Sonntag, 5. Juli 2020

Ein Mann seiner Klasse, Christian Baron

Christian Baron ist alles andere als ein Adliger. Er wurde 1985 in Kaiserslautern geboren, auch der Ort klingt kaiserlicher, als er ist. Der Autor erzählt von seinem Aufwachsen zusammen mit seinen drei Geschwistern in einer armen Familie. Der Vater arbeitet ungelernt als Möbelpacker. Dass bereits morgens auf Arbeit das erste Bier gezischt wird, ist normal. Seine Mutter geht gelegentlich putzen, um die stets ungeplant größer werdende Familie über Wasser zu halten. Oft erlebt Christian mit, wie sein Vater im Suff die Mutter schlägt. Die reagiert mit Depression und stirbt mit 32 Jahren an Krebs.

Christian ist daran gewöhnt, dass es ein Oben und Unten gibt. So wie seine Familie leben viele im Viertel, aber es gibt auch die Gegend, in der nur „Asoziale“ leben. Es ist der Stolz seines Vaters, dass die Familie nie dorthin ziehen muss, auch wenn er mit der Miete oft im Rückstand ist. In der Schule merkt Christian, dass es Leute gibt, die in eigenen Häusern wohnen, jedes Jahr Urlaub machen und ein Auto besitzen, die nie hungern. Diese sehen auf ihn herab. Seine familiären Umstände, das Kettenrauchen der Erwachsenen, die Bierfahne, der ständig laufende Fernseher sind „normal“ und sein Vater eben ganz „ein Mann seiner Klasse“. Normal ist auch, dass sich ein Leben in Armut und mit geringer Bildung über Generationen vererbt.

„Du bist seltsam.“ Ein Satz wie ein Fallbeil. Seit meiner Kindheit höre ich ihn immer wieder. In der Grundschule sagten ihn die Reihenhauskinder, wenn ich bei ihrer Geburtstagsfeier fragte, ob man denn wirklich oben aufs Klo gehen dürfe, denn wer bei mir zu Hause die Treppe hinaufsteige, der lande in den Wohnungen anderer Leute. Später sagte ihn eine Deutschlehrerin, weil ich als Einserschüler auf die Frage nach meiner Lieblingslektüre die Bild-Zeitung angab. (…) Dabei kann ich auf ganz andere Art wirklich seltsam sein.“ (S. 87/88)

Christian hat gute Noten, schreibt Geschichten und verfasst Gedichte, wie es auch seine Mutter heimlich getan hat. Vielleicht könnte für ihn alles anders werden? Aber zu viele Lehrer, Jugendamtsmitarbeiter und andere Erwachsene sind davon überzeugt, dass aus „denen“ ja doch nie was wird. Und auch Christians Familie sieht mit Argwohn auf Leute, die glauben, sie seien „was Besseres“.

Nach dem Tod beider Eltern reflektiert Christian Baron seine Herkunft und erzählt sehr dicht die Geschichte seiner Kindheit. Rückblenden wechseln sich mit heutigen Gedanken und Gesprächen ab. Christian Baron hat als einziger aus seiner Familie das Abitur gemacht, studiert und ist Journalist geworden. Die bedrückende Enge seiner Kindheit ist zum Greifen nah, ebenso die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, nach Struktur und Normalität. Es ist erschütternd, mit welcher Selbstverständlichkeit Gewalt, Alkoholsucht und Armut zum Alltag gehören. Mit seinen Geschwistern ist der Autor manchmal rührend verbunden, manchmal schmerzlich entzweit. Die verpassten Chancen im Leben der Mutter werden geschildert, ebenso wie der Wunsch des Vaters, Männlichkeit und Stärke zu repräsentieren, jeder Realität zum Trotz. Und dann ist da die Liebe, die alles zusammenhält.

Christian Barons Geschichte ist eigentlich nicht spektakulär. Es wird in Deutschland sicher viele geben, die in dieser Realität gelebt haben und es weiterhin tun. Selten aber gelingt jemandem ein Aufstieg aus eigener Kraft. Zu sehr ist der Erfolg in Gesellschaft und Bildungssystem von der Herkunft abhängig und nicht vom eigenen Potenzial. Bemerkenswert ist Christian Barons kluger, reflektierender Blick auf die eigene Verstrickung und seine Bindung an die Eltern, trotz allen Mangels. Hat er seine Herkunft „verraten“, gehört er nun zum „Bildungsbürgertum“?

Ein kluges Buch über die Weitergabe von Armut in einem reichen Land von einem gescheiten Mann, der seinen ganz eigenen Weg gegangen ist. Ich bin lesend sehr gern mitgegangen.

