Dienstag, 3. September 2019

Das Genie, Klaus Cäsar Zehrer

Auf der Grundlage einer wahren Geschichte zeichnet der Autor das Leben einer bemerkenswerten Familie nach. Anders als der Titel vermuten lässt, handelt der Roman nicht nur von einem Genie, sondern von mindestens zwei, wenn nicht gar drei. Im ersten Teil erleben wir mit, wie der erst 18jährige Jude Boris Sidis allein aus der Ukraine aus- und in die USA einwandert. Als Boris 1886 mit dem Schiff in New York eintrifft, will er sein gesamtes bisheriges Leben hinter sich lassen. Er verlässt seine Reisegefährten, lässt seinen kleinen Koffer stehen und wirft sogar die letzten Münzen, die er noch besitzt, in den Fluss. Frei und unbelastet will er in die neue Welt gehen. Englisch spricht er nicht, dafür aber sechs andere Sprachen. Ohne Frage ist Boris ein Genie, ein hochintelligenter junger Mann, der Wissen und Bildung in höchster Geschwindigkeit in sich aufnehmen kann. Englisch bringt er sich selbst bei.

Der Mensch muss essen. In der wachsenden Stadt New York, in der im Industriezeitalter an jeder Ecke Arbeiter gesucht werden, nimmt Boris wechselnde Jobs an, um sich über Wasser zu halten. Der einzige Zweck ist aber, sich Zeit zum Lesen und Lernen zu verschaffen. Irgendwann begegnet er der jungen Sarah Mandelbaum, die ebenfalls eine jüdische Immigrantin aus der Ukraine ist. Sie ist harte Arbeit gewöhnt und hat nie eine nennenswerte Schulbildung erhalten. Boris bemerkt sofort, wie klug und wissensdurstig Sarah ist und lernt mit ihr.

Sarah und Boris heiraten. Boris kann nichts anfangen mit Begriffen wie Liebe und Versorgung, verspricht aber, Sarah etwas viel wertvolleres zu schenken: Die Möglichkeit sich selbst zu unterhalten, indem sie mit seiner Unterstützung einen eigenen Beruf lernt. Hier wird deutlich, dass das einfache Mädchen vom Lande, das bei der Emigration gerade Lesen und Schreiben konnte, auch so etwas wie ein Genie sein muss. Sarah lernt schnell dazu.

1898 wird der gemeinsame Sohn William James Sidis, genannt Billy geboren. Vater Boris hat seine eigenen Theorien über das Lernen entwickelt, in dem er selbst so erfolgreich ist. Er beschließt diese an seinem Sohn zu testen und damit zu beweisen, dass jedes Kind mit der richtigen Förderung ein Genie werden kann. Die vollkommene Erziehung, die Boris selbst nicht bekommen hat, soll seinen Sohn zum vollkommenen Menschen machen. Am ersten Tag nach Billys Geburt geht es los.

„Er faltete eine Decke zusammen, legte sie auf den Tisch und bettete Billy darauf. Mit einer zweiten Decke verhängte er das Fenster und sagte mit monotoner Stimme: „Es ist dunkel.“ Er nahm die Decke ab und sagte ebenso monoton: „Es ist hell.“ (…)
Als Nächstes kam das Gehör dran. Er stellte sich links neben den Tisch, läutete ein Glöckchen und sagte: “Das Geräusch kommt von links.“ Er wechselte die Seite, läutete wieder und sagte: „Das Geräusch kommt von rechts.“ Er hielt das Glöckchen direkt über den Tisch, läutete und sagte: „Das Geräusch kommt von oben.“ Er krabbelte unter den Tisch, läutete und sagte: „Das Geräusch kommt von unten.“ (S. 160)

Billy lernt in ungeheurem Tempo Sprachen, Mathematik und Allgemeinbildung. Noch im Kindesalter erhält er seinen High School-Abschluss. Allerdings zeigt er auch diverse Verhaltensweisen, die ihn unerträglich für eine Gruppe von Gleichaltrigen werden lassen. Der Schulbesuch ist ihm nicht nur aufgrund seines überlegenen Wissens unmöglich. Selbst Erwachsene schrecken von seiner selbstgefälligen und besserwisserischen Art zurück. Die Eltern jedoch genießen die Bestätigung ihrer Erziehungsmethode und die öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Wunderkind zuteilwird. Doch plötzlich verweigert Billy sich der schnurgeraden Karriere, die seine Eltern für ihn vorgesehen haben. Der Roman schildert Williams weiteres Leben bis zu seinem Tod.

Die Geschichte wird spannend erzählt und enthält diverse unvorhersehbare Wendungen. Alle Genies in dieser Familie sind einigermaßen schrullig und verhalten sich ungewollt komisch, da sie gesellschaftlichen Normen keinerlei Bedeutung beimessen. Boris und William machen sich große Gedanken um die Welt als Ganzes, den Sinn, das Universum und die ideale Gesellschaft. Diese Gedanken und ihr überlegenes Wissen isolieren sie, voneinander und von allen anderen Menschen. Den Umgang mit Gefühlen wie Liebe oder Einsamkeit hat ihnen niemand beigebracht.

Der Roman stellt die Frage, auf welche Fähigkeiten es im Leben wirklich ankommt. Die Eltern schreiben Billys Lernerfolg allein ihrer Förderung zu, ziehen aber nie in Betracht, dass Billys Intelligenz auch genetisch unterstützt sein könnte. Sie können sich nicht vorstellen, dass ein Kind eine eigene Persönlichkeit haben könnte. Für sie unterliegt er allein ihrer Formung. So bleibt zum einen die Frage offen, ob die Methode bei jedem Kind die gleichen Ergebnisse hervorbrächte, und zum anderen, ob diese Ergebnisse wirklich wünschenswert sind. Hier tauchen wir ein in die bis heute von Psychologie und Soziologie umstrittene Frage nach dem Zusammenspiel von angeborenen Faktoren und Prägung des Menschen durch seine Umwelt. Jeder darf am Ende der Geschichte selbst beurteilen, wer am Leben und an der Welt gescheitert ist und warum.

Mich hat die Geschichte sehr berührt und gefesselt. Es ist traurig, dass Hochbegabung oft mit Einsamkeit einhergeht (wenn auch weniger extrem), weil die Mehrheit die Gedankenwelt dieser Menschen nicht teilen kann.

Das Genie, Klaus Cäsar Zehrer, Diogenes Verlag, Zürich 2019, 656 Seiten, 14,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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