Dienstag, 18. August 2020

#angsthase, Meike Stewen

Ich komme mehr und mehr auf den Geschmack Kurzgeschichten zu lesen. Die acht Geschichten des vorliegenden Bandes haben mir sehr gut gefallen. Die geneigten Leserinnen dieses Blogs kennen Meike Stewen vielleicht schon aus meinem mit ihr geführten Interview zum National Writers Month und der Leseprobe aus ihrem Roman „Der ungefähre Arsch“, den sie unter dem Pseudonym Judith Gavenny schreibt.

Meike Stewen betreibt die Kunst der Auslassung in ihren Geschichten. Eine Szene wird angedeutet, der genaue Hintergrund bleibt teilweise im Dunkeln, denn es kommt auf die Interaktion im geschilderten Moment an. So zeigt sich die Universalität mancher Begebenheit, die auch unter anderen Umständen hätte stattfinden können. Auf diese Weise beleuchtet die Autorin einen bunten Strauß menschlicher Gefühle in ihren leicht lesbaren und doch tiefsinnigen Geschichten.

In „Salzwasser“ geht es um eine verschwundene Mutter, die versucht Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen, in „Störgeräusche“ dann um einen verschwundenen Vater, der eher keinen Kontakt aufnimmt. Sehnsucht nach heilen Elternbeziehungen schwingt in beiden mit.

In „Frau Zlatnik hat sich immer sehr bemüht“ geht die Autorin genussvoll mit den hässlichen Seiten eines Menschen um, mit Abscheu, Missgunst und ein bisschen Boshaftigkeit. Sie scheut nicht vor einer unsympathischen (?), aber menschlichen Protagonistin zurück. Möchten wir nicht alle mal etwas Fieses tun?

Um unangenehme Gefühle geht es auch in „Bei drei auf den Bäumen“, und um die Kunst, sie zu verdrängen um zu funktionieren. Lieber verdrängen würde so manche von uns auch am liebsten die schrillen Achtzigerjahre, jedenfalls wenn man in diesen Teenager war (wie die Autorin). „Live ist nicht immer lustig“ beschreibt eine Alltagssituation in dieser Zeit, in der deutsche Fußballgötter noch Kaltz, Breitner und Magath hießen und die genervte Atmosphäre sich zieht wie ein alter Kaugummi. Kommt mir sehr bekannt vor, ich war auch Teenager in den Achtzigern.

Während die meisten Geschichten sehr realistisch sind, ist mit „Angsthase“ auch eine futuristische bis phantastische Geschichte dabei zum Thema Verlust.

Besonders gefallen hat mir die Story „Sprich doch nicht immer so leise“. Zwei Frauen sitzen auf der Heimfahrt von einer Feier im Auto. Und die eine hat immer recht, macht verdammt nochmal immer alles richtig – und nervt dabei sowas von! Jede von uns kennt so eine. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Aber frau ist nicht machtlos gegen sie…

„Manuela hat recht. Das geht jetzt schon seit Jahren so. Manuela hat die Wahrheit gepachtet und bleibt nie die Miete schuldig. Manuela sagt Sieh doch mal und Hör doch mal und Denk doch mal darüber nach. Manuela behält immer die C-O-N-T-E-N-A-N-C-E, weil sie, bevor sie reagiert, erst das Wort durchbuchstabiert.“ (S. 57)

So richtig schön vom Leder zieht Meike Stewen in „Überflüssig“. Fängt man erstmal damit an zu sagen, was alles überflüssig, doof und nervig ist, kann man schwerlich wieder aufhören. Oft musste ich nicken beim Lesen. Herrlich!

Starke Geschichten mit Witz und scharfer Alltagsbeobachtung, schnell gelesen, aber lange im Sinn verbleibend. Sehr lesenswert!

#angsthase, Meike Stewen, Verlag DichtFest, Wittendörp 2020, 74 Seiten, 7,90 EUR (brochiert), auch als gebundene Geschenkausgabe mit Lesebändchen erhältlich

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke der Autorin für das kostenlos zur Verfügung gestellte Exemplar.)

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