Sonntag, 30. August 2020

Offene See, Benjamin Myers

Mögt Ihr das Meer? Der 16jährige Robert hat das Meer noch nie gesehen. Überhaupt hat er noch nicht viel gesehen und erlebt, kommt er doch aus einem kleinen Bergarbeiterdorf in Nordengland und der Krieg ist gerade erst vorbei. Es ist 1946, als Robert die Schule beendet. Seine Zukunft scheint ihm vorgezeichnet zu sein. Wie sein Vater und dessen Vater wird er unter Tage arbeiten, jedenfalls scheinen das alle zu erwarten. Bevor er sich mit dieser Zukunft befasst, macht Robert sich auf den Weg ans Meer. Er verdingt sich unterwegs als Tagelöhner und nächtigt in Scheunen oder seinem kleinen Zelt. Was für ein Abenteuer!

Voll Neugier und Freude betrachtet Robert die vor ihm liegende Welt, die immer größer zu werden scheint. Dann begegnet er Dulcie, einer ungewöhnlichen Dame, die mit ihrem Hund Butler in einem abgelegenen Cottage wohnt. Eigentlich will Robert ihr nur etwas im Garten helfen. Aber dann entwickelt sich schnell eine Art Freundschaft zwischen den beiden, nicht nur weil Dulcie so wunderbar kochen kann.  Dulcie gibt Robert Bücher zu lesen. Sie sieht Potenzial in ihm und gibt zu bedenken, ob das Leben nicht auch ganz anders sein könnte. Aber auch Robert sieht etwas in Dulcie – die etwas schrullige Dame hat ein Geheimnis, über das sie nicht sprechen will. Etwas scheint sie sehr zu bedrücken, und das Meer macht ihr Angst. Es gelingt Robert und Dulcie durch den anderen eine neue Perspektive einzunehmen, auf das Leben und die offene See.

„Die wenigsten wissen das“, sagte Dulcie. „Aber mache Menschen lesen ja auch ihr ganzes Leben lang kein einziges Buch – dich meine ich nicht damit, du machst etwas, das sogar noch besser ist: Du lebst das Leben. Aber es gibt da draußen einige, die selbst die Zeitung nur dafür benutzen, Fisch darin einzuwickeln und Katzenscheiße aufzuheben.“ (S. 65)

Abgesehen von Dulcies Sprache, die manchmal deutlich-derb daherkommt, ist das Buch in wundervoll poetischer Weise geschrieben. Man riecht den englischen Frühsommer und sieht die Morgenröte des Lebens. Dulcie steht für das Prinzip, dass es keine Frage des Alters ist, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Roberts Lebenshunger ist ansteckend, das Buch strotzt von Aufbruchsgeist. Es ist wunderbar mitzuerleben, wie zwei völlig unterschiedliche Menschen einander auf Augenhöhe begegnen, verstehen und das Beste in einander hervorbringen. Dabei handelt es sich nicht um eine Liebesgeschichte à la Harold and Maude. Robert und Dulcie bleiben die ganze Zeit per Sie. Dennoch knüpfen sie eine großartige Verbindung. Ich habe vor allem Dulcie sehr ins Herz geschlossen. Die Lektüre war sehr genussvoll, nicht zuletzt die Stellen, an denen gegessen wird. Herrlich wird das Meer in Szene gesetzt, es ist Weite und Tiefe, Freiheit und Untergang zugleich.

Ein luftiges Wohlfühlbuch mit Tiefgang, das nach gutem Wein und Brot mit Butter schmeckt. Man möchte aufspringen und zum Meer laufen oder sich mit einem guten Buch und einer Tasse Brennnesseltee auf die Terrasse setzen, beides gleichzeitig.

