Freitag, 13. August 2021

Die letzte Bibliothek der Welt, Freya Sampson

Ich liebe Bibliotheken seit ich ein kleines Kind war. Ich fand es schon immer toll, dass man sich dort einfach viele Bücher aussuchen und mit nach Hause nehmen durfte, und das ganz umsonst! Und immer wieder! Viele Stunden habe ich schon als Kind lesend und stöbernd in der örtlichen Bücherei verbracht.

In diesem Roman geht es um diese Liebe zu Bibliotheken, die eben so viel mehr sind als Räume voller Bücher. June Jones, eine Frau Ende zwanzig, arbeitet als Bibliothekarin in einem kleinen Ort in England. Schon ihre Mutter ist dort Bibliothekarin gewesen. Die schüchterne June mag es, von lauter Büchern umgeben zu sein, in die sie sich auch in ihrer Freizeit gern zurückzieht. Sie geht aber auch gern mit den schrulligen, netten und manchmal anstrengenden Bibliotheksbesuchern um. Da ist der über achtzigjährige Stanley, dem sie bei seinem Kreuzworträtsel und bei der Nutzung der Computer hilft, Mrs. Bransworth, die jedes gelesene Buch als „einen Haufen Scheiße“ bezeichnet, wenn sie es zurück gibt und Leila, die kaum Englisch kann, aber gern Backbücher ausleihen möchte. Kindern sucht June Bücher für ihre Schulprojekte heraus. Doch dann kündigt die Kreisverwaltung an, dass sechs Büchereien aus Kostengründen geschlossen werden sollen, einschließlich der, in der June arbeitet. Die Bestürzung ist groß, die Dorfbewohner leisten Widerstand. Es formiert sich eine Protestbewegung, welche die Kreisverwaltung zu unterbinden versucht. Obwohl June Angst vor dem Rauswurf hat, versucht sie den Protest zu unterstützen. Geht da auf politischer Ebene alles mit rechten Dingen zu? Es fällt June schwer, sich zu engagieren, da sie Angst hat vor anderen Menschen zu sprechen. Außerdem lebt sie seit dem Tod ihrer Mutter extrem zurückgezogen und kann ihre eingefahrenen Routinen nur schwer verlassen. Eine Entwicklung beginnt.

„June nippte an ihrem lauwarmen Tee. Alle schwiegen, und sie sog den tröstlichen Duft der Bücherei mit ihren vielen Geschichten ein. Einen Moment lang ließ sie den Gedanken zu, dass sie geschlossen werden könnte. Sie malte sich aus, wie die Bücher weggebracht und an ihrer Stelle die Stühle und Tische von Cuppa Coffee aufgestellt würden, und eine tiefe Traurigkeit befiel sie.

„Ich verbinde die Bücherei mit einigen meiner schönsten Erinnerungen an Mum.“ (S. 184)

Dieses Buch ist ein Wohlfühlroman für Buchfreundinnen und Bibliotheksliebhaber. Die Geschichte mag manchmal etwas vorhersehbar sein. Das macht aber gar nichts, weil die Charaktere originell sind und die Story mit viel Herz erzählt wird. Die Frage, welchen Nutzen Bibliotheken im 21. Jahrhundert haben, ist hoch aktuell. Der Wert für die Gesellschaft lässt sich eben nicht nur an Ausleihzahlen und Kosten-Nutzen-Analysen messen. Bibliotheken sind Begegnungsstätten, Zufluchtsorte und garantieren Teilhabe an der digitalen und akademischen Welt. Nicht nur die vorhandenen Bücher und anderen Medien, sondern auch die Unterstützung durch fähige Bibliothekarinnen macht diesen Wert aus, der in Geld nicht bezifferbar ist. Büchereien ermöglichen inneres Wachstum, auch weit über das bloße Lesen hinaus, wie der Roman anschaulich verdeutlicht. Er liest sich leicht weg und lässt es in den Fingern kribbeln, endlich den eigenen Leihausweis herauszusuchen und schnellstens die örtliche Bibliothek mal wieder aufzusuchen.

Eine Wohlfühlgeschichte über die Gemeinschaft, die durch Bibliotheken entsteht und den geschützten, wunderbaren Raum, den sie jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft bieten. Sehr geeignet, um sie zwischen den Bücherregalen seiner Lieblingsbücherei zu verschlingen.

Die letzte Bibliothek der Welt, Freya Sampson, aus dem Englischen übersetzt von Lisa Kögeböhn, DuMont Verlag, Köln 2021, 368 Seiten, 20,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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