Donnerstag, 7. April 2022

Emmas Einhorn, Briony May Smith (Gastrezension von Claudia Gerhardt)

Ah, ein Einhorn-Buch, das könnte ja was für meine Kleine sein, dachte ich, als ich auf dieses Bilderbuch stieß. Der Anblick des Covers ließ mich innehalten. Sieht schottisch aus, mystisch und ein wenig verwunschen… „Das ist auch für mich!“, war mein zweiter Gedanke. Das Einhorn hier sah nicht nach rosa Zuckerwatte aus, sondern nach verletzlich-wildem Fabeltier. Und das Buch zog mich in seinen Bann – was es immer noch tut, obwohl wir es inzwischen zigmal gelesen haben

„Emmas Einhorn“ zeigt die Heldin der Geschichte mit Wind im Haar und flatterndem Karo-Rock nebst zartem Begleiter mit ellenlangem Federbuschel-Schweif –  ein wenig wie in „Das letzte Einhorn“ –  an einem Ginster-bewachsenen Zaun, frohgemut in die Ferne schauend. Das Cover erfasst das Thema des Buches gut. Die Geschichte rankt sich – so alltäglich sie scheint – um eine zentrale Erfahrung im Leben kleiner (aber auch großer) Menschen. Was tun, wenn man die bisher bekannte Welt hinter sich lassen muss? Wenn eine Veränderung, eine neue Ferne uns buchstäblich zu neuen Ufern führt? Wir begleiten Emma bei ihrem Umzug in ein neues Haus, in dem sie zu Beginn ebenso wie in der Heidelandschaft etwas verloren wirkt. Emma ist als Ich-Erzählerin so nahbar und echt entwickelt, dass meine Tochter sie sofort als Alter Ego liebte. Beide sind etwa 5 Jahre alt.

Bei ihren ersten Erkundungen findet Emma ein kleines, verloren gegangenes Einhorn-Baby, dessen sie sich annimmt und das sie gemeinsam mit ihrer Oma umsorgt – die sich aus ihrer eigenen Kindheit gut mit Einhörnern auskennt. Und so erleben wir, wie Emma das Einhorn mit Blumen versorgt (denn nur diese frisst es), wie sie die Umzugskartons durchwühlt, um ein gemütliches zu Hause zu schaffen, wie sie ihm Trost spendet und dabei selbst Trost findet. Das Wunder geschieht hier nicht über die Zauberkraft des Einhorns, sondern durch Emmas Liebe und Fürsorglichkeit. Wir begleiten die beiden durch den Wechsel der Jahreszeiten, beim Erkunden des Sternenhimmels, der Natur, des Meeres. Ob am Kamin, beim Plätzchen Backen und Weihnachtsbaum schmücken – die beiden eignen sich das neue Zuhause an, sie machen sich mit diesem und miteinander vertraut. Und gleichzeitig lernen beide, dass es auch eine Zeit gibt, wieder loszulassen:

„Wir liebten es, die Wellen am Strand zu jagen. Der weiße Schaum sah aus wie Einhörner, die heranrauschten, um gleich wieder am Strand zu verschwinden.“

Dass dieses Abschiednehmen und Loslassen gelingen kann, zeigt diese zarte Geschichte um die Kraft der Freundschaft und des sich Neu-Gewöhnens auf das Schönste. Als die Familie des kleinen Einhorns im Frühling zurückkehrt, ist es Zeit, sich zu verabschieden. Und Emma und dem kleinen Einhorn gelingt dies gerade durch ihre Verbundenheit. Sie sind gemeinsam gewachsen, um dann – zur rechten Zeit – jede auf ihrem eigenen Weg weitergehen zu können.

Die kleine Parabel verwebt die zeitlose Sprache und Thematik mit traumhaft-schönen entrückten Zeichnungen einer stilisierten irisch-schottischen Landschaft, die uns in gedeckten Farben entgegentritt und mich mit ihrer wilden Schönheit stets aufs Neue begeistert, im Buch wie in Realität. Die Highlands mit ihrer rauen Natur werden mit Heidekraut, Ginster, Fels und Hügel anrührend schön im Zeitverlauf eingefangen. Emma, ein ganz normales liebenswertes Mädchen, passt sich mit Norweger-Pulli, Strickjäckchen oder handfestem Anorak dort gut ein. Eine Welt, von der nicht nur kleine, sondern auch große Leserinnen und Leser und Menschen, die keine Einhörner mögen, berührt sein werden.

Meine Tochter fragte mich am Schluss des Buches: „Ist das Einhorn denn wirklich da oder nur in Emmas Kopf?“ Tja. Für Emma ist es wirklich da. Das ist, was zählt.

