Sonntag, 22. November 2020

Streulicht, Deniz Ohde

Dieser sehr gelungene Debütroman hat es dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und den Aspekte-Literaturpreis gewonnen. Zu Recht. Die 1988 geborene Autorin schreibt fiktiv, jedoch mit autobiografischen Anklängen vom Aufwachsen in einem Industriegebiet, in einer Arbeiterfamilie mit Migrationshintergrund.

Ohne Bitterkeit beschreibt die namenlose Protagonistin, was ihre Realität war, wie sie ihr versuchte zu entfliehen und was es mit dem Bildungsmythos Deutschlands auf sich hat. Man muss es sich bildlich vorstellen, es auch schmecken, dann spürt man sofort die dauernde Beklemmung des Umfelds. Die Gegend im Speckgürtel einer größeren Stadt ist den Bedürfnissen des Industrieparks angepasst, in dem die Menschen schnell zur Arbeit gelangen müssen. Aus den kleinen Gärten geht die Aussicht auf Schornsteine, im Winter fällt Industrieschnee, die dickliche Luft schmeckt nach Säure.

Der Vater ist Arbeiter, die Mutter aus der Türkei zugewandert. Vater und Großvater haben den Krieg und die Zeit danach erlebt, was sich im Nichts-wegwerfen-können manifestiert. Und in dem Bedürfnis, bloß nicht aufzufallen. Lieber die Rollläden geschlossen halten, von draußen kommt selten etwas Gutes herein. Die Tochter will das alles nicht, sie sieht die sperrmüllreifen Möbel, das Aufsparen schöner Dinge „für gut“, den Dreck im Haus und davor. Sie will weg, raus aus dem Ort, aus den Gewohnheiten, aus der Sackgasse. In Deutschland gelingt der Aufstieg durch Bildung, sagt man. Sie ist klug. Dennoch klappt es in der Schule nicht so. Kann ja auch nicht, bei einem Kind aus einem bildungsfernen Haushalt. Wieso will so eine überhaupt Abitur machen? Es nützt nichts, ihren türkischen Vornamen zu verschweigen. Die Lehrer, die Mitschüler und das System sehen nur ein Migratenmädchen aus dem Arbeiterviertel.

Wir gehen mit der Heldin des Romans durch viele Brüche, erstaunliche Neuanfänge und dann Erfolge. Dennoch scheint es, als ob sie nie ankommt. Es bleibt Sprachlosigkeit.

„Das bildest du dir ein“, sagte Sophia. Es gäbe keine feindliche Gruppe, keine feindliche Umgebung. „Du nimmst die Dinge eben immer gleich persönlich“, sagt sie, und alle Anfeindungen glitten mir aus den Händen, glitten an der verspiegelten Scheibe herab und rutschten langsam zu Boden, wo sie kleben blieben wie ein Stück zerkautes Zellophan. Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon wieder verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte. (S. 124)

Deniz Ohde spricht eine sehr anschauliche Sprache, die ihre Erzählung körperlich spürbar macht. Sprachlosigkeit und Leugnung wirken erdrückend. Selbst die Mutter der Protagonistin kann ihrer Tochter nicht beibringen mit dem Rassismus umzugehen, da sie ihn wegschiebt mit der Erklärung, die Tochter sei doch Deutsche und könne nicht gemeint sein. So tief ist die Einsamkeit dieser jungen Frau, die alles in der Welt selbst lernen muss, da beide Eltern eher Last als Hilfe sind. Dabei geht es nicht nur um formale Bildung, sondern vor allem um die Spielregeln des Systems, aus dem sie sich so gern befreien will.

Deniz Ohde beschreibt eine beeindruckende, mutige junge Frau, die sich aus der Einöde der Kleinbürgerlichkeit und dem Industriedreck befreit. Man fragt sich, wo sie diese Kraft hernimmt. Es ist gut, dass jemand darüber schreibt, wie es sich anfühlt, in diesem Sumpf zu leben. Das Buch wirft die Frage auf, ob das eigentlich im 21. Jahrhundert noch sein muss.

Streulicht, Deniz Ohde, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 286 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Samstag, 21. November 2020

Das Geburtstagsfest, Judith W. Taschler

Dieser Titel kommt so unschuldig daher – Das Geburtstagsfest. Und auch das Cover drückt nicht annähernd aus, dass dies kein seichter Unterhaltungsroman im Familienkreise ist. Aber tatsächlich ist Ausgangspunkt der gesamten Handlung eine Überraschungsparty zum 50. Geburtstag von Kim.

