Mittwoch, 14. April 2021

The Hill we Climb / Den Hügel hinauf, Amanda Gorman

Wir haben sie alle gesehen in ihrem kanariengelben Mantel, diese außergewöhnliche junge Frau bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden am 20. Januar 2021. Amanda Gorman hat die Welt mit ihrem Gedicht „The Hill we Climb“ schwer beeindruckt. Nun ist eine Einzelausgabe dieses Gedichts mit einer deutschen Übersetzung erschienen. Dabei wurden die englischen Zeilen jeweils auf der linken, die deutsche Übersetzung derselben Zeilen jeweils auf der rechten Buchseite abgedruckt, so dass ein direkter Vergleich möglich ist. Ergänzt wird der Text durch Anmerkungen der Übersetzerinnen am Schluss.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll über dieses Buch und das Ereignis zu schreiben, so vielfältig sind die Anknüpfungspunkte. Ich hatte das Glück, an einer sehr tiefgehenden moderierten Leserunde des Literaturhauses Hamburg über das Werk teilzunehmen.

Aus meiner Sicht ist der Text kaum zu trennen von der beeindruckenden Performance, mit der die Dichterin ihr Werk vor dem Capitol vorgetragen hat. Ihre Erscheinung, ihre Gesten, ihre Stimme – alles ist zu einem Gesamtkunstwerk mit dem Text verschmolzen. Wenn ich ihn lese, habe ich Amanda Gormans Stimme im Ohr. Die Lyrikerin bewegt sich in der uralten Tradition der Spoken-Word-Poetry, einer Form der Dichtung, die speziell für den mündlichen Vortrag gemacht ist.

Text und Vortrag nehmen so viele unterschiedliche Traditionen auf, enthalten diverse Referenzen zu anderen Werken und Menschen. Das Besondere ist jedoch, dass dieses Kunstwerk auch jene sehr berührt, die sich keiner dieser Traditionen bewusst sind. Es wird nur immer spannender, je mehr man in den Kontext eintaucht. Mir war bis vor kurzem nicht bekannt, dass die Tradition eines Gedichtvortrags bei der Amtseinführung eines US-Präsidenten noch gar nicht so alt ist. John F. Kennedy war 1961 der erste, der einen Dichter einlud. Seither haben nur Präsidenten der demokratischen Partei diese Tradition fortgeführt.

Amanda Gorman nimmt auf ihre Vorgänger:innen der Inaugurationsdichter:innen Bezug, ganz besonders auf Maya Angelou, die 1993 bei der ersten Amtseinführung von Bill Clinton das Gedicht „On the Pulse of Morning“ vortrug. Die Anfangstextzeile „When day comes“ dürfte einen Bezug auf Angelous Gedicht darstellen. Maya Angelou war die erste Afro-Amerikanerin und die erste Frau, die ein Amtseinführungsgedicht vortrug. Ihre 1969 erschienene Autobiografie heißt „I Know Why the Caged Bird Sings“ (nach ihrem gleichnamigen Gedicht). Amanda Gorman trug am 20. Januar 2021 einen auffälligen goldenen Ring, der einen Vogelbauer mit Vogel darstellt. Dieser Ring war ein Geschenk von Oprah Winfrey, die das Vorwort zum vorliegenden Buch verfasst hat, und die bereits Maya Angelou die blaue Chanel-Jacke geschenkt hatte, die sie zum Amtseinführungsvortrag trug. Amanda Gorman bezeichnet Maya Angelou als eins ihrer großen Vorbilder. Interessant ist, dass sowohl Gorman als auch Angelou mit einem Sprachfehler zu kämpfen hatten.

Die Bibel dient als Anknüpfungspunkt („We’ve braved the belly oft he beast“ geht zurück auf die Geschichte Jona und der Wal), ebenso die berühmte Rede Martin Luther Kings „I have a dream“, wenn Gorman sagt „say this is true“. Die Reden Barack Obamas haben Pate gestanden für die Zeile„Somehow, we do it“, als dieser nach seinem zweiten Wahlsieg sagte „That’s why we do this“. Sogar die Popkultur hat Eingang gefunden, etwa der Song „History Has Its Eyes on You“ aus dem Musical „Hamilton“, der bei Gorman zu „History has ist eyes on us“ wurde.

Sogar sich selbst hat die Dichterin im Gedicht untergebracht:

„We, the successors of a country and a time

Where a skinny black girl,

Descended from slaves and raised by a single mother,

Can dream of becoming president,

Only to find herself reciting for one.“ (S. 18)

Die jetzt 23jährige Amanda Gorman, die einen Abschluss in Soziologie aus Harvard vorzuweisen hat, hat bereits mehrfach ernsthaft angekündigt, im Jahr 2036 für das Präsidentschaftsamt kandidieren zu wollen. Hilary Clinton, Michelle Obama, Oprah Winfrey und viele andere haben ihre Unterstützung bereits zugesagt.

