Montag, 9. September 2019

#lebenschreibenatmen Ein autobiografischer Schreibversuch

Doris Dörrie hat kürzlich ein Buch über autobiografisches Schreiben veröffentlicht. Es heißt Leben, schreiben, atmen. Ich habe das Buch nicht gelesen. Einige der darin gegebenen Schreibanregungen werden auf den sozialen Netzwerken geteilt und sind eine Challenge, selbst einmal das autobiografische Schreiben zu versuchen. Dabei geht es nicht um große Literatur, sondern darum, das eigene Leben bewusster wahrzunehmen. Die Autorin empfiehlt, zehn Minuten lang völlig unzensiert und ohne Rücksicht auf die Rechtschreibung draufloszuschreiben. Mit der Hand. Was dabei herausgekommen ist, lest Ihr hier.


Die Schreibanregung von Doris Dörrie lautet:

Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem? Wo hast du gesessen?


Als Kind hatte ich ein Bilderbuch von „Onkel Tobi“. Es war in Reimen geschrieben. Das Cover konnte ich immer gut erkennen, selbst wenn das Buch zwischen anderen im Regal stand, denn es war auf der unteren Hälfte rot und auf der oberen weiß.

Onkel Tobi hatte ein kantiges Gesicht, einen buschigen schwarzen Schnurrbart und einen komischen schwarzen Hut auf dem Kopf. Sein Bild wirkte auf mich nicht sehr sympathisch. Aber die Geschichte mochte ich, der Klang war liebevoll. Onkel Tobi will mit Pferd und Wagen am Samstag in die Stadt fahren, um etwas einzukaufen. Komisch, ich habe mich damals gar nicht gefragt, warum er altmodisch mit Pferd und Wagen fuhr, obwohl wir unsere Einkaufsfahrten in die Stadt mit dem Auto oder der U-Bahn unternahmen. Vielleicht war ich nach der regelmäßigen Lektüre von Astrid Lindgren-Geschichten daran gewöhnt, dass Leute auf dem Land wohnten und es dort ganz anders zugeht als bei uns in der Großstadt.

In der Geschichte wird Onkel Tobi von ganz vielen Leuten darum gebeten, ihnen Sachen aus der Stadt mitzubringen. Ein Mädchen möchte „Flitterflatterbänder“ haben (so hieß es wörtlich dort!), um sie sich in ihr langes Haar zu binden. Auf den Bildern sieht man Frauen in bunten Kleidern mit roten Apfelbäckchen. Zum Schluss bringt Onkel Tobi so viele Dinge für andere mit, dass er seinen eigenen Einkauf völlig vergisst. Armer Onkel Tobi! Er muss sich ja auch eine immer länger werdende Einkaufsliste im Kopf merken. Das war wie bei „Ich packe meinen Koffer“. Ich weiß auch nicht mehr, was er für sich selbst kaufen wollte. Eine Bratpfanne vielleicht? Jedenfalls beschließt er, sich nicht zu ärgern und am nächsten Samstag einfach wieder in die Stadt zu fahren.

Vorgelesen hat mir das Buch meine Mutter. Sie saß jeden Abend am Fußende meines Bettes und las vor. Ich glaube, das Buch von Onkel Tobi konnte ich irgendwann auswendig mitsprechen, so oft habe ich es gehört. Und die Bilder habe ich mir auch oft allein angesehen, bevor ich selbst lesen konnte. Den Klang dieser Geschichte habe ich immer noch im Kopf, obwohl ich nur noch einzelne Wörter davon weiß.



Habt Ihr Lust, es selbst mit dem Schreiben zu versuchen? Weitere Schreibanregungen findet ihr im Buch von Doris Dörrie sowie auf Instagram unter #lebenschreibenatmen. Es gibt auch etwas zu gewinnen.

Anmerkung:
Das von mir beschriebene Bilderbuch heißt „Onkel Tobi“ und ist von Hans Georg Lenzen, illustriert von Sigrid Hanck, erschienen im Bertelsmann Verlag.

Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben, Doris Dörrie, Diogenes Verlag, Zürich 2019, 176 Seiten, 18,00 EUR

(Die Veröffentlichung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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