Dienstag, 22. Juni 2021

Sieben Tage Windstille, Laure Limongi

Korsika – dorthin verschlägt uns dieser Roman. Eine Familiengeschichte zeigt die verschlungene Historie dieser Insel auf, zwischen Kolonialismus, Krieg und Unabhängigkeitsbewegung. Die Autorin wurde selbst 1976 auf Korsika geboren.

Im Mittelpunkt steht Huma, die seit ihrer Geburt ein schweres Erbe zu tragen hat. Dabei weiß sie nicht einmal, worum es geht. Es gibt ein Familiengeheimnis, für das sie anscheinend „geopfert“ werden soll. Als Erwachsene kommt sie vom Festland nach Korsika an den Ort ihrer Kindheit zurück um die Umstände zu ergründen.

Huma lebt als Kind mit ihren Eltern Lavi und Alice im Familienanwesen „Villa Alcyon“ auf Korsika. Im Obergeschoss wohnt May, ihre Großmutter väterlicherseits. May stammt aus der alten korsischen Familie der Pietris und heiratete Gabriel, den Spross der Benedetti-Familie. In diesen konservativen Kreisen ist Alice ein Fremdkörper, da ihre Eltern Findelkinder nicht näher bekannter Herkunft vom französischen Festland waren. Allerdings ist das nicht der einzige Grund, warum mancher die Nase über Alice rümpft. Schon die ersten Jahre in Humas Leben sind davon gezeichnet, dass ihre Bedürfnisse keine Rolle für die Erwachsenen spielen. Die Eltern sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Doch in ihrem sechsten Lebensjahr muss sie in den ersten Stock zu May ziehen und sogar das Bett mit ihr teilen. May bewacht und vereinnahmt das Kind, nörgelt an ihr herum und behandelt sie wie einen Hund. Warum lassen die Eltern das zu? Schließlich wissen sie, dass May ihre Schwiegertochter Alice hasst und dies nun ohne Scheu an Huma auslässt. Warum ist May derart bösartig?

„Wird Huma in der Schule nach den Berufen ihrer Eltern gefragt – auf den klassischen Frageborgen zu Anfang des Schuljahrs -, kennt sie sie nicht. Später wird sie denken, dass sie schon damals etwas hätte ahnen müssen. Aber wie? Welchen Maßstab sollte sie zugrunde legen?“ (S. 78)

Der Roman lässt uns teilhaben an Humas Entwicklung, in der sie sich von der Vergangenheit befreien will. In Rückblenden erfahren wir etwas über die Generation der Groß- und Urgroßeltern mit ihren persönlichen Verstrickungen. Huma fragt sich, welche schrecklichen Umstände so viel Gewalt und Unterdrückung in ihrer Kindheit rechtfertigen könnten. Und wie sie ihre Identität bewahren, aber Fehler und überkommene Vorstellungen der vorigen Generationen ablegen kann. Als erste in der Familie läuft sie nicht weg, sondern stellt sich diesen Fragen, durchbricht die Sprachlosigkeit.

Die Geschichte ist sehr spannungsvoll geschrieben. Kleine Andeutungen bringen die Leserin auf die Spur des Familiengeheimnisses. Empathisch ist Humas Charakter geschildert, so dass ich mit ihr mitgelitten und sie innerlich angefeuert habe, sich unabhängig von den Erwachsenen zu machen. Die beschriebenen dysfunktionalen Familienstrukturen dürften gar nicht so selten sein. Ungewöhnlich ist aber die Strenge, mit der die Familie versucht die Fassade aufrecht zu erhalten. Ich habe den Roman an zwei Tagen eingeatmet.

Bemerkenswert ist die wunderschöne Sprache des Buches, die alle Sinne anspricht. Das alte Haus „kommuniziert“ mit der Außenwelt, im Marmor der Treppe sind Gestalten zu erahnen. Die Autorin benutzt originelle Bilder, die mir sehr gefallen, z.B. dies:

„Humas Körper ist ein kleines Etwas, das riecht wie ein minimal zu lang gebackener Kuchen. Süß und rauchig. Duftend und schön angerichtet.“ (S. 29)

Eine spannende Familiengeschichte, eingebettet in die Geschichte Korsikas, die den Leser gefangen nimmt. Für mich ein Pageturner.

Sieben Tage Windstille, Laure Limongi, aus dem Französischen übersetzt von Valerie Schneider, mareverlag, Hamburg 2021, 272 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Montag, 21. Juni 2021

Das Damengambit, Walter Tevis

Ich hatte die Netflix-Serie nicht gesehen und für Schach interessiere ich mich auch nicht. Dennoch hat mich dieses phantastische Buch fasziniert, eingesogen und hält mich immer noch in seinem Bann. Es wurde erstmals 1983 veröffentlicht und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt.

