Mittwoch, 9. Oktober 2019

Leben Schreiben Atmen, Doris Dörrie

Autobiografisches Schreiben ist das Thema dieses Buches. Noch bevor ich es gelesen hatte, habe ich an einer Schreibübung daraus teilgenommen. Meinen Text findet Ihr hier. Und siehe da, damit habe ich das Buch gewonnen! Nun kann ich auch über den weiteren Inhalt berichten.

Doris Dörrie ist als Filmregisseurin und Autorin bekannt. Sie unterrichtet aber auch Creative Writing an der Filmhochschule München. Meist geht es beim Schreiben darum Texte zur Veröffentlichung bzw. Verfilmung zu erstellen. Dieses Buch hat jedoch einen anderen Ansatz. Es ist „Eine Einladung zum Schreiben“, wie der Untertitel verrät, und zwar an jede und jeden. Das Schreiben soll so selbstverständlich vonstattengehen wie das Atmen, eben Teil des Lebens sein. Vor allem aber soll es das Leben bereichern, indem es die Schreibenden stärker wahrnehmen lässt.

Ist das nun also ein Sachbuch, ein Schreibratgeber? Nicht nur. Denn Doris Dörrie demonstriert ihre Ideen durch eigenes autobiografisches Material. Kapitel für Kapitel erzählt sie aus ihrem Leben, teilt Kindheitserinnerungen, assoziiert zu alltäglichen Begriffen. Das liest sich ein bisschen wie ihre Lebensgeschichte in Schlaglichtern, nicht chronologisch, absolut nicht vollständig, sondern eher auf der Basis zufälliger Details. Am Ende jedes Kapitels finden sich Schreibanregungen, mit denen Texte ähnlich dem gerade gelesenen Kapitel entstehen könnten.

„Nachts macht sich mein Vater ab und zu eine Büchse Haifischflossensuppe auf. Fahre ich später wegen dieser Suppe auf einem Haifischfangboot bis zu den Galapagos-Inseln? Das Boot ist winzig und das Meer wild. Ich kenne ein solches Meer nicht und habe in jeder Minute Angst. Die gefangenen Haie werden an der Schwanzflosse aufgehängt, damit sie so ersticken. Der Kapitän und sein Helfer braten jeden Tag Fisch und Bananen, etwas anderes gibt es nicht.“ (S. 22/23)

So demonstriert die Autorin, wie sie zwanglos von einer Geschichte über ihre Eltern zu den Galapagos-Inseln wechseln kann. So funktioniert freie Assoziation, ein Schreiben ohne innere Zensur. Abschweifen erwünscht. Unter dem Kapitel findet sich die Erläuterung:

„Blödsinn oder nicht? Marcel Proust hat nicht anders gearbeitet, er nannte es „mémoire involontaire“, unwillkürliche Erinnerung. Alles erinnert. Wohin führt es einen? Wie tief kann man tauchen? Schreiben ist Unterwassertätigkeit. (…) Es geht hier nicht darum Verwertbares zu schreiben, ein Produkt herzustellen, das sich verkauft, oder Literaturpreise zu gewinnen, sondern darum, aufmerksam und vorurteilsfrei dem eigenen Gehirn zuzuschauen und zuzuhören.“ (S. 23/24)

Doris Dörrie gibt viele Anregungen, die als Aufhänger zum eigenen Schreiben dienen können, angefangen bei der Einkaufsliste bis hin zu alltäglichen Dingen. Über Brot schreiben zum Beispiel. Oder über den eigenen Vater, die eigene Mutter. Sie weist auf die Bedeutung von Details hin. Einfach mal versuchen den Fußboden des eigenen früheren Kinderzimmers zu beschreiben. Welchen Unterschied macht es, etwas in der ersten oder in der dritten Person zu schreiben? Diese Einladungen führen einen zurück zu den unterschiedlichsten Erinnerungen, schönen und weniger schönen. Vor allem aber führt diese Art des Schreibens zu mir selbst. Und Spaß macht es außerdem. Denn was ich schreibe, gehört nur mir. Ich muss es niemandem zeigen. Dennoch trainiert es den „Schreibmuskel“, wie Doris Dörrie sagt, bringt also auch diejenigen weiter, die ihre Texte irgendwann gern veröffentlichen möchten.  

Ein Buch zum stressfreien Schreiben, nur für mich, nur aus Spaß. Da wird selbst die Einkaufsliste zur puren Poesie.

Leben Schreiben Atmen, Doris Dörrie, Diogenes Verlag, Zürich 2019, 288 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für dieses Buch, das ich in einem Gewinnspiel als Preis erhalten habe.)

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