Donnerstag, 28. November 2019

Vom Ende der Einsamkeit, Benedict Wells

Ein Leben kann so schnell zerbrechen. Eben noch war alles gut für Jules und seine beiden älteren Geschwister. Dann sterben ganz plötzlich seine Eltern. Die drei Kinder müssen in ein Internat. Dort beginnt die Einsamkeit. Jules hat das Gefühl, er sei auf seinem Lebensweg falsch abgebogen. Er führt nicht das richtige Leben, das für ihn vorgesehen war, sondern ein anderes, falsches. Jeder der drei Geschwister reagiert anders auf die neue Situation, aber leicht ist es für keinen. Jules bemerkt, dass auch andere Kinder einsam sind, selbst wenn ihre Eltern noch leben.

Wann hört die Einsamkeit auf?, fragt sich Jules. Wenn man erwachsen ist und das Internat verlassen kann? Eher nicht. Denn Alva, mit der er sich im Internat angefreundet hatte, hat ganz andere Pläne als er. Wo ist der Mensch, der zu einem gehört? Gibt es den überhaupt? Oder hat das Schicksal nun für Jules beschlossen, dass das Leben für immer grau und dunkel bleibt?

„Weißt du, was ich manchmal denke?“ Ich wischte mir über die Oberlippe und sah sie angriffslustig an. „Das hier ist alles wie eine Saat. Das Internat, die Schule, was mit meinen Eltern passiert ist. Das alles wird in mir gesät, aber ich kann nicht sehen, was es aus mir macht. Erst wenn ich ein Erwachsener bin, kommt die Ernte, aber dann ist es zu spät.“ (S. 67)

Wir begleiten Jules und seine Geschwister bis weit in ihr Erwachsenenleben. Dessen Richtung zu bestimmen fällt ihnen nicht leicht. Aber bestimmen wir unseren Weg überhaupt selbst? Schuld, verpasste Chancen, die Vergangenheit – alles spielt eine Rolle dabei. Sich selbst auf dem Weg nicht zu verlieren oder überhaupt erst zu finden, ist schwer.

Dieser Roman erzählt von Identität, Verlust und Scheitern, aber auch von unserer Macht, unser Leben selbst zu bestimmen, egal welche Umstände es uns beschert. Nach und nach verdichten sich einzelne Puzzlestücke zu einer Geschichte, werden Dinge verständlich. Erinnerungen sind nicht statisch, sie verändern sich mit der Zeit. Packend durch ihre Ehrlichkeit ist diese Geschichte, nachvollziehbar durch ihre Unvollkommenheit sind die Figuren. Manchmal sehen wir das Naheliegendste zuletzt. Der Roman ist nicht deprimierend, aber tiefgehend und berührend, er macht nachdenklich.

Einsamkeit endet nicht, wo menschliche Beziehungen beginnen. Die Beziehung zu uns selbst ist die Grundlage dafür, unsere Einsamkeit zu beenden. Wie dies geschehen kann, darüber lässt dieser großartige Roman uns nachdenken.

Vom Ende der Einsamkeit, Benedict Wells, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 368 Seiten, 13,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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