Sonntag, 5. Januar 2020

Der Store, Rob Hart

Nach der spannenden Lektüre von „Das Ting“ (siehe meine Rezension) habe ich gleich noch eine weitere technische Dystopie gelesen. „Der Store“ ist die gedankliche Weiterentwicklung der Weltmachstellung des Onlineriesen Amazon, fortschreitender Digitalisierung, verbunden mit dem Eintreten einer Weltklimakrise. Es geht um Industriespionage und den Aufbau einer Art privaten Diktatur.

Gibson Wells, dessen Figur offensichtlich an Steve Jobs angelehnt ist, ist der reichste Mann der Welt. Er hat in den USA den Konzern Cloud aufgebaut, der neben einem Onlinehandel auch Speicherkapazitäten in Clouds entgeltlich zur Verfügung stellt. Der Versandhandel beliefert binnen Stunden die ganze Welt mittels Drohnen. In den USA traut sich kaum noch jemand in ein Einkaufszentrum, um persönlich einzukaufen, denn an einem Black Friday gab es ein Massaker mit vielen Toten. Außerdem kann man sich so gut wie nicht mehr im Freien aufhalten aufgrund der massiven Erderwärmung und der schädlichen Sonneneinstrahlung. Märkte und Infrastruktur sind zusammengebrochen.

Cloud hat fast sämtliche Konkurrenten aus dem Feld geschlagen, so dass die meisten Städte verödet sind. Der lokale Handel sowie die Gastronomie mussten aufgegeben werden. Arbeitsplätze fielen weg, so dass auch die Menschen weggezogen sind. Dafür bietet Cloud alles aus einer Hand. Der Konzern ist der größte, wenn nicht teilweise der einzige Arbeitgeber. Die Mitarbeiter wohnen auf dem Gelände, erhalten dort medizinische Versorgung, auch Restaurants und Vergnügungszentren sind vorhanden, ohne dass man das Gelände verlassen muss. Die sogenannten MotherClouds sind also nicht nur Arbeitsstätten, sondern autarke Städte mit eigener digitaler Währung.

„Zinnia fuhr mit dem Zeigefinger über das Display der Uhr. So glatt, dass es schlüpfrig war. Als sie das Band anlegte, schnappte der Magnetverschluss über der dünnen Haut an der Innenseite ihres Handgelenks zu.
Nachts aufladen. Sonst nicht abnehmen, weil es Gesundheitsdaten aufzeichnete, Türen öffnete, dein Rating registrierte, Arbeitsaufgaben übermittelte, Transaktionen abwickelte und wahrscheinlich noch hundert andere Dinge tat, die man in der MotherCloud brauchte. Genauso gut hätte man Handschellen tragen können.“ (S. 75)

Der Roman wird abwechselnd erzählt von Gibson, der demnächst an Krebs sterben wird, sowie Paxton und Zinnia, die sich beim Einstellungstest für einen Job bei Cloud kennenlernen. Paxton hat sein eigenes Unternehmen aufgrund des Marktdrucks von Cloud verloren und muss sich als Angestellter verdingen. Zinnia schleust sich unter falschem Namen in den Betrieb ein, um ihrer eigentlichen Tätigkeit als Industriespionin nachzugehen.

Der Roman schildert eindrücklich, welche Lebens- und Arbeitsbedingungen möglich werden, wenn ein einziger Konzern den Markt beherrscht und sich durch seinen wirtschaftlichen Einfluss auch politische Macht sichert. Cloud hat eine staatsähnliche Struktur, da alles firmenintern geregelt wird, von der Bank über die Fleischproduktion bis hin zur Energieerzeugung und dem Betrieb des Flughafens. Eine faktische Diktatur mit perfiden Machtstrukturen entsteht. Dabei hat doch jeder der Mitarbeiter sich aus freien Stücken entschieden, dort arbeiten zu wollen und somit diese Struktur gewählt – oder nicht?! Wie gut funktioniert aber die digitale Überwachung der Mitarbeiter mittels GPS-Signal? Wird es Zinnia gelingen die Firmensoftware auszuspähen und Unregelmäßigkeiten aufzudecken? Wer hat eigentlich ein Interesse an diesem Wissen? Welche der menschlichen Interaktionen sind emotional echt, welche beruhen auf Kalkül? Das ist nicht immer leicht zu durchschauen, für keinen der Beteiligten.

Der Roman hat mich sehr gefesselt. Die geschilderten Zustände sind bedrückend, vor allem weil sie von der Realität nicht allzu weit entfernt erscheinen. Schon jetzt wird im Onlinehandel um Gewerkschaftsbeteiligung, Mindestlohn und Privatsphäre der Mitarbeiter gerungen. Alle technischen Möglichkeiten, die der Roman benennt, gibt es tatsächlich heute schon. Die Spionagegeschichte erzeugt echte Thrillerspannung. Der Part von Gibson, dem Firmengründer, liest sich wie die verlogene, aalglatte Werbebroschüre des Unternehmens, der die schroffe Wirklichkeit gegenüber gestellt wird. Interessant ist die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen einerseits versus der gesellschaftlichen Zwänge andererseits in einem solchen System.

Ein fesselnder Pageturner, der uns zuruft: Buy local!

Der Store, Rob Hart, aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt, Wilhelm Heyne Verlag, München 2019, 592 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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