Montag, 25. Mai 2020

Überbitten, Deborah Feldman

Nachdem mich Deborah Feldmans Geschichte ihres Verlassens der jüdischen Satmarer-Gemeinschaft in „Unorthodox“ (vgl. meine Rezension) sehr bewegt hatte, musste ich sofort lesen, wie es ihr danach weiter ergangen ist. Ihr erstes Buch ließ keinen Zweifel daran, dass das Weggehen aus der Gemeinschaft erst der Anfang war. Die wahren Probleme fingen danach erst an. Im vorliegenden Buch berichtet die Autorin auf 700 Seiten über die sieben Jahre, die auf die Trennung von ihrem Ehemann folgten.

Wie lebt man in einer Welt, die man kaum kennt, mit einer Sprache, die nicht die Muttersprache ist, verdient Geld für sich und ein kleines Kind, wenn man keine Arbeit und keinen Abschluss hat? Ohne Hilfe der Familie, Nachbarn und Bekannten, die einem freundlich raten, man möge sich doch gleich umbringen. Was bleibt von der eigenen Identität, wenn das Wertesystem und die Religion, mit denen man immer gelebt hat, weggebrochen sind und sich alle Prioritäten verschoben haben? Wie gelingt die Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit und den Schuldgefühlen? („Überbitten“ ist ein jiddisches Wort für die Bitte um Verzeihung.) Deborah Feldman beschreibt, wie sie „die Kunst erlernt hat, glücklich zu sein“. Denn Glücklichsein war für die Satmarer kein erstrebenswertes Ziel.

Feldman ist eine Frau, die Antworten und Auseinandersetzung stets in Büchern gesucht und gefunden hat. Nach ihrem Weggang aus ihrer Gemeinschaft konnte sie erstmals ungehindert alles lesen, was sie wollte. Sie verschlang die Werke der Weltliteratur und vor allem der jüdischen Autorinnen und Autoren. Neben allen praktischen Problemen, eine Wohnung zu finden, den Lebensunterhalt zu verdienen, das Sorgerecht für ihren Sohn und eine gültige Zivilscheidung zu erhalten, berichtet die Autorin vor allem über ihre lange Suche nach Identität und Heimat, nach innerer Sicherheit und Zugehörigkeit in der Welt. Dabei erweiterte sie ihren Radius ganz langsam, zuerst hinaus aus dem bekannten Viertel Williamsburg, dann nach Manhattan, später nach New England und auf die ersten Auslandsreisen. Die äußere Ortsveränderung wurde jeweils ermöglicht durch das Verlassen der inneren gewohnten Denkmuster. Feldman machte einen Universitätsabschluss, schrieb ihr erstes Buch, kam mit ganz neuen Menschen in Kontakt. Die ersten Jahre waren vom nackten Überleben geprägt. Ein inneres Ankommen gab es nicht.

Die Autorin hatte stets ein enges Verhältnis zu ihrer Großmutter, die sie aufgezogen hat. Mehr und mehr wird ihr deutlich, dass das Leben ihrer Großmutter wegweisend für die Suche nach ihrem eigenen Ich sein könnte. Ihr ist bewusst, dass die Großmutter vor dem Krieg in Ungarn ein völlig anderes Leben geführt hat als danach, dass ihr Überleben der Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen alles für immer verändert hat. Über die Zeit vor der Immigration in die USA hat diese aber nie gesprochen. Feldman betreibt Nachforschungen, reist mehrfach nach Europa und sucht nach den Spuren des früheren Lebens ihrer Großmutter. Die erste Begegnung mit Deutschland, der „verbrannten Erde“, erlebt sie als befremdlich und bedrohlich. Sie setzt sich mit Rassismus und der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland auseinander, lernt Deutsche kennen.

