Montag, 26. April 2021

Über Menschen, Juli Zeh

Wie schon in ihrem Erfolgsroman „Unterleuten“ nimmt Juli Zeh uns auch in ihrem neusten Buch mit nach Brandenburg, in das kleine Provinznest Bracken. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Dora, die zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 von Berlin nach Brandenburg zieht. Ihren Job in der Werbeagentur kann sie auch von zuhause aus machen. Es ist nicht nur der Lockdown, der sie aufs Land treibt. Auch in ihrer Beziehung zu Robert hält sie nichts mehr. Als Klimaschützer war er im Alltag schon manchmal anstrengend. Aber seit Ausbruch der Pandemie werden seine Ansichten beklemmend einengend. Dora kratzt ihr Geld zusammen und kauft ohne sein Wissen ein Haus, das sie sich leisten kann, nimmt ihre Hündin Jochen und ansonsten nur das Nötigste mit und übersiedelt nach Bracken.

Idylle sieht anders aus. Haus und Grundstück sind verwahrlost, der nächste Laden kilometerweit weg. Dora hat weder ein Auto noch landwirtschaftliche Erfahrung. Am schlimmsten aber ist ihr Nachbar! Sein kahlgeschorener Kopf reckt sich eines Tages über die Grundstücksmauer und gibt unfreundliche Dinge über den „Scheißköter“ von sich. Er stellt sich als „Gote“ vor.

„Angenehm“, sagt Gote. „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“.

In der Agentur entwickeln sie ständig solche Szenen. Junge Frau, die aufs Land gezogen ist. Leicht verunsichert von der neuen Umgebung, aber fest gewillt, alles toll zu finden. Trifft ihren neuen Nachbarn. „Angenehm, ich bin hier der Dorf-Nazi“ – und freeze. Die Szene friert ein. Langsamer Zoom auf das völlig entgeisterte Gesicht der Hauptdarstellerin, die vor Entsetzen zur Wachsfigur erstarrt ist. Quer darüber der von Dora entwickelte Claim: „Neue Challenge – neuer Chill“. Für Tee. Oder ein Hustenbonbon. (S. 45)

Die Sache ist klar. Mit Nazis will Dora nichts zu tun haben. Im Dorf scheint es noch mehr seltsame Leute zu geben. Von Political Correctness hat noch keiner etwas gehört. Das schwule Pärchen die Straße hoch beschäftigt Gastarbeiter, beutet sie aber nicht aus – oder?? Mehr und mehr merkt Dora, dass es doch gar nicht so einfach ist. Die Dinge sind mit ihren festen Überzeugungen und Prinzipien nicht in den Griff zu kriegen. Der Nazi macht manchmal nette Sachen. Außerdem hat er eine kleine Tochter, die während der Schulschließung in Berlin bei ihm wohnt. Die beiden schwulen Männer sind nicht die Gutmenschen, für die Dora sie zuerst gehalten hat, aber ganz übel sind sie auch nicht.

Der Roman bildet die mehr als komplizierte Gegenwart ab. Menschen und gesellschaftliche Zustände lassen sich nicht einfach in Gut und Böse einteilen. Sie sind widersprüchlich. In einem kleinen Dorf abseits jeglicher Infrastruktur kann keiner ohne den anderen auskommen, das merkt Dora bald. Und trotz aller Animositäten verhalten sich die Dorfbewohner entsprechend. Dora muss die Widersprüchlichkeiten des Lebens aushalten. Sie kann nicht einfach den Kontakt zu jedem vermeiden, an dem sie etwas stört. Und dann ist da noch Gotes kleine Tochter, die einen etwas verwahrlosten Eindruck macht und einen Narren an Doras Hündin gefressen hat. So ein Kind kann schließlich nichts dafür, dass ihr Vater ein Nazi ist. Und so wachsen Beziehungen zwischen Dora und den Bewohnern von Bracken, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Mir hat die Geschichte mit all ihren unperfekten, schrulligen Menschen gefallen. Sie drückt die Verwirrung aus, die viele von uns jetzt empfinden. Wem soll man noch glauben? Was ist richtig und falsch? Wohin entwickelt sich die Welt in der Pandemie, wie soll man sein Leben planen? Der Roman zeigt die Grenzen intellektueller Konzepte auf in einer Zeit, in der man manchmal nur von Tag zu Tag entscheiden kann, was heute zu tun ist.  

Ein Roman, der das Klischee des „rechtsradikalen Ostens“ beleuchtet und die komplexe Wirklichkeit in der Coronapandemie widerspiegelt. Eine realistische Geschichte über die menschliche Widersprüchlichkeit, die wir manchmal einfach nur aushalten können, ohne sie zu verändern.

Über Menschen, Juli Zeh, Luchterhand Literaturverlag, München 2021, 416 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Übernachtung in der Buchhandlung Schwarz auf Weiß, Juli 2021

Es war schon lange mein Traum, einmal eine ganze Nacht in einer Buchhandlung zu verbringen. Endlos stöbern zu können ohne Rücksicht auf Lad...