Donnerstag, 9. Juli 2020

Die Bücherdiebin, Markus Zusak

Schon lange wollte ich diesen Klassiker lesen. Ich fragte mich, wie wird ein Australier über Nazi-Deutschland schreiben? Markus Zusak, Jahrgang 1975, lebt in Sydney. Er ist der Sohn einer Münchnerin und eines Wieners. Vor allem Erinnerungen seiner Mutter sind in die Figur der Bücherdiebin Liesel eingeflossen.

Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass es der Tod selbst ist, der sie erzählt. Viele Menschen stellen sich den Tod grausam und furchtbar vor. Hier ist der Tod ein eher sanftes und mitfühlendes Wesen. Man kann ihn als Leserin sympathisch finden, wie er behutsam die Seelen der Toten einsammelt, in die Arme nimmt und davonträgt. Er ist es nicht, der darüber entscheidet, wann jemandes Zeit gekommen ist. Er ist nur im richtigen Moment zur Stelle.

Im Leben der neunjährigen Liesel hat der Tod viel zu tun. Deshalb wird er auf sie aufmerksam und erzählt uns ihre Geschichte. Liesel ist die Tochter zweier Kommunisten. An ihren Vater erinnert sie sich nicht, die Mutter gibt sie und ihren kleinen Bruder im Januar 1939 zu Pflegeeltern, um sie zu schützen. Liesel versteht nicht, warum ihre Mutter sie verlässt. Sie muss auf der Eisenbahnfahrt mitansehen, wie ihr Bruder noch vor dem Eintreffen bei den Pflegeeltern stirbt. Das ist auch der Anlass, bei dem sie ihr erstes Buch stiehlt, obwohl sie gar nicht lesen kann.

Wie man sich angesichts des Titels denken kann, lernt unsere Hauptfigur im Laufe der Geschichte lesen und stiehlt weitere Bücher. Wir begleiten ihr Leben bei den Pflegeeltern in einem Dorf nahe München bis zum Kriegsende 1945. Ihre Beziehungen zu den neuen Eltern, den anderen Kindern und Dorfbewohnern sind ein Thema. Dabei erlebt sie natürlich auch die Veränderungen der Gesellschaft mit, die sich im Verlauf des Krieges ergeben. Wie die Dorfbewohner weiß auch sie, warum Gruppen von halbtoten Menschen zu Fuß durch das Dorf ins nahegelegene Dachau getrieben werden.

Ich habe schon viele Romane und auch Sachbücher über Nazi-Deutschland gelesen. Dieses hat mich angerührt, weil man die Geschichte durch Liesels Augen betrachtet, die ein aufgewecktes und phantasievolles Mädchen ist. Dazu trägt auch die besonders sinnliche Erzählweise bei, die den Duft oder Geschmack einer Situation oder eines Satzes beschreibt. Farben spielen eine besondere Rolle in der Geschichte, auch Körperempfindungen wie das Brennen in den Fußsohlen oder die unbequeme Sitzposition. Der Leser spürt die Geschichte daher mit allen Sinnen. Natürlich haben Worte und die Kraft von Worten eine besondere Bedeutung in einer Geschichte, deren Kapitel nach Büchern benannt sind, die Liesel stiehlt.

Schon das Druckbild des Buches ist ungewöhnlich. Die großen Kapitel beginnen mit einer Aufzählung der Mitwirkenden, bei denen es sich nicht nur um Personen handelt, sondern z.B. um „zwei Haarschnitte“ oder „ein treibendes Buch“. Der personifizierte und fast allwissende Tod hebt wichtige Erklärungen oder Umstände, etwa die Motive einer Person, mitten im Text durch fettgedruckte, zentriert gesetzte Absätze ab. Bücher, die während des Verlaufs der Geschichte geschrieben werden, werden wie von Hand geschrieben und mit Illustrationen versehen wiedergegeben. Auch werden ständig spätere Begebenheiten im Ergebnis vorweggenommen, aber erst später ausführlich erzählt. Erstaunlicherweise tut das der Spannung keinen Abbruch.

„Wenn ich an sie denke, dann sehe ich eine ganze Palette von Farben, aber es sind die drei, in denen ich sie in Fleisch und Blut erlebte, die mir am deutlichsten vor Augen stehen. Manchmal gelingt es mir, weit über jenen drei Momenten zu schweben. Ich hänge fest, bis sich eine eitrige Wahrheit in Erkenntnis erblutet.

In diesem Moment sehe ich das Muster.

DIE FARBEN

ROT                      WEISS                  SCHWARZ

Sie fallen aufeinander. Das schwarze Gekritzel auf das gleißende, kreisrunde Weiß und dann auf das dickflüssige Rot.

Ja, ich denke oft an sie, und in einer meiner unzähligen Taschen bewahre ich ihre Geschichte auf, um sie weiterzuerzählen.“ (S. 21/22)

Insgesamt scheint sich mir der Ton der Erzählung zu unterscheiden von dem deutscher Erzähler, auch wenn ich gar nicht genau sagen kann inwiefern. Die deutschen Verhältnisse werden akkurat und gut recherchiert dargestellt. Auch wenn es hier und da kleine Längen gibt, ist das Buch über fast 600 Seiten gut und spannend zu lesen in seiner besonderen Klangfarbe. Es ist eigentümlich und sehr berührend, die ungeheuren Schrecken des Krieges im empathischen Ton des Todes zu lesen.

Ein ungewöhnlich erzählter Roman, der einem den Tod zum Freund machen kann, jeden Sinn des Lesers anspricht und erfahren lässt, wie Nazi-Deutschland schmeckt. Lesenswert!

Die Bücherdiebin, Markus Zusak, aus dem Englischen von Alexandra Ernst, Blanvalet Verlag (Verlagsgruppe Random House), München 2008, 588 Seiten, 10,99 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Zusatz-Info:

Einige Ausgaben des Romans enthalten Zusatzmaterial für Lesekreise, z.B. Diskussionsanregungen und ein Interview mit dem Autor.

Das Buch hat 2009 den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen, ist aber aus meiner Sicht kein (reines) Jugendbuch, sondern auch für erwachsene Leser sehr geeignet.

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