Donnerstag, 20. August 2020

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens, Tom Barbash

Wir befinden uns in New York City, Ende 1979. Die Familie Winter lebt im bekannten Dakota Building an der Central Park West, einer der teuersten Adressen der Stadt. Man ruft einander auf dem Festnetztelefon an und hört seine Musik von Kassetten. Es gibt kein Internet und CNN steht kurz davor, als erster Fernsehsender mit 24 Stunden Nachrichtenprogramm auf Sendung zu gehen. Buddy Winter war bis vor kurzem ein erfolgreicher Talkshowmoderator mit eigener Show – bis er einen Nervenzusammenbruch erlitt, während laufender Sendung aus dem Studio stürmte und verschwand. Sein Sohn Anton, Anfang 20, erzählt uns die Geschichte, wie sein Vater versucht wieder auf die Füße zu kommen. Dabei spielt Anton eine nicht unwesentliche Rolle, denn er hat in der Vergangenheit eng mit seinem Vater zusammengearbeitet, seine Witze überarbeitet, über seine Talkgäste recherchiert und die Fragen vorbereitet.

Nicht nur Buddy hat sich nach dem Zusammenbruch eine Auszeit genommen. Auch Anton ist für ein Jahr nach Afrika zum Peace Corps gegangen und gerade erst nach New York zurückgekehrt. Seine Mutter und sein jüngerer Bruder Kip sind froh, dass er wieder da ist. Das Familienleben hat sich verändert, seit Buddy nicht mehr jeden Tag eine Show zu stemmen hat. Es bleibt Zeit für Gespräche und gemeinsame Ausflüge. Dennoch will Buddy zurück ins Showgeschäft. Der Weg ist steinig. Die Sender sind skeptisch, ob Buddy wirklich wieder stabil genug ist.

„Die Wochen vergingen und ich fühlte mich immer zielloser, was ich aber mitunter genoss. (…)

Unterm Strich wurde meine Rückkehr aus dem Skript gestrichen. Entweder kaperte Buddy meine Geschichten, in dem er sie erzählte, bevor ich dazu kam („Und dann taucht er auf, und da schwimmt doch tatsächlich keine zehn Meter vor ihm ein Nilpferd…“), oder die Leute waren sowieso mehr an seinen Zukunftsplänen interessiert als an meinen. Es war wie die Partyszene in Die Reifeprüfung, nur dass in unserer Version die Gäste Benjamin nach der Gesundheit und den Plänen seines Vaters fragten.“ (S. 38)

Der Roman dreht sich um die Beziehung zwischen Buddy und Anton, in der Buddy der strahlende Star ist, der viel Bestätigung braucht, und Anton alles tut, um der Karriere seines Vaters zu nützen. An der inneren Einkehr Buddys kann er jedoch nicht teilnehmen, da Buddy die Familie zurückgelassen und sich allein auf eine Reise begeben hatte. Als Gegenfigur dient John Lennon, der ein Nachbar der Winters im Dakota ist. Man trifft sich zu zwanglosen Partys und unterhält sich im Fahrstuhl. Wie Buddy hat John eine Auszeit vom Showgeschäft hinter sich. Die letzten fünf Jahre hat er sich als Hausmann um den kleinen Sohn Sean gekümmert, während seine Frau Yoko das Geschäftliche managte. Er hat seit Jahren keinen Song geschrieben, fühlt nun aber neue Kreativität und den Wunsch nach einem neuen Album. John entwickelt sich zu einem väterlichen Freund Antons. Beide teilen ein bedeutsames Erlebnis, das ihnen den Weg in die Zukunft weist. Anton entdeckt Dinge in seiner Beziehung zu John, die es in seiner Beziehung zum Vater nicht gibt. Es fällt ihm schwer seinen eigenen Weg zu finden, ohne Buddy im Stich zu lassen.

Die Story an sich ist gut. Der Roman zeichnet ein authentisches Panorama der Zeit Anfang der 1980er in New York. Jedoch hat die Geschichte in der Mitte einige Längen in den Passagen, in denen Buddy erfolglos Klinken putzen muss, um wieder ins Geschäft zu kommen. Wohl um das politische Klima einzufangen ist da noch die Nebenhandlung um den Präsidentschaftswahlkampf. Antons Mutter unterstützt Ted Kennedy, der allerdings bei den Vorwahlen Jimmy Carter unterliegt. Diesen Nebenschauplatz fand ich unnötig. Die Geschichte verläuft etwas im Sande. Eindeutig am Besten gefallen haben mir die Teile über John Lennon, die zwar fiktiv sind, aber sich tatsächlich so ereignet haben könnten. Mit Buddy und John werden zwei ganz unterschiedliche Männer und Vaterfiguren kontrastiert, beide vor dem verrückten Hintergrund des Showbusiness. Leider bleibt die Figur des Sohns Anton charakterlich recht blass. Es wird zwar deutlich, welche Gedanken dieser sich macht, warum er so und so handelt. Die Figur bleibt dabei aber blutleer, verkopft und emotional für mich nicht fassbar. Interessant finde ich, dass die Nennung John Lennons im Buchtitel nur im Deutschen auftaucht. Das Amerikanische Original heißt hingegen „The Dakota Winters“. Vielleicht hatte ich mir deshalb mehr Schwergewicht auf John Lennon erhofft, der jedoch nur eine Nebenfigur ist.

Ein interessanter Roman über männliche Identität, Vater-Sohn-Beziehungen und das New York von 1980, dem allerdings etwas Kürzung und ein emotionalerer Erzähler gutgetan hätten.

Mein Vater, John Lennon und das beste Jahr unseres Lebens, Tom Barbash, aus dem Englischen übersetzt von Michael Schickenberg, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2020, 350 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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