Donnerstag, 4. Juni 2020

Laufen, Isabel Bogdan

Laufen ist ein atemloses Buch. Das kurze Ein- und längere Ausatmen bestimmt den Sprachrhythmus. Eigentlich ist es mehr ein Denkrhythmus, denn das Buch ist der innere Monolog der Protagonistin über den Zeitraum eines Jahres hinweg.

Ein Jahr ist es bereits her, dass sich der Lebensgefährte der Hauptfigur das Leben genommen hat. Nach einem Jahr ist sie noch immer voll Trauer, Unverständnis und Schuldgefühlen, vor allem aber total am Ende, seelisch wie körperlich. Sie beschließt, wieder regelmäßig laufen zu gehen, was sie seit Jahren nicht mehr gemacht hat. Wir erleben mit, wie sie den inneren Schweinehund überwindet, nach wenigen Schritten überhaupt nicht mehr kann, aber dennoch mit schweren Beinen weiterläuft. Von Tag zu Tag klären sich dabei ihre Gedanken. Nicht nur dadurch, sie hat auch therapeutische Hilfe.

Die Protagonistin hat nicht nur zu verarbeiten, dass sie einen geliebten Menschen verloren hat. Sie macht sich Vorwürfe, seinen Freitod nicht verhindert zu haben. Sie kämpft mit der Art, wie seine Eltern mit seinem Tod und mit ihr umgehen – sie waren ja schließlich nicht verheiratet. Sie trauert darum, dass sie nun Mitte vierzig ist und ihr Kinderwunsch nach dem Tod des Partners unerfüllt bleiben wird. Sie ist zu alt. Wie soll das Leben überhaupt weitergehen? Darf sie wieder lachen, etwas Buntes anziehen, sich für Männer interessieren? Das Laufen wird zum Symbol all der Dinge, die sie glaubt nicht zu können und sie dann doch bewältigt.

„Ob mein Hirn mir sagen will, dass ich besser vorankäme, wenn ich wüsste, wo ich hinwill, wie unsubtil, erst mal möchte ich nur laufen, vielleicht finde ich noch heraus, wohin ich will, und nicht nur, wovor ich weglaufe, am liebsten würde ich rückwärtslaufen, das Leben zurückspulen und dich vielleicht noch retten, dafür sorgen, dass du gesund bleibst, dass du zum Arzt gehst, als ginge das, vielleicht gibt es ja ein paar tolle Bachblüten oder Einhornessenzen.“ (S. 39)

Die Themen des Buches sind schrecklich und tun weh. Es wäre der Alptraum jeder Frau, ihren langjährigen Partner auf diese Weise zu verlieren, einschließlich des Kinderthemas. In der Rückschau wird klar, dass das Paar bereits Jahre vor dem Suizid kein einfaches Leben mehr hatte, da der Mann an Depression erkrankt war. Damit zu leben ist nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für die Lebensgefährtin schwer zu ertragen. Das Buch hat mich nicht gepackt, teilweise unangenehm berührt, was ich aber nicht dem Roman anlasten möchte, sondern eher den Themen, die ich schwer aushalten konnte. Vielleicht musste ich die Gefühle der Protagonistin deshalb etwas auf Abstand von mir halten. Auch liegt es mir fern, mich derart beim Sport auszupowern, wie es die Hauptfigur tut, um ihrem Alltag Struktur zu verleihen. Die Geschichte spielt in Hamburg, meiner Heimatstadt, so dass ich bei den beschriebenen Laufrunden um die Alster das Terrain immer deutlich vor mir sehen konnte. Das war vielleicht zu dicht für mich. So kann ich nicht sagen, dass es ein Lesevergnügen war, aber dennoch kein schlechtes Buch. Obwohl der Roman rein fiktiv ist und keinen autobiografischen Hintergrund der Autorin hat, wurde die Geschichte glaubhaft transportiert.

Eine Frau läuft sich frei von Trauer und unerfüllter Sehnsucht. Die Themen kamen mir etwas zu nah, die Trauer war mir zu viel. Vielleicht ist das ein Qualitätsmerkmal der Schreibe?

