Mittwoch, 8. Januar 2020

Das Eis-Schloss, Tarjei Vesaas

Was für ein schöner Text! Der Guggolz Verlag hat es sich auf die Fahne geschrieben, verborgene, fast vergessene Schätze neu aufzulegen bzw. neu zu übersetzen. Diese norwegische Erzählung, erstmals 1963 erschienen, ist so ein schillernder Schatz. Schon die wertige Ausstattung des Bandes trägt dazu bei. Der Autor ist in Norwegen sehr bekannt und wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert, den er aber nie bekam.

Das Besondere an dieser sehr langsamen Erzählung ist die die romantische Bildsprache und die Sensibilität für die Gefühlswelt der Protagonistinnen, für das Unausgesprochene und Unaussprechliche. Das namensgebende Eis-Schloss ist ein im Winter gefrorener Wasserfall in der Nähe eines norwegischen Dorfes. Schon die Schilderung des Eises ist meisterhaft. Die Farben in blaugrün, das Knacken des sich bewegenden Eises und die beißende Winterkälte – mit allen Sinnen lässt der Erzähler uns durch kindlich staunende Augen dieses majestätische Naturschauspiel erleben. Wer wäre nicht angezogen von einem hohen Schloss aus Eis, auf dem Sonnenlicht die Wassertropfen des Flusses schimmern lässt?

Die Geschichte ist die einer aufkeimenden Freundschaft zwischen zwei elfjährigen Mädchen. Unn hat vor kurzem ihre Mutter verloren und ist daher zu ihrer freundlichen Tante ins Dorf gezogen. Siss ist die Anführerin in der Schule. Sie erkennt in Unn eine Seelenverwandte. Beide brennen darauf sich näher kennenzulernen, aber etwas scheint dies zunächst zu verhindern. Siss weiß noch nicht, dass Unn ein schmerzliches Geheimnis hat, über das sie nicht zu sprechen wagt. Siss ist sich sicher, dass sie es nicht ertragen könnte, von dem Geheimnis zu hören. Am Tag nach einem vertraulichen Gespräch zwischen den Mädchen ist Unn plötzlich verschwunden. Niemand außer dem Leser weiß, dass sie allein zum Eis-Schloss aufgebrochen ist.

„Unn blickte in eine Zauberwelt aus kleinen Zinnen, Dachwölbungen, bereiften Kuppeln, weichen Bögen und verworrenem Spitzengeklöppel. Alles war Eis, und das Wasser spritzte dazwischen hervor und baute weiter. Stränge des Wasserfalls wurden vom Eis abgelenkt und schossen in neuen Betten dahin und bildeten neue Formen. Alles glänzte. Die Sonne war nicht gekommen, aber alles glänzte aus sich heraus eisblau und grün, und todkalt.“ (S. 50/51)

Sie hat es betreten, darin Räume durchwandert, die stellvertretend für verschiedenste Gefühle in ihr zu stehen scheinen. Was macht Unns Verschwinden mit Siss? Siss versteht ohne Worte, wie es in Unn aussehen muss. Auch Siss durchlebt verschiedenste Gefühle, die sie niemandem mitteilen kann. Und so ist die Erzählung auch eine Geschichte der Einsamkeit, die durch das Unsagbare entsteht.

Eine verzaubernde Erzählung, die das Äußere ebenso wie das Innere schillernd und poetisch beschreibt, voll vom Zauber der menschlichen Seele. Märchenhaft!

Das Eis-Schloss, Tarjei Vesaas, aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Guggolz Verlag, Berlin 2019, 202 Seiten, 22,00 EUR

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