Mittwoch, 25. März 2020

Die Glasschwestern, Franziska Hauser


Franziska Hausers Roman „Die Gewitterschwimmerin“ war für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert. Da mir das Buch gut gefallen hatte, war ich sehr neugierig auf ihren neuen Roman. Wieder hat die Geschichte einen DDR-Bezug, auch wenn dieser nicht ganz so prägend ist wie im Vorgängerroman. Die Autorin ist 1975 in Ost-Berlin geboren.

Dunja und Saphie sind Zwillinge, sind sich jedoch gar nicht ähnlich, weder äußerlich noch innerlich. Zusammen mit ihrer zehn Jahre jüngeren Schwester Lenka nennt man sie im Dorf „die Glasschwestern“, weil ihr Vater Glasbläser gewesen ist. Nach der Wende ist das Glasbläserkombinat jedoch bald abgewickelt worden. Man sagt, das Leben von Zwillingen verlaufe oft seltsam parallel. Durch Zufall und ohne Zusammenhang sterben die Männer von Dunja und Saphie am selben Tag. Beide reagieren sehr unterschiedlich darauf, wollen sich aber unbedingt gegenseitig beistehen. Saphie betreibt im Heimatdorf der Familie ein kleines Hotel. Dunja, die ihre beiden Kinder in der Stadt aufgezogen hat, zieht zu Saphie und hilft ihr im Hotel. Ihr Sohn Jules studiert, ihre Tochter Augusta geht auch bereits eigene Wege. Saphie, die keine Kinder hat, ist froh über die Hilfe im Betrieb. Wir begleiten die Familie durch das erste Jahr nach den Todesfällen.

„An dieser Bushaltestelle hat Dunja mit ihrer Schwester zehn Jahre lang jeden Morgen gestanden und auf ihr Leben gewartet. Sie stellt sich vor, sie hätte als Jugendliche dieser Frau gegenübergesessen, als die sie jetzt auf der anderen Straßenseite steht: Sieh mich an. Ist es das, worauf du gewartet hast? (…)
Ihr fällt wieder ein, warum sie nie zurückkehren wollte. Der Ort ignoriert, was das Leben woanders aus ihr gemacht hat. Was in der Stadt aus ihr geworden ist, will niemand wissen. Stattdessen zeigt ihr der Ort wie ein alter Spiegel, wer sie damals hier gewesen ist. Dass sie dem Dorf ihre Kinder vorenthalten hat, wird es ihr nie verzeihen.“ (S. 60)

Der Tod ihrer Männer bringt beiden Frauen zum einen Einsamkeit, zum anderen neue Freiheit. Beide stellen – zu unterschiedlichen Zeitpunkten – alle ihre Lebensumstände in Frage. War die Beziehung eine glückliche? Was bleibt, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Was bleibt, wenn man nie Kinder gehabt hat? Will ich in der Stadt oder auf dem Land leben? War die Berufswahl die richtige? Kann man mit fast vierzig noch einmal etwas ganz Neues anfangen? Dass der Tod des Partners einen Neuanfang bringen muss, ist klar. Bedarf es dazu aber einer gedanklichen Aufarbeitung der Vergangenheit oder ist es besser, einfach nach vorne zu schauen? Dunja und Saphie gehen durch Phasen von Verleugnung, Zusammenbruch, Reflektion und Selbsterforschung. Manchmal erkennen sie die Schwester kaum wieder, oft wissen sie nicht, wer sie selbst eigentlich sind. Ob sie wollen oder nicht, ihr Heimatdorf ist angefüllt mit Kindheitserinnerungen, dem Tratsch der Dorfbewohner, deren Familien seit Ewigkeiten dort wohnen, und der Person, die Dunja und Saphie als Kinder dort gewesen sind. Nach und nach wird den Schwestern bewusst, dass es Dinge in der Vergangenheit gibt, über die sie nie gesprochen haben, über die andere viel mehr zu wissen scheinen als sie selbst. Sie müssen sich den Dingen stellen.

Franziska Hauser beschreibt die inneren Prozesse ihrer Figuren in einem langsamen Tempo, lässt uns teilhaben an ihren inneren Widerständen und ihren Träumen. Sogar nachts spielt Glas eine große Rolle. Beiden Schwestern erscheint im Traum ein gläserner Mensch – ein alter ego? Der Vater hat wunderschöne Kugeln, Perlen und kleine Tiere aus Glas hergestellt, aber an einer Glasscherbe kann man sich auch gefährlich schneiden. Glas kann leicht zerbrechen, ebenso wie Lebensträume und Pläne. Aus Glas kann man erfrischendes Wasser und prickelnden Sekt trinken. Man kann dabei aber auch zu tief ins Glas schauen. Glas kann eine Lebensgrundlage, kann Kunst sein – oder ein bedeutungsloses Accessoire, das einen nicht ernährt. Die Glasschwestern sind nicht so durchsichtig, wie sie meinen. Es ist nicht alles klar, nur weil es aus Glas ist. Das an sich interessante Thema hätte einen etwas stärkeren Spannungsbogen vertragen können, um den Leser auf über 400 Seiten bei der Stange zu halten.

Ein leiser Roman mit wunderschönen Glasmetaphern, in dem selbst Schicksalsschläge und Todesfälle unspektakulär wie ein kleines Rauschen erzählt werden.

Die Glasschwestern, Franziska Hauser, Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG, Köln 2020, 430 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Die Zeit ist kaputt, Klaus Kordon

Jedes Kind kennt Erich Kästner. Seine Kinderbücher wie "Emil und die Detektive" oder "Das doppelte Lottchen" sind weiter...