Offene See, Benjamin Myers, aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, DuMont Verlag, Köln 2020, 270 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Donnerstag, 20. August 2020

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens, Tom Barbash

Wir befinden uns in New York City, Ende 1979. Die Familie Winter lebt im bekannten Dakota Building an der Central Park West, einer der teuersten Adressen der Stadt. Man ruft einander auf dem Festnetztelefon an und hört seine Musik von Kassetten. Es gibt kein Internet und CNN steht kurz davor, als erster Fernsehsender mit 24 Stunden Nachrichtenprogramm auf Sendung zu gehen. Buddy Winter war bis vor kurzem ein erfolgreicher Talkshowmoderator mit eigener Show – bis er einen Nervenzusammenbruch erlitt, während laufender Sendung aus dem Studio stürmte und verschwand. Sein Sohn Anton, Anfang 20, erzählt uns die Geschichte, wie sein Vater versucht wieder auf die Füße zu kommen. Dabei spielt Anton eine nicht unwesentliche Rolle, denn er hat in der Vergangenheit eng mit seinem Vater zusammengearbeitet, seine Witze überarbeitet, über seine Talkgäste recherchiert und die Fragen vorbereitet.

Nicht nur Buddy hat sich nach dem Zusammenbruch eine Auszeit genommen. Auch Anton ist für ein Jahr nach Afrika zum Peace Corps gegangen und gerade erst nach New York zurückgekehrt. Seine Mutter und sein jüngerer Bruder Kip sind froh, dass er wieder da ist. Das Familienleben hat sich verändert, seit Buddy nicht mehr jeden Tag eine Show zu stemmen hat. Es bleibt Zeit für Gespräche und gemeinsame Ausflüge. Dennoch will Buddy zurück ins Showgeschäft. Der Weg ist steinig. Die Sender sind skeptisch, ob Buddy wirklich wieder stabil genug ist.

„Die Wochen vergingen und ich fühlte mich immer zielloser, was ich aber mitunter genoss. (…)

Unterm Strich wurde meine Rückkehr aus dem Skript gestrichen. Entweder kaperte Buddy meine Geschichten, in dem er sie erzählte, bevor ich dazu kam („Und dann taucht er auf, und da schwimmt doch tatsächlich keine zehn Meter vor ihm ein Nilpferd…“), oder die Leute waren sowieso mehr an seinen Zukunftsplänen interessiert als an meinen. Es war wie die Partyszene in Die Reifeprüfung, nur dass in unserer Version die Gäste Benjamin nach der Gesundheit und den Plänen seines Vaters fragten.“ (S. 38)

Der Roman dreht sich um die Beziehung zwischen Buddy und Anton, in der Buddy der strahlende Star ist, der viel Bestätigung braucht, und Anton alles tut, um der Karriere seines Vaters zu nützen. An der inneren Einkehr Buddys kann er jedoch nicht teilnehmen, da Buddy die Familie zurückgelassen und sich allein auf eine Reise begeben hatte. Als Gegenfigur dient John Lennon, der ein Nachbar der Winters im Dakota ist. Man trifft sich zu zwanglosen Partys und unterhält sich im Fahrstuhl. Wie Buddy hat John eine Auszeit vom Showgeschäft hinter sich. Die letzten fünf Jahre hat er sich als Hausmann um den kleinen Sohn Sean gekümmert, während seine Frau Yoko das Geschäftliche managte. Er hat seit Jahren keinen Song geschrieben, fühlt nun aber neue Kreativität und den Wunsch nach einem neuen Album. John entwickelt sich zu einem väterlichen Freund Antons. Beide teilen ein bedeutsames Erlebnis, das ihnen den Weg in die Zukunft weist. Anton entdeckt Dinge in seiner Beziehung zu John, die es in seiner Beziehung zum Vater nicht gibt. Es fällt ihm schwer seinen eigenen Weg zu finden, ohne Buddy im Stich zu lassen.

Die Story an sich ist gut. Der Roman zeichnet ein authentisches Panorama der Zeit Anfang der 1980er in New York. Jedoch hat die Geschichte in der Mitte einige Längen in den Passagen, in denen Buddy erfolglos Klinken putzen muss, um wieder ins Geschäft zu kommen. Wohl um das politische Klima einzufangen ist da noch die Nebenhandlung um den Präsidentschaftswahlkampf. Antons Mutter unterstützt Ted Kennedy, der allerdings bei den Vorwahlen Jimmy Carter unterliegt. Diesen Nebenschauplatz fand ich unnötig. Die Geschichte verläuft etwas im Sande. Eindeutig am Besten gefallen haben mir die Teile über John Lennon, die zwar fiktiv sind, aber sich tatsächlich so ereignet haben könnten. Mit Buddy und John werden zwei ganz unterschiedliche Männer und Vaterfiguren kontrastiert, beide vor dem verrückten Hintergrund des Showbusiness. Leider bleibt die Figur des Sohns Anton charakterlich recht blass. Es wird zwar deutlich, welche Gedanken dieser sich macht, warum er so und so handelt. Die Figur bleibt dabei aber blutleer, verkopft und emotional für mich nicht fassbar. Interessant finde ich, dass die Nennung John Lennons im Buchtitel nur im Deutschen auftaucht. Das Amerikanische Original heißt hingegen „The Dakota Winters“. Vielleicht hatte ich mir deshalb mehr Schwergewicht auf John Lennon erhofft, der jedoch nur eine Nebenfigur ist.