Ein Mann seiner Klasse, Christian Baron, Claassen im Ullstein Verlag, Berlin 2020, 288 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Dienstag, 30. Juni 2020

Unerhörte Stimmen, Elif Shafak

Elif Shafak gehört zu den meistgelesenen türkischen Autorinnen. Die promovierte Politikwissenschaftlerin, die auf Türkisch und Englisch schreibt, lebt seit Jahren in London, wohl auch weil ihre Art über ihr Heimatland zu schreiben dem Regime nicht genehm ist. „Unerhörte Stimmen“ ist ihr neuster Roman und für mich der erste von ihr. Er spielt überwiegend in Instanbul, in Rückblenden auch in der Kleinstadt Van in Ostanatolien.

Aus dem englischen Titel des Buches wird der ungewöhnliche Aufhänger der Erzählung deutlich: 10 Minutes 38 Seconds in this Strange World. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge ist das Gehirn eines Menschen noch bis zu 10 Minuten und 38 Sekunden lang aktiv, nachdem Herzschlag und Atmung bereits aufgehört haben, der Mensch also stirbt. Gleich auf der ersten Seite des Romans erfahren wir, dass die Prostituierte Tequila Leila übel zugerichtet in einem Müllcontainer in Istanbul liegt und merkt, dass sie tot ist. 10 Minuten und 38 Sekunden lang denkt sie an verschiedene Momente ihres Lebens, so dass der Leser erfährt, wo die Frau herkommt und wie es zu dieser grauslichen Situation gekommen ist. Ferner denkt Leila an ihre fünf besten Freunde und hofft, dass diese von ihrem Tod benachrichtigt werden. Nach und nach lernen wir auch diese und ihre gemeinsame Geschichte mit Leila kennen.

„Niemals hätte sie geduldet, dass man von ihr als etwas Vergangenem sprach. Schon bei dem Gedanken fühlte sie sich klein und wertlos, und nichts war ihr mehr zuwider als dieses Gefühl. Nein, sie bestand auf der Gegenwartsform, obwohl sie gerade entsetzt feststellen musste, dass ihr Herz nicht mehr schlug und sie von einer Sekunde zur anderen aufgehört hatte zu atmen. So sehr sie es auch drehte und wendete – sie war tot.“ (S. 9)

Aus den Geschichten dieser sechs ungewöhnlichen Personen ergibt sich ein Gesellschaftspanorama und ein Bild der chaotischen Stadt Istanbul bis zum Ende der 1980er Jahre. Dabei beleuchtet der Roman vor allem die Underdogs und Außenseiter der Gesellschaft, insbesondere das Leben von Frauen. Leila wird Mitte der 1940er Jahre in Ostanatolien geboren. Ihre Mutter ist die zweite Ehefrau ihres Vaters, der in einer Mehrehe lebt. Ihre Mutter wurde jung verheiratet und ist Analphabetin. Nicht nur der muslimische Glaube prägt das provinzielle Leben, sondern mindestens in gleichem Maße der Aberglaube. Schon mit dem Vorgang der Geburt sind diverse Riten verbunden, um den bösen Blick oder Missbildungen von dem Baby abzuhalten. Die gesellschaftliche Trennung von Männern und Frauen wird beschrieben und welche Konsequenzen das streng patriarchale System hat.

Wie viele junge Mädchen, die der Enge des Elternhauses entfliehen wollen und allein und mittellos in die Großstadt Istanbul gehen, wird Leila Opfer von Menschenhändlern und landet im Bordell. Auch die Bordellkultur ist Ausdruck einer starken Doppelmoral. Dort lernt Leila andere Prostituierte, Transvestiten, Reinigungskräfte und Freier, aber auch ihre große Liebe kennen. Wie stark die dort geknüpften Bande sind, zeigt sich nach Leilas Tod. Im zweiten und dritten Teil des Romans erfahren wir, was Leilas Freunde tun, als sie von ihrem gewaltsamen Tod erfahren. Solche Freunde wünscht man sich.

Neben dem Thema Tod werden ganz nebenbei Gewalt gegen Frauen, arrangiere Ehen und Korruption thematisiert. Politische Verhältnisse in der Türkei werden eingearbeitet, z.B. der Blutige Sonntag von 1969, als bei einem Zusammenstoß von Kommunisten und Rechten anlässlich des Protests gegen das Anlegen der 6. Flotte der USA in Istanbul diverse Menschen unter den Augen der Polizei zu Tode kamen.