„Hier war ein echter Deutscher, hundertprozentig authentisch, Nachkomme von Nazis. Und er hasste mich nicht. Diese Geschichte, mit der ich aufgewachsen war, der ich so lange geglaubt hatte, und die besagte, dass es jenseits des Atlantiks eine ganze Nation gab, die mich noch immer flammend hasste, weil ich Jüdin war … nun, hier stach jetzt eine Nadel in diesen Ballon. Die Hitze seiner Haut auf meiner, das Lächeln in seinen Augen, seine behutsamen Bewegungen – dies machte ihn auf eine Art menschlich, wie ich sie intellektuell niemals hätte erfassen können. In diesem Augenblick bestanden zwischen uns keine Grenzen, weder rassische, noch kulturelle, noch emotionale.“ (S. 435/436)

Deborah selbst ist überrascht, dass ausgerechnet Berlin ihr zum Rettungsanker wird. Berlin wird der Ort, an dem sie es erstmals für möglich hält, einen für sich passenden Platz in der Gesellschaft zu finden, eine Zugehörigkeit. Sie beantragt die deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund der Vertreibung ihrer Vorfahren, über deren frühere Lebensumstände sie deutlich mehr erfährt, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie schafft es, sich von der ererbten „Schuld überlebt zu haben“, die ihr die Großeltern vermacht haben, zu distanzieren.

Das zweite Buch Deborah Feldmans unterscheidet sich stark von ihrem ersten („Unorthodox“). Im ersten Buch stehen die äußeren Lebensumstände der chassidischen Sekte und ihre jugendliche Naivität im Mittelpunkt. Zu Beginn der Schilderung dieses zweiten Buches ist Deborah Anfang zwanzig und hat täglich eine beängstigende Realität zu bewältigen. Im Fokus der Erzählung steht aber vor allem ihr innerer Kampf, ihre Suche nach einem Ich, von dem sie nicht weiß, ob es überhaupt existiert. Die von ihr geschilderten Auseinandersetzungen mit sich und der Welt führt sie auf einem ausgesprochen hohen intellektuellen Niveau. Schon die Zitate, die sie jedem Kapitel voranstellt, sind von derartiger philosophischer Tiefe und sprachlicher Komplexität, dass sie teilweise schwer zugänglich sind, wenn man das zitierte Gesamtwerk nicht kennt. Ihr eigener Text ist sprachlich ebenfalls sehr komplex, von langen, verschachtelten Sätzen geprägt und von großer emotionaler Tiefe. Manchen Absatz musste ich zweimal lesen, um ihn wirklich zu erfassen.

Feldmans erstes Buch ist deutlich leichter lesbar, aber dennoch sehr kraftvoll. Das vorliegende Buch ist sprachlich und intellektuell anspruchsvoller. Die größere Leseanstrengung lohnt sich aber. Die Autorin nimmt den Leser mit durch alle Widersprüche, Höhen, Tiefen und Sackgassen ihrer inneren Suche. Man darf miterleben, wie sich ihr Denken und ihre Überzeugungen langsam wandeln und neu ausrichten. Ihre Schilderung hat in mir viel Nachdenken über meine eigene persönliche und kulturelle Identität ausgelöst. Ich habe mein eigenes Verhältnis zu und meine Vorurteile gegenüber Juden und Menschen unterschiedlicher Herkunft hinterfragt. Deborah Feldman beschreibt das bis heute schwierige Miteinander von nichtjüdischen Deutschen und Juden jeglicher Nationalität. Sie macht deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt. Sie reflektiert mit entwaffnender Ehrlichkeit ihre eigenen Vorurteile gegenüber Juden und nichtjüdischen Deutschen. Sie bleibt dabei nicht in einer rein intellektuellen Auseinandersetzung stecken, sondern lässt uns Leser auch an ihrer starken Emotionalität teilhaben, ihrer Wut gegen Neonazis, der Frustration über erlebte Diskriminierung, der überwältigenden Trauer und Verzweiflung über die ungeheuren Schrecken des Holocausts und die Angst davor, es könnte wieder geschehen.

Ein schwieriges, umfangreiches und lohnendes Buch. Die Kombination aus starken, nachfühlbaren Emotionen und einem sehr reflektierten intellektuellen inneren Dialog macht es so besonders.

Überbitten, Deborah Feldman, aus dem amerikanischen Englisch von Christian Ruzicska, btb Verlag (Verlagsgruppe Random House), München 2019, 704 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

Keine Kommentare:

Kommentar posten

Ein Mann seiner Klasse, Christian Baron

Christian Baron ist alles andere als ein Adliger. Er wurde 1985 in Kaiserslautern geboren, auch der Ort klingt kaiserlicher, als er ist. Der...