Dienstag, 10. August 2021

Ein Mann der Kunst, Kristof Magnusson

Kunst kann eine sehr ernsthafte Sache sein, von der man etwas verstehen muss. Sie kann aber auch ausgesprochen witzig sein, nämlich wenn Kristof Magnusson sie auf die Schippe nimmt. Maler, Museumskuratoren und Kunstlieberhaberinnen – alle nimmt dieser Roman in den Blick.

Constantin erzählt uns diese Geschichte, der schon als Kind von seiner Mutter Ingeborg in die Museen der Welt und zu anderen Bildungsveranstaltungen mitgenommen wurde. Vor allem die Werke des deutschen Künstler KD Pratz kennen Consti und seine Mutter in- und auswendig. Ingeborg – ihres Zeichens Psychotherapeutin – ist Mitglied im Förderverein des Museums Wendevogel in Frankfurt. Wie viele andere Bildungsbürgerinnen will sie sich für die Kunst engagieren. Als das Museum zu Geld kommt und sich einen Anbau leisten kann, setzt sie sich in den Kopf, dass er keinem anderen als ihrem verehrten KD Pratz gewidmet werden soll. Das Problem an der Sache ist jedoch, dass der Künstler ausgesprochen menschenscheu ist und zurückgezogen auf einer Burg am Rhein lebt und arbeitet. Wie können Förderverein und politische Geldgeber von dem Projekt überzeugt werden? Da wird sich der Künstler doch wohl bequemen können, einmal sein Atelier und sich selbst herzuzeigen, oder?! Der Förderverein begibt sich samt Museumskurator auf eine seiner vielen Wochenendreisen, diesmal zum Schloss von KD Pratz. Die Begegnung wird natürlich ein Desaster.

„Kein Wunder, dass Ingeborg nervös war. Den anderen fiel es wahrscheinlich gar nicht auf, sie sprach in der ihr eigenen unaufgeregten, freundlich-zugewandten Art, doch ich sah es an ihrer Kleidung, der übergroßen Bluse aus schwarzem Leinen, der Kette aus großen bunten Holzperlen und er weißen Plisseehose von Issey Miyake – immer wenn sie aufgeregt war, zog sie sich einen Tick zu schick an. Und einen Tick zu jung.“ (S. 35/36)

Liebevoll spöttisch werden die verschiedenen Typen charakterisiert. Da ist Ingeborg, die ihr professionell-offenes Lächeln benutzt, um auf Menschen zuzugehen. Ein pensioniertes Pastorenehepaar wünscht sich mehr kritisches Denken, auch in der Kunst. Ein von sich überzeugter Geldsack, der das Haus nie ohne Einstecktuch im Sakko verlässt, ist mit von der Partie. Und natürlich der KD Pratz, dem man ja schon zugesteht, dass er als Künstler schwierig sein dürfe. Aber doch nicht sooo schwierig! Dazwischen bemüht sich der stets souveräne Museumskurator um Ausgleich und jongliert die politischen Interessen, von denen er eben am meisten versteht. Und Consti, der zum Glück in der weniger mimosenhaften Baubranche und nicht im Kunstbetrieb arbeitet, muss wie immer seine Mutter ertragen, obwohl er manchmal lieber seine Ruhe hätte.

Auch die Kunst selbst bekommt ihr Fett weg in diesem amüsanten Roman. Muss sie denn immer interpretiert werden? Sollte man nicht einfach mehr sehen statt zu reden? Ist die Kunst heilig oder darf man sie – vielleicht sogar wörtlich – mit Dreck bewerfen? Muss ein Gemälde politisch korrekt sein, um im neuen Museum ausgestellt zu werden? Die Befindlichkeiten der Betrachter sind vielfältig und manche Leserin wird den einen oder anderen Spleen an sich wiedererkennen.

Keine der geschilderten Situationen ist so absurd, als dass sie nicht im Kunstbetrieb schon vorgekommen wäre. Teilweise habe ich mich fremdgeschämt beim Lesen. Ist der differenzierte Bildungsbürger wirklich so peinlich? Darüber möge sich jeder sein eigenes Urteil bilden und sich dabei aber bitte nicht allzu ernst nehmen. Das tut das Buch nämlich auch nicht.

Ein witziger Roman über das moderne Kunstverständnis und das sich sehr erst nehmende Bildungsbürgertum im 21. Jahrhundert. Liest sich gut weg und macht Spaß!

Ein Mann der Kunst, Kristof Magnusson, Verlag Antje Kunstmann, München 2020, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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