Laufen, Isabel Bogdan, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, 208 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 1. Juni 2020

Korbinian mit dem Wunschhut, Annegert Fuchshuber

Dieses Bilderbuch (ab 4 Jahren geeignet) war eins meiner liebsten, als ich ein Kind war! Erstmalig erschien es 1976 und war lange vergriffen. Nun wurde es wieder neu aufgelegt. Ich mag die schrulligen Illustrationen und die tolle Message der Geschichte.

Korbinian Ohrwaschl ist ein Junggeselle, der mit seiner Katze in einer Etagenwohnung lebt. Eines Tages findet er einen Wunschhut auf seinem Tisch.

„Du und ich, wir wissen, was man mit einem Wunschhut macht. Korbinian musste erst in seinem alten Märchenbuch nachsehen. Vorsichtig setzte er dann den Hut auf, schloss die Augen, drehte den Hut dreimal, wie es sich gehört, und wünschte sich einen Apfelbaum in sein Zimmer.“

Ich liebe die Art und Weise, wie das Magische als wahr vorausgesetzt wird. Und Korbinians Wünsche sind einfach die besten! Ein Apfelbaum, der mitten aus dem Teppich wächst und wunderschöne Äpfel trägt – wer wünschte sich das nicht? Korbinian ist begeistert! Aber nach und nach erfahren andere Leute von dem Wunschhut und geben Korbinian alle möglichen ungebetenen Ratschläge. Er solle sich doch einen Sack voll Geld oder ein dickes Auto wünschen. „Das kann ich ja immer noch tun.“, ist Korbinians stets höfliche Antwort – obwohl derlei langweiliges Zeug ihn natürlich gar nicht interessiert. Er wünscht sich lieber Socken, die niemals Löcher bekommen und eine Flöte, die einem gleich das Spielen beibringt. Diese Dinge machen Korbinian sehr glücklich. Und schließlich findet er einen Weg, wie er nicht mehr von all den materialistischen Besserwissern belästigt wird.

Es wurde Zeit, dass dieser zauberhafte Kinderbuchklassiker neu aufgelegt wurde! Im 21. Jahrhundert ist sein Thema aktueller denn je. Ein Buch zum Verlieben.

Korbinian mit dem Wunschhut, Annegert Fuchshuber, Thienemann Verlag, Stuttgart 2020, 32 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Sonntag, 31. Mai 2020

Die Hochzeit der Chani Kaufman, Eve Harris

Durch die Lektüre von „Unorthodox“ und „Überbitten“ war ich schon so im Thema des ultraorthodoxen Judentums drin, dass ich im Anschluss das vorliegende Buch von meinem SuB gelesen habe. Es geht wieder um eine chassidische Gemeinschaft, diesmal jedoch nicht in den USA, sondern in London im Jahr 2008.

In der Rahmenhandlung geht es um die 19jährige Chani Kaufman. Nachdem ihre beiden älteren Schwestern bereits geheiratet und Familien gegründet haben, ist Chani nun an der Reihe, dass für sie eine Ehe arrangiert wird. Ungewöhnlicherweise äußert der aus einer wohlhabenden Familie stammende 20jährige Baruch einen eigenen Wunsch, wen er gern heiraten würde, nämlich Chani, die er während einer Hochzeitsfeier unter den Gästen von weitem gesehen hat. Obwohl seine Mutter ganz andere Kandidatinnen im Auge hatte, sucht sie Mrs. Gelbman, die Heiratsvermittlerin der Gemeinde auf, um sie zunächst über Chanis Familie zu befragen. Dass nur eine Chassidin als Braut in Betracht kommt, versteht sich von selbst. Aus dem Gespräch ergibt sich jedoch, dass ein bedeutender Unterschied in den finanziellen Verhältnissen beider Familien besteht, was Baruchs Mutter sehr abschreckt. Dennoch gibt sie den Bitten ihres Sohnes nach, ein erstes Treffen zu arrangieren. Ob daraus eine Verbindung werden kann, scheinen aber am wenigsten die jungen Leute selbst in der Hand zu haben.

Eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielt die Rebbetzin, die Frau des Rabbiners. Sie unterweist die jungen heiratswilligen Frauen in den jüdischen Gesetzen über eheliche Pflichten und Reinheit. In Rückblenden in das Jahr 1982 erfährt der Leser, wie sie ihren Mann während eines Auslandsjahrs in Jerusalem kennengelernt hat. Beide sahen ihr Judentum zunächst eher locker, wurden dort jedoch von einer stärkeren Frömmigkeit angezogen. Fünfundzwanzig Ehejahre später ist sich die Rebbetzin jedoch nicht mehr sicher, was von der gemeinsamen Begeisterung und dem Mann, für den sie sich damals entschieden hat, noch übrig ist. Von ihren Zweifeln darf in der Gemeinde selbstverständlich nichts ruchbar werden. Auch ihrem Mann muss sie diese verschweigen.

