Sonntag, 22. August 2021

Alef, Katharina Höftmann Ciobotaru

Alef ist der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, steht also am Anfang. Gleichzeitig hat er die Bedeutung „Unendlichkeit“. Und es ist der erste Buchstabe des Namens Eitan. So sind wir schon mitten drin in einer Liebesgeschichte, die im Buch ihren Anfang nimmt, aber gleichzeitig unendlich in die Vergangenheit, die Wurzeln der Beteiligten zurückreicht und bis in die Ewigkeit halten soll. Denn es ist eine große Liebe, eine unendlich große Liebe zwischen Maja und Eitan.

Niemand ist eine Insel, sondern jeder kommt aus einer verzweigten Familie, die eine kulturelle, persönliche und historische Vergangenheit hat. Ist das nicht egal, wenn man sich wirklich liebt? Kann Liebe nicht alle Unterschiede und Hindernisse überwinden? So scheint es zu Anfang einer jeden großen Liebe. Aber was ist, wenn die eine Deutsche und der andere Israeli ist? Wenn die eine Atheistin und der andere Jude ist?

Es ist bereits zu Anfang des Buches klar, worauf es hinausläuft: auf den Zusammenprall einer Täter- und einer Opferfamilie, auf den Antisemitismus im Deutschland des 21. Jahrhunderts und die Rolle des Staates Israel. Das tut der Spannung der Geschichte jedoch keinen Abbruch. Es dauert über 200 Seiten, bis sich Maja und Eitan überhaupt begegnen. Zuvor wird der vielschichtige Teppich ihrer beider Herkunftsfamilien ausgerollt.

Die Stärke dieses Romans ist, dass er beide Seiten so unmittelbar erlebbar macht. Die deutsche Leserin wird viele Aspekte der eigenen Familiengeschichte in Majas Familie wiedererkennen. Wieviel wissen wird eigentlich darüber, was unsere Eltern und Großeltern vor und im zweiten Weltkrieg gemacht haben? Kann darüber gesprochen werden? Majas Eltern haben in der DDR gelebt. Im Rahmen der Herkunftserzählung läuft die Historie des 20. Jahrhunderts ab, das Kriegsende, die deutschen Staatsgründungen, der Mauerbau und Mauerfall.

Eitans Familie ist geprägt von Krieg und Vertreibung, aus Europa und dem Irak in den neu gegründeten Staat Israel. Auch dessen Geschichte erleben wir im Detail mit, etwa den Yom Kippur-Krieg und was es bedeutet, wenn man den Beschuss mit Giftgas in der eigenen Stadt befürchten muss. Die Autorin beschreibt so detailreich, wie es sich im Alltag anfühlt, in diesem Land zu leben, dass ich fast dachte, ich sei selbst dort. Ich konnte die enge Gasmaske auf meinem Gesicht spüren.

Maja und Eitan möchten zusammenleben. Aber das ist für einen jüdischen Israeli in Deutschland ebenso herausfordernd wie für eine nichtjüdische Deutsche in Israel. Die Sprach- und Religionsbarriere ist groß, Zugehörigkeit schwer zu haben. Und dann die Frage, ob Maja zum Judentum konvertiert, wie Eitan es sich wünscht, damit die gemeinsamen Kinder jüdisch werden. Es ist viel schwieriger als gedacht zu konvertieren, nicht nur für Maja, sondern auch für Eitan. Auch dies wird in Einzelsituationen des Alltags beschrieben, die man sich nie klarmacht, wenn man abstrakt von dieser Frage hört.

„Warum fragen mich immer alle, ob ich Jewish bin?“, fragte Maja, als sie mit Eitan und seinem besten Freund Nir beim Abendessen zusammensaß. „Und warum haben sie es mich nie gefragt, als ich noch Touristin war?“ (…)

„Weil du nicht jüdisch aussiehst und trotzdem hier lebst.“

„?“

„Die wollen verstehen, warum du hier bist. In Israel.“

„Okay“

„Ob du dazugehörst.“

„Okay.“

„Wer ‚wir‘ sagt, meint ‚ihr nicht‘ – hast du das über den jüdischen Staat noch nicht verstanden?“ Nir lachte sarkastisch, (…)

(S. 347, zitiert nach Leseexemplar)

Das Buch hat viele Fragen nach meiner eigenen Geschichte und meinem eigenen Umgang mit Nazideutschland und dem heutigen Staat Israel aufgeworfen. Manches war mir sehr vertraut und dennoch aufwühlend, anderes war mir fremd, aber aufgrund der empathischen Erzählweise plötzlich so dicht wie ein eigenes Erlebnis. Die Themen des Romans bleiben seit Tagen bei mir. Liebe ist zu wenig als Antwort auf all diese Fragen. Das Buch gibt auch keine Antworten, sondern fordert jede und jeden auf, einen individuellen Umgang zu finden.

Im 21. Jahrhundert scheinen bilaterale Fernbeziehungen nichts Besonderes mehr zu sein. Diese Liebesgeschichte ist alltäglich und gleichzeitig besonders, weil sie jederzeit hier passieren könnte und doch mit der Last längst vergangener Kriege belastet ist. Wir sind nicht so individuell wie wir meinen. Das lässt sich aus verschiedensten Perspektiven in diesem phantastischen Buch hautnah miterleben.

Alef, Katharina Höftmann Ciobotaru, Ecco Verlag (Harper Collins), Hamburg 2021, 432 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos in einem Gewinnspiel zur Verfügung gestellte Leseexemplar.)

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