Ein interessanter Roman über männliche Identität, Vater-Sohn-Beziehungen und das New York von 1980, dem allerdings etwas Kürzung und ein emotionalerer Erzähler gutgetan hätten.

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens, Tom Barbash, aus dem Englischen übersetzt von Michael Schickenberg, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2020, 350 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Dienstag, 18. August 2020

#angsthase, Meike Stewen

Ich komme mehr und mehr auf den Geschmack Kurzgeschichten zu lesen. Die acht Geschichten des vorliegenden Bandes haben mir sehr gut gefallen. Die geneigten Leserinnen dieses Blogs kennen Meike Stewen vielleicht schon aus meinem mit ihr geführten Interview zum National Writers Month und der Leseprobe aus ihrem Roman „Der ungefähre Arsch“, den sie unter dem Pseudonym Judith Gavenny schreibt.

Meike Stewen betreibt die Kunst der Auslassung in ihren Geschichten. Eine Szene wird angedeutet, der genaue Hintergrund bleibt teilweise im Dunkeln, denn es kommt auf die Interaktion im geschilderten Moment an. So zeigt sich die Universalität mancher Begebenheit, die auch unter anderen Umständen hätte stattfinden können. Auf diese Weise beleuchtet die Autorin einen bunten Strauß menschlicher Gefühle in ihren leicht lesbaren und doch tiefsinnigen Geschichten.

In „Salzwasser“ geht es um eine verschwundene Mutter, die versucht Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen, in „Störgeräusche“ dann um einen verschwundenen Vater, der eher keinen Kontakt aufnimmt. Sehnsucht nach heilen Elternbeziehungen schwingt in beiden mit.

In „Frau Zlatnik hat sich immer sehr bemüht“ geht die Autorin genussvoll mit den hässlichen Seiten eines Menschen um, mit Abscheu, Missgunst und ein bisschen Boshaftigkeit. Sie scheut nicht vor einer unsympathischen (?), aber menschlichen Protagonistin zurück. Möchten wir nicht alle mal etwas Fieses tun?

Um unangenehme Gefühle geht es auch in „Bei drei auf den Bäumen“, und um die Kunst, sie zu verdrängen um zu funktionieren. Lieber verdrängen würde so manche von uns auch am liebsten die schrillen Achtzigerjahre, jedenfalls wenn man in diesen Teenager war (wie die Autorin). „Live ist nicht immer lustig“ beschreibt eine Alltagssituation in dieser Zeit, in der deutsche Fußballgötter noch Kaltz, Breitner und Magath hießen und die genervte Atmosphäre sich zieht wie ein alter Kaugummi. Kommt mir sehr bekannt vor, ich war auch Teenager in den Achtzigern.

Während die meisten Geschichten sehr realistisch sind, ist mit „Angsthase“ auch eine futuristische bis phantastische Geschichte dabei zum Thema Verlust.

Besonders gefallen hat mir die Story „Sprich doch nicht immer so leise“. Zwei Frauen sitzen auf der Heimfahrt von einer Feier im Auto. Und die eine hat immer recht, macht verdammt nochmal immer alles richtig – und nervt dabei sowas von! Jede von uns kennt so eine. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Aber frau ist nicht machtlos gegen sie…

„Manuela hat recht. Das geht jetzt schon seit Jahren so. Manuela hat die Wahrheit gepachtet und bleibt nie die Miete schuldig. Manuela sagt Sieh doch mal und Hör doch mal und Denk doch mal darüber nach. Manuela behält immer die C-O-N-T-E-N-A-N-C-E, weil sie, bevor sie reagiert, erst das Wort durchbuchstabiert.“ (S. 57)

So richtig schön vom Leder zieht Meike Stewen in „Überflüssig“. Fängt man erstmal damit an zu sagen, was alles überflüssig, doof und nervig ist, kann man schwerlich wieder aufhören. Oft musste ich nicken beim Lesen. Herrlich!

