Mittwoch, 25. August 2021

Der Panzer des Hummers, Caroline Albertine Minor

Wie wachsen Hummer eigentlich? Irgendwann ist ihr starrer Panzer so eng, dass es ihnen wehtut. Dann müssen sie ihn abwerfen und sich – nackt und verletzlich – so lange verstecken, bis ihnen ein neuer, größerer Panzer gewachsen ist. Ein schönes Bild für Veränderung benutzt die dänische Autorin für ihren Familienroman.

Charlotte und Troels hatten drei gemeinsame Kinder, die Töchter Ea und Sidsel und den jüngsten Sohn Niels. Beide Eltern sind verstorben, als Niels noch sehr jung war. Inzwischen sind sie alle erwachsen und leben an drei verschiedenen Orten in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Ea lebt mit ihrem Partner und dessen Tochter in San Francisco. Sie verspürt keinen Wunsch nach eigenen Kindern. Sidsel lebt mit ihrer Tochter Laura in Kopenhagen. Lauras Vater ahnt nichts von ihrer Existenz. Niels wohnt derzeit bei einem Freund außerhalb Kopenhagens. Er arbeitet gerade als Plakatierer, lässt sich hierhin und dorthin treiben. Zu Sidsel und ihrer Tochter hat er guten Kontakt.

„Es stimmt nicht, dass er keinen Plan hat. Doch Niels hat nicht vor, noch mehr Lebenszeit auf einem der Kopenhagener Spielplätze zu verschwenden. Es muss doch möglich sein, Zeit mit einem Kind zu verbringen, ohne dass die eigene Seele darunter leidet. Er hat die Eltern an solchen Orten beobachtet, und in ihren Gesichtern kann man immer einen Funken derselben schmutzigen Phantasie erahnen: dass jemand oder etwas kommt und sie entführt; …“ (S. 255)

Ea hadert mit ihrer Rolle. Soll sie heiraten und doch Kinder bekommen? Sie hat das Gefühl, mit ihrer Mutter dringend darüber sprechen zu müssen und sucht hierzu die Seherin Beatrice in San Francisco auf. Beatrice, die anderen in derlei schwierigen Situationen zur Seite steht, lebt selbst in einer eher schwierigen Situation. Frisch geschieden von ihrer Frau Pauline muss sie eine neue Bleibe suchen. Ihre erwachsene Tochter, die nicht bei ihr aufgewachsen ist, fragt nach ihrem Vater. Wie soll Beatrice damit umgehen?

Sogar das Jenseits meldet sich zu Wort, in dessen Zwischenreich sich Charlotte und Troels wiederfinden und ins Gespräch über die Vergangenheit kommen. Was macht der Tod mit den Menschen? Verändert er sie? Oder wünschen wir uns das nur?

Man sieht, es sind alle denkbaren Familienkonstellationen vertreten. Es stellt sich die Frage, was Familie eigentlich ist. Patchwork ist heute nichts ungewöhnliches mehr. Fragen nach der Bedeutung von Mutter- und Vaterschaft stellen sich, aber auch nach der Prägung, die unsere Eltern uns mitgeben, Verletzungen, die wir durch sie erlebt haben und in unserem weiteren Leben mitnehmen. Oder ist Familie beliebig geworden? Kann jede/r mit jedem zusammenleben, so wie es gerade passt?

Der Roman beleuchtet kapitelweise die verschiedenen Personen. Da es recht viele davon gibt, muss man sich beim Lesen etwas konzentrieren, um nicht durcheinander zu kommen. Dem Buch ist ein Personenregister vorangestellt. Für meinen Geschmack hätte man die Personen durchaus reduzieren können. Aber so wird eine große Vielfalt von Sichtweisen abgebildet. Die einzelnen Handlungsstränge erscheinen weniger wichtig. Bedeutend ist die Situation des Aufbruchs, in der sich die Personen befinden und ihre persönliche Reifung. Manche wählen Ehrlichkeit als Mittel der Entwicklung, andere entscheiden sich bewusst dagegen. Über allem steht die Frage, welche Art von Familienleben uns wirklich glücklich macht.

Der Roman spielt alle möglichen Familienkonstellationen durch und lässt die Leserin entscheiden, welche Art von Bindungen und Beziehungen sie braucht. Eine moderne Sichtweise auf die Familie aus progressiver dänischer Sicht erzählt.

Der Panzer des Hummers, Caroline Albertine Minor, aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein, Diogenes Verlag, Zürich 2021, 334 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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