Montag, 1. März 2021

Tiger, Polly Clark

Auf diesen Roman wäre ich nicht aufmerksam geworden, wenn es nicht jemand in meinem Buchclub vorgeschlagen hätte. Es liegt etwas außerhalb meiner sonstigen Lese-Komfortzone, hat mir aber wirklich gut gefallen.

Wusstet Ihr, dass es Tiger gibt, die nicht in einem warmen Land leben, sondern in der sibirischen Taiga in zweistelligen Minusgraden heimisch sind? Um diese sibirischen Tiger dreht sich diese Geschichte, die in vier Teilen aus der Sicht verschiedenster Menschen erzählt wird. Erst nach und nach fügt sich die Geschichte zusammen, so dass wir sehen, in welcher Beziehung diese Menschen zueinander stehen.

Es beginnt mit Frieda, einer Tierpflegerin in einem britischen Zoo. Eigentlich sind die Bonobo-Affen, die nächsten Verwandten des Menschen, ihr Spezialgebiet. Doch nach einem schlimmen Ereignis und einer nicht hilfreichen Strategie, dieses zu verarbeiten, wechselt sie die Arbeitsstelle und landet in einem Zuchtprogramm für die vom Aussterben bedrohten Tiger. Sie lernt viel über diese majestätischen Tiere, die auch im Zoo stets wild bleiben und keine Kuschelkatzen werden. Bedrohlich und wunderschön zugleich stellen sie eine Attraktion dar.

Danach lernen wir Tomas kennen, der in einem Tigerreservat in Sibirien arbeitet. Gemeinsam mit seinem Vater und einigen weiteren Männern beobachtet er die Tiger mittels Kamerafallen und Spurenlesen und gibt diesen einen Lebensraum, in dem sie vor Wilderern geschützt sind. Das Leben in Sibirien ist karg. Der Verkauf von Tigerfellen und -knochen, vor allem nach China, kann Reichtum bedeuten in dem unwirtlichen Landstrich. Die Zusammenarbeit mit seinem Vater ist nicht immer einfach für Tomas. Auch träumt er zuweilen von einer anderen Zukunft. Frauen gibt es weit und breit nicht. Der Bau eines Plumpsklos im Lager stellt bereits einen erheblichen Luxus dar. Tomas denkt daran, einmal in die Stadt zu ziehen.

Edith gehört zur Volksgruppe der Udehe, die in der Taiga heimisch sind. Durch den Einfluss der Russen haben sie ihre Sprache verloren. Das traditionelle Schamanentum ist verboten worden. Aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen heiratet Edith einen Russen und bekommt eine Tochter. Doch der Wodka hält Einzug in diese Vernunftehe. Edith möchte ihrer Tochter eine Zukunft in Freiheit ermöglichen und zieht mit ihr tief in den Wald, weit weg von jeder menschlichen Siedlung, und bringt ihr bei, in der Wildnis zu überleben. Besonders vor den Tigern, die im Wald herumstreifen, müssen sich die beiden hüten, denn die Begegnung mit einem Tiger führt zwangsläufig in den Tod.

Ganz zum Schluss versteht die Leserin, wie es zum großen Showdown kommen konnte, bei dem eine Tigerin im tiefsten Winter sogar einen Bären reißt und anderes Unheil seinen Lauf nimmt.

„Gut möglich, dass ihm der Hunger die Sinne raubte, seine Wahrnehmung ebenso beeinträchtigte wie die Fähigkeit, Risiken richtig einzuschätzen, sonst wäre ihm bewusst, dass es ihm in seinem geschwächten Zustand so gut wie unmöglich war, ein Beutetier von lohnender Größe zu erlegen. Andererseits war es in seiner Situation vermutlich die einzige Rettung, wenn jegliche Unsicherheit im Keim erstickt wurde. Mangelndes Urteilsvermögen, die Weigerung, ein Scheitern überhaupt in Betracht zu ziehen, kann sich in Extremsituationen als ausgesprochen hilfreich erweisen: Das hungernde Tier wird von einem beinahe übernatürlichen Glauben daran erfasst, dass alles möglich ist. Häufig ist das die einzige Chance, zu überleben – das Schaffen von Möglichkeiten durch reine Willenskraft.“ (S. 191)

Der Roman überzeugt mit seinen wunderschönen Naturbeschreibungen, durch welche die Leserin viel erfährt über die raue Wildnis Sibiriens. Die Autorin, die zur Recherche selbst dorthin gereist ist, beschreibt Menschen, die im Einklang mit diesem kargen Land leben, wo schon das blanke Überleben eine Leistung an sich ist. Die Romanfiguren tragen seelische Verletzungen mit sich, die ihr Handeln beeinflussen. Jede findet ihren eigenen Weg, mit der Vergangenheit umzugehen, manchmal gelingt dies besser, mal schlechter. Das Ende finde ich ein bisschen zu rosarot angesichts der Urgewalten, die in den 400 Seiten zuvor sehr realistisch getobt haben. Das tut dem Roman insgesamt jedoch keinen Abbruch. Die Handlung ist spannend. Schon jeder Teil für sich enthält eine schöne Geschichte. Die nach und nach stärkere Verwebung der Teile ist gut gelungen. Obwohl ich normalerweise keine große Freundin langer Naturbeschreibungen bin, war ich hier fasziniert und habe viel gelernt über Tiere und einen Teil der Welt, über den ich bislang fast nichts wusste.

Ein besonderer Roman über Urgewalten und menschliche Schicksale, die miteinander verwoben und überaus faszinierend sind. Der Tiger als Sinnbild von Kraft und Überlebenswillen überzeugt und bringt ein spannendes Leseerlebnis.

Tiger, Polly Clark, aus dem Englischen übersetzt von Ursula C. Sturm, Eisele Verlag, München 2020, 432 Seiten, 22,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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