Donnerstag, 13. Mai 2021

Glückskind, Steven Uhly

Hans ist geschieden. Seine Kinder sind längst erwachsen. Seit der Trennung von seiner Frau hat er sie nicht mehr gesehen. Aber das ist schon lange her. Seine Tage sind eintönig. Zur Arbeit geht er schon lange nicht mehr. Schon die Verlängerung für seinen Hartz IV-Antrag auszufüllen, ist eine unglaubliche Anstrengung für Hans. Er ist ein behauster Obdachloser, denn eine Wohnung hat er noch. Auch wenn darin eine Menge Müll liegt und die Schmutzwäsche sich türmt. Das Rasieren hat Hans schon lange aufgegeben.

Eines Tages entschließt Hans sich, wenigstens einmal den Müll zur Tonne hinunter zu bringen. Als er den Müllcontainer öffnet, liegt obenauf eine Puppe. Eine Babypuppe, denkt Hans. Aber sie atmet ja! Mitten im Müll findet Hans ein Baby. Er tut, was jeder Mensch instinktiv tun würde: Er nimmt es hoch, weil es wimmert, nimmt es mit in seine Wohnung. Doch was nun? Wo soll er hin mit einem Baby in seiner verdreckten Wohnung? Zu wem gehört das Kind? In den Nachrichten kommt etwas von einer Mutter, die ihr Kind umgebracht haben soll. Einfach weggeworfen. Zu so einer Mutter kann man das Kind doch nicht zurückgeben, denkt Hans.

„Hans nimmt eine Flasche heraus, spült sie heiß aus, schüttet die Babymilch hinein. Das Mundstück passt drauf, aber er muss es abdichten. Er nimmt Tesafilm und umwickelt Flaschenhals und Schnuller so oft, bis er glaubt, dass es halten wird. Dann nimmt er vorsichtig das Baby und hält ihm die Flasche hin. Das Baby schreit, es reagiert nicht auf den Kontakt. „Du rechnest gar nicht mehr damit, nicht wahr, Kleiner?“, sagt Hans. „Das versteh ich gut“, sagt er, „aber jetzt ist alles anders, du wirst schon sehen.“ (S. 17)

Durch das hilflose, hungrige Baby wird etwas angerührt in Hans, der sich schon vor Jahren aufgegeben hatte. Da braucht ihn jemand. Er macht Platz, sucht Lösungen, schafft Babymilch heran. So ganz geheim halten kann er es nicht, dass er plötzlich ein Baby bei sich hat. Die Nachbarn bekommen etwas mit und freuen sich. Und plötzlich passieren jeden Tag erstaunliche Dinge in Hans‘ Leben. Aber wie lange kann das gutgehen?

Ich habe diese Geschichte sehr gern gelesen. Es ist so schön mitzuerleben, wie jemand sich allein wieder hochrappelt, der sich schon aufgegeben hatte. Und das nicht, weil ihm jemand hilft, sondern weil er jemandem helfen kann. Die Bedürfnisse eines Säuglings sind einfach zu verstehen: Essen, Schlafen, Kuscheln. Ein Baby trifft uns mit seiner Hilflosigkeit mitten ins Herz. Hans geht erfrischend anders mit der Situation um, als ich es getan hätte, mit seiner ganz eigenen Logik. Dadurch wurde mir Hans sofort sympathisch. Die Geschichte zeigt, wie leicht es ist abzurutschen und aus der Gesellschaft herauszufallen. Aber auch wie das Festhalten an den basalen Bedürfnissen eines Menschen und ein bisschen Hoffnung alles verändern kann.

Mir ging das Herz auf bei diesem schönen Buch. Es ist vielleicht nicht alles realistisch in der Geschichte, aber voller Wärme und Hoffnung ist sie, und das macht richtig Spaß.