Leilas Geschichte macht mich betroffen. Obwohl sie fiktiv ist, scheint sie typisch für eine Generation ungebildeter Frauen zu sein. Die Vermischung von Religion und Aberglauben und die Dominanz von beidem hat mich schockiert. Ich habe viel über die Türkei erfahren, mit der ich noch nicht viel Berührung hatte. Natürlich zeigt das Buch nur einen bestimmten Ausschnitt der Gesellschaft, erschien mir insoweit aber realistisch. Die teilweise sonderbaren Charaktere des Buches haben mir gefallen, die auf klangvolle Namen hören wie Sabotage Sinan oder Zaynab122. Leilas Erleben kam mir sehr nahe, obwohl fast die ganze Geschichte von einer Toten erzählt wird.

Eine starke Geschichte über eine starke Frau im Getümmel Istanbuls, ungewöhnlich und dicht erzählt aus einer mir fremden Welt, mit skurrilen, aber liebenswerten Typen bevölkert. Gut zu lesen!

Unerhörte Stimmen, Elif Shafak, aus dem Englischen von Michela Grabinger, Kein & Aber Verlag, Zürich – Berlin 2019, 432 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 27. Juni 2020

Die Analphabetin, Agota Kristof

Kann man Buchautorin sein, nachdem man Analphabetin gewesen ist? Das kommt auf die Betrachtungsweise an. Die 1935 in Ungarn geborene Autorin von Romanen wie „Das große Heft“ berichtet in dieser kurzen autobiografischen Erzählung davon, wie sie mehrmals ihre Sprache verlor.

Dabei hätte Agota sich niemals träumen lassen, dass ihr so etwas passieren könnte. Bereits im Alter von 4 Jahren konnte sie lesen und verschlang alles Gedruckte, das ihr in die Finger kam.

„Ich lese. Das ist wie eine Krankheit. Ich lese alles, was mir in die Hände, vor die Augen kommt: Zeitungen, Schulbücher, Plakate, auf der Straße gefundene Zettel, Kochrezepte, Kinderbücher. Alles, was gedruckt ist.

Ich bin vier Jahre alt. Der Krieg hat gerade angefangen.“ (S. 7)

Agota weiß noch nicht, dass andere Menschen andere Sprachen sprechen. Ungarisch ist die einzige Sprache, die alle Menschen um sie herum sprechen. Bis die Russen das Land besetzen und in der Schule nur noch Russisch gesprochen werden darf, obwohl niemand diese Sprache beherrscht.  Agota verliert ihre Sprache und ihr Lesen zum ersten Mal.

Später, 1956, geht sie mit ihrem Mann und ihrem Kind illegal über die Grenze nach Österreich und schließlich in die Schweiz, wo man Französisch spricht. Dort bleibt sie. Das mühsam erworbene Russisch nützt ihr dort nichts. Sie lernt Französisch, lernt es dreißig Jahre lang und beginnt zu schreiben, in einer Sprache, die nicht ihre eigene ist. Sie weiß, dass sie nie so Französisch schreiben können wird, wie jemand, dessen Sprache es von Anfang an gewesen ist. Und was macht das alles mit ihrer ungarischen Muttersprache?

Sie fühlt sich wie eine Analphabetin. Sie ist eine Migrantin, die Land, Leute und Sitten nicht kennt und die Sprache nicht versteht. In einer Fabrik muss sie arbeiten, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber sie hat all diese Geschichten in sich, die sie seit Kindertagen so gern erzählt und zu der täglich eine neue hinzukommt.

„Wie soll ich ihm, ohne ihn zu kränken und mit den wenigen Wörtern, die ich auf französisch kann, erklären, daß sein schönes Land für uns, die Flüchtlinge, nur eine Wüste ist, eine Wüste, durch die wir hindurch müssen, um zu dem zu kommen, was man „Integration“, „Assimilation“ nennt. In diesem Moment weiß ich noch nicht, daß manche nie so weit kommen werden.“ (S. 60)

Agota Kristof beschreibt ein Flüchtlingsschicksal am Bild der Sprache. Zuerst erscheint es ihr unwahrscheinlich, dass sie je dazugehören und je richtig verstehen wird. Als sie eine publizierte Autorin ist, erscheint es anderen unwahrscheinlich, dass sie „so eine“ gewesen sein soll, die so anders ist, nur zwischen Fabrik und Wohnung gependelt ist und nichts verstanden hat, wie die Flüchtlinge, die man auf der Straße sieht.

Eine leise Erzählung einer beeindruckenden Frau, die es sich von keiner Sprache der Welt nehmen lässt, ihre Geschichte zu erzählen.

Die Analphabetin, Agota Kristof, aus dem Französischen von Andrea Spingler, Piper Verlag, München 2007, 80 Seiten, 9,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Ein Mann seiner Klasse, Christian Baron

Christian Baron ist alles andere als ein Adliger. Er wurde 1985 in Kaiserslautern geboren, auch der Ort klingt kaiserlicher, als er ist. Der...