Nun zur deutschen Übersetzung, ein eher trauriges Thema. Bereits vor der Veröffentlichung waren die Wogen in vielen Ländern hochgeschlagen über die Frage, wer qualifiziert dafür sei, Amanda Gormans Gedicht in andere Sprachen zu übertragen. Der Verlag hat sich aus diesem Grund dafür entschieden ein Team von drei Frauen zu beauftragen, die verschiedene Talente mitbringen. Uda Strätling ist eine erfahrene Übersetzerin aus dem Englischen. Hadija Haruna-Oelker ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Migrations- und Rassismusforschung und selbst schwarz. Kübra Gümüşay ist ebenfalls Politikwissenschaftlerin und Autorin des Sachbuchs „Sprache und Sein“, in dem es um die bewusstseinsgestaltende Wirkung von Sprache geht. Die Idee war gut, das Ergebnis klingt leider wie ein fader Kompromiss, der das Werk getötet hat.

Der Fokus der Übersetzung lag klar auf politischer Korrektheit. Herausgekommen ist eine eher unpolitische Übersetzung eines hochpolitischen Werks.  Amanda Gorman ist eine politische Aktivistin. Ziel ihres Gedichts ist es, Amerika Hoffnung zu machen sich aus dem dunklen Abgrund der Trump-Jahre und des noch viel länger andauernden Rassismus, den gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und der Müdigkeit zu befreien. Sie arbeitet sich auch sprachlich im Laufe des Gedichts von unten nach ganz oben, von der Beschreibung des erlebten Unheils einschließlich des Sturms auf das Capitol am 6. Januar 2021 bis hinauf in die Vision von gerechtem Ausgleich, der Teilhabe aller und einer glücklichen Nation auf dem Hügel, dem Capitol als Symbol der Demokratie Amerikas. Sie beschreibt zutreffend die Anstrengung, die der Wechsel bedeuten wird und die Möglichkeit des Scheiterns. Dies drückt sich bereits im Titel aus, der Hügel muss erklommen werden. Kraftlos dagegen ist die Übersetzung „Den Hügel hinauf“.

Zweifellos spielt die Tatsache eine große Rolle, dass Amanda Gorman eine Schwarze ist. Rassismus und die Black lives matter-Bewegung sind das Thema der Stunde. Die Autorin träumt davon

„To compose a country committed

To all cultures, colors, characters,

And conditions of man.“ (S. 22)

Die Übersetzung lautet:

„Ein Land für Menschen aller Art,

jeder Kultur und Lage, jeden Schlags.“ (S. 23)

In der Anmerkung der Übersetzerinnen heißt es dazu, man habe das Wort „colors“ nicht mit „farbig“ übersetzen wollen, weil es im Deutschen im Gegensatz zu „schwarz“ keine Selbstbezeichnung sei und oft als höfliche Abschwächung von „schwarz“ gemeint sei und impliziere, eine heller farbige Hautfarbe sei besser als eine dunklere (vgl. S. 57). Diese sprachlichen Überlegungen sind sicherlich richtig. Das Ergebnis überzeugt indes nicht und ist einfach zahnlos.

Lyrik zu übersetzen ist zweifellos sehr schwierig. Gelungene Übersetzungen stellen in der Regel eine echte Nachdichtung dar, also ein eigenes Kunstwerk der Übersetzer:in. Dies ist hier unterblieben. Liest man nur die deutsche Übersetzung, fehlen wesentliche Bedeutungsinhalte, wie oben gezeigt. Der besondere Charme des Originalgedichts besteht gerade in seiner lautmalerischen Schönheit. Es benötigt zumeist keinen Reim, spielt aber mit Buchstabendopplungen oder ähnlichen Klängen innerhalb einer Zeile und gewinnt wunderbaren Klang durch den gesangsähnlichen stimmlichen Vortrag, den ich etwa auch aus den Reden Martin Luther Kings im Ohr habe. Diese sprachliche Schönheit fehlt der Übersetzung leider komplett. Ich bedaure alle, die des Englischen so wenig mächtig sind, dass sie sich nicht am englischen Originaltext erfreuen können. All jenen sei empfohlen, sich dennoch ein Video von Amanda Gormans Auftritt anzusehen, da sich auch ohne Sprachverständnis die besondere Spannung im Vortrag erleben lässt. Beim Lesen dieser Übersetzung springt leider kein Funke über.

Ein wertig aufgemachter Band eines überwältigenden Gedichts mit wertvollen Anmerkungen zu den Referenzen des Originaltexts, dessen deutsche Übersetzung man sich lieber nicht antun sollte. Der Verlag wäre gut beraten, für die kommenden, sehnlichst erwarteten Veröffentlichungen dieser großartigen Lyrikerin seine Übersetzungstrategie zu überdenken.

The Hill we Climb / Den Hügel hinauf, Amanda Gorman, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und kommentiert von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021, 64 Seiten, 10,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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