Kim ist mit Ines verheiratet, sie haben drei Kinder und leben in Österreich. Sein 12jähriger Sohn Jonas hat sich eine ganz besondere Überraschung ausgedacht: Ohne Wissen seiner Eltern lädt Jonas zu dem Geburtstagsfest, von dem Kim gar nicht weiß, dass es stattfinden soll, Tevi ein. Jonas weiß nicht viel über die Vergangenheit seines Vaters. Er weiß aber, dass Kim als Jugendlicher aus Kambodscha geflohen und von dort zusammen mit Tevi nach Österreich gekommen ist. Hier hatte Ines‘ Mutter die beiden Flüchtlingskinder aufgenommen, als Ines noch ein Kind war. Kim hat Tevi seit über 20 Jahren nicht gesehen.

Tevis Besuch gestaltet sich nicht als reine Wiedersehensfreude, wie Jonas gehofft hatte. Denn nun brechen bei allen Beteiligten Erinnerungen auf. In Rückblenden aus wechselnden Perspektiven erfahren wir nach und nach, wie die Beteiligten aufgewachsen sind und ihre Lebenswege sich schließlich gekreuzt haben. Kim und Tevi haben in Kambodscha den Terror der Roten Khmer miterlebt. Dessen Auswirkungen werden intensiv geschildert (Vorsicht, es gibt heftige Gewaltdarstellungen!) , so dass nicht verwunderlich ist, dass insbesondere Kim am liebsten nie wieder daran denken wollte. Die Unmenschlichkeit dieses Regimes, das hauptsächlich Kinder zu Soldaten ausgebildet und willkürlich unzählige Menschen grausam ermordet hat, wirft Fragen auf, nach Verantwortung und Wahrheit, von denen jeder sich sein eigenes Bild gemacht hat.

„Wenn jemand nach der Zeit der Roten Khmer fragte, antwortete ich jedes Mal, dass ich das Glück gehabt hatte, nach dem Tod meines Vaters auf einer Entenfarm eingesetzt worden zu sein. Alleine – das war mein zweites Glück, betonte ich immer wieder -, keiner war da, der mich bespitzelte. Ich musste die Tiere betreuen, schlachten und in das nahe gelegen Arbeitslager bringen, wo sie gebraten wurden, um das Essen der Wachmannschaft aufzubessern. Sie liebten meine Enten, sagte ich abschließend immer, lachte dabei und schämte mich innerlich.“ (S. 15)

Der Roman setzt sich intensiv damit auseinander, wie verschiedene Menschen sich innerhalb eines Terrorregimes verhalten, um zu überleben, und wie sie später mit den traumatischen Wunden umgehen. Die Fragen, die der Roman aufwirft, entstehen allein durch das Kontrastieren der unterschiedlichen Charaktere, die allesamt sehr authentisch wirken. Die Handlung spitzt sich immer mehr zu, ein spannender Sog entsteht dadurch, dass sich Rückblenden und der Fortlauf der gegenwärtigen Handlung bei der Geburtstagsfeier so abwechseln, dass erst ganz zum Schluss klar wird, warum das Verhältnis der Personen heute so ist wie es ist. Dabei habe ich viel über Kambodscha gelernt, ein Land, von dem ich zuvor nicht viel gewusst habe.  

Ein ausgesprochen gelungenes Buch über einen historischen Hintergrund, spannend und stringent erzählt, mit authentischen, sympathischen Charakteren. Ohne moralisierende Kommentare regt das Buch zum Nachdenken über Diktatur und Gewalt an. Toll!

Das Geburtstagsfest, Judith W. Taschler, Droemer Verlag, München 2020, 352 Seiten, 10,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 18. November 2020

Faust (Graphic Novel), Flix

Goethes Faust ist mein Lieblingsbuch seit Schultagen. Da ich es derzeit mit meinem Neffen erneut lese und versuche, es in „Jugendsprache“ verständlich zu machen, bin ich auf diese Comic-Version aufmerksam geworden. Ich habe so gelacht und musste sie einfach kaufen!

