Mittwoch, 26. Februar 2020

Muldental, Daniela Krien


Daniela Krien hatte in letzter Zeit großen Erfolg mit ihren Romanen. Nun hat der Diogenes Verlag einen Band ihrer Kurzgeschichten neu aufgelegt, der bereits 2014 in einem anderen Verlag erschienen war. Die Ausgabe ist überarbeitet und enthält eine zusätzliche Geschichte. Insgesamt sind elf Kurzgeschichten in dem Band versammelt.

Im Vorwort berichtet die Autorin, wie die Ideen für die Geschichten entstanden sind. Sie hat Schicksale gesammelt, z.B. aus der Zeitung und in einem Satz zusammengefasst, etwa „Überschuldeter Handwerker begeht Selbstmord“. (S. 9)

Daniela Krien wurde 1975 in Mecklenburg-Vorpommern geboren und lebt heute in Leipzig, wo sie auch studiert hat. Alle Erzählungen des vorliegenden Bandes spielen in einem kleinen Ort im Muldental in Sachsen. Die Autorin beschreibt darin die Lebensbrüche der Menschen dort, die durch den Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung entstanden sind. Eine Erfahrung, welche die Autorin sicher auch selbst gemacht hat.

„Auch diese beiden haben ein erstes und ein zweites Leben. Vor und nach dem Mauerfall, vor und nach der Wende, vor und nach der friedlichen Revolution – egal, wie sie es nennen, die Bruchstelle ist für alle dieselbe.“ (Muldental II, S. 220)

Daniela Krien beschreibt, aus welchem Leben in der DDR die Menschen kamen und in welche Situation sie Jahre später gelangt sind, wie sie zu denen wurden, die sie jetzt sind. Es sind gewöhnliche Menschen, Männer und Frauen, wie jeder von uns sie aus der Nachbarschaft kennt, Arbeiter und Akademiker. Manche schaffen es, die Krise des Systemwechsels zu überwinden, andere schaffen es nicht. Jede Geschichte ist in sich abgeschlossen, doch haben einige der Hauptpersonen Beziehungen untereinander, sind zusammen im gleichen Dorf aufgewachsen, so dass sich eine Art Nach-Wende-Panorama ergibt.

Sehr beeindruckend fand ich die Erzählung „Muldental“ (S. 11 ff), in der ein Mann nach der Wende erfahren hat, dass seine Ehefrau jahrelang für die Stasi gearbeitet hat, nachdem sie extrem unter Druck gesetzt worden war. Das familiäre Zusammenleben mit diesem Wissen wird unerträglich.

Mehrere der Geschichten drehen sich um die Auflösung der DDR-Betriebe und die nachfolgende Arbeitslosigkeit. Wo soll das Geld herkommen? Wie soll man den Kindern etwas bieten? Die individuellen Lösungen sind unterschiedlich und teilweise erschütternd.

Bedrückend ist die Erzählung „Mimikry“ (S. 30 ff), die vom „Rassismus“ gegen Ostdeutsche handelt. Dankbar sollen sie sein, dass sie im Westen eine Arbeit finden und der Staat ihnen ihr heruntergewirtschaftetes Land wiederaufbaut. Aber „anders“ sind sie, finden die Wessis. Die will man nicht überall dabeihaben. Die sächsische Mundart fällt auf im Westen. Die Menschen werden durch Vorurteile definiert. Wie bitter ist das!

„Er war die Summe seiner Brüche, doch nicht zerbrechlich. Sein Blick auf die Dinge war nüchtern. Er kannte das Land der großen Gleichheitsutopie, dessen Bürger zum Bleiben gezwungen worden waren; und er kannte das Land, das seinen Bürgern einredete, frei zu sein, nur weil es keine Mauern gab. In dem untergegangenen System waren die Lügen so plump gewesen, dass jeder sie erkannte, in dem neuen dagegen glich die Illusion der Wirklichkeit aufs Haar.“ (Muldental II, S. 210)

Daniela Krien schreibt einfühlsam über das Schicksal und die Gefühle ihrer Personen, so dass wir ihnen ganz nahekommen können. Jeder Leser wird eins der beschriebenen Schicksale schon einmal gesehen haben, sie sind exemplarisch. Mir wurde das Privileg bewusst, im Westen geboren worden zu sein, so dass mir dieser Bruch – der manchen zerbrach - erspart geblieben ist. Natürlich wusste ich, dass es Menschen so gegangen ist, wie es hier beschrieben wird. Aber mitgefühlt habe ich es vorher noch nie so intensiv. Ich schäme mich ein bisschen für meine emotionale Unwissenheit.

Die Wende hat Lebensläufe gebrochen, manchmal zerbrochen. Diese Realität wirkt auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung fort. Es ist wichtig sich damit zu beschäftigen, gerade für Menschen, die den Alltag in der DDR und der Anfangszeit der neuen Bundesländer nicht selbst erlebt haben. Dieses Buch ist dazu sehr gut geeignet.

Muldental, Daniela Krien, Diogenes Verlag, Zürich 2020, 240 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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