Sonntag, 31. Mai 2020

Die Hochzeit der Chani Kaufman, Eve Harris

Durch die Lektüre von „Unorthodox“ und „Überbitten“ war ich schon so im Thema des ultraorthodoxen Judentums drin, dass ich im Anschluss das vorliegende Buch von meinem SuB gelesen habe. Es geht wieder um eine chassidische Gemeinschaft, diesmal jedoch nicht in den USA, sondern in London im Jahr 2008.

In der Rahmenhandlung geht es um die 19jährige Chani Kaufman. Nachdem ihre beiden älteren Schwestern bereits geheiratet und Familien gegründet haben, ist Chani nun an der Reihe, dass für sie eine Ehe arrangiert wird. Ungewöhnlicherweise äußert der aus einer wohlhabenden Familie stammende 20jährige Baruch einen eigenen Wunsch, wen er gern heiraten würde, nämlich Chani, die er während einer Hochzeitsfeier unter den Gästen von weitem gesehen hat. Obwohl seine Mutter ganz andere Kandidatinnen im Auge hatte, sucht sie Mrs. Gelbman, die Heiratsvermittlerin der Gemeinde auf, um sie zunächst über Chanis Familie zu befragen. Dass nur eine Chassidin als Braut in Betracht kommt, versteht sich von selbst. Aus dem Gespräch ergibt sich jedoch, dass ein bedeutender Unterschied in den finanziellen Verhältnissen beider Familien besteht, was Baruchs Mutter sehr abschreckt. Dennoch gibt sie den Bitten ihres Sohnes nach, ein erstes Treffen zu arrangieren. Ob daraus eine Verbindung werden kann, scheinen aber am wenigsten die jungen Leute selbst in der Hand zu haben.

Eine wichtige Rolle in der Gemeinde spielt die Rebbetzin, die Frau des Rabbiners. Sie unterweist die jungen heiratswilligen Frauen in den jüdischen Gesetzen über eheliche Pflichten und Reinheit. In Rückblenden in das Jahr 1982 erfährt der Leser, wie sie ihren Mann während eines Auslandsjahrs in Jerusalem kennengelernt hat. Beide sahen ihr Judentum zunächst eher locker, wurden dort jedoch von einer stärkeren Frömmigkeit angezogen. Fünfundzwanzig Ehejahre später ist sich die Rebbetzin jedoch nicht mehr sicher, was von der gemeinsamen Begeisterung und dem Mann, für den sie sich damals entschieden hat, noch übrig ist. Von ihren Zweifeln darf in der Gemeinde selbstverständlich nichts ruchbar werden. Auch ihrem Mann muss sie diese verschweigen.

"Etwas stimmte nicht. Das Bett war nass. Die Rebbetzin setzte sich auf. Ein Krampf. Dann kehrte der Schmerz als dumpfes Pochen zurück.

"Chaim? Chaim!" (...)

Eilig knipste der Rabbi das Licht an und stieß die Bettdecke zur Seite. (...) Er machte einen Satz aus dem Bett und starrte an seinem Pyjama hinab. Die Flüssigkeit war durch das dünne Matrial gedrungen und klebte an seiner Haut. Er zitterte. Ihr Blut war nidda, und deshalb war sie es auch. Im Notfall würden doch sicher alle Gesetze aufgehoben, oder? (...) Ein Gesetz verbot ihm, sie zu berühren, und ein anderes besagte, dass er um jeden Preis ihr Leben retten musste." (S. 46/47)

Eine weitere Nebenhandlung rankt sich um Baruchs besten Freund Avromi, den Sohn des Rabbiners. Sehr fromm erzogen ist er ein Musterschüler an der jüdischen Schule. Aufgrund seiner besonderen Leistungen haben seine Eltern zugestimmt, dass er ein Jurastudium an einer weltlichen Universität in London aufnimmt. Es kommt, wie es kommen muss: Er verliebt sich in eine nichtjüdische Studentin. Die Beziehung muss natürlich geheim bleiben. Aber nicht nur das belastet Avromi, sondern auch sein ständiger Verstoß gegen die jüdischen Gesetze, die es nicht erlauben, dass ein unverheirateter Mann eine (nicht mit ihm nah verwandte) Frau berührt.

Die fiktive Geschichte bildet exemplarisch diverse typische Konflikte in der streng religiösen Gemeinschaft ab. Da gibt es eher säkulare Juden, die mehr Frömmigkeit suchen, aber auch ultraorthodoxe Juden, denen das strenge Regelkorsett unmenschlich und überholt erscheint. Das Problem arrangierter Ehen wird angesprochen und kontrastiert mit den Alternativen, nämlich der Liebesheirat innerhalb (die Rebbetzin) und außerhalb (Avromi) der chassidischen Gemeinde.

Die in London lebende Autorin hat als Lehrerin u.a. an einer jüdisch-orthodoxen Mädchenschule unterrichtet und zeitweise in Tel Aviv gelebt. Obwohl sie die jüdische Gemeinschaft mithin von innen kennt, erscheint ihr Roman mir deutlich weniger authentisch als die autobiografische Erzählung „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Die Geschichte ist recht vorhersehbar, die Charaktere bleiben eher blass und verkörpern eher einen Typus (z.B. die Frau eines Rabbiners) als einen echten Menschen. Die Erzählweise ist etwas „weichgespült“, möglicherweise mit Blick auf einen nichtjüdischen Leser. Die geschilderten seelischen Konflikte sind theoretisch nachvollziehbar, haben mich aber nicht annähernd so berührt wie die Erzählung von Deborah Feldman. Auf der anderen Seite ist der vorliegende Roman aber viel leichter lesbar. Viele jiddischen oder hebräischen Begriffe werden im Text direkt erklärt, finden sich aber auch in einem Glossar am Ende. Aus meiner Sicht ist das Buch weniger spannend, aber eher unterhaltend und leichter zugänglich für Leser, denen jede Vorkenntnis über jüdisches Leben fehlt.

Ein leicht lesbarer Roman über die Probleme arrangierter Ehen im chassidischen Milieu Londons, dessen Charaktere leider etwas zu flach geraten sind und daher Klischees Vorschub leisten können. Dennoch unterhaltsam.

Die Hochzeit der Chani Kaufman, Eve Harris, aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 464 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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