Donnerstag, 21. März 2019

Leipziger Buchmesse 2019, Tag 1


Müde, aber glücklich blicke ich auf den ersten Messetag zurück. Bei strahlendem Sonnenschein und Frühlingswetter war es nicht so schlimm, dass sich bei Messebeginn an allen Eingängen enorme Warteschlangen bildeten. Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse ist die Leipziger viel kleiner (es werden dennoch über eine halbe Million Besucher erwartet) und auch eher eine Publikumsmesse. Dies ist leicht bemerkbar an den Massen von Schulklassen und dem umfangreichen Begleitprogramm in der ganzen Stadt.

Überall – in Möbelgeschäften, Kneipen, Theatern und natürlich Buchhandlungen - finden Lesungen statt unter dem Motto „Leipzig liest“. Lesebegeisterung zu wecken, vor allem bei Kindern, ist das erklärte Ziel, das mit viel Liebe verfolgt wird. Aber auch in den Messehallen scheint mir das Angebot an Lesungen größer zu sein als in Frankfurt. Frau weiß gar nicht, wo sie zuerst zuhören soll. Gehört habe ich z.B. Jan Drees, dessen Buch ich kürzlich besprochen habe, sowie Katja Frixe, eine großartige Kinderbuchautorin, deren Reihe „Der zauberhafte Wunschbuchladen“ ich sehr liebe.

Käuferschwundstudie

Dass Leseförderung dringend Not tut, hat auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bemerkt, insbesondere nachdem im letzten Jahr die von ihm durchgeführte Studie zum Käuferverhalten veröffentlicht worden ist. Ergebnis war, dass der Buchhandel in den vergangenen fünf Jahren ca. 6 Millionen Buchkäufer verloren hat, insbesondere in der Gruppe der 20- bis 49-jährigen. In einer hochkarätig besetzten Runde wurde nun die Situation ein Jahr danach diskutiert.

Erfreulich ist, dass der seit Jahren anhaltende Abwärtstrend gestoppt werden konnte und es im letzten Jahr sogar einen Zuwachs von ca. 300.000 Käufern zu verzeichnen gab. Insgesamt war sich die Runde aus Börsenverein, Marketing und Verlegern einig, dass es mehr Transparenz und Zugehen auf die Leser bedarf. Es wurde darauf hingewiesen, dass es Märkte gibt, die der deutsche Buchhandel in keiner Weise bedient, etwa dass Menschen mit Migrationshintergrund oft keine Möglichkeit haben, Bücher in ihren Heimatsprachen über den deutschen Handel zu erwerben, nicht einmal im besonders starken Segment der Kinder- und Jugendbücher. Eine Anfrage beim größten türkischen Kinder- und Jugendbuchverlag habe ergeben, dass dieser keinerlei Export seiner Bücher nach Deutschland betreibe, da es bislang nicht einmal einen Großhändler gebe, der den Transfer übernimmt. Ähnlich schwer sei es, Bücher in arabischer oder polnischer Sprache in Deutschland zu erwerben.

Ein neu gegründeter deutscher Manga-Verlag geht neue Wege in Sachen Transparenz und zeigte auf YouTube, wie der Verlag entstand, die ersten Titel in der Druckerei hergestellt wurden etc., mit dem Ergebnis, dass Kaufanfragen (auch von einem großen Filialisten) kamen, noch bevor das Verlagsprogramm stand. Dieser Verlag berichtet über große Nachfrage gerade aus dem Käufersegment der ab 20jährigen, und zwar keinesfalls im eBook- sondern im Printbereich der Bücher.

Ferner wurde bemängelt, dass es im Buchhandel kaum Angebote im Preissegment unter 5 EUR gebe. Netflix und Co. würden das Entertainment in diesem Preisbereich allein besetzen. Gerade das Online-Freizeitangebot konkurriert aber mit dem Buch um die begrenzte Freizeit der Leute, so die Studie.
Ideen, die zur Trendwende am Buchmarkt beitragen könnten, gibt es also genug.

Künstliche Intelligenz

Im Fachprogramm vertreten waren IT-Experten, welche der Medien- und Literaturbranche den Einsatz künstlicher Intelligenz schmackhaft machen möchten. Und zwar – ernsthaft – unter dem Motto: Sammeln Sie alle Daten, auch wenn Sie (noch) nicht wissen, wozu Sie diese gebrauchen können (etwa mit welchem Browser Kunden auf die Website zugreifen o.ä.). Und das in Zeiten der Datenschutzverordnung…

Es ist erstaunlich, was im Bereich des Online-Handels bereits möglich ist, etwa durch das Zeigen personalisierter Cover, je nachdem, wer nach einem Artikel sucht. Es wird also von Algorithmen nicht nur die Ware selbst ausgesucht, die dem Kunden vorgeschlagen wird, sondern sogar derselbe Artikel in unterschiedlicher Aufmachung gezeigt, um den Käufer zu gewinnen.

Dieser Vortrag war kaum literaturspezifisch, dafür aber umso gespenstischer in der Auswirkung. Da wird einem wieder bewusst, welche enormen Datenspuren man im Internet hinterlässt und wie diese von Händlern (meist vom Kunden unbemerkt) genutzt werden.

Literatur

Ansonsten sind natürlich die großen Publikumsverlage, die kleinen unabhängigen Verlage und natürlich die Selfpublisher mit Ständen vertreten. Da kann frau mal in Ruhe schmökern und sich aussuchen, was als nächstes gelesen werden könnte. Die Zukunft dieses Blogs ist also gesichert. ;-)

Deutsche Nationalbibliothek

Ein besonderes Highlight heute war eine Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig. Engagiert und kurzweilig berichtete unsere Führerin über die Geschichte und Arbeit der 1912 gegründeten Bibliothek. Diese ist so interessant, dass ich ihr einen eigenen Post widmen möchte, den ich erst nach der Buchmesse werde schreiben können. Ich freue mich vor allem über die Veröffentlichungserlaubnis für meine zahlreichen Fotos. Die alten und neuen Gebäude sind wunderschön!

Das Abendprogramm von „Leipzig liest“ muss ohne mich stattfinden. Morgen früh um 10 h startet Tag 2 der Messe. Dafür muss die Buch-Lady ausgeschlafen sein.

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