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Emmas Einhorn, Briony May Smith (Text und Illustrationen), aus dem Englischen übersetzt von Steffi Kress, Esslinger Verlag, Stuttgart 2021, 48 Seiten, 15,00 EUR

(Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag.)

Die Buch-Lady dankt Claudia Gerhardt herzlich für ihre Gastrezension!

Mittwoch, 16. März 2022

Nach den Tagebuch, Bas von Benda-Beckmann

Seit ich mit etwa 10 Jahren zum ersten Mal das Tagebuch der Anne Frank gelesen hatte, habe ich mich gefragt: Was ist mit Anne passiert, nachdem das Versteck im Hinterhaus entdeckt worden ist? Ich wusste, dass sie im KZ Bergen-Belsen gestorben ist. Aber wie, wann und unter welchen Umständen?

Das vorliegende Buch schließt die große Lücke, die diese Frage bisher hinterlassen hat, und zwar nicht nur bezüglich Anne Frank selbst, sondern bezüglich aller acht Untergetauchten aus dem Amsterdamer Hinterhaus, nämlich ihrer Eltern Edith und Otto Frank sowie ihrer Schwester Margot, dem Ehepaar Auguste und Hermann van Pels nebst Sohn Peter und dem Zahnarzt Dr. Fritz Pfeffer.

Anne Frank muss etwa Mitte Februar 1945 im KZ gestorben sein, also vor etwa 77 Jahren. Wie kann ein Buch nach so langer Zeit ihre letzten Lebensmonate nachzeichnen? Dieses Werk ist das Ergebnis jahrelanger Forschung vieler Personen. Einige Zeitzeugenberichte lagen bereits kurz nach dem Krieg vor. Aber erst jetzt wurden diese systematisch zusammengetragen und durch andere Indizien ergänzt. Viele Unterlagen wie etwa Lager- und Transportlisten wurden von den Nazis vor Kriegsende vernichtet, viele Menschen, mit denen die acht Untergetauchten zusammen interniert waren, sind ermordet worden, konnten nach dem Krieg aufgrund ihrer Traumatisierung nicht detailliert berichten oder sind inzwischen verstorben. Dennoch ist es Wissenschaftlern gelungen, die Umstände der einzelnen Stationen zu rekonstruieren, indem sie ermittelten, wie es zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort gewesen ist, auch wenn kein Zeuge konkrete Angaben zum Schicksal von Anne oder ihrer Familie machen konnte. Dieses Buch widmet der Methodik dieser Aufklärung viel Platz, um die Ergebnisse besonders glaubhaft zu machen. Jede Quelle wird einzeln benannt und verifiziert, verbleibende Lücken deutlich gemacht. Es wird sogar die Frage behandelt, inwiefern sich Erinnerungen von Zeitzeugen mit der Zeit, durch die Art der Befragung oder aufgrund der erlittenen Traumatisierung verändert haben können.

Dieses Buch ist keine einfache Lektüre. Wer „nur mal schnell wissen will, was mit Anne war“, sollte die Finger davon lassen. Das Werk ist sehr wissenschaftlich mit hunderten von Fußnoten und Abbildungen. Es begnügt sich nicht damit, Ergebnisse mitzuteilen. Sehr konzentriertes Lesen ist erforderlich, um nicht den roten Faden zu verlieren. Das Buch ist nicht nach den einzelnen Personen gegliedert, sondern nach den Stationen / Orten, durch die die Gruppe und später die einzelnen gegangen sind. Jedem Kapitel ist eine ausführliche Einordnung des Ortes und seiner Umstände vorangestellt. Die Gruppe der Acht ist gemeinsam nach Auschwitz gekommen. Das Werk stellt dezidiert die Entstehung und Entwicklung des KZs Auschwitz dar, um zu erläutern, dass es einen entscheidenden Unterschied für die Überlebenschance gemacht hat, zu welchem Zeitpunkt ein Häftling dort angekommen ist. Erst danach wird berichtet, was über das konkrete Schicksal der Person herausgefunden werden konnte.

