Mittwoch, 29. April 2020

Die Pest, Albert Camus


Alle Welt liest in der Corona-Krise „Die Pest“ – die Franzosen sowieso, aber auch in Deutschland musste der Verlag in den letzten Wochen gleich mehrere Auflagen nachdrucken. Wieso?, wundern sich manche. Warum von Krankheit lesen, wo man doch sowieso nichts anderes den ganzen Tag in den Nachrichten hört. Meine Antwort ist: Um sich verbunden zu fühlen, um sich als Teil eines großen Ganzen zu verstehen. Mit der halben Welt zur gleichen Zeit dasselbe Buch zu lesen wie in einem globalen Buchclub, ist bereits ein Gemeinschaftserlebnis. Aber auch die Geschichte selbst hilft bei der kognitiven Verarbeitung der heutigen Pandemie.

Camus‘ Roman wurde erstmals 1947 veröffentlicht und spielt in den 1940er Jahren in Oran, einem Ort an der algerischen Küste. Beschrieben wird eine (fiktive) Pest-Epidemie. Man kann das Buch jedoch auch allgemein als einen Bericht über einen Prozess der geistigen und körperlichen Zerstörung in einer absurden Situation lesen, da Camus darin seine Erfahrungen des 2. Weltkriegs verarbeitet. Beschrieben wird die Epidemie in fünf Teilen, die den Stadien der Epidemie zugeordnet sind, von ihrer Entstehung bis hin zu ihrem Ende. Der Erzähler beschreibt, wie verschiedene Menschen und damit auch verschiedene Teile der Gesellschaft mit der Epidemie umgehen.

Der Erzähler ist Dr. Bernard Rieux, ein Arzt in Oran, dessen Ehefrau kurz vor Ausbruch der Epidemie zur Kur in einen entfernten Ort gefahren ist. Nach Abriegelung der Stadt (Quarantäne) bleibt das Ehepaar daher für den Verlauf der Geschichte getrennt. Dr. Rieux ist einer der ersten, der die seltsame Erkrankung, die plötzlich auftritt, als die Pest identifiziert.

Wir begegnen dem Geistlichen Pater Paneloux, der flammende Predigten hält und zur Buße mahnt. Er hält die Epidemie für eine Strafe Gottes und wirft elementare Fragen des Glaubens und der Existenz Gottes im Angesicht des täglichen Elends auf.

Cottard ist ein Rentner, der zu Beginn der Geschichte so verzweifelt ist, dass sein Selbstmordversuch nur knapp durch einen Nachbarn verhindert werden kann. Seine Verzweiflung verliert sich während der Epidemie.

Tarrou, der Nachbar Rieux‘ gründet eine Schutztruppe aus Zivilisten während der Epidemie, die z.B. beim Abtransport der Leichen hilft. Und dann gibt es noch den französischen Journalisten Rambert, der die Stadt nicht mehr rechtzeitig vor deren Abriegelung verlassen konnte, einen Richter und einige Schmuggler und Menschenschieber.

Die eigentliche Geschichte wird jedem bekannt vorkommen. Ein Arzt sieht mehrere Patienten sterben, berät sich mit Berufskollegen und erkennt die gefährliche Pest. Als er den Politikern vorschlägt, Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung zu ergreifen, versucht man ihn mundtot zu machen. Man wisse doch noch viel zu wenig über die Erkrankung, er würde Panik verbreiten. Niemand in der örtlichen Stadtverwaltung möchte derartige Maßnahmen verantworten. Man wartet lieber auf Anweisungen von oben. Das dauert.

Schließlich wird die Stadt abgeriegelt (allerdings ohne Ausgangssperre), was einerseits zur Trennung der Bewohner von geliebten Menschen führt, die sich außerhalb der Stadt aufhalten und zu denen der Kontakt schwierig ist. Dies ist vergleichbar mit der Trennung von Familie und Freunden aufgrund der jetzigen Kontaktbeschränkungen. Natürlich bilden sich Schlepperbanden, die Menschen illegal ein- und ausschleusen. Andererseits führt die Abriegelung zu einem größer werdenden Versorgungsproblem, weil bestimmte Nahrungsmittel und Verbrauchsgüter knapp werden. Die ersten Profiteure der Krise sind die Schwarzmarkthändler, die plötzlich Kleinigkeiten zu horrenden Preisen verkaufen können. Aber warum werden ausgerechnet Pfefferminzpastillen knapp? Nun, jemand hat das Gerücht verbreitet, dass diese Pastillen vor der Pest schützen würden. Wundermittel sind in jeder Krise gefragt.

