Freitag, 29. November 2019

Bundesweiter Vorlesetag 2019


Ich erzähle furchtbar gern Geschichten und lese gerne vor. Ich wurde auf eine wunderbare Vorlese-Aktion aufmerksam: An jedem dritten Freitag im November findet seit 2004 der Bundesweite Vorlesetag statt. Er wird veranstaltet von der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutsche Bahn Stiftung. Dieses Jahr, am 15. November 2019 haben fast 700.000 Menschen mitgemacht als Lesende oder Zuhörende. Das Jahresmotto war dieses Mal „Sport und Bewegung“.

Bei so einer tollen Veranstaltung wollte ich auch gern mitmachen und habe in meiner Kirchengemeinde angefragt, ob Interesse an einem Vorlesenachmittag besteht. Die Evangelisch –lutherische Kirchengemeinde Hamburg-Stellingen war angetan von der Idee, das Team der Familienkirche verlegte kurzerhand ihren sonst samstags stattfindenden Termin auf Freitag vor und unterstützte die Aktion nicht nur durch zahlreiches Erscheinen, sondern auch durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer am großen Tag. An dieser Stelle sage ich ganz herzlichen Dank an alle aus dem Team und unsere Pastorin Gabriele Voigt für ihre Begeisterung und Unterstützung dieser schönen Aktion.

Um 15 h ging unser Programm los, zunächst für die Kleinsten, nämlich Kinder bis zu 6 Jahren. Eine Gruppe von ca. 10 Kindern mit ihren Eltern, Omas oder Paten versammelte sich auf Sitzkissen im Altarraum der durch Kerzen erhellten Kreuzkirche in Hamburg-Stellingen. Dieser Gruppe habe ich das Bilderbuch „Na klar, Lotta kann Rad fahren“ von Astrid Lindgren (erschienen im Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg) vorgelesen. Eine Helferin hielt das Bilderbuch hoch, so dass alle die schönen Illustrationen von Ilon Wikland sehen konnten, während ich las. Als ich zur Einstimmung auf das Buch fragte, welche Erfahrungen die Kinder mit dem Radfahren-Lernen gemacht hätten, berichteten sie begeistert. Fast alle hatten schon selbst erlebt, dass man zu Anfang noch Hilfe braucht, manchmal umfällt mit dem Rad und sich sogar ein bisschen wehtun kann. Da verwunderte es nicht, dass die Kinder mit viel Emotion der Geschichte folgten. An ihren Gesichtern war abzulesen, wie sie mit Lotta mitlitten, als diese vom viel zu großen gemopsten Fahrrad fiel und ihr neues Armband im Rosenstrauch verlor. Ein Kind musste sich eng an seine Mama kuscheln bei so viel Aufregung. Die Lesezeit von gut einer Viertelstunde verbrachten die Kleinen sehr konzentriert.

Danach war Bewegung angesagt. Ich zeigte den Kindern anhand einiger mitgebrachter Beispiele, wie unterschiedlich Bücher sein können. Groß und dünn wie ein Bilderbuch, klein und dick wie ein Geschichtenbuch für Größere, im Miniformat in der Größe einer Streichholzschachtel oder als modernes ebook. Die Kinder gingen in der Kirche auf Entdeckungstour, um alle Bücher zu finden, die es in der Kirche gibt. Wir schauten uns gemeinsam die Bibel mit Goldschnitt auf dem Altar an, fanden ein Gesangbuch in den Sitzreihen und endeten vor dem großen Schaukasten, in dem die Gemeinde eine ca. 300 Jahre alte großformatige Bibel ausstellt. Das Gedränge um den Hocker vor der Vitrine war groß, alle wollten das kostbare schwere Buch aus der Nähe sehen.
Zu einer kleinen Stärkung sammelten wir uns im Gemeindesaal und veranstalteten danach einen Büchertausch. Einige Besucherinnen und Besucher hatten ausgelesene Bücher zum Tauschen mitgebracht, aufgestockt wurde das Angebot durch Bücher, die der Gemeinde gestiftet worden waren. So wechselten viele Bände die Besitzer, leuchtende Kinderaugen besahen sich die neuen Buchschätze.

