Montag, 13. Mai 2019

Paris Echo, Sebastian Faulks

Paris – jeder verbindet etwas mit dem Namen dieser Stadt, selbst jemand, der noch nie selbst dort gewesen ist. Man könnte sagen, die Stadt hat ein Echo. In ihr hallen Erinnerungen wider, Sehnsüchte, Geschichte und Geschichten, Menschen und Völker.


Dieser Roman wird abwechselnd von zwei sehr unterschiedlichen Personen erzählt, von Hannah Kohler, einen Historikerin aus den USA von Anfang Dreißig und Tariq Zafar, einem neunzehnjährigen Marokkaner. Beide sind nach Paris gekommen, um dieses Echo der Vergangenheit zu spüren.

Tariq mag das Leben in Tanger nicht, wo er mit Vater und Stiefmutter lebt. Es scheint ihm, als sei er gar nicht wirklich lebendig. Er spricht fließend französisch, da seine Mutter Halbfranzösin war und viele Jahre in Paris gelebt hat. Sie starb, als Tariq noch klein war. Er möchte mehr über sie wissen, über ihr Leben in Europa. Paris kennt er nur aus Filmen, aber es scheint ihm, als sei dort das Leben. Also bricht er dorthin auf, ohne Papiere, ohne Geld, ohne Plan, geleitet nur von seiner Sehnsucht.

Dort begegnet er durch Zufall Hannah, die einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt in Paris verbringt. Hannahs Aufenthalt gestaltet sich gegensätzlich zu dem von Tariq. Sie ist vor zehn Jahren bereits einmal länger In Paris gewesen, sie hat sich in ihr Forschungsthema bereits genau eingelesen und den Weg durch die Institute bereits geplant, in denen sie recherchieren will. Sie besitzt einen Stadtplan, hat ein Apartment gemietet, ist gut organisiert. Hannah befasst sich mit der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nazis 1940 bis 1944, insbesondere mit dem Leben der Frauen in Paris und der Résistance.

Tariq bemerkt bald, dass er nichts weiß über die Geschichte Europas, nicht einmal die seines eigenen Landes, nichts über das Leben und die Frauen, an denen er jedoch sehr interessiert ist. Er wird ausgelacht, weil er nicht einmal weiß, wer dieser Typ de Gaulle ist. Er beneidet Hannah um ihr Wissen, auch um ihre Kenntnis der eigenen Abstammung, die Herkunftsländer ihrer Vorfahren. Denn er empfindet nur eine große Lücke, die er auch vor Ort in Paris kaum zu füllen vermag.

Hannah hingegen beneidet Tariq um seine Unbefangenheit. Er reist „ohne Gepäck“ im doppelten Sinne, ist aber offen und saugt alles Unbekannte in sich auf, ohne von Vorurteilen gehemmt zu sein. Hannahs Recherche über das Leben der Frauen in den 40er Jahren vermischt sich immer mehr mit den schmerzlichen Erfahrungen, die sie selbst vor zehn Jahren in Paris gemacht und noch nicht wirklich hinter sich gelassen hat.

Beide stellen sich die Frage, welchen Wert das Erinnern hat, das historische als auch das persönliche. Verhindert das Gedenken an Gräueltaten wirklich deren Wiederholung? Was ist der Unterschied zwischen Gedenken und dem Verharren in altem Schmerz und Hass? Spiegelt nicht das heutige Verhältnis der Franzosen und Nordafrikaner zueinander, das Tariq in Paris erlebt, genau dieses Festhalten an alten Ressentiments?

„‘What, really, is the difference between the commemoration of an artrocity and the perpetuation of a grievance?’
Julian breathed in. ‘I think we know.’
‘Don’t just dismiss the question.’
‘I’m not. Only a few years ago the Serbs were massacring Bosnian Muslims to get their own back for the way the Serbs were beaten by the Ottoman Turks at the Battle of Kosovo in 1380-something! The whole Serbian identity is built on the myth of Kosovo Polje. Wouldn’t it be better if they’d just forgotten? Six hundred years is a bloody long time to brood.’” (S. 225)

 Die Buchkapitel sind nach Pariser Métrostationen benannt. Tariq liebt die Métro, mit der er sich durch die Stadt bewegt, in der er verschiedene Mädchen beobachtet und Menschen trifft. Durch die Stationsnamen lernt er so manches über die historischen Orte und Personen, die diese Stadt in sich vereint. So wird die Fahrt in der Métro zur Reise zu sich selbst.

Ein faszinierendes Buch, sehr dicht geschrieben, mit glaubwürdigen Charakteren, deren Weg man gern begleitet. Was verbindest Du mit Paris?

Paris Echo, Sebastian Faulks, englischsprachige Ausgabe, Hutchinson Verlag, London 2018, 298 Seiten

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Die Schneeschwester, Maja Lunde

Bestimmt kennt Ihr die Romane für Erwachsene von Maja Lunde, z.B. „Die Geschichte der Bienen“ oder „Die Letzten ihrer Art“ (siehe meine Re...