Mittwoch, 10. Februar 2021

Unheimlich nah, Johann Scheerer

Einen Coming of Age-Roman der besonderen Art legt Johann Scheerer vor. Der Sohn von Jan Philipp Reemtsma erlebte als Jugendlicher die Entführung seines Vaters mit und hatte darüber in seinem Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ berichtet (vgl. meine Rezension). Damals war er 13 Jahre alt. Im vorliegenden Buch schildert der inzwischen 38jährige, dass mit dem Ende der Entführung der Wahnsinn in seinem Leben gerade erst begann.

Johanns Vater kam äußerlich unverletzt zu seiner Familie zurück, aber innerlich war er ein anderer. Durch die Entführung entstand eine neue Nähe zwischen Mutter und Sohn in einer Zeit, in der Johann sich eigentlich von den Eltern abnabeln wollte. Vor allem aber wurde eine ständige Bewachung der ganzen Familie notwendig, um eine Wiederholungstat zu verhindern. Waren zuerst die Angehörigenbetreuer der Polizei plötzlich in das Haus der Familie eingezogen, wurden diese nach der Tat durch eine Gruppe privater Personenschützer ersetzt. Diese entschieden, wo ein übersteigungssicherer Zaun um den Garten gezogen, ein riesiger Carport für die Dienstfahrzeuge angelegt und eine Einsatzzentrale mit Monitoren eingerichtet wurden. Überwachungskameras, Scheinwerfer und automatische Rolltore wurden angebracht. Der Autor beschreibt, wie er gefühlt zum Gast im eigenen Hause wurde. Aber auch außerhalb des Hauses war er nie mehr allein. Er wurde zur Schule gefahren, bei Radfahrten von einem Auto der Personenschützer begleitet und musste jeden seiner Schritte per SMS ankündigen, damit auch der „Voraufklärerer“ eine Chance hatte, den Weg zuvor auszukundschaften.

Johann Scheerer beschreibt – nahbar und verletzlich - seine Pubertät und junge Erwachsenenzeit inmitten ständiger Beobachtung von martialischen, bewaffneten Männern. Was seinem Schutz dienen sollte, wirkte auf ihn extrem bedrohlich. Die ständige Anspannung, die sich bei ihm in Bauchschmerzen und Verkrampfung manifestierte, ist in jeder Zeile des Buches zu spüren. Jeder Jugendliche ist in der Pubertät mit der Selbstfindung beschäftigt. Die männlichen Rollenvorbilder, von denen Johann Tag und Nacht umgeben war, machten das Finden einer eigenen männlichen Rolle noch problematischer. Viele Teenager haben das Gefühl, anders zu sein als die anderen. Das galt für Johann Scheerer jedoch in ganz besonderem Maße. Selbst bei seinen ersten Annäherungen an das andere Geschlecht standen die Personenschützer in Sichtweite, kommentierten das Geschehen oder steckten ihm Kondome zu.

„Auf der einen Seite der Einfluss von Ex-Bundeswehr- und SEK-Beamten und Schießübungen durchführenden Polizisten. Auf der anderen Seite Punkmusiker, linke Marktstraßen-Ladenbesitzer und dazu noch die Fürsorge meiner Mutter, die meine Secondhandklamotten bügelte, wenn ich mal nicht aufpasste. Ich war mehr als gespalten, wenn es zu meiner Einstellung kam. Eher zersplittert. Es tobte ein Dreifrontenkrieg. Nicht nur optisch fühlte ich mich nicht richtig zusammengefügt. Meine Teile passten weder außen noch innen.“ (S. 223)

Während mir der Schreibstil in Johann Scheerers erstem Buch noch etwas holperig vorkam und ja auch die Innenwelt eines irritierten 13jährigen zeigen sollte, schreibt im vorliegenden Band ein sehr reflektierter Erwachsener mit kritischem Blick und klaren Worten. Die Stolperfallen seines Erwachsenwerdens sind ihm wohl bewusst. Er lässt uns an vielen Situationen teilhaben, die ihm schon damals ungeheuer peinlich waren. Seine Isolation, die Unmöglichkeit die absonderlichen Lebensumstände mit einer nicht betroffenen Vertrauensperson besprechen zu können, gepaart mit den üblichen Unsicherheiten dieser Lebensphase sind bedrückend, teilweise fast komisch-absurd und sehr nachvollziehbar. Johann Scheerer beschreibt seine Schulzeit, seine Hinwendung zur Punkmusik bis hin zum ersten Plattenvertrag und dem Beginn seiner Karriere als Musiker. Er macht eine beeindruckende persönliche Entwicklung durch, die er soghaft erzählt. Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Johann weitergeht, zumal ich wusste, dass er heute ein eigenes Musiklabel und einen Verlag betreibt. In diesem Buch stehen nicht der berühmte Vater und dessen Entführung im Mittelpunkt, sondern ausschließlich ein verstörter Jugendlicher, der sich die Situation nicht ausgesucht hatte. Wir begleiten den Autor auf seiner Suche nach Orientierung, Freiheit und Unabhängigkeit. Ob er all dies bis heute wirklich gefunden hat, bleibt für mich offen.

Johann Scheerers autofiktionale Erzählung ist berührend, spannend und selbstkritisch. Er beschönigt nichts und lässt uns an sehr persönlichen inneren Kämpfen teilhaben. Ein beeindruckendes Buch, das ich sehr empfehlen möchte!

Unheimlich nah, Johann Scheerer, Piper Verlag, München 2021, 335 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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