Sonntag, 4. Oktober 2020

Kein Teil der Welt, Stefanie de Velasco

Die auf dem Cover abgebildete Glasglocke senkte sich beim Lesen über mich, ich habe dieses Buch an zwei Tagen durchgelesen. Stefanie de Velasco, Jahrgang 1978, beschreibt in ihrem Buch die abgeschottete Welt der Zeugen Jehovas. Der Roman ist nicht autobiografisch. Dennoch hat die Autorin ihre Insiderkenntnisse einfließen lassen aus der Gemeinschaft der Zeugen, in die sie hineingeboren wurde und die sie im Alter von 15 Jahren verlassen hat.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Teenagermädchen Esther und Sulamith. Sie sind zusammen aufgewachsen. Esthers Eltern und Sulamiths alleinerziehende Mutter gehören den Zeugen Jehovas an, wodurch auch die Mädchen nichts anderes kennen, als das Leben “in der Wahrheit“. Freundschaften und Kontakte sind nur innerhalb der Gemeinschaft erlaubt. Zu gefährlich sind „die Welt“ und die Menschen, die die Wahrheit nicht kennen, denn in der Welt wirkt Satan. Zwar gehen die Mädchen auf eine normale Schule, doch halten sie sich von den anderen Schülern fern. Wird Geburtstag oder Karneval gefeiert, warten Esther und Sulamith vor der Tür.

Die bedrückende, enge Stimmung der Gemeinschaft löst einen unbehaglichen Sog auf den Leser aus. Stets hat Esther Angst, etwas falsch zu machen. Die Regeln sind streng und jeder wird von Gemeindemitgliedern überwacht. Die Glaubensinhalte der Bibel werden mehrmals die Woche studiert und auswendig gelernt. „Harmagedon“, der Weltuntergang mit dem Jüngsten Gericht, kann jeden Tag passieren. Also muss jeder, auch die Kinder, so viele Menschen wie möglich zur Wahrheit bekehren, da diese sonst in Jehovas Gericht sterben würden.

Zu Beginn des Buches ziehen Esthers Eltern mit ihr in ein Dorf in den neuen Bundesländern. Der Mauerfall ist noch nicht lange her. Die Eltern wollen eine Gemeinde im Osten aufbauen, den ersten „Königreichssaal“ errichten. Das Dorf ist trist und hässlich, die Gemeinde der Zeugen klein. Im Verlauf der Geschichte erfahren wir durch Rückblenden, warum Esthers Eltern Knall auf Fall den alten Wohnort im Westen verlassen haben und Sulamith nicht mehr da ist. Auf jeden Fall hatte es damit zu tun, dass Sulamith Zweifel hatte. Sie wollte sich den Regeln der Gemeinschaft nicht mehr unterordnen, Menschen außerhalb kennenlernen.

„(…) und selbst wenn ich mir so viele Fragen gestellt hätte wie Sulamith, ich hätte mich nie getraut, sie auszusprechen. Warum hatte Jehova es nötig, sich seine eigene Schöpfung opfern zu lassen? Gute Frage. Es waren andere Zeiten, hätte Mamas Antwort gelautet, aber das war keine Antwort, denn Jehova war derselbe. Mama hätte mich nach meinen Zweifeln gefragt und mich daran erinnert, Zweifel immer als ein Zeichen dafür zu sehen, dass Satan wie ein Dieb in der Nacht umherging, um die Gerechten zu prüfen. Fragen zu stellen bedeutete, dass man Zweifel hatte, und Zweifel bedeuteten nicht nur Ärger mit Jehova, sondern vor allem Ärger mit Mama und Papa, und den fürchtete ich fast noch mehr als den Grimm unseres Gottes.“ (S. 72)

Die Kompromisslosigkeit, mit der die Gemeindemitglieder ihren Glauben leben, ist erschütternd. Die Opfer, die dem einzelnen abverlangt werden, sind enorm. Die Ordnung ist ungeheuer rigide und furchteinflößend. Ein Entrinnen wird dadurch so schwierig, dass vor allem die Jüngeren das Leben außerhalb der Gemeinschaft nicht kennen. Sie haben keinen freien Zugang zu Literatur oder Fernsehen. Und sie haben zumeist keine Freunde „in der Welt“. Hinzu kommt die lähmende Angst, jedes Infragestellen könnte den baldigen Tod bedeuten, da niemand weiß, wann das Weltende bevorsteht. Die Welt außerhalb wird als Sündenpfuhl dargestellt, der einen Menschen verdirbt und vernichtet. Jehova ist ein strafender Gott, bei dem man sich Gnade durch Missionsdienst und gute Taten verdienen muss. Aussteigewillige oder Abweichler werden psychisch massiv unter Druck gesetzt und schließlich geächtet und mit dem Abbruch jeder sozialen Beziehung bestraft.

Die Erzählung wirkt sehr lebensecht und deckt sich mit dem, was ich an anderer Stelle über diese Glaubensgemeinschaft gelesen habe. Vor allem das Lebensgefühl, das von ständiger Angst und Spannung beherrscht ist, wird sehr greifbar. Die Hilflosigkeit der Mädchen, ihr Ausgeliefertsein und der verzweifelte Wunsch nach Zugehörigkeit und Liebe, sind herzzerreißend und dicht geschildert. Das macht diesen Roman zugleich faszinierend und verstörend. Ich konnte ihn bis zum Ende nicht aus der Hand legen.

Ein aufrüttelndes Buch über eine extreme religiöse Gemeinschaft, die in unserer Mitte existiert und die jeder von uns schon einmal gesehen hat. Die Innenschau macht deutlich, wie wichtig Ausstiegsangebote sind, da es fast unmöglich scheint, sich ohne Hilfe von der Gemeinschaft abzuwenden. Menschlich sehr berührend und lesenswert.

Kein Teil der Welt, Stefanie de Velasco, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 432 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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