Gegen 16 h gingen wir in die nächste Vorleserunde, die für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren gedacht war. Da es einigen aus der ersten Gruppe so gut gefallen hatte, blieben sie auch zur zweiten Lesung da. Ich las Auszüge aus dem 2. Band der Reihe „Der zauberhafte Wunschbuchladen“ von Katja Frixe (erschienen im Dressler Verlag, Hamburg) vor, mit dem Untertitel „Der hamsterstarke Harry“. Das kleine Fellknäuel ist ein tierischer Zirkusartist, der aus seinem Buch im zauberhaften Wunschbuchladen gefallen ist. Eine Gruppe von wiederum ca. 10 Kindern schloss den Kreis um mich. Die Spannung war bereits nach wenigen Minuten so groß, dass die Kinder sich um mich drängten, um einen Blick ins Buch zu erhaschen (herrliche Bilder von Florentine Prechtel!) und vielleicht auch, um beim Kuscheln ein bisschen Aufregung loslassen zu können.

Meine geplante Lesezeit habe ich um das Doppelte überschritten, denn die begeisterten Zuhörer hatten (gefühlt alle 2 Minuten) jede Menge aufgeregte Fragen und Ideen, die unbedingt mitgeteilt werden mussten. An einer Stelle balanciert der Hamster auf einer Wäscheleine im Garten. Da wurde dann diskutiert wie genau der Hamster so hoch hinauf geklettert sein konnte. Zuvor war er aus einem alten Puppenhaus entwischt. Die Kinder hatten die tollsten Ideen, wie er es geschafft hatte, aus der Tür oder dem Fenster hinauszugelangen. Auch das generelle Schicksal von Tieren, die in Zirkussen auftreten, wurde von den Kindern angesprochen. Alle waren sich einig, dass Tiere dort nicht zum Vergnügen der Menschen gequält werden dürfen und waren sehr froh, dass der besondere Hamster in der Geschichte sehr gern und aus eigenem Antrieb Kunststücke machte, auch wenn ihm niemand zusah. Ich hatte das Gefühl, meine Zuhörerinnen und Zuhörer wären am liebsten in das Buch hineingekrochen, mit solchem Feuereifer verfolgten sie das Schicksal des kleinen Hamsters. So leuchtende Kinderaugen beim Vorlesen sind das Schönste, was ich mir als Vorlesende wünschen konnte.

Als ich nach ca. 45 Minuten die Lesung trotz Protest beendete, wurde ich mit Fragen nach dem Fortgang des Buches bestürmt. Ich hoffe, einige der Kinder werden das Buch selbst lesen oder vorgelesen bekommen. Ich konnte die kleine Bande dann aber recht bald ablenken durch den nächsten Programmpunkt: Bücher basteln.

Aus einem YouTube-Video hatte ich mir abgeschaut, wie man mit Origamitechnik Minibücher aus Papier falten kann. Außen ist ein bunter Buchumschlag, innen weiße Seiten (so dass man es als Notizbuch verwenden kann) und oben kann eine Schlaufe aus Geschenkband angeklebt werden, so dass man das Buch als Deko aufhängen oder als Geschenkanhänger benutzen kann. Die Kinder falteten begeistert mit – manche mit einiger Unterstützung durch Eltern und Helferinnen – und waren sehr stolz auf unsere fertigen Werke.

Ich persönlich bin der Meinung, dass Vorlesen nicht nur etwas für Kinder ist, sondern auch Erwachsenen Freude macht. Nicht umsonst gibt es ein großes Angebot an Autorenlesungen. Diese Meinung scheinen nicht alle Großen zu teilen, denn zu der für 17 h geplanten Lesung für Erwachsene erschien leider – niemand. Die freie Zeit nutzten wir unverdrossen zum Bücher falten, nachdem die Lesung ja deutlich länger als geplant gewesen war. Und so war es ein wunderschöner, runder Nachmittag, der mir unendlich viel Freude gemacht hat. Nächstes Jahr wollen wir wieder mitmachen beim Bundesweiten Vorlesetag. Ihr auch?

Zusatz-Info:
Mitmachen darf jeder beim Bundesweiten Vorlesetag. Jede/r Vorlesende darf den Ort der Lesung selbst bestimmen, etwa in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, Turnhallen, Privatwohnungen oder Plätzen im Freien. Die Lesung darf öffentlich oder für einen begrenzten Personenkreis nichtöffentlich stattfinden. Alle Teilnehmenden können ihre Veranstaltung anmelden unter www.vorlesetag.de, so dass andere in der Region davon erfahren. Auf der Website gibt es weitere Informationen, Tipps zur Buchauswahl und bundeseinheitliche Werbeplakate zum kostenlosen Download.

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