"Etwas stimmte nicht. Das Bett war nass. Die Rebbetzin setzte sich auf. Ein Krampf. Dann kehrte der Schmerz als dumpfes Pochen zurück.

"Chaim? Chaim!" (...)

Eilig knipste der Rabbi das Licht an und stieß die Bettdecke zur Seite. (...) Er machte einen Satz aus dem Bett und starrte an seinem Pyjama hinab. Die Flüssigkeit war durch das dünne Matrial gedrungen und klebte an seiner Haut. Er zitterte. Ihr Blut war nidda, und deshalb war sie es auch. Im Notfall würden doch sicher alle Gesetze aufgehoben, oder? (...) Ein Gesetz verbot ihm, sie zu berühren, und ein anderes besagte, dass er um jeden Preis ihr Leben retten musste." (S. 46/47)

Eine weitere Nebenhandlung rankt sich um Baruchs besten Freund Avromi, den Sohn des Rabbiners. Sehr fromm erzogen ist er ein Musterschüler an der jüdischen Schule. Aufgrund seiner besonderen Leistungen haben seine Eltern zugestimmt, dass er ein Jurastudium an einer weltlichen Universität in London aufnimmt. Es kommt, wie es kommen muss: Er verliebt sich in eine nichtjüdische Studentin. Die Beziehung muss natürlich geheim bleiben. Aber nicht nur das belastet Avromi, sondern auch sein ständiger Verstoß gegen die jüdischen Gesetze, die es nicht erlauben, dass ein unverheirateter Mann eine (nicht mit ihm nah verwandte) Frau berührt.

Die fiktive Geschichte bildet exemplarisch diverse typische Konflikte in der streng religiösen Gemeinschaft ab. Da gibt es eher säkulare Juden, die mehr Frömmigkeit suchen, aber auch ultraorthodoxe Juden, denen das strenge Regelkorsett unmenschlich und überholt erscheint. Das Problem arrangierter Ehen wird angesprochen und kontrastiert mit den Alternativen, nämlich der Liebesheirat innerhalb (die Rebbetzin) und außerhalb (Avromi) der chassidischen Gemeinde.

Die in London lebende Autorin hat als Lehrerin u.a. an einer jüdisch-orthodoxen Mädchenschule unterrichtet und zeitweise in Tel Aviv gelebt. Obwohl sie die jüdische Gemeinschaft mithin von innen kennt, erscheint ihr Roman mir deutlich weniger authentisch als die autobiografische Erzählung „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Die Geschichte ist recht vorhersehbar, die Charaktere bleiben eher blass und verkörpern eher einen Typus (z.B. die Frau eines Rabbiners) als einen echten Menschen. Die Erzählweise ist etwas „weichgespült“, möglicherweise mit Blick auf einen nichtjüdischen Leser. Die geschilderten seelischen Konflikte sind theoretisch nachvollziehbar, haben mich aber nicht annähernd so berührt wie die Erzählung von Deborah Feldman. Auf der anderen Seite ist der vorliegende Roman aber viel leichter lesbar. Viele jiddischen oder hebräischen Begriffe werden im Text direkt erklärt, finden sich aber auch in einem Glossar am Ende. Aus meiner Sicht ist das Buch weniger spannend, aber eher unterhaltend und leichter zugänglich für Leser, denen jede Vorkenntnis über jüdisches Leben fehlt.

Ein leicht lesbarer Roman über die Probleme arrangierter Ehen im chassidischen Milieu Londons, dessen Charaktere leider etwas zu flach geraten sind und daher Klischees Vorschub leisten können. Dennoch unterhaltsam.

Die Hochzeit der Chani Kaufman, Eve Harris, aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 464 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Laufen, Isabel Bogdan

Laufen ist ein atemloses Buch. Das kurze Ein- und längere Ausatmen bestimmt den Sprachrhythmus. Eigentlich ist es mehr ein Denkrhythmus, den...