Mittwoch, 17. Juli 2019

Und es schmilzt, Lize Spit

Der Debütroman der jungen Belgierin Lize Spit hat es in sich! Er wurde mir sehr empfohlen, hat mich eingesogen, mitgerissen und durchgeschüttelt. Sieht man genau hin, so erkennt man, dass die Buchstaben auf dem Buchcover aus Eis bestehen mit darin eingeschlossenen Blumen. Eiskalt kann einem bei diesem Roman durchaus werden.

Das Mädchen Eva erzählt uns in wechselnden Zeitperspektiven von ihrem Leben und ihrer Familie in einem kleinen flämischen Kaff. Sie hat zwei Geschwister, den älteren Bruder Jolan und die jüngere Schwester Tesje. Der erste Schock ereilt den Leser, als sie berichtet, dass ihr älterer Bruder die Hälfte eines Zwillingspaars war. Die Zwillingsschwester wurde tot geboren. Ansonsten geht der Roman los wie eine normale Familiengeschichte, unaufgeregt erzählt. Es ist gerade dieser Erzählton, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Denn nach und nach berichtet Eva von schrecklichen Details ihres Lebens, so als wären sie ganz normal. Denn sie sind für Eva normal. Es war schon immer so.
 
Eva ist inzwischen Ende zwanzig und kehrt nach neun Jahren Abwesenheit in ihr Heimatdorf zurück, nachdem sie nach Brüssel gezogen ist. Anlass ist eine Gedenkfeier für Jan, der 30 Jahre alt geworden wäre - wenn er denn noch leben würde. Zu Anfang gibt es nur Andeutungen. Erst zum Schluss des Romans erfährt der Leser, wie Jan zu Tode gekommen ist und warum. Während Eva uns den Ablauf dieses Tages der Heimkehr minutiös schildert, gibt es Rückblenden in den denkwürdigen Sommer 2002, den Sommer nach Jans Tod, in dem Eva etwa 13 Jahre alt war. Sie berichtet von den „Drei Musketieren“, die aus ihr selbst und den beiden gleichaltrigen Jungen Pim und Laurens bestanden. Die Dorfschule war so klein, dass die drei Kinder die einzigen Schüler ihres Jahrgangs waren und in einer „Zustellklasse“, also im gleichen Klassenraum wie ein anderer Jahrgang unterrichtet wurden. Das schweißt natürlich zusammen. Aber im Laufe der Geschichte erfährt der Leser, dass aus Freunden manchmal Feinde werden können. Das geschah im Sommer 2002.

Eine dritte Erzählebene wird durch weitere Rückblenden aufgemacht, in denen Eva von ihrer Familie erzählt, von ihrer Kindheit und auch späteren Erlebnissen mit den Familienmitgliedern. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr Details lassen den Leser spüren, dass mit dieser Familie irgendetwas nicht stimmt. Aber was? Erschreckend wird der Alltag einer dysfunktionalen Familie geschildert, die den drei Kindern keinerlei Schutz bietet. Jeder der drei Geschwister geht damit anders um, aber bei allen hinterlässt die Familie schmerzhafte Spuren.
„Wäre vor zwanzig Jahren eine dreißigjährige Version meiner selbst plötzlich aufgetaucht und hätte gesagt: „Ich weiß, was passieren wird, mach, dass du hier wegkommst“, dann hätte ich mich keinen Zentimeter bewegt. Dann wären Tesje und ich einfach sitzen geblieben, nicht, weil wir glücklich waren, sondern weil Dinge erst geschehen müssen, bevor man sie bereuen kann, und auch weil die Tüte Chips Pickles noch nicht leer war.“ (S. 329)
Der Sog dieses Romans entsteht durch Andeutungen und kleine Details, deren Wichtigkeit man erst viel später begreift. Wir wissen, dass Jan tot ist. Aber wie ist er gestorben? Wir wissen, dass in Evas Familie etwas Ungeheuerliches passiert sein muss. Aber was? Auch die drei Freunde sprechen nicht mehr miteinander. Wie konnte dies geschehen, nachdem sie lange so eng verbunden schienen? Und was schmilzt nun eigentlich? Es entsteht eine ungeheure Spannung beim Lesen. Man muss einfach wissen, wie das alles zusammen hängt! Dabei fällt man spätestens in der zweiten Hälfte des Romans von einer Ohnmacht in die nächste angesichts der Dinge, die Eva erlebt. Es erfordert Mut, über diese Tabus zu schreiben, aber auch Mut, sich ihnen beim Lesen zu stellen. Harter Tobak. Ich kann nur vermuten, dass auch autobiografische Elemente von der Autorin verarbeitet worden sein müssen. Anders ist die schmerzhaft realistische Schilderung von Evas Gefühlen und Gedanken kaum zu erklären. Die Erzählung ist so dicht, dass ich sie körperlich spüren konnte.

Ein literarisches Meisterwerk, das starker Nerven bedarf. Die Handlung ist tief und organisch konstruiert, der Erzählstil ist phänomenal!

Und es schmilzt, Lize Spit, aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2018, 512 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Mit Staunen und Zittern, Amélie Nothomb

Die Belgierin Amélie Nothomb ist teilweise in Japan aufgewachsen und spricht perfekt Japanisch. Mit Anfang Zwanzig möchte sie in einem jap...