Es war schon lange mein Traum, einmal eine ganze Nacht in
einer Buchhandlung zu verbringen. Endlos stöbern zu können ohne Rücksicht auf
Ladenschluss, mich unbeobachtet hinfläzen beim Lesen und alles, alles erkunden
und anlesen zu können, das war mein Wunsch. Lange habe ich nach einer passenden
Buchhandlung gesucht, habe mit dem Einschließen für ein paar Stunden begonnen
(siehe mein Artikel „
Nachts in der Buchhandlung“), und nun endlich meinen Traum
leben können. Dieses Wochenende habe ich in der Buchhandlung Schwarz auf Weiß in
Buxtehude übernachtet!!
Es war ein Gesamterlebnis, bei dem von Anfang bis Ende alles
gestimmt hat. Ich hatte bei der Inhaberin Tanja Drecke vorsichtig telefonisch
angefragt, ob Übernachtungen wegen der derzeit geringen Coronainzidenz
vielleicht wieder möglich wären. Sodann erklärte sie mir in unserem
vergnüglichen Telefonat, dass die Buchhandlung bereits seit 15 Jahren diese
Übernachtungen anbiete. Die Termine von Samstag auf Sonntag seien immer
mindestens ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht. Oh je, muss ich jetzt so lange
warten? Nein, sagte sie, ich könne auch an einem anderen Wochentag kommen. Und
so konnte ich mit nur zwei Wochen Vorlauf von Freitag auf Samstag übernachten.
Toll, wie flexibel das geht! Wer klein anfangen will, kann sich auch nur am
Sonntag tagsüber in der Buchhandlung vergnügen ohne Übernachtung.

Die Buchhandlung Schwarz auf Weiß ist ideal ausgestattet fürs
Übernachten, das Team ausgesprochen unkompliziert. Am Freitagabend holte ich
den Ladenschlüssel kurz vor Geschäftsschluss ab, setzte mich in eines der nahegelegenen
Restaurants zum Abendessen, damit das Team in Ruhe die Kasse abrechnen und
aufräumen konnte, und betrat dann kurz vor halb acht allein die leere und
dunkle Buchhandlung. Schon das Aufsperren mit dem „Schlüssel zum Paradies“
hatte was. Die Schaufenster waren von innen mit einem Vorhang zugehängt, so
dass niemand von außen hereinsehen konnte. Ich machte die Festtagsbeleuchtung
an und dachte: „Alles meins! Nur für mich!“

Ich fand im hinteren Teil des Ladens eine bezogene Matratze
auf dem Boden vor (Decke und Kissen ist selbst mitzubringen), dazu ein frisches
Handtuch, einen Willkommensgruß mit einer Notfalltelefonnummer, Wasser war
bereitgestellt am Lesetisch mit zwei Sesseln nebst Leselampe und sogar die
Klimaanlage mit Fernbedienung stand zu meiner Verfügung (wunderbar, denn es war
heiß). Im Hinterzimmer befindet sich eine voll ausgestattete Küche, wo ich mir
als erstes eine Tasse Tee machte, sowie ein kleines Bad mit WC und Waschbecken.
Was braucht man mehr?
Wie ein kleiner, schnüffelnder Hund begann ich jeden Winkel
des Ladens zu erkunden, von links nach rechts, ganz systematisch, um ja nichts
zu verpassen. Neben Büchern und Hörbüchern gibt es ein großes non-book
Sortiment, insbesondere Geschirr und Gläser in der Kochbuchabteilung, aber
natürlich auch schöne Postkarten, Lesezeichen und Notizbücher. Das Besondere an
dieser Buchhandlung ist, dass es so gut wie keine Regale gibt, in denen die
Bücher nur mit dem Buchrücken zum Kunden stehen. Es ist stets das ganze Cover
zu sehen. Das macht die Auswahl etwas kleiner, bringt die vorhandenen Bücher
aber voll zur Geltung. Schon beim Betreten des Ladens bemerkt man den Geruch,
den die Esoterikabteilung ausströmt. Dort gibt es Räucherstäbchen, die zwar im
Laden nie angezündet werden, wie mir versichert wurde, die aber auch verpackt einen
leichten Duft abgeben.

Nach einem Überblicksrundgang griff ich zu den Büchern, die
mir gleich ins Auge gefallen waren, Querbeet, vom Kochbuch für Afternoon Tea im
Stil der 1940er Jahre über ein süßes Buch mit Geschichten, Gedichten und
Cartoons für Katzenliebhaber bis hin zu einem Bildband mit schönen
Buchplakaten. Dann ging es in die Sachbuchabteilung, in einer Essaysammlung las
ich mich das erste Mal richtig fest. Dann kamen die Romane dran. Von vielen
Büchern hatte ich schon gehört, nun konnte ich sie alle einmal in die Hand
nehmen und anlesen. Manche legte ich rasch beiseite – doch nicht mein Geschmack.
Andere fand ich ganz toll, las längere Passagen bei einer Tasse Tee und setzte
sie gedanklich auf die Wunschliste. Im Preis der Übernachtung ist ein
Buchgutschein von 20 EUR enthalten, so dass ich wusste, dass ich wenigstens ein
paar Bücher mit nach Hause nehmen würde. Wunderbar war das unbeobachtete Lesen.
Manches Buch musste ich gleich im Stehen aufschlagen, andere las ich auf dem
Tritthocker sitzend, manche nahm ich mit zum Tisch und setzte mich in einen
Sessel, andere nahm ich mit ins Bett und naschte beim Lesen meine mitgebrachten
Pralinen. Einfach schön! Natürlich stöberte ich auch im Abholfach im
Hinterzimmer. Die Bücher der anderen sind ja immer die interessantesten…