Die Geschichte beginnt natürlich mit dem Prolog im Himmel, bei dem der Teufel mit Gott seine Wette ausheckt. Mephisto stolpert in Gotts Büro und bringt dabei auf dem PC dessen neues „Schöpfungsprogramm“ zum Absturz. Leider macht Gott keine regelmäßigen Backups. Mithilfe eines überdimensionalen Fernrohrs wird Faust vom Himmel aus ausgesucht. Mephisto will ihn auf die schiefe Bahn bringen.

Faust ist ein chaotischer Berliner Taxifahrer, der im Suff seinen Wagen zu Schrott gefahren hat. Mit seinem Mitbewohner Wagner, einem neurotischen Rollstuhlfahrer, hat er sich verkracht, weil dieser meint, Faust habe seinen Pudel umgebracht. Total begeistert ist Faust von Margarete, der Tochter eines türkischen Ladenbesitzers in Berlin, der gerne Schreinemakers im Fernsehen gekuckt hat. Ihrer kopftuchtragenden Mutter wäre es lieber, sie hieße Özlem. Und das Rumhängen mit nichtmuslimischen Männern geht natürlich gar nicht. Margaretes Mutter und Bruder werden durch seltsame Verwicklungen um die Ecke gebracht, Allahs Telefonzentrale, in der die Gebete eingehen, wird von Mephisto gekapert und selbst Gott muss hier und da mal schummeln, ähm, die Gegenwart gestalten, um seine Wette zu gewinnen.

Comiczeichner Felix "Flix" Görmann verarbeitet das Original hinreißend komisch und doch exakt. Aus allen Details der rasanten schwarz-weiß Zeichnungen sprechen Anspielungen, so ist etwa „des Pudels Kern“ sehr lustig gemacht. Insgesamt ist der Comic modern und temporeich, zeigt dabei aber alle wichtigen Gegenstände der Goethe-Tragödie.

Wer das Original kennt, wird sich über dessen intelligente Verfremdung höllisch freuen und himmlisch lachen können. Und bei wem die Goethelektüre schon etwas länger her ist, den wird die skurrile Story zwischen Himmel und Erde auch sehr gut unterhalten. Eine der besten Graphic Novels, die ich kenne!

Faust – Der Tragödie erster Teil (Graphic Novel), Flix, Carlsen Verlag, Hamburg 2010, 96 Seiten, 14,90 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Zusatz-Info:

Die Graphic Novel ist beim gleichen Verlag auch als Taschenbuchausgabe erschienen und kostet 7,99 EUR.

Montag, 26. Oktober 2020

Herkunft, Saša Stanišić

Lange bevor ich dieses Buch gelesen habe, habe ich den Autor im Internet gesehen und war begeistert von seiner engagierten Art zu lesen! Ich glaube, Saša Stanišić könnte das Telefonbuch vorlesen und es wäre lustig! Seine live Lesungen sind immer binnen kürzester Zeit ausverkauft, so dass ich bisher leider noch keine hören konnte, dafür während des Lockdowns seine Benefiz-Lesungen auf Social Media, die er von Zuhause veranstaltet hat.

Ebenso sympathisch wie die Lesungen und Interviews des Wahlhamburgers kommt sein Buch rüber, für das er 2019 den Deutsche Buchpreis gewonnen hat. Darin erzählt Stanišić, was Herkunft für ihn bedeutet. Er wurde 1978 geboren in der Stadt Višegrad, damals Jugoslawien, heute Bosnien. 1992 musste er mit seiner Mutter vor dem Krieg flüchten (der Vater kam später nach) und landete in Deutschland. Inzwischen ist er Deutscher Staatsbürger und hat diverse Bücher auf Deutsch geschrieben.

„Wie man es dreht, Herkunft bleibt doch ein Konstrukt! Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist. Als solches ein Fluch! Oder, mit etwas Glück, ein Vermögen, das keinem Talent sich verdankt, aber Vorteile und Privilegien schafft.“ (S. 33)

Stanišić sagt, dass Herkunft etwas Zufälliges sei, dem aber seltsamerweise Eigenschaften zugesprochen werden. Ebenso zufällig sei es gewesen, dass er nach der Flucht ausgerechnet in Deutschland angekommen sei. Sein Erleben war es, dass sein Zuhause oft nicht dort war, wo seine Familie sich aufhielt. Diverse Verwandte, vor allem seine geliebte Großmutter Kristina, sind in Bosnien geblieben oder in anderen Ländern gelandet. Dennoch ist die Großmutter für ihn der Dreh- und Angelpunkt seiner Herkunft.

