Samstag, 11. Juli 2020

Emil und die Detektive, Comic von Isabel Kreitz, Text von Erich Kästner

Wer hätte gedacht, dass Kästners „Emil und die Detektive“ schon über 90 Jahre alt ist? Erstmals veröffentlicht wurde es 1929 mit Illustrationen von Walter Trier. Bis heute ist das Buch nicht totzukriegen und kommt jetzt im neuen Gewand daher – als Comic oder Graphic Novel, wie man Neudeutsch sagt.

Die Geschichte kennt Ihr sicher alle. Der Realschüler Emil Tischbein aus Neustadt fährt in seinem besten Anzug mit dem Zug nach Berlin, um Verwandte zu besuchen. Er soll Geld für die Großmutter überbringen. Damit er es nicht verliert, steckt er es mit einer Stecknadel in der Innentasche seiner Jacke im Futter fest. Dennoch wird es von dem Mann mit dem steifen Hut gestohlen. Mit Hilfe einer Horde Berliner Kinder gelingt es Emil jedoch, den Dieb in die Enge zu treiben und sein Geld wiederzubekommen.

Das Schönste sind die Charaktere der Geschichte und ihre herrlichen Namen. Da gibt es Gustav mit der Hupe, den kleinen Dienstag und Emils Cousine Pony Hütchen. Auch die Erwachsenen sind schwer in Ordnung, etwa Emils hart schuftende Mutter oder die quietschfidele Großmutter. Zu diesen Helden des Alltags passt ihre sympathische Berliner Schnauze, echt knorke. Das alles wird zusammengehalten durch Erich Kästners sehr eigene Schreibe. Er wendet sich vor Beginn der eigentlichen Geschichte direkt an die jungen Leser und berichtet, warum er ausgerechnet diese Geschichte über lauter ganz alltägliche Leute geschrieben hat und nicht die Südsee-Geschichte, die ihm eigentlich vorschwebte.

Es ist Isabel Kreitz gelungen, die Essenz der Geschichte herauszufiltern. Für die Comic-Adaption musste der Text natürlich stark verkürzt werden (der Roman hat ca. 170 Seiten, der Comic 112). Was dringeblieben ist, stimmt meist wörtlich mit Kästners Original überein. Das meiste erzählen natürlich die durchweg farbigen Bilder (Triers Illustrationen des Originals waren schwarz-weiß), manchmal auch ganz ohne Sprechblasen. Die Personen sind wunderbar getroffen. Die Jungs tragen Schiebermützen und kurze Hosen, die flanierenden Damen die typischen Glockenhüte der Zeit. Das Berlin der 1920er Jahre zeigt sich mit einem Straßenbahnschaffner, der persönlich im Wagen die Billetts verkauft und der Tatsache, dass nicht jeder einen Telefonanschluss hat, so dass alle beim „Verbindungsmann“, dem kleinen Dienstag anrufen müssen, um sich in der Stadt wiederzufinden.

Isabel Kreitz, die 1997 den Deutschen Comic-Preis gewonnen hat, hat noch weitere Kästner-Bücher zu Graphic Novels umgestaltet, darunter „Das doppelte Lottchen“ sowie „Pünktchen und Anton“. Aber bevor ich mir die vornehme, muss ich die Romanvorlage von Emil und den Detektiven noch einmal ganz lesen. Bin gerade so schön in Stimmung.

Erich Kästner hätte seine Freude gehabt an diesem Comic, in dem nicht ein Wort an der Geschichte fehlt und die Illustrationen den Humor des Autors zugleich authentisch und zeitlos wiedergeben.

Emil und die Detektive, Comic von Isabel Kreitz, Text von Erich Kästner, Dressler Verlag, Hamburg und Atrium Verlag, Zürich, 2012, 112 Seiten, 16,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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