Die Geschichte beginnt in den 1950er Jahren in Kentucky, USA, wo die kleine Beth Harmon mit acht Jahren zur Waise wird. Das Leben mit ihrer intelligenten, aber seltsamen (verrückten?) Mutter war nicht einfach. Aber als Beth in ein Waisenhaus kommt, wird es noch schlimmer. Sie muss in einem großen Schlafsaal mit anderen Mädchen schlafen, wo es schwer ist, nachts zur Ruhe zu kommen. Ohnehin scheint es dem Personal weniger um die Förderung der Kinder zu gehen, als darum sie ruhig zu stellen. Jedes Kind bekommt täglich Beruhigungspillen. Beth bemerkt schnell, welchen Effekt diese erzeugen, wenn man sie ein paar Tage aufspart und dann mehrere auf einmal nimmt.

Im Keller entdeckt Beth, dass der Hausmeister ein seltsames Brettspiel gegen sich selbst spielt: Schach. Immer wieder stiehlt sie sich heimlich davon und bringt den Hausmeister schließlich dazu, ihr das Spiel beizubringen. Schnell wird sie besser als er.

Beth wird schließlich adoptiert, doch auch in der neuen Familie herrschen keine rosigen Verhältnisse. Aber Beth spielt weiter Schach. Sie hat nicht einmal ein Schachbrett, aber sie spielt in ihrem Kopf und macht schließlich ihr erstes Schachturnier mit. Eine steile Karriere beginnt, in der Beth oft als jüngste und als einziges Mädchen lauter Männer besiegt. Wen sie nicht besiegt, sind die Beruhigungstabletten und später der Alkohol.

"... Was ist deine Wertungszahl?"

"Ich habe keine."

"Hast du schon mal an einem Turnier teilgenommen?"

"Nein."
Der Mann deutete auf Beths Geld. "Willst du wirklich mitmachen?"

"Ja."

"Einen Frauenwettbewerb haben wir aber nicht."
Sie schaute ihn nur an.

"Ich setze dich zu den Anfängern."

"Nein", protestierte Beth, "ich bin keine Anfängerin." (S. 110)

Man muss nichts von Schach verstehen, um dieses Buch zu lieben. Psychologisch ausgefeilt und sehr empathisch wird Beth beschrieben, die unter prekären Umständen und Lieblosigkeit zu leiden hat, aber dennoch ihren Weg geht. Sie weiß, was sie will. Und das tut sie. Ihre Schachspiele werden spannend wie Verfolgungsjagden geschildert. Das eine sind die speziellen Schachtaktiken, das andere sind die Nerven, die es braucht, um bei stundenlangen Partien zu gewinnen. Lässt man sich einschüchtern, wenn der Gegner so viel älter und seit Jahren ein Großmeister ist? Kann man dem Gesicht des Gegners ein Zeichen von Schwäche ansehen? Die beeindruckende kognitive Leistung, die Spitzenschachspieler vollbringen, wird deutlich. Es ist wunderbar mitanzusehen, wie Beth ihre Fähigkeiten entwickelt und unerschrocken ihren Weg geht. Gezielt sucht sie Schachturniere mit hohen Preisgeldern aus, um sich aus der Armut zu befreien. Denn sie liebt schöne Kleider. Sie will raus aus Waisenhausuniform und Sonderangebotskleidung, welche die Adoptivmutter ihr kauft. Was sie allerdings nicht kaufen kann, sind echte Freunde. Sind die anderen Schachspieler nicht alle nur Nerds? Wollen sie nur mit Beth ins Bett oder kann man einem von ihnen vielleicht vertrauen?

Ein fulminantes Leseerlebnis mit reichlich Tempo, das mich in der Schachwelt versinken ließ. Die Serie ist ok, kann aber mit dem Buch nicht mithalten. Ich gebe zu, dass ich mir ein eigenes Schachbrett kaufen musste und am Schluss des Buches beinahe zurück auf Seite 1 gesprungen wäre, um es sofort noch einmal zu lesen.

Das Damengambit, Walter Tevis, aus dem Amerikanischen übersetzt von Gerhard Meier, Diogenes Verlag, Zürich 2021, 414 Seiten, 24,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags. Ich danke dem Verlag für das kostenlos zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.)

Sonntag, 6. Juni 2021

Die Vögel, Tarjei Vesaas

Der Roman wurde 1957 erstmals in Norwegen veröffentlicht. Karl Ove Knausgård bezeichnete ihn als „besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde“ (vgl. S. 274). Der 1970 verstorbene Autor hat auch „Das Eis-Schloss“ geschrieben, ein Buch, das mich sehr bezaubert hatte. Die deutsche Übersetzung war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021 nominiert. Das angefügte Nachwort von Judith Hermann ist sehr erhellend, warum dieser Roman als so bedeutend eingestuft wird.

