geht er schon lange nicht mehr. Schon die Verlängerung für seinen Hartz IV-Antrag auszufüllen, ist eine unglaubliche Anstrengung für Hans. Er ist ein behauster Obdachloser, denn eine Wohnung hat er noch. Auch wenn darin eine Menge Müll liegt und die Schmutzwäsche sich türmt. Das Rasieren hat Hans schon lange aufgegeben.

Eines Tages entschließt Hans sich, wenigstens einmal den Müll zur Tonne hinunter zu bringen. Als er den Müllcontainer öffnet, liegt obenauf eine Puppe. Eine Babypuppe, denkt Hans. Aber sie atmet ja! Mitten im Müll findet Hans ein Baby. Er tut, was jeder Mensch instinktiv tun würde: Er nimmt es hoch, weil es wimmert, nimmt es mit in seine Wohnung. Doch was nun? Wo soll er hin mit einem Baby in seiner verdreckten Wohnung? Zu wem gehört das Kind? In den Nachrichten kommt etwas von einer Mutter, die ihr Kind umgebracht haben soll. Einfach weggeworfen. Zu so einer Mutter kann man das Kind doch nicht zurückgeben, denkt Hans.

„Hans nimmt eine Flasche heraus, spült sie heiß aus, schüttet die Babymilch hinein. Das Mundstück passt drauf, aber er muss es abdichten. Er nimmt Tesafilm und umwickelt Flaschenhals und Schnuller so oft, bis er glaubt, dass es halten wird. Dann nimmt er vorsichtig das Baby und hält ihm die Flasche hin. Das Baby schreit, es reagiert nicht auf den Kontakt. „Du rechnest gar nicht mehr damit, nicht wahr, Kleiner?“, sagt Hans. „Das versteh ich gut“, sagt er, „aber jetzt ist alles anders, du wirst schon sehen.“ (S. 17)

Durch das hilflose, hungrige Baby wird etwas angerührt in Hans, der sich schon vor Jahren aufgegeben hatte. Da braucht ihn jemand. Er macht Platz, sucht Lösungen, schafft Babymilch heran. So ganz geheim halten kann er es nicht, dass er plötzlich ein Baby bei sich hat. Die Nachbarn bekommen etwas mit und freuen sich. Und plötzlich passieren jeden Tag erstaunliche Dinge in Hans‘ Leben. Aber wie lange kann das gutgehen?

Ich habe diese Geschichte sehr gern gelesen. Es ist so schön mitzuerleben, wie jemand sich allein wieder hochrappelt, der sich schon aufgegeben hatte. Und das nicht, weil ihm jemand hilft, sondern weil er jemandem helfen kann. Die Bedürfnisse eines Säuglings sind einfach zu verstehen: Essen, Schlafen, Kuscheln. Ein Baby trifft uns mit seiner Hilflosigkeit mitten ins Herz. Hans geht erfrischend anders mit der Situation um, als ich es getan hätte, mit seiner ganz eigenen Logik. Dadurch wurde mir Hans sofort sympathisch. Die Geschichte zeigt, wie leicht es ist abzurutschen und aus der Gesellschaft herauszufallen. Aber auch wie das Festhalten an den basalen Bedürfnissen eines Menschen und ein bisschen Hoffnung alles verändern kann.

Mir ging das Herz auf bei diesem schönen Buch. Es ist vielleicht nicht alles realistisch in der Geschichte, aber voller Wärme und Hoffnung ist sie, und das macht richtig Spaß.

Glückskind, Steven Uhly, Secession Verlag, Zürich 2012, 256 Seiten, 19,95 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Der große Sommer, Ewald Arenz

Bereits Ewald Arenz‘ letztes Buch „ Alte Sorten “ habe ich sehr gemocht. Deshalb habe ich mich sehr gern an einer Leserunde des Verlags auf...