Donnerstag, 18. Februar 2021

Jugend, Tove Ditlevsen

Im zweiten Band der Kopenhagen-Trilogie habe ich das Gefühl, Tove Ditlevsen schon ganz gut zu kennen, vor allem weil ich zuvor bereits ihren stark autobiografisch gefärbten Roman „Straße der Kindheit“ von 1943 gelesen hatte. Der Band „Jugend“ erschien auf Dänisch erstmals 1967, ist also knapp 25 Jahre später entstanden als der Roman.

Mit 14 Jahren muss Tove die Schule verlassen, obwohl sie gern das Gymnasium besucht hätte. Das kann sich die Familie jedoch nicht leisten, sie muss arbeiten gehen. Und so geht sie zu einer Familie „in Stellung“ als Haus- und Kindermädchen, ohne dafür eine Ausbildung zu haben. Tove stammt aus dem Arbeitermilieu und lernt auf diese Weise zum ersten Mal die bürgerliche Welt der Bessergestellten näher kennen. Es kommt zu skurrilen Situationen.

„Ich kochte das Wasser und goss es in die Teekanne, auf deren Boden die Teeblätter lagen. Ich war mir nicht sicher, ob das korrekt war, weil ich noch nie Tee getrunken oder zubereitet hatte. Ich stellte fest, dass die Reichen Tee tranken und die Armen Kaffee.“ (S. 6)

Tove weiß weder, dass man vor dem Betreten eines Zimmers anklopft, noch wie das empfindliche Mobiliar zu behandeln ist.

„Dann folgte der nächste Punkt: „Alle Möbel mit Wasser abbürsten“. Das schien merkwürdig, aber so war es hier wohl üblich. Ich nahm eine Bürste mit schönen harten Borsten, ließ einen Eimer mit kaltem Wasser volllaufen und begann erneut im Wohnzimmer. Ich scheuerte energisch und gründlich, bis ich die Hälfte des Flügels bearbeitet hatte. Erst in dem Moment dämmerte mir, dass etwas haarsträubend schiefgelaufen war.“ (S. 9)

Tove muss häufig die Arbeitsstelle wechseln, bleibt weiter zuhause wohnen, wo sie Kostgeld von ihrem geringen Lohn abzugeben hat und nimmt verwundert die Lebensgewohnheiten der Reichen zur Kenntnis. Sie ist glücklich, als sie zur Lagerarbeiterin und dann zur Bürokraft aufsteigt. Langweilen tut sie sich eigentlich überall. Sie wird abschätzig behandelt und ältere Männer verirren sich mit ihrer Hand gelegentlich auf ihr Knie – oder Schlimmeres. Letzteres nimmt die naive Tove jedoch als Kompliment auf, denn es bedeutet, dass sich ein Mann für ihren Körper interessiert. Jedem in ihrer Schicht ist klar, dass die Heirat der einzige Ausweg aus der Armut ist, so dass jeder Mann als potenzieller Heiratskandidat betrachtet wird. Frauen wird auch nach vielen Jahren Berufserfahrung in der Regel kein Lohn gezahlt, von dem man leben kann.

Aber es gibt auch Lichtblicke. Tove lernt einen älteren Herrn kennen, der sich für Literatur interessiert. Ihm zeigt sie ihre selbstverfassten Gedichte und darf sich Bücher aus seiner Bibliothek ausleihen. In ihm findet sie ein verständnisvolles Gegenüber. Sie veröffentlicht ihren ersten Gedichtband.

Die grobe Handlung erkennt die Leserin aus „Straße der Kindheit“ wieder. Jedoch ist dieses Buch viel näher an der Realität. Wir erleben die Entwicklung des Kindes Tove zur Dichterin mit. Der Schreibstil dieses Buches, das im gleichen Jahr wie der erste Band „Kindheit“ erstmals erschienen ist, unterscheidet sich im Tonfall jedoch deutlich. Tove ist kein Kind mehr und beschreibt den derben Alltag des Erwerbslebens. Nur wenn sie über ihr Schreiben berichtet, das sie allein glücklich macht, kommt der poetische Ton wieder zum Vorschein, der mich im ersten Band so bezaubert hatte. Vor allem werden die bedrückende Armut und die Ausweglosigkeit eines Frauenlebens deutlich, das von der Gesellschaft einzig auf Heirat und Mutterschaft ausgelegt ist. Diese Rolle will der Dichterin Tove so gar nicht passen.

Die vorliegende Fassung stellt die erste deutsche Übersetzung von „Jugend“ dar, ebenso wie „Kindheit“ nie zuvor auf Deutsch vorlag. Es ist ein Schatz, der da gehoben wurde, der uns die Anfänge dieser ungewöhnlichen Frau nahebringt. Es ist zu hoffen, dass bald weitere Übersetzungen des Werks dieser großartigen Autorin folgen werden. Ursel Alleinstein trägt mit ihrer wunderbaren Übersetzung sehr zum Verstehen und der Schönheit des Werks bei.

Ein ungewöhnliches Frauenleben im Kopenhagen der 1930er Jahre zeigt uns, dass es zu allen Zeiten Frauen gegeben hat, die aus der ihnen zugedachten Rolle fielen – weil sie es mussten. Das Buch zeigt die Notwendigkeit des Schreibens, das die Autorin im tristen Alltag überleben ließ. Sehr empfehlenswert!

Jugend, Tove Ditlevsen, aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein, Aufbau Verlag, Berlin 2021, 158 Seiten, 18,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Zusatz-Info:

„Jugend“ ist Teil der Kopenhagen-Trilogie, deren ersten Teil „Kindheit“ und den dritten Teil „Abhängigkeit“ ich ebenfalls rezensiert habe.

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