Sonntag, 29. März 2020

Morgen räum ich auf, Shelagh Armit

Braucht jemand Motivation für einen Frühjahrsputz? Oder eine sinnvolle Beschäftigung während des Lock Downs? Ausmisten ist derzeit Trend. Wie man hört, sind die Recyclinghöfe und Müllkippen der Republik teilweise wegen Überfüllung geschlossen, weil die Deutschen der Aufräumwut verfallen, wenn sie mal nicht aus dem Haus gehen sollen.

Wer sich diesem Trend anschließen möchte, dem sei diese Sammlung kurzer Texte empfohlen, die alle möglichen Aspekte des Themas beleuchtet. Doris Dörrie hat speziell für diesen Band die Kurzgeschichte „Put-zen“ beigesteuert, in der die Protagonistin herausfindet, dass im Putzen auch ein Zen-Aspekt enthalten sein kann.

Mein persönlicher Favorit des Bandes ist aber Oliver Uschmanns „Urlaub mit Wischmopp“. Der Erzähler fährt mit seinem Bruder Heiko in den Urlaub. Andere Leute würden die Strecke mit dem Auto an einem Tag schaffen. Wenn Heiko dabei ist, kann man das vergessen. Jedes Jahr das Gleiche, da helfen keine Tricks und Ablenkungsmanöver. Selbst der Gang zur Toilette auf dem Rastplatz kann zur Falle werden.
„Er stapft den Hügel hinauf in den Rasthof, (…) Als er nach drei Minuten wiederkommt, werfe ich den Motor an, doch Heiko schüttelt den Kopf. „Wir können noch nicht fahren. Die Toiletten da drin, das kann so nicht bleiben.“
„Nein“, sage ich, doch er öffnet schon den Kofferraum, um seine Putzsachen zu holen. (…) Diese Freude in seinen stahlblauen Augen. Diese entwaffnende Euphorie. Wie seine Grübchen vor Vorfreude tanzen. Nicht weil wir gleich an den Strand gehen oder eine attraktive Frau mit ihm flirtet, nein. Er strahlt, weil er jetzt losziehen und das verdreckte Klo putzen kann.“ (S. 38)
Die Notwendigkeit des Aufräumens und Entsorgens ergibt sich besonders oft im Zusammenhang mit dem Tod. Viele Kinder müssen das Elternhaus leerräumen und finden dabei die absonderlichsten Dinge. Mancher hat dies zu seinem Beruf gemacht und entsorgt als Entrümpler die Dinge anderer und gewinnt dabei oft ein Bild derer, die zuletzt dort gewohnt haben. Eine Schwedin berichtet von der Kunst, seinen Nachlass noch vor dem eigenen Tod selbst zu entrümpeln, um es den Kindern zu ersparen. Staubsauger spielen erstaunlich oft eine Rolle. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind die faszinierenden Wunderwerke der Technik in Haushalten zu finden. Ob sie immer auch benutzt wurden, ist eine andere Frage.

Manch philosophische Frage stellt sich beim Entrümpeln. Was bleibt von einem menschlichen Leben? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Horten und Sammeln? Ist ein Museum nicht auch irgendwie eine Art des Hortens von Dingen, die man nicht wegwerfen mag?

Neben Kurzgeschichten finden sich auch Sachtexte in dieser Sammlung, etwa die höchst vergnügliche Anleitung von 1907, wie die gute Hausfrau ihren Haushalt täglich mittels Bürsten, Teppichklopfern und Einspannen des Hausmädchens zu pflegen habe. Oder ein Auszug aus Karen Kingstons Ratgeber-Klassiker „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ mit nützlichen Tipps. Ich habe beim Lesen tatsächlich mit dem Putzen und Wegwerfen begonnen. Es steckt an!

Verschiebt das Aufräumen auf morgen. Heute lest Ihr erstmal dieses Buch.

