Sonntag, 8. Dezember 2019

Leseparadiese, Rainer Moritz

Mir als Hamburgerin ist Rainer Moritz natürlich ein Begriff, er ist der Leiter des hiesigen Literaturhauses. Als solcher ist er in Buchhandlungen quasi zuhause, so dass es nicht überrascht, dass er eine Liebeserklärung an eben diese Institution verfasst hat. In diesem launigen Erzählbändchen, das sich locker weglesen lässt, erzählt uns der Autor zunächst vom Beginn seiner Leseleidenschaft in der Kindheit. Er stellt uns die ersten ihm erinnerlichen Buchläden und ihre Verkäuferinnen (!) vor, seinen Auftritt in einem Vorlesewettbewerb, bei dem die Wahl seiner Lektüre auf wenig Gegenliebe stieß und geht dann über zu den Besonderheiten von Buchhandlungen und –händlern.


Rainer Moritz sinniert über die ideale Buchhandlung, den passenden Moment, in dem er als Buchkäufer von der Buchhändlerin angesprochen oder in Ruhe gelassen werden möchte, und die Kunst in einem noch so kleinen und verwinkelten Raum einen Buchladen mit Atmosphäre zu betreiben. Sodann besuchen wir im Geiste einige außergewöhnliche Buchhandlungen in der Welt, etwa die in Porto mit der Harry Potter-artigen Treppe, die inzwischen Eintritt nehmen muss, die einzige deutsche Buchhandlung in Paris oder den Laden in Maastricht, der in einer ehemaligen Kirche untergebracht ist. Immer wieder werden auch deutsche Buchhandlungen in Stadt und Land konkret genannt und der Leser mit Anekdoten aus diesen versorgt. Etwa dieser Geschichte über Clemens Bellut in Heidelberg, wie es zur Gründung einer Buchhandlung kommen kann:

„Ich hatte das zufällige Glück, fast ohne irgendeine Suche eine wahrlich traumschöne Wohnung am Kornmarkt beziehen zu dürfen – was ich damals eher noch für eine kostenintensive Urlaubssituation hielt. Als es aber um die Frage ging, welche Einrichtungen künftig in ‚unserem‘ schönen Haus in die noch unvermieteten Ladengeschäfte einziehen würden, traf sich diese gelinde Sorge mit der entbehrenden ersten Erfahrung, dass ich eine Art Buchladen, wie ich ihn in allen ‚meinen Städten‘ (Bonn, Tübingen, Frankfurt, Zürich) gefunden und seither unbedacht für selbstverständlich gehalten hatte, in Heidelberg nicht mehr finden konnte. Und so bin ich auf die verwegene Idee verfallen, selbst als völlig unausgebildeter und unkaufmännischer, alternder Zeitgenosse für Abhilfe zu sorgen.“ (S. 118)

Nett ist das Kapitel über die oft totgesagte Wasserglaslesung – habe ich mir in einer solchen doch genau dieses Buch von Rainer Moritz in einer Hamburger Buchhandlung vorlesen und signieren lassen. Wurde das Buch etwa zu dem Zwecke verfasst, das Überleben der Lesung als Format zu sichern?! Das ist sicher gar nicht nötig, die deutschsprachige Leserin ist sehr geduldig und hört Autoren stundenlang gerne zu, was ausländische Autoren anscheinend außerordentlich verwundert. Das mag daran liegen, dass im Deutschen sogar Literatur darüber verfügbar ist, was eine perfekte Lesung ausmacht.

Das Thema des Buches ist an sich schon ein angenehmes für den bibliophilen Leser. Es wird von Rainer Moritz in schönsten Formulierungen besprochen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich die ansprechende Gestaltung des Buches. Das Papier fasst sich wunderbar weich an, der Druck ist zweifarbig, so dass Überschriften und Seitenzahlen rötlich abgesetzt sind, ein Lesebändchen gibt ihm Stil – und nicht zuletzt darf ich sagen, dass das Buch einen ausgesprochen angenehmen und anhaltenden Duft verströmt. Der Einband lässt ein erhebendes Knacken vernehmen, denn das Buch ist als Hardcover gebunden und trotz des nicht ausufernden Umfangs eben nicht bloß ein schnödes Taschenbuch. (Angeblich soll es Autoren geben, die das Signieren von Taschenbüchern verweigern.)

Ein angenehmes Wohlfühlbuch, in dem mancher sich oder seine Lieblingsbuchhandlung wiederfinden wird. Auch haptisch, optisch und olfaktorisch ein echter Genuss!

Leseparadiese – Eine Liebeserklärung an die Buchhandlung, Rainer Moritz, Sanssouci in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München/Wien 2019, 160 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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