Aber nicht nur die Schwarzhändler profitieren von der Ausnahmesituation. Die öffentliche Verwaltung hat alle Hände voll zu tun, um den Aufbau von Isolierlagern und Behelfskrankenhäusern zu organisieren. Da bleibt für das Tagesgeschäft keine Zeit mehr, so dass Cottard aufatmen kann, der seine Verhaftung wegen früherer Verbrechen jedenfalls während der Epidemie nicht mehr befürchten muss.

Einen wirklich wirksamen Impfstoff gibt es nicht. Zwar wird nach einem Serum geschickt, das erst aus Paris hergeschafft werden muss. Aber wirklich wirksam scheint es gegen diesen Erreger auch nicht zu sein. Ein Arzt forscht fieberhaft an seinem eigenen Serum.

In der Ausnahmesituation muss mit alten Konventionen gebrochen werden. Bei der Masse von Toten kann das Beerdigungsritual nicht mehr wie gewohnt vollzogen werden. Die Angehörigen der Verstorbenen sind längst in Quarantäne und können keine Trauerfeier ausrichten. Die Särge müssen mit der Straßenbahn abtransportiert und in Massengräbern beigesetzt werden. Erinnert uns das nicht an Bilder von italienischen Militärlastwagen in den letzten Wochen? All dies wirft die Frage auf, ob es einen Gott geben kann, der all dieses Leid geschehen und sogar unschuldige Kinder jämmerlich sterben lässt.

Aber es gibt auch die Uneigennützigen, die ihrer Arbeit derzeit nicht nachgehen können, wie etwa der Journalist Rambert, oder den politisch aktiven Tarrou, die nicht untätig herumsitzen wollen, sondern zivile Hilfstrupps bilden, um den überforderten Behörden und Krankenpflegern bei der Bewältigung der Krise zu helfen.

Vor allem die unabsehbare Dauer der Epidemie zerrt an den Nerven aller. So sagt der alte Hotelportier:

„Ach, wenn es doch ein Erdbeben wäre! Ein ordentlicher Stoß, und damit hat es sich… Man zählt die Toten, die Lebenden, und dann ist die Sache erledigt. Aber diese Saukrankheit! Selbst die, die sie nicht haben, tragen sie im Herzen.“ (S. 131)

Was mich an diesem Roman fasziniert hat, ist die ungeheure Parallelität der Ereignisse mit der Corona-Pandemie. Es wurde mir klar, dass eine menschliche Gesellschaft wahrscheinlich zu allen Zeiten ähnlich auf eine Epidemie reagiert, also auch die Pest-Epidemien im Mittelalter nicht wesentlich anders abgelaufen sind. Das Tröstliche daran ist, dass zwar das Coronavirus, das uns heute bedrängt, neu sein mag. Die Erfahrung des Ausnahmezustands angesichts einer unbeherrschbaren Krankheit ist es aber nicht. Der Stand der Technik unterscheidet uns vom Mittelalter, in dem es noch kein Internet gab. Die menschlichen Erfahrungen werden aber sehr ähnlich gewesen sein, etwa das Gefühl der Trennung von geliebten Menschen, die Angst, dass man selbst oder die Familie erkranken und sterben könnte, der Mangel an manchen Gütern, das Ausgeliefertsein und die Ungewissheit, die wirtschaftlichen Folgen der Krise und die Erfahrung, dass es in jeder Krise auch Profiteure und uneigennützige Solidarität gibt. So sind wir heute Teil einer universellen Menschheitserfahrung, nicht nur weil die Pandemie weltumspannend ist, sondern auch weil wir durch die Jahrhunderte mit allen Menschen verbunden sind, die andere Epidemien durchgemacht haben. Eine Gewissheit gibt es: Es wird vorbeigehen.

Dieser Klassiker hat mich getröstet und mir ein System hinter der chaotischen Krise gezeigt. Menschen haben zu allen Zeiten Epidemien durchlebt. Das Buch verbindet mich mit ihnen allen.

Die Pest, Albert Camus, Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2020, 352 Seiten, 12,00 EUR

(Die Verwendung des Coverbildes erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.)

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