Nach etwa drei Stunden setzten erste Ermüdungserscheinungen
ein. „Nein“, dachte ich, „es ist doch noch so viel zu lesen da! Ich will nicht
schlafen, ich will durchmachen!“ Aber es nützte nichts, aus dem Alter des
Nächte-Durchmachens bin ich eindeutig raus. Ich schaltete die Deckenbeleuchtung
aus und kuschelte mich auf der Matratze ein. Umgeben von all den Bücherregalen
lag es sich wunderbar. Leise knackten im Dunkeln die gestapelten Gläser und die
Regale, draußen liefen die Nachschwärmer durch die Altstadt von Buxtehude. Das
Schaufensterlicht gab dem Laden einen Lichtschimmer. So schlief ich ein. Nach wenigen
Stunden erwachte ich zum Glück, denn ich wollte doch unbedingt das neben mir
liegenden Buch weiterlesen! Ich bediente mich sodann in der direkt neben mir
befindlichen Kinder- und Jugendbuchabteilung. Ein großformatiges Sachbuch mit
tollen Zeichnungen, in dem Albert Einsteins Relativitätstheorie für Kinder
erklärt wird, gefiel mir ausnehmend gut. Aber irgendwie habe ich es nachts um 3
h dann doch nicht alles so ganz verstanden. Ich schlief erneut ein.

Gegen 5.30 h kam, wie angekündigt, kurz der
Bücherwagenfahrer herein und brachte die großen grauen Wannen mit neuen
Büchern. Er hat einen Schlüssel und stellt die Kisten im Eingang ab, bevor er
wieder abschließt. Ich lag gut versteckt hinter mehreren Büchertischen und
blinzelte nur kurz. Um 7h stand ich auf, machte mich frisch und ging in die
letzte Runde. Ein Comicband der Mumins wollte noch gelesen werden. Außerdem habe
ich mich ins Gästebuch eingetragen. Da waren manche ja sogar schon mehrmals zum
Übernachten hier… Kurz nach 8 h kamen die Buchhändlerinnen, um den Laden für
die Samstagsöffnung vorzubereiten. Nach einem kurzen Schwatz und einer
herzlichen Verabschiedung ging ich die Straße hinunter zum Café „Süße Sünde“,
wo bereits ein Tisch zum Frühstück für mich reserviert war (auch das ist im
Übernachtungspreis inbegriffen). Bei strahlendem Sonnenschein nahm ich in einem
Strandkorb Platz und ließ mir die Brötchen schmecken. Nun aber schnell nach
Hause fahren, ehe mir noch die Augen zufallen. Den Samstag habe ich
größtenteils zuhause verschlafen.
Ich habe die Nacht in der Buchhandlung sehr genossen! Es ist
doch etwas ganz anderes, als während der Öffnungszeiten zu stöbern. Die besondere
Atmosphäre zwischen so vielen Büchern war auch zum Schlafen wirklich schön. Ich
kann dieses Erlebnis nur jeder/m Buchbegeisterten empfehlen und würde mir
wünschen, dass noch mehr Buchhandlungen in Deutschland es anbieten. Natürlich erfordert
es viel Vertrauen, einer/m Fremden den Ladenschlüssel zu überlassen. Aber ich
denke, dass nur echte Bücherfreundinnen und -freunde sich für eine Buchung
entscheiden, die so viel Respekt vor Büchern und Buchläden haben, dass sie
nichts kaputt machen oder stehlen würden. Jedenfalls möchte ich das glauben, angesichts
der vielen netten Buchmenschen, die ich so kenne. Mein Traum ist jedenfalls in
Erfüllung gegangen und ich kann nicht ausschließen, dass ich zur Wiederholungstäterin
werde.
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Übernachtungs-/Buchgutschein mit Maskottchen
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Ich danke ganz herzlich der Buchhandlung Schwarz auf Weiß,
der Inhaberin Tanja Drecke und der lieben Frau Alberts, die mich in Empfang
genommen hat, für das schöne Erlebnis und die Fotoerlaubnis. Die Buchhandlung
befindet sich in der Ritterstraße 9 in Buxtehude/Niedersachsen. Die
Übernachtung kostet derzeit 80 EUR inklusive Büchergutschein und Frühstück.
Folgekosten durch Buchkäufe sind nicht auszuschließen. Die Übernachtung habe
ich selbst bezahlt und gebe meine Empfehlung unabhängig und nicht auf Wunsch der
Buchhandlung ab.