Morgen räum ich auf, ausgewählt von Shelagh Armit, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 240 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Donnerstag, 26. März 2020

Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd, Charlie Mackesy


Dies ist ein außergewöhnliches Buch! Es ist gerade erst erschienen, aber bereits ein Klassiker, geeignet für alle zwischen 8 und 80, wie es in der Einleitung heißt. Man sollte das Buch nicht als Kinderbuch „abtun“. (Ich persönlich bin ja ohnehin ein großer Kinderbuchfan und finde, auch Erwachsene sollten sie unbedingt lesen.) Dieses Buch hat große philosophische Tiefe und ist dabei ganz einfach.

Da ist zunächst mal ein Junge, der ziemlich einsam ist. Ihm begegnet ein Maulwurf, der furchtbar gierig auf Kuchen ist. Die beiden erkunden die Wildnis und unterhalten sich. Die Wildnis ist wie das Leben, manchmal hell, manchmal geschüttelt von Unwetter, aber irgendwie schön. Das sehen wir in den einfachen Tuschezeichnungen des Autors, die vom Stil an die Originalillustrationen von Winnie the Pooh erinnern. Den beiden begegnet unterwegs ein Fuchs. Das ist keine einfache, da lebensbedrohliche Situation für einen kleinen Maulwurf. Aber er geht phantastisch damit um.

„Eine unserer größten Freiheiten liegt darin, wie wir auf die Dinge reagieren.“

Das Gespann zieht zu dritt weiter. Der Fuchs redet nicht viel. Aber er gehört dazu. Ein Pferd stößt zu der Gruppe. Es ist riesengroß! Und es geht den Weg weiter mit den Freunden. Alle sind darüber einig, dass man meistens einfach nur nach Hause will. Auch wenn zuhause nicht unbedingt ein Ort sein muss.

Die vier unterschiedlichen Reisegenossen sprechen über ihre Erfahrungen im Leben. Vor allem der Junge hat viele Fragen. Es geht um Liebe, Erwartungen, Freundlichkeit und Scheitern - um nichts weniger als die ganze Welt.

„Manchmal denke ich, ihr glaubt mehr an mich als ich selbst“, sagte der Junge.
„Du holst uns schon noch ein“, sagte das Pferd.

Man kann das Buch von Anfang bis Ende lesen. Man kann es aber auch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und einen dieser wunderbaren Sätze lesen, die so herrlich ermutigend, liebevoll und hoffnungsfroh sind. Man kann auch einfach Kuchen essen. Denn das hilft meistens, findet der Maulwurf.

Eine warmherzige Mischung aus Winnie the Pooh und Der kleine Prinz, und doch ganz eigen. Das muss man lieben!

Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd, Charlie Mackesy, aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg, List Verlag bei Ullstein Buchverlage, Berlin 2020, 128 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 25. März 2020

Die Glasschwestern, Franziska Hauser


Franziska Hausers Roman „Die Gewitterschwimmerin“ war für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Da mir das Buch gut gefallen hatte, war ich sehr neugierig auf ihren neuen Roman. Wieder hat die Geschichte einen DDR-Bezug, auch wenn dieser nicht ganz so prägend ist wie im Vorgängerroman. Die Autorin ist 1975 in Ost-Berlin geboren.

Dunja und Saphie sind Zwillinge, sind sich jedoch gar nicht ähnlich, weder äußerlich noch innerlich. Zusammen mit ihrer zehn Jahre jüngeren Schwester Lenka nennt man sie im Dorf „die Glasschwestern“, weil ihr Vater Glasbläser gewesen ist. Nach der Wende ist das Glasbläserkombinat jedoch bald abgewickelt worden. Man sagt, das Leben von Zwillingen verlaufe oft seltsam parallel. Durch Zufall und ohne Zusammenhang sterben die Männer von Dunja und Saphie am selben Tag. Beide reagieren sehr unterschiedlich darauf, wollen sich aber unbedingt gegenseitig beistehen. Saphie betreibt im Heimatdorf der Familie ein kleines Hotel. Dunja, die ihre beiden Kinder in der Stadt aufgezogen hat, zieht zu Saphie und hilft ihr im Hotel. Ihr Sohn Jules studiert, ihre Tochter Augusta geht auch bereits eigene Wege. Saphie, die keine Kinder hat, ist froh über die Hilfe im Betrieb. Wir begleiten die Familie durch das erste Jahr nach den Todesfällen.