Vor der Lektüre war mit nicht bewusst gewesen, an wie vielen unterschiedlichen Orten Anne vor ihrem Tod interniert gewesen ist. Immerhin lagen nur ca. 7 Monate zwischen der Entdeckung des Verstecks am 4. August 1944 und ihrem Tod im Februar 1945. Zuerst ging es in das Untersuchungsgefängnis Huis de Bewaring in Amsterdam, dann in das niederländische Durchgangslager Westerbork. Ebenfalls nicht bewusst war mir, dass das KZ Auschwitz eine Art Drehkreuz zur Weiterverteilung von Häftlingen auf andere Lager gewesen ist. Anne und Margot sind erst nach mehreren Wochen von Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht worden. Auguste van Pels wurde hingegen nach Raguhn deportiert, Peter van Pels nach Mauthausen und Melk, Fritz Pfeffer nach Neuengamme. Überlebt hat nur Annes Vater Otto Frank.

Nicht nur die detailreiche Darstellung macht das Lesen anspruchsvoll, sondern vor allem die wörtlich wiedergegebenen Zeitzeugenberichte, welche die sinnlose Grausamkeit in den Lagern und den Sadismus der Aufseher schildern. Annes Gesicht, das mir von Fotos bekannt ist, sah ich vor mir und wusste, dass ihr dies alles angetan worden ist, nicht einer unbekannten Gruppe von Menschen. Ich konnte das Buch nur in kurzen Abschnitten lesen und musste es immer wieder zur Seite legen, um damit umgehen zu können.

„Eine andere Zeugin des Schicksals von Edith, Anne und Margot ist Rosa de Winter-Levy. Sie erinnert sich, dass Anne mit dem Leid und dem Schmerz ihrer Mitgefangenen mitfühlte und über das, was sie sah, weinen musste:

Und sie war es auch, die bis zuletzt sah, was ringsum geschah. Wir sahen schon längst nichts mehr. (…) Aber Anne war ohne Schutz, bis zuletzt. (…) Sie weinte. Und Sie können nicht wissen, wie früh schon die meisten von uns mit ihren Tränen am Ende waren.“ (S. 164)

 

Es ist ein wichtiges Buch, auf das ich – ohne es zu wissen – seit Jahrzehnten gewartet habe. Vielleicht könnte man eine abgespeckte Version erstellen, damit das Werk mehr Leserinnen und Leser erreicht. Die wissenschaftliche Komplexität ist eine Herausforderung, lohnt aber die Mühe.

Nach den Tagebuch, Bas von Benda-Beckmann, aus dem Niederländischen übersetzt von Marlene Müller-Haas, Secession Verlag, Zürich 2021, 384 Seiten, 28,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Donnerstag, 3. März 2022

The Trouble with Happiness and Other Stories, Tove Ditlevsen

Die dänische Autorin Tove Ditlevsen war für mich die literarische Entdeckung des letzten Jahres, als ihre Kopenhagen-Trilogie erstmals vollständig auf Deutsch erschienen ist (vgl. meine Rezensionen zu „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“). Auf der Suche nach weiteren ihrer vielfältigen Texte bin ich nun auf die erstmalige englische Übersetzung einiger ihrer Kurzgeschichten gestoßen, die vor wenigen Tagen erschienen ist. Eine deutsche Ausgabe liegt bisher nicht vor. Nur für zwei der zwanzig in dem Band enthaltenen Geschichten ist vermerkt, dass sie auf Dänisch 1952 bzw. 1963 erstmals erschienen sind. Die Erzählungen dürften also über einen längeren Zeitraum entstanden sein.

Die Themen der Geschichten sind unverkennbar Tove Ditlevsen! Sie spielen im Arbeiter- und Kleinbürgermilieu in Dänemark, wahrscheinlich um die Zeit ihrer Entstehung herum, also etwa in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es geht um alltägliche Situationen, die fast immer aus der Perspektive von Frauen geschildert werden. Besonderes Augenmerk gilt der Rolle der Frau in Ehe und Familie. Zumeist wird ein düsteres Bild gezeichnet, in dem die (oft mittelalte) Frau sich schmerzvoll, zuweilen resigniert abzufinden hat mit einer wenig glücklichen Ehe. Eine Frau muss heiraten, um versorgt zu sein. Um den Mann zu behalten, muss sie auf dessen Launen und Erwartungen Rücksicht nehmen (einschließlich Toleranz für Ehebruch oder Trunksucht). Geht er, hat sie schnellstens einen neuen zu finden, mit dem es ihr kaum besser ergehen wird. Das Alleinleben einer Frau ohne Ehemann scheint keine realistische Alternative gewesen zu sein. So entsprach es wohl auch der Lebenswirklichkeit der Autorin, die in ihrem Leben viermal verheiratet war.

Allen Geschichten gemeinsam ist, dass sie nicht auf einen äußeren Handlungsablauf setzen, sondern auf das innere Geschehen ihrer Erzählerinnen. Zumeist geschieht gar nicht viel, aber eine kleine Sequenz ist mit großer Bedeutung aufgeladen durch die entsprechende Bewertung der Erlebenden.