Ganz besonders an diesem Buch ist die Erzählweise. Sie ist nicht chronologisch, obwohl der Autor über seine Kindheit, seine Jugend mit der Flucht und über Teile seines Erwachsenenlebens bis heute berichtet. Er erzählt assoziativ, man könnte es auch zeitlich chaotisch nennen. Wenn man sich aber auf diesen Stil einlässt, macht am Schluss alles Sinn. Ausgangspunkt ist die Beziehung zu seiner Großmutter, die im Alter dement geworden ist. Ähnlich wie ihr Erleben in verschiedene Jahre der Vergangenheit springt, sie auf die Heimkehr ihres längst verstorbenen Mannes wartet oder meint, sie sei ein kleines Mädchen, springt Stanišić in verschiedenste Zeiten seines Lebens zurück. Er erzählt sein Leben in Anekdoten mit ungeheurer Situationskomik und Selbstironie. Dennoch wird deutlich, in welchem Land der kleine Saša geboren wurde und wie es sich verändert hat, als er nach dem Krieg zu Besuch dorthin zurückkommt. Das bosnische Lokalkolorit kommt auch nicht zu kurz. Die Berge, das Landleben, Ferkel und sogar Drachen in Berghöhlen kommen in der Erzählung vor!

Beeindruckt hat mich, wie Stanišić über das Fremdsein spricht. Er kam in Deutschland an, ohne ein Wort der Sprache zu können.

„Du stehst vor der Tür und liest: Ziehen. Das ist eine Tür. Das sind Buchstaben. Das ist Z. Das ist I. Das ist E. Das ist H. Das ist E. Das ist N. Ziehen. Willkommen an der Tür zur deutschen Sprache. Und du drückst.“ (S. 132)

Seine Eltern waren gut ausgebildet und mussten sich dennoch mit Hilfsarbeiten durchschlagen. Die Familie hatte kein Geld, lebte in Möbeln vom Sperrmüll und die Abschiebung drohte. Saša begeisterte sich für Literatur, lernte hervorragend Deutsch, begann selbst zu schreiben. Ankommen und Hierbleiben in Deutschland gelangen ihm – seine Eltern jedoch gingen nach einigen Jahren in die USA.

Dieses Buch fasziniert mich, zeigt es doch einerseits die Herkunft als Gruppenmerkmal und andererseits das individuelle Leben eines Einzelnen. Es zeigt, wie Herkunft einengen kann, aber auch was wir daraus machen können. Vor allem aber zeigt es den klugen, witzigen Saša Stanišić, dem ich noch stundenlang zuhören könnte.

Herkunft, Saša Stanišić, Luchterhand Verlag, München 2019, 366 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Zusatz-Info:

Inzwischen ist das Werk als Taschenbuch im btb-Verlag erschienen und kostet 12,00 EUR.

Freitag, 16. Oktober 2020

Der Schrank, Olga Tokarczuk

Dieser kleine Band von Erzählungen ist mein erster Versuch, mich der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zu nähern. Die studierte Psychologin beschäftigt sich in den sieben Kurzgeschichten mit inneren Welten, dem Unbewussten, den inneren Orten, an die Menschen vor der Realität fliehen oder verbannt werden.

In der Titelgeschichte „Der Schrank“ begegnen wir einem Paar, das eine neue Wohnung mit einem alten, abgegriffenen Schrank bezieht. Die Umgebung ist schmutzig und trostlos, so dass vor allem die Frau bald mehr Zeit im Schrank als außerhalb verbringt.

In „Deus Ex“ geht es um virtuelle Welten. Viele von uns lassen sich von immer realistischer animierten Computerspielen einsaugen, in denen man eigene Welten erschaffen kann. Manche dieser Welten folgen den gleichen Regeln wie die reale Welt und ersetzen diese für den Spieler. In der Geschichte jedoch kann der Spieler die Regeln dieser Welt verändern, die Zeit beschleunigen, das Perfekte schaffen und anderes mehr, so dass er sich dem Schöpfer – Gott selbst – annähern kann.

