Montag, 4. Juli 2022

Was wir in uns tragen / Call us what we carry, Amanda Gorman

Amanda Gorman war nach ihrem eindrucksvollen Vortrag bei der Amtseinführung Joe Bidens in aller Munde. Nun zeigt sie, dass sie weit mehr als das eine Gedicht erschaffen hat, das über die Fernsehschirme flimmerte. Jetzt liegt eine zweisprachige Ausgabe aktueller Gedichte vor.

Die Sammlung ist geprägt von der Coronapandemie, den Erlebnissen von Angst und Isolierung. Die jetzige Pandemie setzt die Dichterin in Beziehung zur Grippeepidemie 1918 und weist auf den Zusammenhang von Krieg und Virus(-verbreitung) sowie die besondere Betroffenheit indigener Menschen hin. Auch Hass und Ausgrenzung verbreiten sich so schnell wie eine Viruserkrankung. Amanda Gorman bewegt sich philosophisch durch die großen Zusammenhänge des Lebens. Natürlich spielt Rassismus eine Rolle in ihrem Werk. Aber auch die Politik, wenn sie etwa den Sturm auf das Kapitol 2021 thematisiert.

Die Gestaltung des Gedichtbandes trägt sehr zum angenehmen, abwechslungsreichen Lesen bei. Es wird stets links der Originaltext in Englisch, rechts die Übersetzung in Deutsch abgedruckt. Jedoch sind manche Seiten im Querformat gedruckt oder das Gedicht nicht in gleichlangen Zeilen gesetzt, sondern etwa in der Form eines Fisches oder der Kuppel des Kapitols in Washington. Amanda Gorman findet vielfältige Formen, sich auszudrücken.

„Es stimmt, dass Poesie

eine leergeschürfte Zeit erhellen kann,

ein Jahr, das zu verwinden kaum gelang.

In Freude liegt Gerechtigkeit,

sternklar gegen alles, was

wir beendeten, bestanden &

begannen.“

(Aus dem Gedicht „Entschieden“, S. 385)

Was mich am meisten freut ist, dass die deutsche Übersetzung in diesem Band deutlich gelungener ist als in der Einzelausgabe von „The hill we climb“. Schien beim Inaugurationsgedicht die political correctness sehr überbetont, hat die vorliegende Übersetzung den besonderen Ton der Dichterin getroffen. Liest man Gormans Gedichte im Englischen laut, haben sie eine eigene Melodie, die man sogar wahrnimmt, wenn man die Sprache nicht spricht. Eine solche Melodie ist auch der deutschen Übersetzung gelungen, ohne dass die Feinfühligkeit für Rassen- und Genderfragen dabei vernachlässigt wurde. Man kann den deutschen Text auch für sich allein mit großem Genuss lesen.

Wer moderne Lyrik mit Tiefgang und melodiösen Sprachbildern sucht, ist bei Amanda Gorman genau richtig. Und in diesem Band wird sich die Schönheit von Gormans Poesie auch denen erschließen, die des Englischen nicht mächtig sind.

 

Was wir in uns tragen / Call us what we carry, Amanda Gorman, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Marion Kraft und Daniela Seel, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 2022, 432 Seiten, 28,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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