Montag, 12. April 2021

Stellenweise Bodenfrost, Claudia Mühlhans

Auf den vorliegenden Band mit 34 Kurzgeschichten hat mich die Autorin selbst aufmerksam gemacht. Es handelt sich um ein Gesamtkunstwerk, denn zwischen den einzelnen Geschichten sind farbige Gemälde (bzw. Ausschnitte daraus) abgedruckt, die ebenso wie das Coverbild von der Autorin gemalt wurden. Claudia Mühlhans, Jahrgang 1953, schreibt neben Prosa auch Lyrik und hat ihre Gemälde bereits in zahlreichen Einzelausstellungen vorgestellt.

Die Kurzgeschichten sind vielseitig, sowohl im Aufbau als auch in den verarbeiteten Themen. Es gibt kurze Alltagsszenen, aber auch Erzählungen über dramatische Lebensumstände, deren Verlauf über Jahre in sehr komprimierter Form dargestellt wird. Manchmal gibt es einen Knalleffekt zum Schluss, der alles in neuem Licht erscheinen lässt, mal nur einen kleinen Impuls. Allen Geschichten gemeinsam ist der reduzierte, unaufgeregte Erzählstil. Eher leise und sachlich wird in kurzen Sätzen berichtet. Dennoch entsteht sogleich ein Bild der Szene vor den Augen der Leserin.

Ich möchte im Folgenden einige Geschichten herausgreifen, die mir besonders gefallen haben.

In „Heinrich der Achte“ (S. 7 ff) erleben wir die düstere Familiensituation eines achtjährigen Jungen, der mit seiner zweijährigen Halbschwester bei der vernachlässigenden Mutter und deren Freund lebt. So sehr er sich bemüht, die kleine Schwester im Alltag zu schützen und zu versorgen, so wenig kann er das nahende Unheil verhindern.

„Ich bin froh, dass Anna tagsüber im Kindergarten ist, wenn ich in die Schule muss. Man weiß nie, was Viktor anstellt.

Am Wochenende bin ich ja da und kümmere mich um Anna. Sonntagmorgens ist es ganz wichtig, dass ich dafür sorge, dass Anna ruhig ist. Sie ist nämlich hüppeaktiv und das geht Viktor auf den Geist, brüllt er dann.“ (S. 8/9)

Sehr klug komponiert und witzig fand ich „Die Chance“ (S.23 ff), in der zwei kleine Jungen im Park spielen, die sich äußerlich ähneln, aber aus völlig verschiedenen Welten stammen.

In „Beautiful Girls“ (S. 121 ff) wird sehr treffend die Welt von „Germany`s next Top Model“ aufs Korn genommen.

„Raising Up“ (S. 177 ff) ist eine Dystopie, in der es um eine besondere Form der Verhinderung von Verbrechen und das Thema Überwachungsstaat geht.

In der Geschichte „Heidis Zimmer“ (S. 225 ff) werden auf ungewöhnliche Weise das Leben und die Bedürfnisse einer jungen Frau mit Behinderung thematisiert.

Die Erzählung „Jenny“ (S. 247 ff) spielt mit verschiedenen Zeitebenen und der Frage, ob Geschehensabläufe unser unabänderliches Schicksal sind.

Mich haben die Geschichten durchweg gut unterhalten. Die Bilder, die nicht als Illustrationen der Geschichten zu verstehen, sondern eher unabhängig von deren Inhalt sind, geben dem Band eine persönliche Note und runden ihn ab.

Ein schön gestalteter Band unterhaltsamer, vielseitiger Kurzgeschichten, insbesondere wegen der enthaltenen farbigen Bilder wunderbar als Geschenk geeignet.

Stellenweise Bodenfrost, Claudia Mühlhans, mit Gemälden der Autorin, ISBN 978-3-7418-6666-1 (epubli), erschienen 2016, 268 Seiten, 19,80 EUR

(Die Rechte am Coverbild liegen bei der Autorin. Ich danke der Autorin für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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