Glückskind, Steven Uhly, Secession Verlag, Zürich 2012, 256 Seiten, 19,95 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Mittwoch, 12. Mai 2021

The Bee and the Orange Tree, Melissa Ashley

Die Australierin Melissa Ashley hat ihren Roman im Paris des Jahres 1699 angesiedelt. Basierend auf dem Leben der Baroness Marie Catherine d’Aulnoy, einer französischen Autorin im Zeitalter Ludwigs des XIV., erzählt sie eine fiktive Geschichte im Schriftstellermilieu und zugleich ein Gesellschaftspanorama dieser Zeit. Insbesondere im Zeitraum zwischen 1690 und 1725 gab es in der französischen Literatur eine Blütezeit der Märchen für Erwachsene. Um der Zensur des Hofes zu entgehen, verpackten die Autor:innen der Zeit – unter ihnen eine große Anzahl von Frauen – ihre Gesellschaftskritik in Märchen.

Zu Beginn des Romans ist Baroness d’Aulnoy bereits in den mittleren Jahren, Mutter von drei erwachsenen Töchtern und eine erfolgreiche Schriftstellerin. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht und veranstaltet regelmäßig literarische Salons in ihrem Haus. Dort trifft sich die Pariser Literaturszene, junge Autor:innen tragen ihre neusten Entwürfe vor und testen deren Qualität vor Publikum, auch um Aufmerksamkeit für eine mögliche Publikation zu erhaschen. Es werden Spiele gespielt, beispielsweise muss ad hoc ein Text einer bestimmten Gattung fabriziert werden, gut gegessen und die neuste Garderobe zur Schau getragen. Und natürlich wird jungen Autoren Ratschlag zum Schreiben erteilt.

‚You must be flexible. Try every form. Verse is all very well‘, she glanced at Angelina, ‚but hardly a way to earn one’s living. Unless the King takes an interest. But you‘ll have to court his favour. And that, dear boy, is a career in itself.‘ (S. 72)

Marie Catherine d’Aulnoy lebt getrennt von ihrem Ehemann und ist froh darüber. Wie so viele Frauen ihrer Zeit lebt sie in einer unglücklichen arrangierten Ehe, in die sie in jungen Jahren gedrängt wurde. Sie nimmt ihre jüngste Tochter Angelina in ihren Haushalt auf, die bislang in einem Kloster gelebt hat, damit diese die Stelle ihrer Sekretärin einnimmt. Angelina hatte bereits zuvor im Briefkontakt als Erstleserin ihrer Mutter bei der Abfassung ihrer Texte zur Seite gestanden.

Eine weitere unglückliche Ehe bereitet der Baroness Kopfzerbrechen. Ihre Freundin Nicola Tiquet wird von ihrem eifersüchtigen Ehemann jede Nacht eingeschlossen. Er ist gewalttätig und vor allem mit dem Vermögen seiner Frau verschwenderisch. Nachdem ein Anschlag auf den Ehemann verübt wurde, wird Nicola Tiquet wegen Mordverdachts verhaftet. Jeder in Paris weiß, dass es auf Schuld oder Unschuld der Ehefrau kaum ankommt. Krone und Kirche haben ein Interesse daran, Frauen am Aufbegehren gegen ihre Männer und die Gesellschaftsstrukturen zu hindern und wollen ein Exempel statuieren. Frauen sollen in ihre Schranken gewiesen werden.

Der Roman beleuchtet Frauen in unterschiedlichen Situationen, jüngere und ältere, verheiratete und unverheiratete, allerdings nur aus dem Adel. Sie alle müssen in einer extrem patriarchalen, hierarchischen Gesellschaft zurechtkommen und finden unterschiedliche Wege dazu. Liebschaften, Homosexualität, hohe Kindersterblichkeit oder die Flucht ins Kloster, um der Heirat zu entgehen, werden thematisiert. Das alles wird eingebettet in die Welt der Literatur, in der die Frauen eine Ausdrucksmöglichkeit jenseits von Haushalt und Mutterschaft finden. Die Geschichte um Madame Tiquet gleicht fast einem Justizkrimi.