„An dieser Bushaltestelle hat Dunja mit ihrer Schwester zehn Jahre lang jeden Morgen gestanden und auf ihr Leben gewartet. Sie stellt sich vor, sie hätte als Jugendliche dieser Frau gegenübergesessen, als die sie jetzt auf der anderen Straßenseite steht: Sieh mich an. Ist es das, worauf du gewartet hast? (…)
Ihr fällt wieder ein, warum sie nie zurückkehren wollte. Der Ort ignoriert, was das Leben woanders aus ihr gemacht hat. Was in der Stadt aus ihr geworden ist, will niemand wissen. Stattdessen zeigt ihr der Ort wie ein alter Spiegel, wer sie damals hier gewesen ist. Dass sie dem Dorf ihre Kinder vorenthalten hat, wird es ihr nie verzeihen.“ (S. 60)

Der Tod ihrer Männer bringt beiden Frauen zum einen Einsamkeit, zum anderen neue Freiheit. Beide stellen – zu unterschiedlichen Zeitpunkten – alle ihre Lebensumstände in Frage. War die Beziehung eine glückliche? Was bleibt, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Was bleibt, wenn man nie Kinder gehabt hat? Will ich in der Stadt oder auf dem Land leben? War die Berufswahl die richtige? Kann man mit fast vierzig noch einmal etwas ganz Neues anfangen? Dass der Tod des Partners einen Neuanfang bringen muss, ist klar. Bedarf es dazu aber einer gedanklichen Aufarbeitung der Vergangenheit oder ist es besser, einfach nach vorne zu schauen? Dunja und Saphie gehen durch Phasen von Verleugnung, Zusammenbruch, Reflektion und Selbsterforschung. Manchmal erkennen sie die Schwester kaum wieder, oft wissen sie nicht, wer sie selbst eigentlich sind. Ob sie wollen oder nicht, ihr Heimatdorf ist angefüllt mit Kindheitserinnerungen, dem Tratsch der Dorfbewohner, deren Familien seit Ewigkeiten dort wohnen, und der Person, die Dunja und Saphie als Kinder dort gewesen sind. Nach und nach wird den Schwestern bewusst, dass es Dinge in der Vergangenheit gibt, über die sie nie gesprochen haben, über die andere viel mehr zu wissen scheinen als sie selbst. Sie müssen sich den Dingen stellen.

Franziska Hauser beschreibt die inneren Prozesse ihrer Figuren in einem langsamen Tempo, lässt uns teilhaben an ihren inneren Widerständen und ihren Träumen. Sogar nachts spielt Glas eine große Rolle. Beiden Schwestern erscheint im Traum ein gläserner Mensch – ein alter ego? Der Vater hat wunderschöne Kugeln, Perlen und kleine Tiere aus Glas hergestellt, aber an einer Glasscherbe kann man sich auch gefährlich schneiden. Glas kann leicht zerbrechen, ebenso wie Lebensträume und Pläne. Aus Glas kann man erfrischendes Wasser und prickelnden Sekt trinken. Man kann dabei aber auch zu tief ins Glas schauen. Glas kann eine Lebensgrundlage, kann Kunst sein – oder ein bedeutungsloses Accessoire, das einen nicht ernährt. Die Glasschwestern sind nicht so durchsichtig, wie sie meinen. Es ist nicht alles klar, nur weil es aus Glas ist. Das an sich interessante Thema hätte einen etwas stärkeren Spannungsbogen vertragen können, um den Leser auf über 400 Seiten bei der Stange zu halten.

Ein leiser Roman mit wunderschönen Glasmetaphern, in dem selbst Schicksalsschläge und Todesfälle unspektakulär wie ein kleines Rauschen erzählt werden.

Die Glasschwestern, Franziska Hauser, Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln 2020, 430 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Quasi, Sara Mesa

Quasi vierzehn ist sie, als sie beschließt, nicht mehr in die Schule zu gehen, also eigentlich dreizehn. Sie mag die Schule nicht, wo an...