Samstag, 14. Dezember 2019

Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque

Der Titel ist zum geflügelten Wort geworden, der Roman ist ein Klassiker der Weltliteratur. 1929 erstmals in Buchform erschienen, wurde er in über 50 Sprachen übersetzt. Mit über 20 Mio. Exemplaren ist der Roman angeblich das meistverkaufte Buch nach der Bibel. Jedenfalls wurde laut Wikipedia kein im Original deutschsprachiger Text häufiger verkauft als dieser.


Das Buch handelt vom Grauen des Ersten Weltkriegs. Ihm eilt der Ruf voraus, sehr Grausames zu schildern, so dass ich mich erst jetzt anlässlich eines Buddy Reads auf Instagram getraut habe, es zu lesen. Das war eine gute Idee, da der Text wirklich erschütternd ist und der Austausch mit den anderen sehr hilfreich war.

Die Geschichte spielt in der Zeit von 1916 bis 1918, beginnt also zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Schüler Paul Bäumer meldet sich als 18jähriger freiwillig zum Militär, zusammen mit mehreren Klassenkameraden. Er kommt an die Front in Westflandern und erlebt u.a. die Schlacht von Langemarck im August 1917 mit. Geschildert werden die Rekrutenausbildung, das Kampfgeschehen an der Front einschließlich Gasangriff, aber auch ein Heimaturlaub und die Situation im Lazarett. Dabei darf man davon ausgehen, dass die detaillreichen Schilderungen authentisch sind, da der Autor im gleichen Alter wie die Figur Paul Bäumer war, als er 1916 eingezogen wurde.

In schnörkelloser, sachlicher Sprache berichtet Paul Bäumer das, was eigentlich unaussprechlich ist. Was die Soldaten während des Urlaubs zuhause nicht über die Lippen bringen, was ihnen auch niemand vorher gesagt hat, als man sie dazu drängte, sich freiwillig zu melden. Das militärische Gerät ist noch rudimentär. Zwar gibt es Flugzeuge, aber hauptsächlich wird von Hand gefeuert oder sogar im Nahkampf mit dem Bajonett gekämpft. Die Wagen mit dem Nachschub werden von Pferden gezogen. Die Deutschen haben keine Panzer, zum Schluss wohl aber ihre Gegner. Für die Soldaten bedeutet dies, dass sie dem Gegner Auge in Auge gegenüber stehen, sehen, wen sie da töten, das Leiden mitansehen und merken, dass auf der anderen Seite junge Männer stehen, die ihnen sehr ähnlich sind. Das alles beschreibt der Autor ohne jede Sentimentalität. Gerade dies macht die Schilderung so eindrücklich.

Ein solcher Kampf funktioniert nur, wenn man alles menschliche Mitgefühl verdrängt. Paul beschreibt, wie er meint zum Tier zu werden, alle Menschlichkeit abstreift, nur noch an den Kampfbefehl denkt und dabei verzweifelt versucht, sein Leben zu retten. Er sieht Kameraden sterben und merkt, dass er sich keine Trauer erlauben kann. Sie würde ihn zermalmen. Er weiß aber selbst, dass die Verdrängung nicht ewig funktionieren wird. Spätestens nach dem Krieg wird alles zurückkommen, wird er die schlimmen Bilder und die Schuld verarbeiten müssen. Paul weiß, dass er ein völlig anderer Mensch geworden ist, der nicht in sein altes, heiles Schülerleben zurückkehren können wird. Und gerade dass Paul all die Verrohung, der Wahnsinn des Leidens und die Sinnlosigkeit des Krieges so deutlich bewusst sind, ist das Schlimmste.

„Albert spricht es aus. ‚Der Krieg hat uns für alles verdorben.‘
Er hat recht. Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht mehr stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen, die Welt und das Dasein zu lieben; wir mussten darauf schießen. Die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz. Wir sind abgeschlossen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.“ (S. 66/67)

Wer dieses Buch gelesen hat, kann den Reden von Kriegstreibern keinen Glauben mehr schenken, wird begreifen, was Krieg wirklich bedeutet und dass es niemals Sieger dabei geben kann. Das exemplarische Schicksal von Paul Bäumer und seinen Kameraden macht deutlich, dass selbst ein formal gewonnener Krieg nur um den Preis einer seelisch verstümmelten Generation zu haben wäre. Ich wünschte, jeder würde dieses Buch lesen und nie mehr davon reden, dass man Konflikte militärisch lösen müsse.

Ein großartiges Stück Literatur durch die Erzählweise. Ein Mahnmal gegen jede Art von Krieg. Der Roman sollte Pflichtlektüre für jeden sein.

Im Westen nichts Neues, Erich Maria Remarque, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009, 224 Seiten, Preis der aktuellen, neueren Ausgabe: 8,99 EUR

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