Mir war die Zeit um 1700 literarisch bislang kein Begriff. Die wahren Umstände weiblicher Autoren der Zeit fand ich sehr interessant. Allerdings hat das Buch einige Längen, da sehr viel Zeit auf die Beschreibung der pompösen Umgebung (oder deren Vortäuschung), die gepuderten Frisuren und andere Details verwendet wird. Eingearbeitet sind auch Märchen, wie sie in der damaligen Zeit entstanden sind. Diese sind für den heutigen Lesegeschmack sehr blumig. Das Buch ist eine Art Kostümfilm in Romanform, aufgrund des realen Hintergrunds aber durchaus reizvoll.

Wer eintauchen möchte in die gepuderte Welt Ludwig des XIV. und die märchenhafte Schriftstellerinnenszene, ist hier genau richtig. Ein zutiefst feministischer Roman über eine Zeit, in der man dies kaum vermutet hätte.

The Bee and the Orange Tree, Melissa Ashley, Affirm Press, Melbourne 2019, 372 Seiten

(Die Coverrechte liegen beim Verlag.)

Sonntag, 9. Mai 2021

Daheim, Judith Hermann

Dieses Buch hat mich zuerst ratlos und beklommen zurückgelassen. Und mit dem Gefühl, als hätte ich beim Lesen wesentliche Teile übersehen. Glücklicherweise nehme ich an einer moderierten Leserunde im Literaturhaus Hamburg zu diesem Buch teil. Aufgrund der uns vorgelegten Diskussionsfragen habe ich das Buch sodann ein zweites Mal gelesen. Nun weiß ich, um was für ein vielschichtiges Werk es sich handelt, in dem jedes einzelne Wort mit Bedacht gewählt wurde. Und mir wurde klar, dass ich auch jetzt noch nicht jede Bedeutung erfasst habe.

Es ist mein erstes Buch der Berlinerin Judith Hermann, Jahrgang 1970, die mit diesem Roman nominiert ist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021.

„Daheim“ – schon der Titel ist eigentlich Ironie. Denn ich habe selten so viele unbehauste Figuren erlebt, die so wenig an einem Ort oder in sich selbst daheim waren. Im Zentrum steht eine namenslose Ich-Erzählerin von 47 Jahren, die ihren Mann Otis verlassen hat, nachdem die gemeinsame Tochter Ann ausgezogen war, und allein von der Stadt aufs Land, ans Meer gezogen ist. In der rauen, kargen Landschaft, die unbenannt ist, aber an die Nordseeküste erinnert, lebt sie außerhalb eines Dorfes, weil sie allein sein will. Sie arbeitet in der Gastwirtschaft ihres älteren Bruders Sascha im Dorf. Sie lernt ihre Nachbarin Mimi und deren Bruder, den wortkargen Schweinezüchter Arild kennen. Viele der Personen scheinen so sehr in sich verstrickt zu sein, dass ihnen der echte Kontakt, der Aufbau von Beziehungen zu anderen Menschen schwerfällt. Nur Mimi, die in der Gegend geboren ist, ruht in sich selbst und begibt sich ohne Umschweife in das Leben der Protagonistin, die noch gar nicht so recht weiß, ob ihr das recht ist. Eigentlich will sie an diesem Ort nicht bleiben, mit niemandem in Verbindung gebracht werden, sich nicht verwurzeln.

Das Buch beginnt mit einer Begebenheit, die der Erzählerin vor 30 Jahren passiert ist und die das Leitmotiv für das gesamte Buch setzt. Ein Zauberer hatte sie angesprochen, weil er eine neue Assistentin suchte, um mit ihr den Trick „Die zersägte Jungfrau“ vorzuführen. Er hatte der Protagonistin angeboten, mit ihm und seiner Ehefrau für drei Monate auf einem Kreuzfahrtschiff nach Singapur zu fahren, um auf dem Schiff Vorführungen zu geben. Sie hatte es damals ausprobiert, sich in die Kiste des Zauberers zu legen, sich dann aber dagegen entschieden auf die Reise zu gehen. Sie wird das Gefühl nicht los, damals in der Kiste ein Stück von sich zurückgelassen zu haben, das ihr bis heute fehlt.

