Samstag, 27. April 2019

Über Meereshöhe, Francesca Melandri

Der zweite Teil von Melandris Trilogie der Väter ist deutlich kürzer als die beiden anderen Romane und weniger komplex. Er spielt 1979, mitten in den sog. Bleiernen Jahren in Italien, einer Zeit des politischen Terrors sowohl von Links als auch von Rechts. Viele Jahre lang wurde Italien erschüttert von Terroranschlägen, die viele Todesoper forderten.

Bleiern kommt auch die Atmosphäre des Buches daher. Es spielt auf einer abgelegenen italienischen Insel, auf der sich ein Hochsicherheitsgefängnis befindet. Im Mittelpunkt stehen Paolo, der seinen inhaftierten Sohn und Luisa, die ihren Mann besucht. Aufgrund schlechten Wetters verlängert sich die ohnehin schon beschwerliche Reise der beiden, sie müssen eine Nacht unbeabsichtigt auf der Insel verbleiben. So kommen sie ins Gespräch.

Die Szenerie ist beeindruckend. Die Insel ähnelt einerseits einem Ferienparadies mit Stränden, andererseits ist da die Gefängnisanlage, die man nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen betreten darf. Die Besucher werden einer Leibesvisitation unterzogen, mitgebrachte Geschenke werden teilweise konfisziert. Die Insel wird umtost vom Meer, das dann auch noch durch einen Strurm aufgepeitscht wird. Das Meer ist Sinnbild für die aufgewühlten Seelen von Besuchern und Besuchten. Die wütenden Elemente verdeutlichen die rohen Kräfte des Terrors von verschiedenen Seiten. Denn es sind nicht nur die Attentäter, die sich unbeschreiblicher Gewalt bedienen, sondern ebenso der Staat in Form von Polizei, Justiz und Strafvollzug.

Bedrückend macht der Roman deutlich, wie entmenschlichend die Gewalt wirkt. Sie zerstört das Leben der Opfer, der Täter und auch das der Familien der Inhaftierten. Wie sieht man seinem geliebten Sohn ins Gesicht, der zum Mörder geworden ist? Wie soll man dessen Existenz im Gefängnis begreifen, einem Ort, der so wenig Kontakt zulässt? Was wird aus einer Ehe, die über Jahre nur durch Besuche alle paar Monate aufrecht erhalten werden kann? Wie steht eine Familie da, die den Ernährer verloren hat, ums Überleben kämpft, während der Vater von Revolution spricht? Was geschieht überhaupt in der Seele eines Menschen, der zum Täter geworden ist? Da bleiben viel Angst und Verstörung auf allen Seiten.
"Und von Paolos Armen gehalten, weinte Luisa, weinte, wie sie noch nie in ihrem Leben geweint hatte. Sie weinte um die Mentruationsschmerzen auf dem Traktor. Weinte wegen der Ravioli, von denen ihre jüngste Tochter so gern gegessen hätte und die dann im Abfall gelandet waren. (...) Sie weinte um diesen Mann, den sie bis gestern nicht kannte und dessen Mund Klagelaute entfuhren. Sie weinte wegen der Umarmung, in der er sie jetzt hielt." (S. 167)
Der Roman hat im 21. Jahrhundert neue Aktualität gewonnen, in dem islamistischer Terror die Welt erschüttert. Aus welchen Gründen Anschläge verübt werden, ist letztlich gleichgültig. Die Verrohnung und Entmenschlichung bleibt die gleiche, das zerstörte Vertrauen der Menschen ebenso. Der Roman beschreibt diese Gefühle sehr nachvollziehbar. Die Handlung ist jedoch eher sparsam, vor allem im Vergleich zu den beiden anderen Romanen der Trilogie. Die Erzählweise hat mich gefesselt, wenn auch nicht in gleichem Maße wie bei Melandris "Eva schläft" oder "Alle, außer mir".

Ein lesenswertes Buch, das nachdenklich macht.

Über Meereshöhe, Francesca Melandri, aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2019, 208 Seiten, 13,90 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

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