Der Ton ist ganz anders als etwa in der Kopenhagen-Trilogie. Vielleicht ist der Schreibstil erst später zu der sehr bildhaften Sprache der Romane gereift. Wahrscheinlicher steht jedoch Absicht dahinter, den Ton der kürzeren Stücke nüchterner und sachlicher zu fassen. Dennoch teilt sich das Innenleben der Protagonistinnen sehr erlebbar und intensiv mit.

Besonders gefallen hat mir die erste Geschichte, „The Umbrella“. Helga, eine Ehefrau aus kleinen Verhältnissen, wünscht sich einen Regenschirm, also einen Gegenstand, der nicht zwingend zum Leben erforderlich ist. Als sie ihn endlich kaufen kann, führt er nur zu sehr kurzer, aber inniger Freude:

„Once she was inside, she opened the umbrella and skipped around the apartment with it. Her joy was pristine. She walked just like the woman in the yellow dress from her childhood. She walked past piles of dirty dishes, through large, bright rooms with palm trees in the corners and paintings on the walls. She entered an illuminated ballroom and remembered her first dance.“ (S. 16)

Den Verlust des Schirms sieht sie als Sinnbild dafür, dass es ihr eben nicht vergönnt ist, in einen besseren Zustand mit mehr Freude zu wechseln. Schon der erste Satz der Erzählung weist Helga die Schuld für ihr Ungemach zu:

„Helga had always – unreasonably – expected more from life than it could deliver.“ (S. 3)

Hervorzuheben ist ferner die letzte und titelgebende Geschichte des Bandes, „The Trouble with Happiness“. Sie beschreibt eine junge Frau, die Schriftstellerin werden und ohne Wissen ihrer Eltern ihre Gedichte veröffentlichen möchte. Dabei ist es ihr kaum möglich, einen Augenblick allein in der Familienwohnung zum Schreiben zu finden, da die mit den Eltern bewohnten Zimmer derart beengt sind. Hier findet sich eine Kurzversion dessen, was Tove Ditlevsen in „Kindheit“ und „Jugend“ über ihr eigenes Elternhaus geschrieben hat, in dem sie begonnen hatte zu schreiben. Es finden sich auch bekannte Details darin, wie etwa Toves nur durch einen Vorhang abgeteilten Schlafbereich im Wohnzimmer oder die Tante, deren Besuchen weit mehr Aufmerksamkeit gezollt wird als Toves Schreibversuchen.

Wie in anderen ihrer Werke zeichnet Tove Ditlevsen auch in ihren kurzen Erzählungen ein Gesellschaftsportrait der damaligen Zeit. Patriarchale Strukturen werden nicht nur selbstverständlich hingenommen. Die unglücklichen Frauen geben sich auch stets selbst die Schuld am Missverhalten ihrer Männer. Geht ein Mann fremd, so liegt das an der Unzulänglichkeit seiner Frau im Bett, war ein gängiges Erklärungsmuster der Zeit. Und wenn eine Frau etwas nicht versteht, wird das wohl daran liegen, dass sie zu dumm und unerfahren ist. Die Figuren äußern keine offene Kritik an den Verhältnissen. Ihre genaue Beschreibung und das Nachempfinden aus Frauensicht sind jedoch Anlass zum Nachdenken genug und sprechen für sich. Dies dürfte die enorme Popularität der Autorin vor allem bei weiblichen dänischen Lesern ihrer Zeit erklären. Ob männliche Leser der 50er Jahre einen Sinn in diesen Alltagsgeschichten sahen, weiß ich leider nicht.  

Tove Ditlevsens Geschichten über Frauen in alltäglichen Situationen sind innig und auf den Punkt gebracht. Sie machen die Realität der Frau in den 50er und 60er Jahren erlebbar, und das teilweise so eindringlich, dass es mich friert. Der Stil zeigt eine ganz andere Facette der Autorin, die in den Romanen nicht zu finden ist. Sehr lesenswert!

The Trouble with Happiness and Other Stories, Tove Ditlevsen, aus dem Dänischen ins Englische übersetzt von Michael Favala Goldman, Penguin Books UK, 2022, 186 Seiten

(Die Rechte an der Covergestaltung liegen beim Verlag.)

Emmas Einhorn, Briony May Smith (Gastrezension von Claudia Gerhardt)

Ah, ein Einhorn-Buch, das könnte ja was für meine Kleine sein, dachte ich, als ich auf dieses Bilderbuch stieß. Der Anblick des Covers ließ ...