Montag, 18. Januar 2021

Die Gespenster von Demmin, Verena Kessler

Larissa, die darauf besteht Larry genannt zu werden, lebt in Demmin. In diesem Kaff ist absolut nichts los. Deshalb hat Larry einen Plan: Sie will Kriegsreporterin werden, durch die Welt reisen und von überall berichten. Darauf bereitet sie sich vor. Sie sieht sich Dokumentationen über Kriegsreporterinnen an und weiß über Foltermethoden Bescheid. Also übt sie, lange mit dem Kopf nach unten zu hängen ohne ohnmächtig zu werden oder ihre Hand so lange wie möglich in eiskaltes Wasser zu tauchen. Zimperlich ist sie wirklich nicht. Von ihrer Mutter ist Larry genervt, vor allem aber von deren neuem Freund, der sich im Haus breitmacht. Ihren Vater, von dem die Mutter geschieden ist, sieht Larry kaum.

Im Haus gegenüber wohnt die alte Frau Dohlberg. Sie hat schon als Kind in Demmin gelebt und den Krieg noch mitbekommen . Sie war dabei, als sich bei Kriegsende in Demmin die Menschen in Massen umgebracht haben, als der Einmarsch der Russen bevorstand. Darüber redet niemand mehr. Nur noch das Massengrab auf dem Demminer Friedhof erinnert an diese Zeit. Und Frau Dohlberg erinnert sich. Besonders als ihr Umzug in ein Seniorenheim bevorsteht und sie ihr Haus leerräumen soll, kommen die Erinnerungen mit Macht zurück.

Während Larry die Gefahr sucht, versucht sie gleichzeitig der Sprachlosigkeit in ihrer Familie zu entfliehen. Es gibt eine Leerstelle in der Familie, über die ebenso wenig gesprochen wird, wie über die vielen Frauen, Männer und Kinder, die den Mai 1945 nicht überlebt haben. Erst als Larry sich allen Gespenstern der Vergangenheit stellt, gewinnt sie eine neue Perspektive.

„Das Eis brennt an den Handflächen, meine Jeans wir an den Knien feucht. Hab mich dafür entschieden, gleich zu robben. Nur zur Sicherheit. Wahrscheinlich sehe ich wie ein betrunkener Eisbär aus, aber egal. Hier geht´s um Leben und Tod. Langsam taste ich mich vorwärts. Der Schwan flattert jetzt immer aufgeregter und faucht ab und zu leise, aber ich nehme es ihm nicht übel, ich weiß, dass er bloß Angst hat. (…) Mein ganzer Körper bebt, und schließlich höre ich das Knistern. (…) Es knackt. Einmal. Noch einmal. Eine Sekunde lang ist alles still, selbst der Schwan gibt keinen Laut von sich. Und dann breche ich ein.“ (S. 69/70)

Der Roman erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Larry und Frau Dohlberg. Das individuelle und das kollektive Unglück haben gemeinsam, dass Traumata bleiben, auch oder gerade wenn sie totgeschwiegen werden. Sie vergehen nicht einfach mit der Zeit. Sie beherrschen die Lebenden über Jahre. Larry gibt sich tough, ist aber feinfühliger als sie zugeben mag. Sie durchlebt eine Zeit, in der sich Todessehnsucht von Abenteuerlust schwer unterscheiden lässt und die Erwachsenen keinen Halt mehr geben können. Verena Kesslers Debütroman ist eine berührende Coming of age-Geschichte mit schwerwiegendem historischem Hintergrund, die mit ungeheurer Leichtigkeit erzählt wird. Larrys schnodderige Art ist herzerfrischend. Damit kontrastiert die Geschichte der alten Dame, die niemand mehr hören will. Auf andere Art ist Frau Dohlberg genauso haltlos und unverstanden wie Larry. Das Buch ist ein Appell nachzufragen und zuzuhören.

Ein Roman, der zeigt, dass Junge und Alte dem Tod gleich nah sein können, der sich trotz des ernsten Themas eher leicht liest. Eine gelungene Gratwanderung.

Die Gespenster von Demmin, Verena Kessler, Verlag Hanser Berlin, München 2020, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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