Besonders gefallen hat mir „Zimmernummern“. Ein Zimmermädchen in einem Hotel wird in ihrer Uniform fast selbst zum Gegenstand, wenn sie durch die verlassenen Zimmer zieht, um diese von den Hinterlassenschaften der Gäste zu reinigen. Dabei kann sie einiges über die ihr unbekannten Menschen erfahren, deren Seelenzustand sie sogar riechen kann.

„Die verbliebenen Reste der Persönlichkeit des abgereisten Gastes muss man mit der eigenen Unpersönlichkeit bekämpfen. Das ist der Sinn der Verwandlung. Die Reste des Spiegelbilds jenes Gesichts muss ich nicht nur mit dem Lappen vom Spiegel wischen, ich muss den Spiegel auch mit meiner rosaweißen Gesichtslosigkeit füllen. Jenen Geruch, den Hast und Fahrigkeit hinterlassen haben, muss ich durch meine Geruchlosigkeit zerstreuen.“ (aus „Zimmernummern“, S. 28)

Wir lernen ferner die seltsame Verbindung zwischen der Geburt eines vaterlosen Kindes und „Sauermehlsuppe“, einer polnischen Spezialität, kennen. Wir sehen „Peter Dieter“ bei der Rückkehr in die alte Heimat seiner Kindheit zu und erleben, wie „Ergo Sum“ langsam wahnsinnig wird, als ihn Erinnerungen einholen.

Romantisch fand ich die Geschichte „Amos“, in der eine Frau im Traum die Stimme eines Mannes in ihrem Ohr vernimmt. Sie ist überzeugt davon, dass es diesen Mann gibt, dass er genau sie meint und sie ihn unbedingt in der realen Welt finden muss. Vor allem in dieser Erzählung wird die sehr eigene Erzählstimme der Autorin deutlich:

„Hinter ihr in der Küche klirrte der Amos aus ihrem Traum mit den Gläsern, ein lebendiger, warmer, magerer Mann mit geröteten Augen, jemand, der alles weiß und alles versteht, der in die Träume der Menschen geht, dort Liebe und Unruhe sät, jemand, der die Welt handhabt, als wäre sie ein Vorhang, hinter dem sich eine andere Wahrheit verbirgt, eine ungreifbare Wahrheit, die sich nicht auf Dinge, Ereignisse oder irgendetwas Beständiges stützt.“ (S. 93/94)

Was für ein Satz! Man muss sich einlassen auf diese fremden Welten, auf diese poetische, bedeutungsschwangere Sprache. Manchmal muss man einen Absatz zweimal lesen, um ihn voll zu erfassen. Es schwingt ebenso viel Grausamkeit wie Liebe und Sehnsucht in den Geschichten, eben das ganze menschliche Spektrum. Insgesamt ist die Tönung der Geschichte aber eher melancholisch. Die Wirklichkeit hält mit den Träumen nicht Schritt, deshalb benötigt der Mensch die inneren Parallelwelten. Dazu passt besonders gut das Coverbild, das – je nach Betrachtungsweise – sowohl eine Tür nach innen als auch eine Tür nach außen darstellt. Eine optische Täuschung, die unsere Durchlässigkeit zwischen der inneren und äußeren Welt gut verkörpert.

Olga Tokarczuk komponiert außergewöhnliche Erzählungen, die als kleine Geschichten daherkommen und bei genauerem Hinsehen ein Universum an Bedeutung bergen. Beeindruckend.

Der Schrank, Olga Tokarczuk, aus dem Polnischen übersetzt von Esther Kinsky, Gatsby im Kampa Verlag, Zürich 2020, 144 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Dienstag, 13. Oktober 2020

Eine Nacht, Markowitz, Ayelet Gundar-Goshen

Palästina – das Land, das nach Orangen duftet, so stellt Bella es sich vor. In Europa ist die Jüdin nicht mehr sicher. Aber so einfach kann man in den 1930er Jahren nicht mehr auswandern. Da kommt es ihr zu statten, dass einige Juden von eben diesem verheißungsvollen Ort sich mit dem Schiff nach Europa aufmachen, um jüdische Frauen vor den Nazis zu retten. Unter ihnen ist Jakob Markowitz, der so unscheinbar aussieht, dass niemand einen besseren Waffenschmuggler abgeben könnte als er. Zwanzig Frauen heiraten zwanzig Männer, denen sie am Abend zuvor zum ersten Mal begegnet sind. Gleich nach der Schiffsüberfahrt will man sich in Tel Aviv wieder scheiden lassen. Doch Markowitz merkt, dass ihn im Leben noch nie eine schönere Frau als Bella angesehen hat und dies wohl auch nie wieder tun wird. Er lässt Bella nicht mehr gehen, obwohl sie ihn nicht will.