Starke Geschichten mit Witz und scharfer Alltagsbeobachtung, schnell gelesen, aber lange im Sinn verbleibend. Sehr lesenswert!

#angsthase, Meike Stewen, Verlag DichtFest, Wittendörp 2020, 74 Seiten, 7,90 EUR (brochiert), auch als gebundene Geschenkausgabe mit Lesebändchen erhältlich

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke der Autorin für das kostenlos zur Verfügung gestellte Exemplar.)

Sonntag, 16. August 2020

Das Sams und der blaue Drache, Paul Maar

Das Sams gehört zu meinen Lieblingskinderbuchfiguren, mit denen ich aufgewachsen bin. Gerade ist ein neuer Band erschienen. Waaas? Paul Maar schreibt immer noch? Oh ja, der 82jährige ist nicht zu stoppen! Es ist der 10. Band über das freche Wesen mit den blauen Wunschpunkten. Das Besondere ist, dass es nicht an den vorigen Band anschließt, sondern an die Handlung des 2. Bands. Sams-Experten erinnern sich, dass Herr Taschenbier sich im 2. Band eine Wunschmaschine gewünscht hatte, mit der es allerhand Trubel gab, die dann aber explodierte und nicht mehr zu gebrauchen war. Das tat Paul Maar hinterher leid. Er wollte noch weitere Verwicklungen mit dieser herrlichen Maschine erfinden. Hier sind sie.

Das Sams langweilt sich, während Herr Taschenbier bei der Arbeit ist. Nur die olle Frau Rotkohl ist zuhause. Trotz des ausdrücklichen Verbots seines Papas macht sich das Sams an der (nicht explodierten) Wunschmaschine zu schaffen und wünscht sich etwas. Wir wissen ja schon, dass man bei dieser Maschine sehr genau wünschen muss, sonst kommt Quatsch heraus. In diesem Fall kann die Maschine nicht unterscheiden zwischen einem Drachen, den man an einer Schnur in die Luft steigen lässt, und einem lebendigen Fabelwesen. Und so bekommt das Sams einen Kumpel, den es natürlich vor Papa Taschenbier und Frau Rotkohl verstecken muss. Wohin das wohl führt? Gibt es überhaupt echte Drachen? Und wo kommt das Tier her?

„Der Stuhl polterte durch das Zimmer, stieß gegen den Schreibtisch und blieb da liegen.

‚Au!‘, schrie das Sams. Es war auf etwas Stacheligem gelandet.

Gleichzeitig rief noch jemand: ‚Au!‘

Das Sams stand auf und schaute, wer da unter ihm gerufen hatte.

Es hatte auf einem Drachen gesessen. Aber es war kein Stoffdrachen.“ (S. 43)

Das Sams ist lustig wie immer und reimt die ganze Zeit, sogar die Kapitelüberschriften. Der kleine blaue Drache ist niedlich beschrieben und macht natürlich Unsinn mit dem Sams. Mir gefällt diese Geschichte besser als einige der späten Sams-Bände, in denen Herr Taschenbier selber schon Vater ist. Sie ist näher am ursprünglichen Charme der ersten Bände. Die farbigen Illustrationen dieses Bandes sind von Paul Maar selbst. Die finde ich ebenfalls schöner als die Bilder der Neuauflagen der ersten Bände. Das liegt vielleicht an der Gewohnheit. Schließlich begleite ich das Sams schon seit den 70er Jahren. Seine roten Haare müssen einfach bürstenmäßig nach oben stehen und richtig stachelig aussehen.

Hoffentlich bleibt uns Paul Maar noch lange erhalten und schreibt weiterhin so schöne Sams-Geschichten im ursprünglichen Setting. Die machen mir am meisten Spaß.

Das Sams und der blaue Drache, Paul Maar, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2020, 186 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...