Und schon sind wir mittendrin. Das Motiv der Kiste, die offen oder verschlossen sein kann, begegnet uns in verschiedenster Form immer wieder, etwa in einer Marderfalle oder einem verschlossenen Zimmer. Die Kiste steht für eine Transformation, einen Richtungswechsel, sich dem Leben und seinen Aufgaben stellen. „Die zersägte Jungfrau“ wird kontrastiert mit Mimis Erzählung der Sage einer Nixe.

„Fraglich, sage ich, warum diese Meerjungfrau das Wappen der Region zieren muss.

Nixe, sagt Mimi, nenn sie Nixe. Die Meerjungfrau ist erlösungsbedürftig, die Nixe ist es nicht.“ (S. 94)

Wir begegnen nicht nur Anspielungen auf Sagengestalten wie der Medusa oder Hetäre, sondern auch vielen Referenzen an Oper, Literatur und Film. Sobald ein Buch auf einem Tisch liegt, dessen Titel genannt wird, sollte die Leserin diesem Hinweis nachgehen, auch wenn er in der Situation keine Rolle zu spielen scheint. Die Orte der Geschichte sind keineswegs zufällig gewählt. Die Erzählerin arbeitet zu Beginn in einer Zigarettenfabrik. Blitzt da die Opernfigur Carmen durch? Die Tochter Ann befindet sich auf einer Reise mit dem Boot auf dem Meer und scheint niemals anzukommen. Ist sie eine Art „Fliegende Holländerin“?

Der Roman beleuchtet das Erzählen und das Erinnern, die Einsamkeit, die Angst und die Wahlmöglichkeiten bis hin zur Identität der Menschen.

„Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin. Ich könnte auch eine sein, die jeden Morgen drei harte Eier zum Frühstück isst und dabei in einer Zeitung liest, in der es keine schlechten Nachrichten gibt, und ich staune darüber, dass ich tatsächlich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte.“ (S. 116)

Die Erzählerin macht eine Entwicklung durch, dort am Meer. Sie beginnt sich freizuschwimmen, einige Kisten zu öffnen, begibt sich zaghaft in neue Beziehungen zu Menschen. Dabei scheint die Temperatur eine Rolle zu spielen, weil in bestimmten Situationen eine unerträgliche Hitze herrscht, während in anderen Kälte sich einstellt. Das Ausbleiben des Regens nimmt die menschliche Abhängigkeit von Wetter und Umwelt mit in den weiten Blick über das flache Land an der Küste.

Ich bin beeindruckt von diesem Roman mit seiner unkomplizierten, schnörkellosen Sprache. Das kurze Buch lässt sich leicht weglesen, täuscht dabei aber leicht über seine Tiefe hinweg. Bis hin zur befürchteten Apokalypse ist alles dabei, was Menschen bewegt. Vieles bleibt ungesagt und scheint zwischen den Zeilen auf. Es bleibt eine große Projektionsfläche für die Leserin.

Ein großes Stück Literatur voller einsamer Menschen mit einer Erzählerin auf dem Weg zu sich selbst. Ein Buch voller Atmosphäre und Melancholie und voller Kästen, die das Öffnen lohnen.

Daheim, Judith Hermann, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021, 192 Seiten, 21,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Alles überstanden?, Christian Drosten, Georg Mascolo

Die Corona-Pandemie hat uns alle geprägt, bewegt, zur Verzweiflung gebracht. Mich hat der Podcast von Christian Drosten durch die Pandemie...