So beginnt die Geschichte über die Zeit vor der Gründung des Staates Israel. Der Holocaust wütet und lässt die Menschen im fernen Palästina nicht unbeeindruckt. Dann sind da noch die Araber, die die jüdischen Siedler in ihrer Nähe nicht haben wollen. Es kommt zum Krieg mit ihnen. Die Lebensbedingungen in Palästina sind schwierig. Der Boden muss erst urbar gemacht werden. Was wächst in diesem Land, das so ganz anders ist als die europäische Heimat?

Wir begleiten nicht nur Bella und Markowitz durch diese aufregende Zeit, sondern auch ihre Nachbarn, etwa Seev Feinberg mit seinem Schnauzbart, der stets seine Stimmung verrät und seine geliebte Frau Sonia, die so richtig vor Liebe fluchen kann. Und dann gibt es noch den Irgun-Vizechef Efraim, der mit Feinberg auf dem gleichen Schiff in die neue Heimat fuhr und nun stellvertretender Kommandeur der Nationalen Militärorganisation ist. Sie alle sind auf der Suche nach Liebe, Vergessen und einer Heimat, in der sie sich sicher fühlen können.

„Die ersehnte, unerträgliche Selbstverständlichkeit der Polen oder der Deutschen oder der Österreicher war unnachahmlich. Sogar hier, in Palästina, war sie unverwechselbar. Kam ein ausländischer Gast ins Café, erkannten ihn alle auf der Stelle. Er trank seinen Kaffee nicht irgendwie anders, putzte sich auch nicht überaus anmutig die Nase mit dem Taschentuch. Aber die Tatsache, dass er sich völlig wohl in seiner Haut fühlte, wehte ihm wie ein Banner voraus, und man sah es auch an seinen Schultern, die nur die Last des eigenen Lebenswegs, seiner eigenen Erinnerungen zu tragen hatten und keine zweitausend-Jahre-Verbannung-und-wer-weiß-was-noch-kommen-mag. (…) Dann wanderten verstohlene Blicke zu den Gästen an den Nebentischen, die selbst dann, wenn sie allein dasaßen, immer noch Ermordete der Pogrome und Opfer der Inquisition und aus Spanien Vertriebene und Aufständische gegen die Römer neben sich sitzen hatten (…).“ (S. 132)

Die israelische Autorin beschreibt jüdische Heimatlosigkeit, die Brüchigkeit jüdischer Schicksale und die Sehnsucht nach dem kleinen Glück. In den persönlichen Lebenswegen wird die Geschichte eines ganzen Volkes greifbar, das Scheitern, das Ankommen, die Hoffnung. Die Geschichte wird aus rein jüdischer Perspektive geschildert, so dass die Jagd auf Nazis und die Vertreibung der Araber als Notwendigkeiten erscheinen. Neben aller Historie erzählt Gundar-Goshen in ihrem ersten Roman die Geschichte gewöhnlicher Menschen, die sich nur geliebt fühlen wollen. Das macht sie so anrührend. Eine einzige Sache befremdet mich an der Erzählweise der Autorin: sie erscheint mir übersexualisiert. Es gibt keine Seite in diesem Buch, in der nicht geschildert wird, was Männer sich über bestimmte weibliche Körperteile denken oder dass Frauen in Lust erglühen. Ist das eine Metapher für die Notwendigkeit, jeden Tag nutzen zu müssen, als wäre es der letzte, weil die Zukunft so ungewiss ist? Das sagt man der israelischen Lebensweise bis heute nach. Meinen Lesefluss hat das etwas gestört.

Der Roman macht große Historie im Kleinen sichtbar und nimmt uns mit in das gelobte Land Palästina. Ein bewegendes Buch über die Entwurzelung europäischer Juden und ihren Neuanfang.

Eine Nacht, Markowitz, Ayelet Gundar-Goshen, aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama, Kein & Aber Verlag, Zürich – Berlin 2013/2015, 432 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Streulicht, Deniz Ohde

Dieser sehr gelungene Debütroman hat es dieses Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und den Aspekte-Literaturpreis gew...