Die Geschichte handelt von dem Geschwisterpaar Mattis und Hege, die in einem Dorf in Norwegen leben. Seit die Eltern verstorben sind, sorgt die stille 40jährige Hege durch Strickarbeiten für den bescheidenen Lebensunterhalt der Geschwister. Der 37jährige Mattis kann dazu nichts beitragen, da er geistig behindert ist. Erzählt wird ausschließlich aus Mattis‘ Sicht. Er leidet darunter, dass die Leute im Dorf ihn den Dussel nennen. Er nimmt schmerzlich wahr, dass er trotz aller Mühen mehr Schaden als Nutzen verursacht, wenn er zu arbeiten versucht. Ob es Feldarbeit oder Holzfällen ist, seine Gedanken gehen überkreuz und verheddern sich mit seinen Händen. Auch das Reden mit anderen fällt ihm nicht leicht, da diese oft nicht verstehen, was Mattis meint oder die Worte nicht so herauskommen, wie Mattis gern möchte. Er weiß, dass andere klug und schnell sind, er aber eher nicht. Dabei wünscht er sich sehr, ein Mädchen würde ihn gernhaben oder dass er eine feste Arbeit finden könnte, für die er geeignet ist.

Mattis beobachtet seine Umwelt, vor allem die Natur sehr genau. Er sieht Zeichen, etwa wenn eine Schnepfe ihren Balzflug gerade über seinem Haus ausführt oder der Blitz an einer bestimmten Stelle einschlägt. Oft versucht er, Hege von seinen Beobachtungen und Träumen zu berichten, ist dann aber enttäuscht, wenn sie deren besondere Bedeutung nicht erkennt. Auch manche Wörter sind so bedeutsam für Mattis, dass man bei ihrer Benutzung vorsichtig sein muss. Etwa die Wörter Messer oder Blitz könnten wirklich etwas Scharfkantiges, Gefährliches hervorbringen, wenn man sie zum falschen Zeitpunkt ausspricht. Aus derartigen Zeichen liest Mattis, dass es alsbald zu einer großen Veränderung in seinem Leben kommen wird. Ob diese gut oder schlecht sein wird, ist ungewiss. Wenn nur Hege ihn nicht verlässt, denkt Mattis, denn allein könnte er nicht zurechtkommen.

„Psst, da war es. Das ruckartige Flattern, der Vogel selbst schemenhaft und rasch in der Luft direkt über dem Haus, jetzt in der entgegengesetzten Richtung. Und wieder weg, verborgen im weichen Zwielicht und den schlafenden Baumwipfeln.

Da sagte Mattis laut:

„Ja, das ist der Schnepfenstrich.“

Er wusste nicht, warum er das sagte und woher er es hatte. Weniger konnte er nicht sagen oder tun – und niemand hörte ihn dabei.

Es fühlte sich an, wie wenn nach langer, schwerer Zeit etwas überstanden war.“ (S. 27)

Die langsame, oft umständliche Erzählweise spiegelt Mattis‘ verschlungene Gedankengänge wider, in denen er sich oft im Kreis dreht. Andererseits zeigt sie Mattis‘ Sensibilität und Empfänglichkeit für das Magische im Alltäglichen, die wirklich rührend sind. Er ist ein warmherziger Mensch, der nur im Einklang mit der Welt sein möchte. Die eine Frage treibt ihn um: Warum ist alles, wie es ist? Aber niemand kann ihm eine Antwort darauf geben.

Das Erzähltempo war für meinen Geschmack zu langsam. Ich werde ungeduldig, wenn die Natur zu lange beschrieben wird. Dennoch ist die innige Geschwisterliebe zwischen der geduldigen Hege und dem etwas störrischen Mattis herzerwärmend. Ich konnte die raue norwegische Landschaft am See vor mir sehen, mit den Spuren, welche die Vögel hinterlassen. Den gleichen Zauber wie „Das Eis-Schloss“ hatte die Geschichte für mich leider nicht.

Der Roman lässt den Leser mit dem behinderten Mattis mitleiden, der in seiner eigenen Welt voller Geheimnisse lebt, aber an seiner Unfähigkeit im Alltag fast verzweifelt. Die Langsamkeit seiner Gedanken ist nichts für Ungeduldige.

Die Vögel, Tarjei Vesaas, aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, Guggolz Verlag, Berlin 2020, 278 Seiten, 23,00 EUR

(Die Rechte am Coverbild liegen beim Verlag.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...