Montag, 24. Februar 2020

Die Zeuginnen, Margaret Atwood


Gleich nachdem ich „Der Report der Magd“ beendet hatte (vgl. meine Rezension), musste ich die Fortsetzung „Die Zeuginnen“ lesen. Ich war einfach zu gespannt darauf, was aus den Personen geworden ist. Genau das ist auch der Grund, warum Margaret Atwood über 30 Jahre nach dem ersten Teil überhaupt eine Fortsetzung geschrieben hat – die Leserinnen und Leser haben ihr so viele Fragen zum weiteren Fortgang der Geschichte gestellt, dass sie sich davon inspirieren ließ. So beschreibt sie es in der Danksagung am Schluss des Buches (S. 569). Ich bin auch vom zweiten Teil begeistert! Damit stehe ich nicht allein. Margaret Atwood hat 2019 für diesen Roman den Booker Prize gewonnen.

Obwohl mehrere Jahrzehnte vergangen sind, bevor die Autorin den zweiten Roman schrieb, schließen die beiden Teile in bemerkenswerter Weise an einander an. Es gibt keinen Bruch im Stil, wenn auch die Darstellung der Geschichte nun eine andere ist. Im „Report der Magd“ wird die ganze Geschichte von Desfred erzählt. „Die Zeuginnen“ sind tatsächlich mehrere Frauen, die in Form einer Zeugenaussage erzählen. Eine der Erzählerinnen ist Tante Lydia, die eine große Rolle als „Gründerin“ im ersten Teil spielte. Gründerin wovon? Sie berichtet uns, welche Rolle sie in der Entstehungszeit des Staates Gilead hatte. Inhaltlich spielt die Geschichte etwa 15 Jahre nach dem Ende von „Der Report der Magd“. Die anderen beiden Erzählerinnen sind zwei junge Frauen. Eine davon berichtet in ihrer Aussage davon, wie es sich anfühlte in Gilead aufzuwachsen.

Während Desfred im ersten Teil beschreibt, wie es war in Gilead als Magd zu leben und die Auswirkungen des totalitären Systems zu spüren, es aber nicht zu durchschauen, bekommen wir nun Informationen über die wahren Machtstrukturen des Staates. Bereits aus dem ersten Teil wissen wir, dass die Tanten einen großen Anteil an der (Um-)Erziehung und Überwachung anderer Frauen hatten. Nutznießer des patriarchalen Systems schienen jedoch weitgehend Männer zu sein. Die Rolle der Tanten wird nun weiter ausgeleuchtet. Wer welche Strippen im Hintergrund gezogen hat und aus welcher Motivation heraus, erzählt uns Tante Lydia. Auf die Rolle der Frauen wird ein neues Licht geworfen.

„Wir glauben, dass ihr mit euren hohen Qualifikationen geeignet seid, mit uns gemeinsam das beklagenswerte Los der Frau zu verbessern, das durch die dekadente und korrupte Gesellschaftsform verursacht wurde, die wir gerade abschaffen.“ Er hielt inne. „Wollt ihr uns helfen?“ Diesmal entschied sich der ausgestreckte Finger für Helena.
„Ja, Kommandant Judd“, sagte sie kaum hörbar.
„Gut, Ihr seid intelligente Frauen. Aufgrund eurer vorhergehenden …“ Er wollte das Wort Berufe vermeiden. „Aufgrund eurer vorhergehenden Erfahrungen seid ihr vertraut mit dem Leben von Frauen. Ihr wisst, wie sie am ehesten denken, oder lasst es mich anders formulieren – wie sie am ehesten auf bestimmte Reize reagieren, sowohl positive als auch negative Reize. Insofern könnt ihr uns gute Dienste leisten – Dienste, die euch gewisse Vorteile sichern werden.“ (S. 244)

Hauptthema der „Zeuginnen“ ist der Widerstand gegen das totalitäre Regime von Gilead, sowohl im Land selbst als auch vom Ausland aus. Wie in jeder Diktatur organisieren sich Menschen im Geheimen, es gibt Spione und „Maulwürfe“, Kuriere und Schlepper auf beiden Seiten der Grenze. Menschen versuchen aus der Diktatur zu fliehen oder sie zu Fall zu bringen. Und wie überall gibt es auch Doppelagenten, die diese Geschichte besonders spannend machen.

Erneut gelingt es Margaret Atwood die universelle Wirkweise von Diktatur und Terror deutlich zu machen. Die Intellektuellen und Gebildeten der vorherigen Gesellschaft sind die ersten, die entweder gehen oder eingebunden, jedenfalls mundtot gemacht werden müssen, um ein totalitäres Regime zu errichten. Folgende Grundregel des Romans benennt die Autorin: „Es dürfen nur Geschehnisse vorkommen, die es in der Geschichte der Menschheit schon gegeben hat.“ (S. 570) Diese Regel macht die erschreckende Realitätsnähe des Buches aus. Reizvoll sind die ständigen Perspektivwechsel der erzählenden Personen. Der Leser ist emotional dicht dran an den Charakteren, sie sind lebensecht. Ihr Schicksal hat mich mitgenommen.

Ein gelungener Nachfolger des Klassikers „Der Report der Magd“. Ein wichtiges, spannendes Buch, das Spaß beim Lesen macht und nebenbei sehr lehrreich ist. Bin begeistert!

Die Zeuginnen, Margaret Atwood, aus dem Englischen von Monika Baark, Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, Berlin 2019, 576 Seiten, 25,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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